Hexenschuss und Kreuzbandriss – Der Generationentalk

Wie gross ist das Hirn, wie schwer das Herz von Berns langjährigem Stadtvater Alexander Tschäppät? Nach seinem Rücktritt Anfang Jahr als Stadtpräsident hat er sich diese medizinisch-anatomischen Fragen gestellt. Warum? Das erklärt er hier im Generationentalk. Neben ihm nimmt der 16-jährige Frédéric Mader Platz. Er engagiert sich im Jugendparlament der Stadt Bern und versucht Gleichaltrigen zu erklären, warum Politik auch sie betrifft. Wie er das tut und warum aus ihm kein Fussballer wurde, sagt er hier im Generationentalk.

Alexander Tschäppät ächzt ein bisschen, als er sich zum Soundcheck auf das Sofa in der CaféBar setzt. Nein, nicht das Alter; Hexenschuss, sagt der neo-alt-Stadtpräsident. Die Laune des langjährigen SP-Magistraten trübt dies jedoch nicht wirklich. Denn: Er redet gerne mit Menschen. Und das kann er heute vor dem Mikrofon im Generationentalk.

Schon einige Minuten vor ihm ist Frédéric Mader im Berner Generationenhaus aufgetaucht. Etwas nervös ist er – denn Tschäppät hat er noch nicht persönlich kennen gelernt.

Der neue Generationentalk: Alexander Tschäppät und Frédéric Mader sind zu Gast bei Elias Rüegsegger.

 

Schliesslich steigen an diesem Montagabend, am 24. April, Alexander Tschäppät (64) und Frédéric Mader (16) um 19 Uhr auf die Bühne im Berner Generationenhaus und nehmen nebeneinander auf dem Sofa Platz.

Talkgast Alexander Tschäppät

Eben 65 Jahre alt geworden probt Alexander Tschäppät nun den Ruhestand.

 

Von 2005 bis 2016 war er Bern’s «Stapi». Ganz ohne Politik kann er noch nicht, Tschäppät hat weiter einen Sitz im Nationalrat. Seit Anfang Jahr teilt er sich ein Büro «für Angelegenheiten» gemeinsam mit Barbara Hayoz und anderen Mitstreitern.

Talkgast Frédéric Mader

Mit 16 Jahren ist er Jugendparlamentarier und Lobbyist für Kinder im Nationalrat: Frédéric Mader.

 

Seit der Gründung des Jugendparlaments des Kantons Bern ist er in dessen Vorstand. Als Co-Präsident kommt der Gymnasiast kaum dazu, sich bei der Juso zu engagieren, wo er Mitglied ist.

Dieser Artikel unseres Partnermediums «und» das Generationentandem erschien am 26. April 2017.

Ukraine – Wie kam es zur Gewalt?

Der noch relativ neue, seit 1991 offiziell existierende Staat der Ukraine, wird seit der Maidanbewegung im Jahre 2014 von kriegerischen Unruhen erschüttert. Vor dem Beginn des Krieges, im Jahre 2013, als Präsident Janukowytsch das Freihandelsabkommen mit der EU in den Wind schoss, strömten Tausende Ukrainer auf die Strassen und lösten die Maidanbewegung aus. Nun kämpft auf der einen Seite die ukrainische Armee gegen die auf der anderen Seite liegenden prorussischen Rebellen, welche von den Russen in Form von militärischer Ausrüstung unterstützt werden und die Unabhängigkeit der östlichen Landesteile Donezk und Lugansk fordern. Es ist kein Konflikt, der im Frühjahr 2014 aus dem Nichts aufkam. Die seit damals herrschende Gewalt in der Ukraine hat eine lange und verstrickte Vorgeschichte.

Früh geprägter Sinn für Widerstand

In der Zeit des sowjetischen Sozialismus kannte man den Staat der Ukraine noch als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik. Während des Zweiten Weltkrieges verbündeten sich viele aufständische West-Ukrainer gegen die Rote Armee, als die Nationalsozialisten in die Ukraine einmarschierten. Sie wollten nicht mehr in einem Staat leben, der kommunistisch von Joseph Stalin regiert wurde. An diesem Punkt begannen die Menschen, sowie die Kultur im Westen und im Osten des Landes, voneinander abzudriften. Die Menschen im Westen wollten so wenig wie nur möglich mit der russischen Kultur in Verbindung gebracht werden, auch wenn sie dafür mit den Nationalsozialisten kooperieren mussten. Anders hingegen im Osten der Ukraine. Dort begrüsste man die russische Kultur, auch weil viele russische Arbeiter dorthin zogen, um in den grossen Kohlewerken zu arbeiten.

Streitpunkt Halbinsel Krim

2014 marschierte das russische Militär auf der Krim ein und annektierte sie, was zum Höhepunkt des anhaltenden Konflikts führte. Russland annektierte die Halbinsel unter dem Vorwand, dass über die Hälfte der dort lebenden Bürger Russen sind und dass die Krim früher immer zu Russland gehörte. Die umstrittene Aussage, dass mehrheitlich Russen auf der Krim leben, ist nicht frei erfunden, sondern statistisch belegt. Gemäss Statista sind 60 % der Bevölkerung auf der Krim Russen, unter anderem weil die Krim seit der Entstehung des Russischen Reiches bis in die 1950er Jahre zu Russland gehörte.

1954 schenkte Nikita Chruschtschow (damaliger Staatschef der UdSSR) die Halbinsel der Ukraine. Dieses Geschenk wurde genau siebzig Jahre später von Russland zurückgenommen. Auch wenn es noch im selben Jahre der Annexion eine Abstimmung über die Zukunft der Krim gegeben hat und zum grössten Teil dafür gestimmt wurde, bleibt die Frage offen: Darf man einfach so mit dem Militär auf eine Halbinsel marschieren, die man vor siebzig Jahren einem anderen Land schenkte?

Hinter den Linien

Seit den Streitigkeiten, den brisanten Diskussionen, den Sanktionen zwischen dem Westen (EU und USA) und Russland, hat sich ein politischer, sowie kultureller Graben inmitten der Ukraine gebildet, dem Donbass. Hier kämpft das ukrainische Militär gegen die prorussischen Separatisten. Was aber in den Hintergrund gerät: Nicht nur das ukrainische Militär kämpft gegen die Prorussen. Neonazigruppierungen wie etwa das «Azov Battalion» nutzen den aufkommenden Hass auf den Kreml, Putin und Russland aus und beteiligen sich im Kampf gegen prorussische Kräfte. Doch diese Gruppen kämpfen nicht nur für ihr Heimatland. Auch hinter den Kampflinien, wo noch vieles vom zentralen und westlichen Teil des Landes verschont blieb, kämpfen sie gegen das «Russische», wie beispielsweise bei der Beteiligung an der Anschlagsserie in Odessa.

Die Ukraine und die Zukunft

Es ist kaum einschätzbar, wie sich der Krieg in den nächsten Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahren entwickelt. Die Informationen zu diesem Bürgerkrieg sind so rar und vor allem so unübersichtlich, dass es fast nicht möglich ist, sich von diesem Konflikt ein genaueres Bild verschaffen zu können. Klar ist, dass, wenn der Westen und Russland nicht offener miteinander über den weiteren Status des Landes kommunizieren , wohl noch lange kein Weg gefunden werden kann, den Konflikt zu lösen.

Hauptquelle für diesen Artikel ist das Buch «Testfall Ukraine: Europa und seine Werte», herausgegeben von Katharina Raabe und Manfred Sapper.

Nur Filter Bubbles und Fakes?

Jürg: Ich habe gelesen, dass man nichts glauben kann, was im Internet steht. Soll ich das glauben?

Livia: Diese Frage stellt sich doch bei allen Arten von Medien. Können Medien die Welt «wahr» abbilden?

Jürg: Ich finde, die Wirklichkeit sei zu vielfältig und komplex, um sie genau abbilden zu können. Auch ein Kameramann wählt nur Ausschnitte. Trotzdem traue ich einem nicht zensurierten Profi-Journalisten zu, das Wichtigste herauszufiltern und verständlich darzustellen. Ich vertraue zum Beispiel den Radiojournalisten von SRF. Beim Radio sind sie nicht dem Druck der Firmen ausgesetzt, die für Werbung Geld bezahlen. Welchen Medien vertraust du?

Jürg Krebs: «Ich finde, die Wirklichkeit sei zu vielfältig und komplex, um sie genau abbilden zu können.»

 

Livia: Du müsstest mich wohl eher fragen: «Welchen Medien vertraust du nicht?», denn hier in der Schweiz habe ich grundsätzlich keine Angst davor, von den Medien manipuliert zu werden. Das sähe in einem Land ohne Pressefreiheit anders aus. Klar haben Medien auch immer ein Eigeninteresse und können die Welt nicht eins zu eins abbilden. Wir könnten uns aber an dieser Stelle fragen, ab welchem Grad von Vereinfachung eine Information denn zur Unwahrheit wird. Bedingt die Wahrheit eine vollkommene Differenzierung der Fakten? Ja, wahrscheinlich schon. Der Wahrheit gerecht zu werden, ist also fast unmöglich. Ich vertraue aber auf meine Vernunft und darauf, dass ich gemeinsam mit Mitmenschen undifferenziert aussehende Meldungen hinterfragen kann. Im Moment halte ich mich auch von Facebook fern und gerate so wohl insgesamt weniger in die manipulative «Filter Bubble» als andere. Vertraust du auf deine Vernunft, Jürg, oder hast du Angst vor Manipulation?

«Hier in der Schweiz habe ich grundsätzlich keine Angst davor, von den Medien manipuliert zu werden.», findet Livia Thurian.

 

Jürg: Ich lese kritisch und weiss, dass die Werbung manipulieren will. Ferner haben wir an der Tagung gehört, dass die PR-Agenturen fünf Mal mehr Journalisten beschäftigen, als alle andern Medienhäuser zusammen. Die PR-Leute müssen im Interesse ihrer Firmen informieren, also einseitig. Geschickt gemachte PR kann der Laie oft nicht von redaktionellen Artikeln unterscheiden. Das Gratisheft «thun! Das magazin» ist so ein PR-Produkt. Die Journalisten der Presse sind froh, wenn sie gut redigierte Artikel von PR-Firmen übernehmen können, denn das entlastet sie. Darum sitzen wir alle gelegentlich einseitigen Informationen auf, trotz aller Vernunft. Eine Gefahr für die Zukunft ist ferner, dass immer mehr Leute die Infos gratis wollen. Gratis arbeiten können JournalistInnen aber nicht – ausser bei «und». Wie siehst du das?

Livia: Ja, das ist sicher ein riesiges Problem. Wir sind uns so gewohnt, sämtliche Infos sofort übers Internet beschaffen zu können, ohne zu bezahlen, dass wir auch immer seltener ein Zeitungsabo – sei es online oder print – lösen wollen. Aber Qualität – und vor allem die dahinter stehende Arbeit – kostet nun mal, oder nicht? Ich habe mich auch schon gefragt, ob wir irgendwann so vernetzt sind, dass Medien überflüssig werden.

Der Mensch ist manchmal ein ‚Denk-Faultier‘.

Das stelle ich mir dann aber irgendwie total schräg und gefährlich vor: Jeder zimmert sich die eigene Meinung aus Infos, die er irgendwo zusammenliest. Meinungsanarchie, jeder wäre für sich allein in seiner «Bubble». Oder siehst du das anders? Zu den einseitigen Infos, die du erwähnt hast: Ja, das ist sicher auch eine Gefahr, aber dem können wir mit Wissen über die redaktionelle Arbeit entgegenwirken. Wer weiss, wie ein Text verfasst werden sollte und was die Qualitätsbedingungen sind, ist sicher schon mal einen Schritt weiter im kritischen Denken. Natürlich ist es zudem sicher besser, auch als Konsument möglichst viele verschiedene unabhängige Quellen zu konsultieren, um sich zu informieren. Was nicht alle gern tun, denn der Mensch ist manchmal ein «Denk-Faultier».

Welchen Medien vertraust du?

Jürg: Die Journalistenausbildnerin Frau Sylvia Egli von Matt sagte, JournalistInnen müssten nach der Wahrheit streben, Lügner entlarven und Politiker sowie Wirtschaftskapitäne kontrollieren. Ich finde, das dürfte heute beim Bürger sehr gefragt sein. In den USA finden vertrauenswürdige Zeitungen seit der Wahl Trumps wieder mehr Interesse. Die vielen Fakes im Wahlkampf sensibilisierten die Leute.

Dank dem Gewinner der US-Wahlen, Donald Trump, erfahren traditionelle Medien wieder Zuspruch.

 

Weil der Kampf um Aufmerksamkeit zunimmt – Zuschauerzahlen, Leserzahlen –, müssen die Journalisten ihre Beiträge nach dem Geschmack des Publikums auswählen und gestalten. Kürzesttexte sind gefragt, wie sie «20 Minuten» bietet. Das schränkt aber den Blickwinkel ein. Medien werden so zum Konsumprodukt, nicht zum Wahrheitsvermittler.

Ich vertraue auf die gut gebildete und denkfähige Generation der Jüngeren.

Andererseits: Wenn wir das Leben spielerischer nehmen, ist uns die Vielfalt der Wahrheiten eine schöne Spielwiese fürs Denken und Phantasieren. Sicherheit hingegen engt uns ein. Ich vertraue auf die gut gebildete und denkfähige Generation der Jüngeren. Livia: Da bin ich mit dir einverstanden. Aber ich würde sagen, vermeintliche Sicherheit engt uns ein, weil es richtige Sicherheit gar nie gibt. Das ist eine Illusion. Niemand bekommt die Weisheit – und auch die sichere Wahrheit – einfach so auf dem Silbertablett serviert. Auch nicht punkto Medien. Mein Fazit ist dennoch, dass wir als aufgeklärte Gesellschaft unseren Verstand gebrauchen sollten – oder anders ausgedrückt: «…und die Moral von der Geschicht’: Vergiss bei News zu denken nicht!»


Forum zu ethischen Fragen

Das Forum «Fokus Ethik» fand am 6. und 7. April 2017 schon zum dritten Mal statt. Das Thema in diesem Jahr: Hauptsache Wahrheit. Jung und Alt von «und» das Generationentandem verfolgten die Referate und Diskussionen von renommierten Fachpersonen aus dem In- und Ausland.

Ein Selfie am Forum «Fokus Ethik» in Thun: Jürg Krebs, Livia Thurian und der Fotograf Walter Winkler.

 

Dieser Artikel erschien auf unserem Partnermedium «und» das Generationentandem am 25. April 2017.

Der nachhaltige Filmtipp – Tomorrow

Wer die Filme Racing Extinction und Bikes vs Cars kennt, die im vergangenen Jahr beim Filme für die Erde Festival gezeigt wurden, wird Parallelen zu Tomorrow erkennen: »Wir haben nicht viel Zeit, um die absehbare Klimakatastrophe zu verhindern. Darum müssen wir die grundlegenden Veränderungen jetzt herbeiführen«, heisst es an einer Stelle. Aber wie? Warnungen vor Katastrophen rauben den Menschen Energie, darin sind sich Dion und Laurent einig – stattdessen wollen sie die Zuschauer inspirieren selbst tätig zu werden.

Also machen sie sich auf den Weg, um nach Menschen zu suchen, die kreative Lösungen für sich und ihre Umwelt gefunden haben. Die Reise führt sie etwa auf einen Bio-Bauernhof in der Normandie, der auf Selbstversorgung ausgelegt ist, in eine englische Kleinstadt, die eine eigene Währung hat, um die lokalen Geschäfte zu stärken und nach San Francisco, in die Stadt, die es geschafft hat innerhalb weniger Jahre 80 Prozent seiner Abfälle weiter zu verwerten. Selbst die Schweiz ist in dem Film mit einem guten Beispiel aus Basel vertreten. Während des Films wird einem deutlich, dass es nicht nur einen Weg in eine grünere Zukunft gibt, sondern es vieler unterschiedlicher Ansätze bedarf. Der Film hinterlässt nicht nur Hoffnung, sondern auch eine gehörige Portion Motivation, dass man auch als Einzelperson etwas bewirken kann.

Erleben Sie »Tomorrow« am schweizweiten Pop-up Kino

Die Filme für die Erde Community lädt zum schweizweiten gratis Pop-up Kino mit »Tomorrow« am 22. April ein. Erleben Sie einen gratis Filmabend in der Nähe. Alle öffentlichen Filmvorführungen sind hier aufgelistet.

Wir danken den Eventsponsoren EPEA Switzerland, sanu future learning ag und FLAWA Consumer AG für die wertvolle Unterstützung des Pop-up Kinos!

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Konsum und Alternativen aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Der monatliche Filmtipp wird von Filme für die Erde präsentiert. www.FILMEfürdieERDE.org ist die weltweit grösste Website zu Film und Nachhaltigkeit, mit über 100 Filmen, die direkt online angeschaut werden können.

Dieser Eintrag erschien am 05.04.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.