Gesellschaft | 19.03.2017

Antirassismuswoche: Linke Alibiveranstaltung?

Bereits zum siebten Mal findet die Aktionswoche der Stadt Bern gegen Rassismus statt. Auf dem Programm stehen unter anderem Vorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops. Tink.ch hat sich mit der Organisation und dem Nutzen der Woche beschäftigt und sich dabei mit der Projektleiterin der Aktionswoche Marianne Helfer unterhalten.
«Kein Aber», so lautet das Motto der Aktionswoche gegen Rassismus.
Bild: Ramona Unterberg

«Ich bin kein Rassist, aber…» So lautet der Aufhänger der Berner Aktionswoche gegen Rassismus. Auf diese Ankündigung folge oft trotz Verneinung eine rassistische Aussage. Die Aktionswoche wird von der Stadt Bern gemeinsam mit verschiedenen Organisationen veranstaltet. Unter den Organisationen sind vor allem Gemeindevereine, Kirchen und Gewerkschaften zu finden. Die Woche findet vom 21. bis 27. März statt und steht dieses Jahr unter dem Motto, dass es «kein Aber» beim Thema Rassismus gibt.

Auf Woche sieben

Die Antirassismuswoche findet bereits zum siebten Mal statt. Während die Woche früher mit allgemeinen Aussagen wie «In der Stadt Bern hat es keinen Platz für Rassismus» warb, spricht sie heute konkret Alltagsrassimus an. Darauf antwortet die Projektleiterin der Aktionswoche, Marianne Helfer, auf Anfrage von Tink.ch: «Ich sehe da keinen Wandel. Das Thema ist das gleiche, lediglich der Aufhänger ist anders.» In den letzten Jahren haben deutlich mehr Menschen an der Woche teilgenommen als noch zu Beginn. Die Aktionswoche sei bekannter und etablierter geworden. Ein weiterer wichtiger Faktor für die Zunahme sei gemäss Marianne Helfer auch der aktuelle politische Diskurs: «Populismus ist sicherlich nichts Neues, jedoch sind die Diskussionen in letzter Zeit härter und rassistischer geworden, was zur Folge hat, dass sich wieder mehr Menschen mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen.»

Was die Woche bringen soll

Die Aktionswoche gegen Rassismus richte sich an eine möglichst breite Masse der Bevölkerung. Marianne Helfer meint dazu: «Die Aktionswoche hat da eine grosse Stärke. Da sich viele verschiedene Organisationen mit je verschiedenen Zielgruppen beteiligen, können wir ein vielfältiges Publikum ansprechen.»

Rassisten zu sensibilisieren sei «wahnsinnig schwierig». Bei der Aktionswoche gehe es vielmehr darum, dass die Teilnehmenden sich mit dem Rassismus und seinen Folgen ernsthaft auseinandersetzen. «Rassismus kommt auch in einer weltoffenen, linksliberalen Stadt Bern vor», so Helfer. Auch in linken Kreisen existiere Rassismus und diese seien somit auch Teil des Problems, so ihre Erfahrungen. Ein weiteres Ziel der Woche sei das gegenseitige Kennenlernen von Teilnehmenden. Somit würden neue, wichtige Netzwerke geschaffen.

Konservative, rechtsgesinnte Personen werden wohl eher weniger anzutreffen sein. Bei einem Blick ins Programmheft fällt insbesondere der Workshop «Argumentieren gegen Rechts» auf, der von der Jugendgruppe der Gewerkschaft Unia organisiert wird. In der Ausschreibung wird von rechts(radikalen) Parolen gesprochen, denen etwas entgegengesetzt werden müsse. Im Workshop solle dann gelernt werden, wie gegen solche Positionen argumentiert werden kann. Beim Durchlesen stellt sich die Frage, wie neutral dabei eine Veranstaltung sein sollte, welche einen Teil eines steuerfinanzierten Formates wie der Aktionswoche darstellt. Marianne Helfer stellt klar: «Es gibt keine neutrale Haltung gegenüber Rassismus». Von Diffamierung gegenüber rechtsbürgerlich Gesinnten will sie nichts wissen. Den Vorwurf, dass die Ausschreibung «rechts» mit «rechtsradikal» gleichsetzt, nehme sie zur Kenntnis. Dennoch weist sie darauf hin, dass rechte Parolen oft auch rassistische Stereotypen beinhalten.

Marianne Helfer weist zudem darauf hin, dass die teilnehmenden Organisationen nicht auf ihre politische Haltung geprüft werden. «Rechte Organisationen zeigten jedenfalls kein Interesse an einer Teilnahme.» Selbstverständlicherweise seien aber auch Rechte willkommen. Wie jeder, der Interesse zeige, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen.

Projektleiterin Marianne Helfer glaubt nicht, dass Rassismus jemals gänzlich verschwinden wird. Ob es eine achte Aktionswoche geben wird, entscheide sich nach der Evaluation, bei der die Rückmeldungen der jeweiligen Veranstaltenden einbezogen werden. Zudem werde auch berücksichtigt, wie viele an den Veranstaltungen teilgenommen haben werden.

Als «linke Alibiveranstaltung» kann die Woche mit einem vielfältigen und aktuellen Programm sicherlich nicht abgetan werden. Aus den Aussagen von Marianne Helfer geht jedoch auch hervor, dass die Woche es noch nicht schafft, politisch konservative Spektren in die antirassistische Arbeit einzubinden. Mit Blick auf die aktuellen, teils populistischen Debatten wäre eine Sensibilisierung für das Problem Rassismus wohl dort am nötigsten. Verständlicherweise kann die Aktionswoche alleine nicht den Rassismus bekämpfen. Dafür braucht es das ganze Jahr über Engagement von allen Seiten.

Mehr Informationen und das Programm zur Antirassismuswoche der Stadt Bern findest du auf www.berngegenrassismus.ch. Das Team von Tink.ch wird im Verlaufe der Woche über einige Veranstaltungen berichten.