Kommunistisches Trio versus linkes Bern

Ein kleiner Raum im Berner Kulturzentrum Progr an einem Freitagabend um 18 Uhr. Nach und nach treffen immer mehr Leute ein. Die Organisatoren rechneten wohl nicht mit so vielen Gästen und stellen immer mehr Stühle hin. Nachdem die letzten Gäste im mittlerweile überfüllten Saal eingetroffen sind, werden die Fenster geschlossen und der Anlass beginnt mit einem kurzen Vorwort der Projektleiterin der Aktionwoche.

Zwischen Gemeinschaft und Nationalismus

Der Workshop startet mit einem halbstündigen Input. Dieser behandelt zunächst nicht wie erwartet Rassismus, sondern die im März 2012 gescheiterte Volksinitiative, die sechs Wochen Ferien für alle forderte. Der Herr von «Versus Politik» vorne am Tisch erklärt, dass die Stimmbürger beim Abstimmen stets überlegten, welcher Entscheid besser für ihre Gemeinschaft wäre. Die Befürworter der Ferieninitiative sahen das Problem bei den steigenden Gesundheitskosten, die Gegner der Initative fürchteten sich vor einem Verlust an Arbeitsplätzen. Die Blickwinkel beider Seiten seien somit nationalistisch, beide entscheiden sich für «das Richtige» im Sinne der Gemeinschaft. Jede Politik würde somit immer die Gemeinschaft ansprechen und zu dieser Gemeinschaft gehörten nur die Staatsangehörigen des jeweiligen Landes. Eine wahre Gemeinschaft, zu der jede und jeder gehöre, gäbe es demnach gar nicht.

Erste Stimmen aus dem Publikum werden laut. Eine Sozialarbeiterin ist mit den Thesen nicht einverstanden. Sie kontert mit Gegenbeispielen, welche jedoch in der Diskussion untergehen, da die Referenten auf diese Argumente kaum eingehen. Jemand anderes verweist freundlich aber bestimmt darauf, man solle doch bitte in den Voten auch die weibliche Form mitverwenden.

Danach werden Grundpositionen der SVP anhand von zwei Beispielen diskutiert: Die Nationalfeiertagsrede von Ueli Maurer 2015 und die kommende Selbstbestimmungsinitiative. Auch hier erkennen die Referenten in Phrasen wie «wir können unsere Rechte als freie Bürger verteidigen» den Nationalismus. Die Analyse ist nicht für alle im Saal verständlich. Gelegentlich werden auch Forderungen laut, man solle doch etwas zügiger vorangehen.

Diskussion auf «Sandkastenniveau»

Währenddessen hat sich die Sozialarbeiterin wieder eingebracht. Sichtlich enttäuscht vom Abend stellt sie die Frage, ob Argumentieren vielleicht die falsche Massnahme gegen Rechts sei. Sie habe an diesem Abend nur gelernt, was falsche Gegenargumente sind, dass diese laut den Referenten «Sandkastenniveau» seien. Die Referenten erwidern, die Erklärung, wie die rechten Argumente funktionieren, sei das Gegenargument. Und fügen an: «Wenn wir ein Geheimrezept hätten, welches wir in 10 Minuten erklären könnten, hätten wir das schon längst getan».

Gegen Schluss meldet sich eine Frau, offenkundig genervt, zu Wort und beschwert sich, dass auf die Gendering-Bitte nicht eingegangen worden sei. Ohnehin zeige der Abend wieder einmal, dass Männer Frauen ständig unterbrechen würden und deren Argumente nicht ernst nehmen würden. Was folgte, war ein emotionales und hitziges Wortgefecht im ganzen Saal. Die Referenten dementierten, dass sie Frauen nicht ernst nehmen würden: «Ich sehe gar nicht, ob jemand eine Frau oder ob jemand dunkelhäutig ist.» Gegendert wird weiterhin nicht: «Das hat mich jetzt wenig überzeugt zu gendern», heisst es seitens der drei referierenden Herren.

Einzelne Personen haben zu diesem Zeitpunkt den Saal bereits verlassen. So auch die Sozialarbeiterin. «Nehmt die Kritk doch einfach an», ruft sie noch in Richtung der drei Herren beim Verlassen des Saals. Kurze Zeit später wird die Veranstaltung mit einem müden Applaus offiziell beendet.

Zufrieden waren wohl nur wenige nach diesem Workshop, der strenggenommen kein Workshop war, sondern eher ein Referat mit Zwischenrufen aus dem Publikum. Die Veranstalter hatten sich zu viel vorgenommen. Es waren noch mehr Analysen von SVP-Positionen und zu linken Gegenargumenten geplant. Der Abend konnte lediglich einige Denkanstösse geben. Wie wirklich argumentiert werden kann, wurde nicht erklärt. Der Grund war wohl, dass die Referenten sehr provokante Thesen aufführten, mit denen viele nicht einverstanden waren. So wurde mehrheitlich über deren Thesen diskutiert als darüber, wie erfolgreich gegen Rechts argumentiert werden kann.

Heidi Witzig und Benedikt Knüsel – zwei Generationen kämpfen fürs Klima

Sie kämpfen beide für mehr Klimaschutz. Sie hat als Aktivistin bei den Klimaseniorinnen den Bundesrat verklagt, er reiste für Swiss Youth for Climate an die UNO-Klimakonferenz in Marrakesch. Im Generationentalk stellen sich Heidi Witzig (72) und Benedikt Knüsel (26) den kritischen Fragen.

Der erste öffentliche Generationentalk wurde im Berner Generationenhaus aufgezeichnet. Am letzten Montag im Monat lädt «und» das Generationentandem zwei Gäste zum Generationentalk.

Bereits eine Stunde vor der Talkaufzeichnung trifft die 72-jährige Heidi Witzig in der CaféBar in Bern ein. Während Sie auf dem Sofa der Bühne Platz nimmt um sich mit dem Mikrofon vertraut zu machen, trifft auch schon ihr junger Gesprächspartner Benedikt Knüsel ein. Eine warme Begrüssung. Knüsel und Witzig kennen sich von einer Begegnung im Tagesgespräch von SRF, damals, als die Klimaseniorinnen die Öffentlichkeit über ihre Klage gegen den Bundesrat öffentlich machten.

Schon im voraus kündete Witzig an, sie fokussiere sich mehr auf die politischen Aspekte des Engagements gegen den Klimawandel, für die wissenschaftlichen Details gäbe es ja die Fachpersonen.

Als Aktivistin bei der GrossmütterRevolution setzt sich Heidi Witzig (72) für ein würdiges Altern für alle ein und kämpft als Klimaseniorin für das Recht auf eine gesunde Umwelt – auch für künftige Generationen.

Der Doktorand Benedikt Knüsel (26) im Bereich der Klimarisiken engagiert sich im Verein «Swiss Youth for Climate», mit dem er unter anderem an der UNO-Klimakonferenz COP22 in Marrakesch teilgenommen hat.

Dies ist eine Kurzversion eines Artikels unseres Partnermediums «und» das Generationentandem, der am 3. März 2017 erschien.

Von Fremdenhass, technisch überforderten Senioren und adoleszenter Sexualität

Kategorie B – Jugendliche bis 19 Jahre

Noch schnell ein Bild für Instagram knipsen, die Snapchat Story updaten und im Whatsapp-Gruppenchat mitschreiben: Die Jugend von heute ist mit der täglichen Informationsflut gross geworden. Dass diese Schnelllebigkeit auch Kehrseiten hat, beweisen uns die jungen Filmemacher und Filmemacherinnen an den Jugendfilmtagen. Die Werke der Kategorie B (U19) drehen sich um das Thema Spielraum und überzeugen durch Vielfalt und Echtheit.

Mit einer grossen Prise Selbstironie – «Schulraum»

Eine junge Journalistin dokumentiert den neuen, ungewöhnlichen Alltag an ihrer Schule.

Eine junge Journalistin dokumentiert den neuen, ungewöhnlichen Alltag an ihrer Schule. (Bild: Jugendfilmtage)

Keine Altersgruppe verbarrikadiert sich so extrem wie pubertäre Jugendliche. Eltern, Geschwistern oder Lehrern fällt es oftmals schwer, mit den Gewohnheiten ihrer Schützlinge Schritt zu halten. Der erfrischende Film «Schulraum» bietet Abhilfe: Jugendliche übernehmen für vier Wochen den Unterricht an ihrer Schule und geben den «uncoolen» Erwachsenen wertvolle Tipps zu Themen wie Selfies, Kleidung, Beschimpfungen und Feiern. Beide Altersstufen werden dabei liebevoll aufs Korn genommen.

Das harte Leben eines Smartphones – «Frontcam»

Auch Handys haben Gefühle: Ein iPhone beobachtet seine Besitzerin beim Frühstück.

Auch Handys haben Gefühle: Ein iPhone beobachtet seine Besitzerin beim Frühstück. (Bild: Jugendfilmtage)

Im Werk «Frontcam» nervt eine unkultivierte Benutzerin ihr Smartphone, indem sie es ständig dazu missbraucht, Schminktutorials anzuschauen und unzählige Fotos auf Instagram hochzuladen. Als das iPhone schliesslich von einer Gruppe Jungs gestohlen wird, entpuppen sich diese als noch idiotischer als die ursprüngliche Besitzerin und das Smartphone beginnt, die alten Zeiten zu vermissen.

Der Film führt uns aus einer interessanten Perspektive vor, wie abhängig wir von unserem Telefon sind und wie viel Aufmerksamkeit wir ihm schenken. Gleichzeitig sehen wir es als selbstverständliche und austauschbare Ware an.

«To a Place Far Beyond»

Ein depressiver Junge flieht in eine paradiesische Parallelwelt.

Ein depressiver Junge flieht in eine paradiesische Parallelwelt. (Bild Jugendfilmtage)

Im wunderschönen Animationsfilm «To a Place Far Beyond» träumt sich ein depressiver Junge in eine neue, surreale Welt hinein, die den Druck des Alltags zu lindern vermag. Ohne Dialoge, dafür mit verträumter Musik, regt das Geschehen zum Nachdenken an. Mit ihrem Werk schaffen es die talentierte Zeichnerin Joëlle Rieder und die Regisseurin Yuchen Chang, uns auf eine emotionale Reise durch die Abgründe einer depressiven Seele mitzunehmen. Für Tink.ch ist klar: Der erste Platz für «To a Place Far Beyond in der Kategorie B ist wohlverdient.

Kategorie E: Erwachsene unter 30 Jahren

Von Fussballspielen und Integration – «Abseits»

Im Film «Abseits» spielen kulturelle Unterschiede eine entscheidende Rolle.

Im Film «Abseits» spielen kulturelle Unterschiede eine entscheidende Rolle. (Bild: Jugendfilmtage)

«Warum machst du das immer?!», schreit Dastan seine kopftuchtragende Mutter an. «Warum mischst du dich immer in Dinge ein, die dich nichts angehen?!» Dieser Wutausbruch folgt einer Szene im beschaulichen und ländlichen Rümlang ZH: Die Mutter von Dastan fällt in dieser Umgebung mit ihrem lilafarbenen Kopftuch auf. Im Laden entdeckt ein grimmiger, blonder Junge die beiden und schreit «Allahu Akbar!». Dastan verliert die Beherrschung, rennt dem Jungen hinterher. Die beiden prügeln sich vor dem Dorfladen. Die Mutter geht dazwischen. «Schon mal was von Ehre gehört?!», fragt Dastan seine Mutter rhetorisch.

Ken Zumstein, der Drehbuchautor des Films «Abseits», habe vor allem etwas zum aktuellen Thema Migration und Flüchtlingskrise machen wollen. «Ich selber bin halb Japaner und wollte den Unterschied zwischen zwei verschiedenen Kulturen aufzeigen», erzählt der 35-Jährige.

Die Veranschaulichung der kulturellen Unterschiede ist dem Team um den Kurzfilm gelungen. Die beiden Hauptprotagonisten überzeugen, auch wenn die Dialoge teilweise ein bisschen holprig wirken und die Thematik mittlerweile schon etwas abgegriffen ist.

«Digital Immigrants»

«Digital Immigrants» überzeugt mit Humor und einem einfachen Konzept.

«Digital Immigrants» überzeugt mit Humor und einem einfachen Konzept. (Bild: Jugendfilmtage)

«Ich weiss gar nicht, wie mein Telefon tönt, wenn es läutet.» – «Ob man sich denn selber anrufen kann?», fragt die betagte Dame den etwas jüngeren, aber ebenfalls in die Jahre gekommenen Herrn neben ihr. Beide starren angestrengt und konzentriert auf den Bildschirm eines Smartphones. Ein Objekt, mit dem viele sogenannte «Digital Immigrants», wie auch der Kurzfilm heisst, tagtäglich zu kämpfen haben. Die Dokumentation zeigt Szenen, die innerhalb von zwei Jahren in den «Computerias» der Schweiz entstanden sind. Computerias sind Clubs, in welchen ältere Menschen sich von anderen älteren Menschen mit den technischen Errungenschaften unserer Zeit helfen lassen können. Auf eine amüsante und doch auch faszinierende Art und Weise zeigt der zwanzigminütige Film die Schwierigkeiten, die die älteren Generationen mit der heutigen Technik haben. Gleichzeitig werden immer wieder Medienbeiträge aus den Anfängen der Digitalen Revolution gezeigt: Arbeitnehmer klagten über Kopfschmerzen und Verspannungen infolge der Arbeit am Computer und die Arbeitgeber versicherten, dass nie mehr als 4 Stunden am Bildschirm gearbeitet werden dürfe.

Dennis Stauffer, Co-Regisseur des Films, sei die Idee gekommen, weil die älteren Generationen seiner Familie ihn ständig um Rat gefragt hätten, wenn es um technische Belange gegangen sei. «Ich wollte die Schwierigkeiten mit der Technik aufzeigen, welche die Generation erlebt, die noch vor den ersten prägenden digitalen Errungenschaften geboren wurde.»

Der Solothurner und sein Team haben einen erstklassigen Job gemacht. Der Film fasziniert mit dem Mix aus Nachrichtenbeiträgen aus den 50ern bis 80ern, in denen der Digitale Fortschritt stets ungläubig in Frage gestellt wurde und den urkomischen Szenen aus den Computerias. Ist es heutzutage für «Digital Natives» unvorstellbar, ohne technische Gadgets zu leben, zeigt uns dieser Film doch eindrücklich die Schattenseite der Digitalisierung auf.

«Sei keine Pussy!» – «Millimeterle»

In «Millimeterle» geht es um die sexuelle Selbstfindung von Jungen.

In «Millimeterle» geht es um die sexuelle Selbstfindung von Jungen. (Bild: Jugendfilmtage)

Ein Hallenbad bei Nacht: Vier Jungen zwischen 12 und 14 Jahren haben sich kurz vor Schliessung in der Garderobe versteckt. Sie wollen die Nacht im geschlossenen Hallenbad verbringen. Im Kurzfilm »Millimeterle» spielen die Jungen das gleichnamige Spiel, das darin besteht, dass man vom 5-Meter-Turm möglichst nahe zu einem Jungen ins Wasser springt. Remmie, ein kleiner dicklicher Junge, zögert. «Mach schon!», ruft ein dunkelhaariger hochgewachsener Junge, «Sei keine Pussy!»

Pascal Reinmann erzählt an den Jugendfilmtagen über die Schwierigkeiten des Drehs: «Wir haben 4 Nächte in dem Hallenbad gedreht, die Luft war so feucht, das forderte das Team und insbesondere die frierenden Schauspieler ungemein.» Um die Dialoge der Jugendlichen so wirklichkeitsnah wie möglich darzustellen, habe der Solothurner Jugendliche an Schulen intensiv beobachtet und deren Sprechweise und Wortschatz analysiert. Maurice Schnieper, Hauptdarsteller des Films, erlebte unterschiedliche Reaktionen von seinen Kollegen: «Den meisten hat der Film nicht so gut gefallen.»

Angesichts von sexueller Gewalt, Folter und Machtspielen ist das auch nicht weiter verwunderlich. Der Kurzfilm erstaunt mit einer ungemeinen Spannung, der realitätsnahen Abbildung von Gruppendynamiken und dem faszinierenden Set des nächtlichen Hallenbades. Der Film beschreibt unter anderem die sexuelle Selbstfindung und die Gruppendynamiken der pubertären Jungen.

Den Trailer von «Millimeterle» findet ihr hier.

Hochkomplexe Industrieverfahren einfach erklärt – «Sunnämilch»

"Sunnämilch" lüftet das Geheimnis der Gewinnung von Sonnenmilch.

“Sunnämilch” lüftet das Geheimnis der Gewinnung von Sonnenmilch. (Bild: Jugendfilmtage)

Wir befinden uns auf einer einsamen, beschaulichen Insel mitten im Meer, darauf sind Tannen, die sich mit ihren Schnäbeln gegenseitig zu essen versuchen und eine Nasenhandschnecke, die italienische Opern-Klassiker zum Besten gibt. Nicht weit davon entfernt tuckert ein Fischerboot langsam über das Wasser. Der Kapitän, drei Viertel Mensch und ein Viertel rechteckiger Vogel, sitzt an einer Maschine und macht das, was man als Mitarbeiter eines Sonnenmilchherstellers im Aussendienst halt so macht: Die Sonne melken. Was nach deiner ersten Magic-Mushroom-Erfahrung in den Amsterdam-Ferien letzten Sommer tönt, ist in Wahrheit Teil eines gut gehüteten Geheimnisses zur Herstellung von Sonnencreme.

Nachdem man einen Film wie «Sunnämilch» gesehen hat, ist man sich nicht mehr sicher, ob die Welt wirklich eine Kugel ist oder nicht doch eine Sammlermurmel des etwas introvertierten Aliens Herbert aus einer der Galaxien des Naktronh-Pasch. Was? Genau. Der experimentelle Film von Silvan Zweifel überzeugt in bester avantgardistischer Manier mit viel Kreativität und Liebe zum Detail. Nach seinen Intentionen gefragt meint Silvan: «Ich hegte keine Beabsichtigungen mit diesem Film. Was auch immer die Leute in den Film reininterpretieren, passt für mich». Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Zwischen freier Meinungsäusserung und Rassismus

Einen Artikel über einen Diskussionsabend zu Political Correctness aus (mehrheitlich) linker Perspektive ganz in der männlichen Form zu schreiben, geht eigentlich gar nicht. Politische, und damit sprachliche Korrektheit (beziehungsweise eine nicht diskriminierende Ausdrucksweise) wird unter anderem in der Debatte um gendergerechte Sprache gefordert. Doch am Diskussionsabend am Dienstag war das Podium ganz in Männerhand. Kurz hatte es gar nach einem «White Male-only»-Podium ausgesehen. Also alles Personen, die aus einer privilegierten Sichtweise über das Thema sprechen können. In letzter Minute fand sich aber noch Stadtrat Pinto de Magalhães auf dem Podium ein, der als Person-of-Color die Diskussion jeweils aufs Kernthema der Aktionswoche führte: Dass auch das links-grüne Bern nicht gefeit sei vor Rassismus.

Als Beispiel wurde etwa die Diskussion um die Zunft zum Mohren genannt. Pinto de Magalhães hatte 2014 einen Vorstoss zu rassistischen Darstellungen im öffentlichen Raum eingereicht, eben auch jener «Mohr» auf dem Wappen der Berner Schneider- und Tuchschererzunft. Er und andere Befürworter des Vorstosses seien nach ihrem Vorstoss auch von linken Kreisen kritisiert worden. Durch solche Symbolpolitik würde von «echtem» Rassismus abgelenkt, so die Kritiker. Der SP-Stadtrat findet aber, solche Kritik werte die wichtige Diskussion um rassistische Darstellungen im öffentlichen Raum ab, zieht sie ins Lächerliche und negiert damit jahrhundertealte Machtstrukturen von Privilegierten gegenüber Minderheiten.

Diskutieren statt denunzieren

Laut Rolf Zbinden, Dozent für Sprache und Literatur, haben diskriminierende Äusserungen in den letzten Jahren zugenommen. Er lehnt aber die Faschismus-Keule klar ab. Wenn Jugendliche vom «Ghetto», sprich «Puff», der «Unordnung» sprechen, kläre er über dessen Etymologie auf. Wenn im politischen Diskurs rechtliche Rückschritte, sogenannte Rollbacks, diskutiert werden, könne auf politischem Weg geantwortet werden. Ein solcher Versuch für Rollback-Politik sei etwa die Heiratsinitiative der CVP gewesen, welche die Ehe explizit für Frau und Mann statuieren wollte. Gefährlich werde es aber dann, wenn Ausdrücke aus der klar kolonialistischen, faschistischen oder nationalsozialistischen Vergangenheit aufgewärmt, enttabuisiert und von politischen Akteuren instrumentalisiert werden: «Wir dürfen solchen Ausdrücken keinen Fussbreit Raum lassen». Als Sprachpolizist sieht er sich hingegen auf keinen Fall: Er wolle auf Problematik hinweisen, das Gespräch suchen, dagegen argumentieren undsich klar positionieren.

Die Podiumsteilnehmer definieren den Begriff der Political Correctness unterschiedlich: Für Stadtschreiber Wichtermann handelt es sich im Kern um banale Höflichkeit. Für Stadtrat Pinto de Magalhães lenkt die Diskussion um den Begriff vom eigentlichen Thema ab, nämlich Rassismus, Diskriminierung, Hierarchisierung. Diese Debatte hat ihm denn auch am Podium gefehlt, zumal es doch Teil der Aktionswoche gegen Rassismus sei.

Wer setzt Grenzen?

In Projer’scher Manier stellte Moderator Uherkovich den Podiumsteilnehmern zum Schluss die Frage nach deren eigenen politisch inkorrekten Statements. Alle gaben zu, dass ihnen schon fragwürdige Ausrutscher passiert sind. Zbinden etwa musste sich einmal von einem Kollegen, der im Rollstuhl sitzt, darauf hinweisen lassen, was «invalid» bedeutet. «Das kann jedem passieren, wichtig finde ich, sich darüber bewusst zu sein», so Pinto de Magalhães.

Wer die Grenze zu einer nicht tolerierbaren Äusserung definiert , kann oder will an diesem Abend niemand beantworten. Es bleibt wohl an der Aufgabe jedes und jeder Einzelnen, sich immer wieder von Neuem dafür einzusetzen, dass Personen, die sich bewusst diskriminierend äussern, dies nicht mit ihrem Recht auf freie Meinungsäusserung legitimieren können.

Antirassismuswoche: Linke Alibiveranstaltung?

«Ich bin kein Rassist, aber…» So lautet der Aufhänger der Berner Aktionswoche gegen Rassismus. Auf diese Ankündigung folge oft trotz Verneinung eine rassistische Aussage. Die Aktionswoche wird von der Stadt Bern gemeinsam mit verschiedenen Organisationen veranstaltet. Unter den Organisationen sind vor allem Gemeindevereine, Kirchen und Gewerkschaften zu finden. Die Woche findet vom 21. bis 27. März statt und steht dieses Jahr unter dem Motto, dass es «kein Aber» beim Thema Rassismus gibt.

Auf Woche sieben

Die Antirassismuswoche findet bereits zum siebten Mal statt. Während die Woche früher mit allgemeinen Aussagen wie «In der Stadt Bern hat es keinen Platz für Rassismus» warb, spricht sie heute konkret Alltagsrassimus an. Darauf antwortet die Projektleiterin der Aktionswoche, Marianne Helfer, auf Anfrage von Tink.ch: «Ich sehe da keinen Wandel. Das Thema ist das gleiche, lediglich der Aufhänger ist anders.» In den letzten Jahren haben deutlich mehr Menschen an der Woche teilgenommen als noch zu Beginn. Die Aktionswoche sei bekannter und etablierter geworden. Ein weiterer wichtiger Faktor für die Zunahme sei gemäss Marianne Helfer auch der aktuelle politische Diskurs: «Populismus ist sicherlich nichts Neues, jedoch sind die Diskussionen in letzter Zeit härter und rassistischer geworden, was zur Folge hat, dass sich wieder mehr Menschen mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen.»

Was die Woche bringen soll

Die Aktionswoche gegen Rassismus richte sich an eine möglichst breite Masse der Bevölkerung. Marianne Helfer meint dazu: «Die Aktionswoche hat da eine grosse Stärke. Da sich viele verschiedene Organisationen mit je verschiedenen Zielgruppen beteiligen, können wir ein vielfältiges Publikum ansprechen.»

Rassisten zu sensibilisieren sei «wahnsinnig schwierig». Bei der Aktionswoche gehe es vielmehr darum, dass die Teilnehmenden sich mit dem Rassismus und seinen Folgen ernsthaft auseinandersetzen. «Rassismus kommt auch in einer weltoffenen, linksliberalen Stadt Bern vor», so Helfer. Auch in linken Kreisen existiere Rassismus und diese seien somit auch Teil des Problems, so ihre Erfahrungen. Ein weiteres Ziel der Woche sei das gegenseitige Kennenlernen von Teilnehmenden. Somit würden neue, wichtige Netzwerke geschaffen.

Konservative, rechtsgesinnte Personen werden wohl eher weniger anzutreffen sein. Bei einem Blick ins Programmheft fällt insbesondere der Workshop «Argumentieren gegen Rechts» auf, der von der Jugendgruppe der Gewerkschaft Unia organisiert wird. In der Ausschreibung wird von rechts(radikalen) Parolen gesprochen, denen etwas entgegengesetzt werden müsse. Im Workshop solle dann gelernt werden, wie gegen solche Positionen argumentiert werden kann. Beim Durchlesen stellt sich die Frage, wie neutral dabei eine Veranstaltung sein sollte, welche einen Teil eines steuerfinanzierten Formates wie der Aktionswoche darstellt. Marianne Helfer stellt klar: «Es gibt keine neutrale Haltung gegenüber Rassismus». Von Diffamierung gegenüber rechtsbürgerlich Gesinnten will sie nichts wissen. Den Vorwurf, dass die Ausschreibung «rechts» mit «rechtsradikal» gleichsetzt, nehme sie zur Kenntnis. Dennoch weist sie darauf hin, dass rechte Parolen oft auch rassistische Stereotypen beinhalten.

Marianne Helfer weist zudem darauf hin, dass die teilnehmenden Organisationen nicht auf ihre politische Haltung geprüft werden. «Rechte Organisationen zeigten jedenfalls kein Interesse an einer Teilnahme.» Selbstverständlicherweise seien aber auch Rechte willkommen. Wie jeder, der Interesse zeige, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen.

Projektleiterin Marianne Helfer glaubt nicht, dass Rassismus jemals gänzlich verschwinden wird. Ob es eine achte Aktionswoche geben wird, entscheide sich nach der Evaluation, bei der die Rückmeldungen der jeweiligen Veranstaltenden einbezogen werden. Zudem werde auch berücksichtigt, wie viele an den Veranstaltungen teilgenommen haben werden.

Als «linke Alibiveranstaltung» kann die Woche mit einem vielfältigen und aktuellen Programm sicherlich nicht abgetan werden. Aus den Aussagen von Marianne Helfer geht jedoch auch hervor, dass die Woche es noch nicht schafft, politisch konservative Spektren in die antirassistische Arbeit einzubinden. Mit Blick auf die aktuellen, teils populistischen Debatten wäre eine Sensibilisierung für das Problem Rassismus wohl dort am nötigsten. Verständlicherweise kann die Aktionswoche alleine nicht den Rassismus bekämpfen. Dafür braucht es das ganze Jahr über Engagement von allen Seiten.

Mehr Informationen und das Programm zur Antirassismuswoche der Stadt Bern findest du auf www.berngegenrassismus.ch. Das Team von Tink.ch wird im Verlaufe der Woche über einige Veranstaltungen berichten.

Der nachhaltige Filmtipp – Unsere Wildnis

Von der winzigen Spinne bis zum grossen Braunbären nehmen die Filmemacher die Zuschauer mit auf eine eindrucksvolle Reise durch die unberührte Wildnis. Aus der Perspektive von Flora und Fauna wird dem Betrachter die ganze Schönheit der Natur vor Augen geführt: ganz nah, ganz natürlich, als wäre man selbst mittendrin im Unterholz.

Die abwechslungsreiche Musik sorgt dafür, dass der Spannungsbogen stets erhalten bleibt. Der Mensch taucht in diesem Film beiläufig, fast nur schemenhaft auf. Die Wildnis ist ganz klar Hauptdarstellerin in dem Film, dennoch wird auf unterschwellige Art und Weise deutlich, wie der Mensch es über Jahrhunderte geschafft hat, die Natur zurückzudrängen. Umso eindrucksvoller ist es zu sehen, wie die Natur immer wieder Wege findet, sich der neuen Situation anzupassen und sich im neuen Lebensraum zu entfalten.

Schulaktion «Unsere Wildnis»

Der Verein Filme für die Erde unterstützt die Nachhaltigkeitsbildung an Schulen und verschenkt in Zusammenarbeit mit Pro Natura und Kistenmöbel 400 Gratis-DVDs des Films Unsere Wildnis an Schweizer Schulen. Lehrpersonen können die DVD ab sofort mit diesem Formular bestellen.

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Planet Erde aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Der monatliche Filmtipp wird von Filme für die Erde präsentiert. www.FILMEfürdieERDE.org ist die weltweit grösste Website zu Film und Nachhaltigkeit, mit über 100 Filmen, die direkt online angeschaut werden können.

Dieser Eintrag erschien am 14.03.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.

«Ist so, weil ist so» war gestern

«Verweichlichung» und «Pfadi-Lager» lauteten die Schlagworte im kürzlich erschienenen Tages-Anzeiger-Artikel zum Thema Progress. Von flexiblen Marschdistanzen, mehr Schlaf und von – haltet euch fest – Verschiebungen gemächlichen Schrittes von A nach B war die Rede. Ob diesem Wellness-Programm in den Rekrutenschulen, entluden sich in den Kommentarspalten und auf Social Media die Gemüter, alleine auf 20 Minuten wurde ein ähnlicher Artikel 2’350 mal geteilt. Mit «als ich noch in der RS war…» begannen viele Kommentare und es folgte eine Tirade drakonischer Strafen, die man damals noch ohne Widerrede ausführen musste. Auch ich (vgl. Angaben zu meiner Person unten) war hinsichtlich den angeblichen Entwicklungen in der Armee etwas verunsichert und hätte den Inhalt wohl gleich oder zumindest ähnlich beurteilt, wie viele andere Leser auch. Grund genug, einmal nachzuhaken.

Was ist Progress?

Die Zahl von Rekruten, welche die Rekrutenschule aus physischen oder psychischen Gründen in den ersten Wochen abbrechen, war der Armee mit durchschnittlich 13 Prozent zu hoch. Deshalb wurde unter der Leitung von Hauptmann Mathias Maurer an der Infanterie Rekrutenschule 5 in Colombier das Projekt Progress eingeführt. Mit gezielten Massnahmen soll die Motivation und die Fitness der jungen Erwachsenen gesteigert und so die Abbruchquote reduziert werden. «Es bringe nichts, die Rekruten in der ersten Woche dermassen an die Wand zu fahren, dass sie kaum noch gehen können und jegliche Motivation in den ersten paar Stunden verlieren. Viel besser ist es, die Rekruten aufzubauen und sie kontinuierlich an ihre Leistungsgrenze zu bringen und diese dann auch zu erweitern», sagt Einheits-Berufsoffizier Maurer. Schlussendlich steht aber nach wie vor die Auftragserfüllung im Zentrum, einzig der Weg dorthin ändert sich mit Progress.

Von flexiblen Marschdistanzen und anderen Halbwahrheiten

Um die Abbruchquote zu senken, wird der Hebel gezielt beim Sport angesetzt. Viele Rekruten sind zu Beginn der RS nicht in der Lage, technisch saubere Liegestützen zu absolvieren. Dieser Fakt ist ernst zu nehmen und hat zur Folge, dass die Rekruten über den Tag verteilt viele kurze Aufbautrainings absolvieren. Zwei- bis dreimal pro Woche findet eine 30-minütige Sporteinheit vor dem Morgenessen statt. Anschliessend wird an jedem Antrittsverlesen (Besammlung der ganzen Truppe vor dem Ausbildungsbeginn) während fünf Minuten die Rumpfmuskulatur gestärkt und vor den Ausbildungsblöcken werden nochmals kurze Trainings eingebaut. Diese kleinen Sporteinheiten summieren sich über die Wochen auf und die Leistung kann sukzessive gesteigert werden. Das mag nach einem sanften Einstieg in die Rekrutenschule klingen, aber wen kümmerts, wenn am Schluss das Ergebnis stimmt? Bei Progress steht zudem der Rekrut als Mensch im Zentrum. Jedem Einzelnen soll bewusst sein, weshalb er eine Aufgabe ausführen soll und weshalb er diese oder jene Ausbildung erfolgreich bestehen muss. Kritisches Denken und hinterfragen sind erwünscht, da dies der Ausgangspunkt für Innovationen sind. Wenn ich nicht weiss, weshalb ich etwas tue, weshalb sollte ich es dann überhaupt tun?

Das Hauptargument schlechthin um von einem «Pfadi-Lager» zu sprechen, lautete im Tages-Anzeiger: «Es ist (…) jedem Einzelnen überlassen, wann er einen Marsch abbrechen will – oder ob er sich in Absprache mit dem Schularzt durchbeisst.» Bei dieser Aussage muss man wissen, dass diese Regelung nur für Marsch-Dispensierte gilt, also solche, die streng genommen keinen einzigen Meter absolvieren müssten. Trotzdem laufen sie bei Progress mit und machen soviel, wie sie können. Unterstützt von seinen Kameraden hat schon manch einer auf diese Weise ungeahnte Kräfte freigesetzt.

Grundsätzlich sind es lediglich Details, die durch das neue Projekt geändert werden, trotzdem können sie massiv zur Motivation der Rekruten, zur Dynamik innerhalb der Truppe und zur Reduzierung der Abbruchquote beitragen. Aufgrund des ständigen Trainings wird die RS wieder als härter wahrgenommen und dies ist etwas, was viele Rekruten in der Armee ein Stück weit auch suchen. In der Tat gibt es auch solche Massnahmen, die «soft» oder «verweichlicht» erscheinen. So wird in den ersten Wochen der Rückweg vom Ausbildungsplatz in die Kaserne in Turnschuhen marschiert und die Rekruten stehen in der Regel nicht vor sechs Uhr auf. Aber schlussendlich dienen auch diese Massnahmen einzig und allein der Erreichung des Gesamtziels: der Ausbildung junger Erwachsenen zu soliden Soldaten.


Transparenz ist uns wichtig: Infos zum Autor

Ich bin im März 2013 als Rekrut bei Hauptmann Maurer in die Infanterie Rekrutenschule 5 eingerückt, damals gab es Progress noch nicht. Militärisch habe ich mich zum Zugführer ausbilden lassen und kam rund sieben Monate später fürs Abverdienen (per Zufall) wieder zu Hauptmann Maurer in die Kompanie. Während des Abverdienens wurde Progress zum ersten Mal in der Infanterie Rekrutenschule 5 ausgetestet. Ich habe also den optimalen Vorher-nachher-Vergleich miterlebt und kenne beide Varianten. Bin ich denn nicht befangen? Natürlich bin ich befangen, ich kenne Hauptmann Maurer aus unserer gemeinsamen Dienstzeit sehr gut. Trotzdem traue ich jedem Tink.ch-Leser zu, sich eine eigene Meinung bilden zu können und die Standpunkte korrekt einzuordnen. Bei Rückfragen dürfen Sie gerne einen Kommentar hinterlassen.

Greenwashing, eine parasitäre Strategie

Wer Greenwashing betreibt, möchte vom aktuellen Öko-Trend nutzniessen, ohne wirklich mitzuschwimmen. Greenwashing ist ein modernes Phänomen bei dem ein Produkt, ein ganzes Unternehmen oder politische Strategien umweltfreundlicher dargestellt werden, als sie eigentlich sind. Es ist eine Marketingstrategie, die zu höheren Verkaufszahlen oder zu mehr Akzeptanz führen soll. Der Konsument wird dabei bewusst betrogen, da das Produkt oder das Unternehmen in Wirklichkeit gar nicht so umweltfreundlich, nachhaltig oder bio ist, wie es ihm die Werbung verkauft. Der falsche Eindruck eines besonders umweltfreundlichen und fairen Produktes kann durch Kampagnen, PR-Aktionen und auf andere Weisen erzeugt werden. Die Definitionen von Greenwashing sind so mannigfaltig, wie die Möglichkeiten dafür vielfältig sind: Für manche ist es schon Greenwashing, wenn in einer Werbung ein umweltschädliches Produkt in einer intakten Natur gezeigt wird und so vom Betrachter als umweltfreundlich interpretiert wird. Auch dass Unternehmen ihre Tätigkeiten für die Umwelt als freiwillige Eigenleistung darstellen, obwohl es sich dabei bloss um die Erfüllung der gesetzlich festgelegten Standards handelt, kann als Greenwashing bezeichnet werden.

Greenwashing zwischen Konsum und Politik

In der Lebensmittelindustrie erscheinen häufig erfundene Siegel, die das Produkt als etwas auszeichnen, das es nicht ist. Unter der Flut verschiedenster echter (das heisst geschützter) Umwelt- und Nachhaltigkeitssiegel, warten sie darauf, dass der Konsument auf sie hereinfällt. Und für ein (scheinbar) umweltweltfreundlicheres Produkt, ist der Kunde eher bereit, etwas mehr zu bezahlen.

Diese und viele weitere Greenwashing-Strategien sind vor allem eins: konsumorientiert. In Wahrheit bringen sie der Umwelt nicht viel.

Was viele nicht wissen: Greenwashing wird auch zur aktiven Politikbeeinflussung verwendet. Zum Beispiel soll eine Initiative, ein Unternehmen oder ein politische Strategie durch ein grünes Image auf mehr Akzeptanz stossen. Spontan fällt mir hierzu die Ecopop-Initiative ein. Auch erhoffen sich gewisse Wirtschaftsakteure, dass politische Entscheidungen wie Gesetzesvorhaben, welche strengere Umwelt-Richtlinien versprechen, durch Greenwashing beeinflusst werden können. Dabei soll in der Bevölkerung und besonders bei den Politikern der Eindruck entstehen, dass die Wirtschaft auf freiwilliger Basis bereits genug für die Umwelt tut und dass deswegen bindende Richtlinien nicht nötig sind.

Der Fall Volkswagen

Volkswagen hat dieses Greenwashing nochmals auf die Spitze getrieben. Wie gegen Ende 2015 bekannt wurde, entwickelte Volkswagen eine Software, welche die Emissionswerte von ihren Dieselmotoren verfälschten. Und diese wurde bereits ab 2009 in gewissen Dieselfahrzeugen eingebaut. Es scheint, dass die Deutschen nicht mehr so innovativ sind, wie sie mal waren. Stattdessen wendeten sie viel Mühe auf, das Kontrollsystem zu manipulieren. Nur so konnten sie auf dem Prüfstand die Abgasgrenzwerte einhalten. Doch in Wirklichkeit stossen diese VW-Dieselfahrzeuge viel mehr Schadstoffe aus, als gesetzlich erlaubt ist. Betroffen sind etwa elf Millionen Fahrzeuge.

Während sich die vorher erwähnten Greenwashing-Methoden noch knapp im legalen Rahmen befinden, sieht es bei dieser Volkswagen-Affaire anders aus. Nun kämpf Volkswagen mit verschiedensten Klagen, unter anderem für das Verstossen gegen die Umweltgesetze der USA.

Ein Indikator für eine umweltfreundlichere Welt?

Die subtilen legalen Greenwashing-Methoden bishin zur Fälschung und Manipluation von umweltrelevanten Messwerten zeigen uns Zweierlei: Erstens, die Affaire geht vorbei, zum Beispiel denkt kaum jemand noch an Shells Greenwashing-Affaire und der parallelen Umweltzerstörung in Nigeria.

Aber, und das ist der zweite Punkt: Es wird deutlich, dass es einen Trend in unserer Gesellschaft gibt. Ein grünes Image steigert den Wert eines Unternehmens. Produkte können attraktiver erscheinen und dadurch ensteht ein Wettbewerbsvorteil. Wenn dem nicht so wäre, würde auch das Greenwashing keinen Sinn machen. Dies sind alles gute Gründe, wirklich umweltfreundlicher zu produzieren und wahrhaft Corporate Social Responsibility (CSR) zu betreiben. Das Investieren in umweltschonendere Praktiken ist eine sinnvolle, langfristig ausgelegte Investition.

Die sich langsam anpassenden gesetzlichen Regelungen und die zwar umweltbewussteren, aber unbeständigen Konsumenten reichen alleine nicht aus, um grundlegende Mechanismen unserer Wirtschaft zu verändern. Es muss auch von innen geschehen.

Eine parasitäre Strategie

Eines ist am Greenwashing besonders problematisch: Unternehmen, die diese Strategie betreiben, sind Nutzniesser einer umweltbewussteren Bewegung. Es kann Unternehmen zur Einstellung verleiten, dass die gestiegenen Ansprüche im Bereich des Umweltschutzes dadurch ohne grossen Aufwand befriedigt werden können. Dabei pokern sie darauf, dass diese Ansprüche nicht noch mehr wachsen und sich auch nicht in strengeren gesetzlichen Richtlinien äussern. Geschieht dies dennoch, sind es diese Unternehmen, welche den Zug verpasst haben und dann vor noch grösseren Problemen stehen werden: Ihr Ruf wird ruiniert sein, der Geldaufwand noch beträchtlicher, die Wettbewerbsfähigkeit dahin.

So ist das eben mit den kleinen Nutzniessern: sie leben nicht sehr lange, ausser, wenn sie sich gut anpassen.

Dies ist eine leicht abgeänderte Version eines am 15. Juli 2016 publizierten Artikels unseres Partnermediums Quoi de Neuf.

Ausbildung gegen die Abhängigkeit

Es ist Mittagspause in der agilas. Die Stimmung wirkt heiter, es wird gelacht. Währenddessen schaut die anwesende Sozialpädagogin, dass die Essensausgabe funktioniert. Die Arbeitskleidung verrät bereits den Bereich, in dem die Lernenden ihre Ausbildung absolvieren. Dort eine grüne Latzhose – Gartenbau. Da eine graue Latzhose – Betriebsunterhalt. Die Betreuten hier haben mit verschiedensten Problemen zu kämpfen. Einige haben einen IQ unter 70 und können daher keine drei- oder vierjährige Lehre mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis bewältigen, andere kämpfen mit psychischen Problemen, Autismus oder Epilepsie.

Weg in die Selbstständigkeit

Eine davon ist Selma*, die mit einer Lernschwäche zurecht kommen muss. Sie wird hier zur Gärtnerin EBA ausgebildet, eine zweijährige Lehre mit Attest. »Du kannst die Natur selber in den Fingern halten«, sagt die 16-Jährige stolz über ihren künftigen Beruf. Ihre welligen schwarzen Haare hat sie nach hinten gebunden, sie spricht schnell, aber deutlich. Selma wohnt in einer WG in einem Block der sich unweit vom Hauptgebäude befindet. Die agilas schreibt auf ihrer Website: »Der Weg in die Selbstständigkeit bedeutet auch selbstständig wohnen.« Deshalb sind die Lernenden in Wohngruppen mit unterschiedlichem Betreuungsgrad untergebracht. In so einer Gruppe wohnt Selma mit ihren mittlerweile besten Freunden zusammen, die sie selbst liebevoll als ihre »kleine Familie« bezeichnet.

Nicht immer lief es rund für Selma. Die Trennung ihrer Eltern führt dazu, dass Selmas Mutter das Sorgerecht für das vierjährige Kind erhält. Später in der Schule wird sie stark gemobbt, wenn sie nach Hause kommt, beschimpft sie die Mutter oder schlägt sie sogar. Deshalb geht sie mit 12 Jahren wieder zum Vater zurück. Das Sozialamt bezahlt eine Privatschule in der das Mobbing aufhört, dann jedoch wieder anfängt. Daraufhin schickt ihr Vater sie in ein Internat. »Dort habe ich dann Kollegen gefunden.«

«Keine Chance auf Lehrstelle»

Jeannette Hasler leitet die Sozialpädagogik. Sie ist die Ansprechperson für das Konzept, die Teamsitzungen und Organisation der agilas und Mitglied der Geschäftsleitung. »Das Ziel ist immer die Integration in den Arbeitsmarkt.« Unter anderem auch die Verringerung der finanziellen Abhängigkeit vom Staat. Die Jugendlichen hier hätten keine Chance auf eine reguläre Lehrstelle. Neben dem EBA gibt es auch noch eine andere 2-jährige Ausbildung, welche die meisten Jugendlichen der agilas absolvieren, die sogenannte »Insos Pra«. Diese Ausbildung ist stark praxisorientiert. In den Bereichen Gartenbau, Hauswirtschaft, Betriebsunterhalt und Gastronomie ist das Ziel, dass die Jugendlichen sogenannte »Kernkompetenzen« erfüllen, wie z. B. die Hygiene einzuhalten und einen »anständigen Umgang« zu pflegen. Nach einem Jahr kommen sie mit ihren Fähigkeiten auf einen Stundenlohn von mindestens 2.55 Fr.. »Das klingt zuerst einmal nach ganz wenig.« Wenn man jedoch bedenke, dass die Jugendlichen oftmals inkonstant seien, sei dieser Verdienst gar nicht so einfach zu erreichen, erklärt Frau Hasler.

Erst wenn die von externer Stelle geprüften Lernenden diese Anforderungen erfüllen, zahlt die IV auch das 2. Ausbildungsjahr, wenn nicht, kommen sie in eine geschützte Werkstatt. »Der Druck hat in den letzten Jahren zugenommen.« Deshalb sei man jetzt bereits bei der Aufnahme der Jugendlichen kritischer. So ist gerade vor Kurzem ein Jugendlicher abgelehnt worden, weil er praktisch eine Eins-zu-eins-Betreuung benötigen würde, was die agilas nicht anbietet.

Die Mittagspause geht zu Ende und die Jugendlichen mit unterschiedlichsten Schicksalen und Geschichten machen sich wieder auf den Weg zu ihren Ausbildungsplätzen. Nach Feierabend gehen sie in ihre Wohngruppen und können im Idealfall dank ihrer Lehre bald einer Arbeit nachgehen, ohne von einer IV-Rente abhängig zu sein.

*Name von der Redaktion geändert