Gesellschaft | 07.03.2017

Ausbildung gegen die Abhängigkeit

Text von Carlo Senn | Bilder von Carlo Senn
Die "agilas" in Bolligen bietet für etwa 30 Jugendliche mit Beeinträchtigungen die Chance, mit einer zweijährigen Ausbildung in der Arbeitswelt Fuss zu fassen. Daneben wird durch betreutes Wohnen der Gang in die Selbstständigkeit gefördert.
Die zukünftige Gärtnerin Selma beim Einzelunterricht.
Bild: Carlo Senn

Es ist Mittagspause in der agilas. Die Stimmung wirkt heiter, es wird gelacht. Währenddessen schaut die anwesende Sozialpädagogin, dass die Essensausgabe funktioniert. Die Arbeitskleidung verrät bereits den Bereich, in dem die Lernenden ihre Ausbildung absolvieren. Dort eine grüne Latzhose – Gartenbau. Da eine graue Latzhose – Betriebsunterhalt. Die Betreuten hier haben mit verschiedensten Problemen zu kämpfen. Einige haben einen IQ unter 70 und können daher keine drei- oder vierjährige Lehre mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis bewältigen, andere kämpfen mit psychischen Problemen, Autismus oder Epilepsie.

Weg in die Selbstständigkeit

Eine davon ist Selma*, die mit einer Lernschwäche zurecht kommen muss. Sie wird hier zur Gärtnerin EBA ausgebildet, eine zweijährige Lehre mit Attest. »Du kannst die Natur selber in den Fingern halten«, sagt die 16-Jährige stolz über ihren künftigen Beruf. Ihre welligen schwarzen Haare hat sie nach hinten gebunden, sie spricht schnell, aber deutlich. Selma wohnt in einer WG in einem Block der sich unweit vom Hauptgebäude befindet. Die agilas schreibt auf ihrer Website: »Der Weg in die Selbstständigkeit bedeutet auch selbstständig wohnen.« Deshalb sind die Lernenden in Wohngruppen mit unterschiedlichem Betreuungsgrad untergebracht. In so einer Gruppe wohnt Selma mit ihren mittlerweile besten Freunden zusammen, die sie selbst liebevoll als ihre »kleine Familie« bezeichnet.

Nicht immer lief es rund für Selma. Die Trennung ihrer Eltern führt dazu, dass Selmas Mutter das Sorgerecht für das vierjährige Kind erhält. Später in der Schule wird sie stark gemobbt, wenn sie nach Hause kommt, beschimpft sie die Mutter oder schlägt sie sogar. Deshalb geht sie mit 12 Jahren wieder zum Vater zurück. Das Sozialamt bezahlt eine Privatschule in der das Mobbing aufhört, dann jedoch wieder anfängt. Daraufhin schickt ihr Vater sie in ein Internat. »Dort habe ich dann Kollegen gefunden.«

«Keine Chance auf Lehrstelle»

Jeannette Hasler leitet die Sozialpädagogik. Sie ist die Ansprechperson für das Konzept, die Teamsitzungen und Organisation der agilas und Mitglied der Geschäftsleitung. »Das Ziel ist immer die Integration in den Arbeitsmarkt.« Unter anderem auch die Verringerung der finanziellen Abhängigkeit vom Staat. Die Jugendlichen hier hätten keine Chance auf eine reguläre Lehrstelle. Neben dem EBA gibt es auch noch eine andere 2-jährige Ausbildung, welche die meisten Jugendlichen der agilas absolvieren, die sogenannte »Insos Pra«. Diese Ausbildung ist stark praxisorientiert. In den Bereichen Gartenbau, Hauswirtschaft, Betriebsunterhalt und Gastronomie ist das Ziel, dass die Jugendlichen sogenannte »Kernkompetenzen« erfüllen, wie z. B. die Hygiene einzuhalten und einen »anständigen Umgang« zu pflegen. Nach einem Jahr kommen sie mit ihren Fähigkeiten auf einen Stundenlohn von mindestens 2.55 Fr.. »Das klingt zuerst einmal nach ganz wenig.« Wenn man jedoch bedenke, dass die Jugendlichen oftmals inkonstant seien, sei dieser Verdienst gar nicht so einfach zu erreichen, erklärt Frau Hasler.

Erst wenn die von externer Stelle geprüften Lernenden diese Anforderungen erfüllen, zahlt die IV auch das 2. Ausbildungsjahr, wenn nicht, kommen sie in eine geschützte Werkstatt. »Der Druck hat in den letzten Jahren zugenommen.« Deshalb sei man jetzt bereits bei der Aufnahme der Jugendlichen kritischer. So ist gerade vor Kurzem ein Jugendlicher abgelehnt worden, weil er praktisch eine Eins-zu-eins-Betreuung benötigen würde, was die agilas nicht anbietet.

Die Mittagspause geht zu Ende und die Jugendlichen mit unterschiedlichsten Schicksalen und Geschichten machen sich wieder auf den Weg zu ihren Ausbildungsplätzen. Nach Feierabend gehen sie in ihre Wohngruppen und können im Idealfall dank ihrer Lehre bald einer Arbeit nachgehen, ohne von einer IV-Rente abhängig zu sein.

*Name von der Redaktion geändert