Gesellschaft | 25.04.2017

Ukraine – Wie kam es zur Gewalt?

Text von Cyrill Pürro | Bilder von Cyrill Pürro
Die Diplomatie entscheidet über die Zukunft der Ukraine. Wie wird sich die Lage wohl verändern?
Bild: Cyrill Pürro

Der noch relativ neue, seit 1991 offiziell existierende Staat der Ukraine, wird seit der Maidanbewegung im Jahre 2014 von kriegerischen Unruhen erschüttert. Vor dem Beginn des Krieges, im Jahre 2013, als Präsident Janukowytsch das Freihandelsabkommen mit der EU in den Wind schoss, strömten Tausende Ukrainer auf die Strassen und lösten die Maidanbewegung aus. Nun kämpft auf der einen Seite die ukrainische Armee gegen die auf der anderen Seite liegenden prorussischen Rebellen, welche von den Russen in Form von militärischer Ausrüstung unterstützt werden und die Unabhängigkeit der östlichen Landesteile Donezk und Lugansk fordern. Es ist kein Konflikt, der im Frühjahr 2014 aus dem Nichts aufkam. Die seit damals herrschende Gewalt in der Ukraine hat eine lange und verstrickte Vorgeschichte.

Früh geprägter Sinn für Widerstand

In der Zeit des sowjetischen Sozialismus kannte man den Staat der Ukraine noch als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik. Während des Zweiten Weltkrieges verbündeten sich viele aufständische West-Ukrainer gegen die Rote Armee, als die Nationalsozialisten in die Ukraine einmarschierten. Sie wollten nicht mehr in einem Staat leben, der kommunistisch von Joseph Stalin regiert wurde. An diesem Punkt begannen die Menschen, sowie die Kultur im Westen und im Osten des Landes, voneinander abzudriften. Die Menschen im Westen wollten so wenig wie nur möglich mit der russischen Kultur in Verbindung gebracht werden, auch wenn sie dafür mit den Nationalsozialisten kooperieren mussten. Anders hingegen im Osten der Ukraine. Dort begrüsste man die russische Kultur, auch weil viele russische Arbeiter dorthin zogen, um in den grossen Kohlewerken zu arbeiten.

Streitpunkt Halbinsel Krim

2014 marschierte das russische Militär auf der Krim ein und annektierte sie, was zum Höhepunkt des anhaltenden Konflikts führte. Russland annektierte die Halbinsel unter dem Vorwand, dass über die Hälfte der dort lebenden Bürger Russen sind und dass die Krim früher immer zu Russland gehörte. Die umstrittene Aussage, dass mehrheitlich Russen auf der Krim leben, ist nicht frei erfunden, sondern statistisch belegt. Gemäss Statista sind 60 % der Bevölkerung auf der Krim Russen, unter anderem weil die Krim seit der Entstehung des Russischen Reiches bis in die 1950er Jahre zu Russland gehörte.

1954 schenkte Nikita Chruschtschow (damaliger Staatschef der UdSSR) die Halbinsel der Ukraine. Dieses Geschenk wurde genau siebzig Jahre später von Russland zurückgenommen. Auch wenn es noch im selben Jahre der Annexion eine Abstimmung über die Zukunft der Krim gegeben hat und zum grössten Teil dafür gestimmt wurde, bleibt die Frage offen: Darf man einfach so mit dem Militär auf eine Halbinsel marschieren, die man vor siebzig Jahren einem anderen Land schenkte?

Hinter den Linien

Seit den Streitigkeiten, den brisanten Diskussionen, den Sanktionen zwischen dem Westen (EU und USA) und Russland, hat sich ein politischer, sowie kultureller Graben inmitten der Ukraine gebildet, dem Donbass. Hier kämpft das ukrainische Militär gegen die prorussischen Separatisten. Was aber in den Hintergrund gerät: Nicht nur das ukrainische Militär kämpft gegen die Prorussen. Neonazigruppierungen wie etwa das «Azov Battalion» nutzen den aufkommenden Hass auf den Kreml, Putin und Russland aus und beteiligen sich im Kampf gegen prorussische Kräfte. Doch diese Gruppen kämpfen nicht nur für ihr Heimatland. Auch hinter den Kampflinien, wo noch vieles vom zentralen und westlichen Teil des Landes verschont blieb, kämpfen sie gegen das «Russische», wie beispielsweise bei der Beteiligung an der Anschlagsserie in Odessa.

Die Ukraine und die Zukunft

Es ist kaum einschätzbar, wie sich der Krieg in den nächsten Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahren entwickelt. Die Informationen zu diesem Bürgerkrieg sind so rar und vor allem so unübersichtlich, dass es fast nicht möglich ist, sich von diesem Konflikt ein genaueres Bild verschaffen zu können. Klar ist, dass, wenn der Westen und Russland nicht offener miteinander über den weiteren Status des Landes kommunizieren , wohl noch lange kein Weg gefunden werden kann, den Konflikt zu lösen.

Hauptquelle für diesen Artikel ist das Buch «Testfall Ukraine: Europa und seine Werte», herausgegeben von Katharina Raabe und Manfred Sapper.