Gesellschaft | 15.03.2017

«Ist so, weil ist so» war gestern

Die Armee ist ein Abbild der Gesellschaft. Wandelt sich die Gesellschaft, hat das Auswirkungen auf den Betrieb in den Rekrutenschulen. Neu setzt die Armee vermehrt auf Sinnvermittlung und kontinuierliche Leistungssteigerung, statt auf "stupides Ausführen" von Befehlen.
Gezieltes Aufbautraining als Schlüssel zum Erfolg.
Bild: Bernhard Aebersold

«Verweichlichung» und «Pfadi-Lager» lauteten die Schlagworte im kürzlich erschienenen Tages-Anzeiger-Artikel zum Thema Progress. Von flexiblen Marschdistanzen, mehr Schlaf und von – haltet euch fest – Verschiebungen gemächlichen Schrittes von A nach B war die Rede. Ob diesem Wellness-Programm in den Rekrutenschulen, entluden sich in den Kommentarspalten und auf Social Media die Gemüter, alleine auf 20 Minuten wurde ein ähnlicher Artikel 2’350 mal geteilt. Mit «als ich noch in der RS war…» begannen viele Kommentare und es folgte eine Tirade drakonischer Strafen, die man damals noch ohne Widerrede ausführen musste. Auch ich (vgl. Angaben zu meiner Person unten) war hinsichtlich den angeblichen Entwicklungen in der Armee etwas verunsichert und hätte den Inhalt wohl gleich oder zumindest ähnlich beurteilt, wie viele andere Leser auch. Grund genug, einmal nachzuhaken.

Was ist Progress?

Die Zahl von Rekruten, welche die Rekrutenschule aus physischen oder psychischen Gründen in den ersten Wochen abbrechen, war der Armee mit durchschnittlich 13 Prozent zu hoch. Deshalb wurde unter der Leitung von Hauptmann Mathias Maurer an der Infanterie Rekrutenschule 5 in Colombier das Projekt Progress eingeführt. Mit gezielten Massnahmen soll die Motivation und die Fitness der jungen Erwachsenen gesteigert und so die Abbruchquote reduziert werden. «Es bringe nichts, die Rekruten in der ersten Woche dermassen an die Wand zu fahren, dass sie kaum noch gehen können und jegliche Motivation in den ersten paar Stunden verlieren. Viel besser ist es, die Rekruten aufzubauen und sie kontinuierlich an ihre Leistungsgrenze zu bringen und diese dann auch zu erweitern», sagt Einheits-Berufsoffizier Maurer. Schlussendlich steht aber nach wie vor die Auftragserfüllung im Zentrum, einzig der Weg dorthin ändert sich mit Progress.

Von flexiblen Marschdistanzen und anderen Halbwahrheiten

Um die Abbruchquote zu senken, wird der Hebel gezielt beim Sport angesetzt. Viele Rekruten sind zu Beginn der RS nicht in der Lage, technisch saubere Liegestützen zu absolvieren. Dieser Fakt ist ernst zu nehmen und hat zur Folge, dass die Rekruten über den Tag verteilt viele kurze Aufbautrainings absolvieren. Zwei- bis dreimal pro Woche findet eine 30-minütige Sporteinheit vor dem Morgenessen statt. Anschliessend wird an jedem Antrittsverlesen (Besammlung der ganzen Truppe vor dem Ausbildungsbeginn) während fünf Minuten die Rumpfmuskulatur gestärkt und vor den Ausbildungsblöcken werden nochmals kurze Trainings eingebaut. Diese kleinen Sporteinheiten summieren sich über die Wochen auf und die Leistung kann sukzessive gesteigert werden. Das mag nach einem sanften Einstieg in die Rekrutenschule klingen, aber wen kümmerts, wenn am Schluss das Ergebnis stimmt? Bei Progress steht zudem der Rekrut als Mensch im Zentrum. Jedem Einzelnen soll bewusst sein, weshalb er eine Aufgabe ausführen soll und weshalb er diese oder jene Ausbildung erfolgreich bestehen muss. Kritisches Denken und hinterfragen sind erwünscht, da dies der Ausgangspunkt für Innovationen sind. Wenn ich nicht weiss, weshalb ich etwas tue, weshalb sollte ich es dann überhaupt tun?

Das Hauptargument schlechthin um von einem «Pfadi-Lager» zu sprechen, lautete im Tages-Anzeiger: «Es ist (…) jedem Einzelnen überlassen, wann er einen Marsch abbrechen will – oder ob er sich in Absprache mit dem Schularzt durchbeisst.» Bei dieser Aussage muss man wissen, dass diese Regelung nur für Marsch-Dispensierte gilt, also solche, die streng genommen keinen einzigen Meter absolvieren müssten. Trotzdem laufen sie bei Progress mit und machen soviel, wie sie können. Unterstützt von seinen Kameraden hat schon manch einer auf diese Weise ungeahnte Kräfte freigesetzt.

Grundsätzlich sind es lediglich Details, die durch das neue Projekt geändert werden, trotzdem können sie massiv zur Motivation der Rekruten, zur Dynamik innerhalb der Truppe und zur Reduzierung der Abbruchquote beitragen. Aufgrund des ständigen Trainings wird die RS wieder als härter wahrgenommen und dies ist etwas, was viele Rekruten in der Armee ein Stück weit auch suchen. In der Tat gibt es auch solche Massnahmen, die «soft» oder «verweichlicht» erscheinen. So wird in den ersten Wochen der Rückweg vom Ausbildungsplatz in die Kaserne in Turnschuhen marschiert und die Rekruten stehen in der Regel nicht vor sechs Uhr auf. Aber schlussendlich dienen auch diese Massnahmen einzig und allein der Erreichung des Gesamtziels: der Ausbildung junger Erwachsenen zu soliden Soldaten.


Transparenz ist uns wichtig: Infos zum Autor

Ich bin im März 2013 als Rekrut bei Hauptmann Maurer in die Infanterie Rekrutenschule 5 eingerückt, damals gab es Progress noch nicht. Militärisch habe ich mich zum Zugführer ausbilden lassen und kam rund sieben Monate später fürs Abverdienen (per Zufall) wieder zu Hauptmann Maurer in die Kompanie. Während des Abverdienens wurde Progress zum ersten Mal in der Infanterie Rekrutenschule 5 ausgetestet. Ich habe also den optimalen Vorher-nachher-Vergleich miterlebt und kenne beide Varianten. Bin ich denn nicht befangen? Natürlich bin ich befangen, ich kenne Hauptmann Maurer aus unserer gemeinsamen Dienstzeit sehr gut. Trotzdem traue ich jedem Tink.ch-Leser zu, sich eine eigene Meinung bilden zu können und die Standpunkte korrekt einzuordnen. Bei Rückfragen dürfen Sie gerne einen Kommentar hinterlassen.