Gesellschaft | 02.03.2017

+++ BREAKING: REISSACK IN JAPAN UMGEFALLEN +++

Text von Bernhard Aebersold | Bilder von Mirco Friedli
Wer mehr Klicks generiert, erhält mehr Lohn. Dieses Lohnmodell will die Mediengruppe Tamedia in den kommenden Monaten austesten. Dass damit qualitativere Artikel entstehen, ist fraglich. Ein Kommentar.
Den Bonus vor Augen. Bei vielen Klicks erhalten Tamedia-Onlinejournalisten probeweise mehr Lohn.
Bild: Mirco Friedli

Klicks sind im Online-Journalismus derzeit das A und O zur Reichweitenmessung. Leider gilt für die Reichweitenmessung, was stellvertretend für viele Dinge in diesem Journalismusfeld gilt: Quantität vor Qualität. So kann beispielsweise noch nicht unterschieden werden, ob ein User aus Versehen auf einen Artikel klickt und diesen gar nicht liest, oder ob ein Text minutiös gelesen wird. Unter dem Strich zählen die Klicks, egal was danach geschieht.

Klicks implizieren also die Anzahl «Leser», welche wiederum die Preise von Werbeanzeigen mitbeeinflussen – DIE Einnahmequelle privater Medien schlechthin. Wenig verwunderlich, setzen Onlineredaktionen hier den Hebel an.

«Ein paar hundert Franken»

Der grösste Schweizer Verlag Tamedia (20 Minuten, Tages-Anzeiger, Der Bund, Bernerzeitung etc.) geht nun im Kampf um Klicks einen Schritt weiter. Journalisten, die damit beauftragt sind, Agenturmeldungen aufzubereiten, können sich künftig einen Zustupf verdienen. Voraussetzung dafür sind Artikel, die «bei den Lesern gut ankommen» oder – korrekt formuliert – von vielen Usern angeklickt werden.

Mit dieser Massnahme soll unter anderem die Kreativität der Mitarbeiter gefördert und Themen, die auf den ersten Blick trocken erscheinen, spannender präsentiert werden, sagt Peter Wälty, Leiter des Bereichs Digital News und Development bei Tamedia gegenüber persoenlich.com. Den besten und kreativsten Mitarbeitern winkt ein Bonus von ein paar hundert Franken pro Quartal. Klingt nach einem tollen Lohnmodell, wo ist also der Haken?

Qualitative Kreativität?

Bereits heute gibt es unzählige Artikel, die sich während dem Lesen als regelrechte «Zeitrauber» entpuppen. Die Rede ist von Artikeln, bei welchen man Reue empfindet, zwei Minuten seines Lebens mit solchem Nonsense verschwendet zu haben. Sie sind oft durch einen schnittigen Titel, eine vielversprechende Einleitung und ein packendes Bildchen darunter gekennzeichnet. Ungefähr ab Zeile drei stürzt das Niveau oftmals ins Bodenlose ab oder die eingangs gestellten Fragen bleiben bis zum Schluss unbeantwortet. Diese Artikelgattung dürfte durch das neue Lohnmodell regen Zulauf erhalten. Die Journalisten erhalten Anreize, noch zugespitzter, noch pointierter und noch etwas näher an den Grenzen der Wahrheit zu schreiben. Fliegen werden zu Elefanten und umfallende Reissäcke zu Breaking-News. Kreativität in Ehren, aber ob Herr Wälty diese Art von Kreativität fördern will, ist zu bezweifeln.

Bei aller Kritik muss dem neuen Lohnmodell aber eines zugutegehalten werden: Wann immer Sie das nächste Mal einen «Zeitrauber» lesen, denken Sie daran: Soeben haben Sie mit Ihrem Klick einem Tamedia-Journalisten zu etwas mehr Lohn verholfen.