Gesellschaft | 23.03.2017

Zwischen freier Meinungsäusserung und Rassismus

Text von Anne-Lea Berger | Bilder von Ramona Unterberg
Gegner sagen, damit werde ihre Meinungsfreiheit beschnitten. Andere sehen es als ein wichtiges sprachliches Instrument, um auf herrschende Machtstrukturen in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Die "Political Correctness" war Thema im Rahmen der Aktionswoche der Stadt Bern gegen Rassismus. Unter der Moderation von Henrik Uherkovich diskutierten Rémy Geu von den Jungfreisinnigen, SP-Stadtrat Halua Pinto de Magalhães, Stadtschreiber Jürg Wichtermann und der Linguist und Philosoph Rolf Zbinden.
"Kein Aber" auch bei Political Correctness?
Bild: Ramona Unterberg

Einen Artikel über einen Diskussionsabend zu Political Correctness aus (mehrheitlich) linker Perspektive ganz in der männlichen Form zu schreiben, geht eigentlich gar nicht. Politische, und damit sprachliche Korrektheit (beziehungsweise eine nicht diskriminierende Ausdrucksweise) wird unter anderem in der Debatte um gendergerechte Sprache gefordert. Doch am Diskussionsabend am Dienstag war das Podium ganz in Männerhand. Kurz hatte es gar nach einem «White Male-only»-Podium ausgesehen. Also alles Personen, die aus einer privilegierten Sichtweise über das Thema sprechen können. In letzter Minute fand sich aber noch Stadtrat Pinto de Magalhães auf dem Podium ein, der als Person-of-Color die Diskussion jeweils aufs Kernthema der Aktionswoche führte: Dass auch das links-grüne Bern nicht gefeit sei vor Rassismus.

Als Beispiel wurde etwa die Diskussion um die Zunft zum Mohren genannt. Pinto de Magalhães hatte 2014 einen Vorstoss zu rassistischen Darstellungen im öffentlichen Raum eingereicht, eben auch jener «Mohr» auf dem Wappen der Berner Schneider- und Tuchschererzunft. Er und andere Befürworter des Vorstosses seien nach ihrem Vorstoss auch von linken Kreisen kritisiert worden. Durch solche Symbolpolitik würde von «echtem» Rassismus abgelenkt, so die Kritiker. Der SP-Stadtrat findet aber, solche Kritik werte die wichtige Diskussion um rassistische Darstellungen im öffentlichen Raum ab, zieht sie ins Lächerliche und negiert damit jahrhundertealte Machtstrukturen von Privilegierten gegenüber Minderheiten.

Diskutieren statt denunzieren

Laut Rolf Zbinden, Dozent für Sprache und Literatur, haben diskriminierende Äusserungen in den letzten Jahren zugenommen. Er lehnt aber die Faschismus-Keule klar ab. Wenn Jugendliche vom «Ghetto», sprich «Puff», der «Unordnung» sprechen, kläre er über dessen Etymologie auf. Wenn im politischen Diskurs rechtliche Rückschritte, sogenannte Rollbacks, diskutiert werden, könne auf politischem Weg geantwortet werden. Ein solcher Versuch für Rollback-Politik sei etwa die Heiratsinitiative der CVP gewesen, welche die Ehe explizit für Frau und Mann statuieren wollte. Gefährlich werde es aber dann, wenn Ausdrücke aus der klar kolonialistischen, faschistischen oder nationalsozialistischen Vergangenheit aufgewärmt, enttabuisiert und von politischen Akteuren instrumentalisiert werden: «Wir dürfen solchen Ausdrücken keinen Fussbreit Raum lassen». Als Sprachpolizist sieht er sich hingegen auf keinen Fall: Er wolle auf Problematik hinweisen, das Gespräch suchen, dagegen argumentieren undsich klar positionieren.

Die Podiumsteilnehmer definieren den Begriff der Political Correctness unterschiedlich: Für Stadtschreiber Wichtermann handelt es sich im Kern um banale Höflichkeit. Für Stadtrat Pinto de Magalhães lenkt die Diskussion um den Begriff vom eigentlichen Thema ab, nämlich Rassismus, Diskriminierung, Hierarchisierung. Diese Debatte hat ihm denn auch am Podium gefehlt, zumal es doch Teil der Aktionswoche gegen Rassismus sei.

Wer setzt Grenzen?

In Projer’scher Manier stellte Moderator Uherkovich den Podiumsteilnehmern zum Schluss die Frage nach deren eigenen politisch inkorrekten Statements. Alle gaben zu, dass ihnen schon fragwürdige Ausrutscher passiert sind. Zbinden etwa musste sich einmal von einem Kollegen, der im Rollstuhl sitzt, darauf hinweisen lassen, was «invalid» bedeutet. «Das kann jedem passieren, wichtig finde ich, sich darüber bewusst zu sein», so Pinto de Magalhães.

Wer die Grenze zu einer nicht tolerierbaren Äusserung definiert , kann oder will an diesem Abend niemand beantworten. Es bleibt wohl an der Aufgabe jedes und jeder Einzelnen, sich immer wieder von Neuem dafür einzusetzen, dass Personen, die sich bewusst diskriminierend äussern, dies nicht mit ihrem Recht auf freie Meinungsäusserung legitimieren können.