Gesellschaft | 21.02.2017

Fliegen lernen trotz Kaos im Cockpit

Text von Anna Jacobi | Bilder von Jakob Kristoffersen
Ein Besuch bei den Kaospiloten im Innovationsdorf in Bern. Was chaotisch tönt, ist eine unkonventionelle und dennoch seriöse Business Schule. Das Konzept besteht schon seit 25 Jahren in Dänemark und bewährt sich seit 2010 auch in der Schweiz.
  • Die Teilnehmer des "Kaosdays" lernen in kleinen Gruppen mehr über die Kaos-Theorie

    Bild: Jakob Kristoffersen - 1 / 5

  • Kreativität steht im Zentrum der Kaos-Theorie

    Bild: Rahel Krabichler - 2 / 5

  • Hier begegnet man sich auf Augenhöhe

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  • Improvisiertes Schulzimmer

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  • Die lockere Atmosphäre erinnert an eine Studentenwohnung

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Die Schule der Kaospiloten versteht sich als »changemaker«. Mit viel Selbstdisziplin und erfinderischem Unternehmensgeist versuchen die Studenten, Schwierigkeiten und chaotische Zustände zu überwinden und innovative Wege zu finden. »Sometimes you win, sometimes you learn« steht auf einem Poster in den Räumlichkeiten der Kaospiloten.

Kaosdays in Bern

Das Konzept zieht viele Interessierte an. Die rund 40 Besucher des dritten «Kaosday» am 4. Februar 2017 sitzen in einem grossen Kreis und stellen sich der Reihe nach vor. Das »I have spoken« der Teilnehmenden wird mit einem kollektiven »Ho« der ganzen Gruppe beantwortet und bedeutet, dass die nächste Person an der Reihe ist. Sam Nüesch, der die dreijährige Ausbildung bereits hinter sich hat, führt anschliessend ins Thema des Tages ein. Er spricht von »Augenhöhe«, von »anhaltenden Veränderungen«, von »Problemlösung« und von »Balance«. Was unkonventionell scheint, ist es auch. Neben Meditation, um die innere Balance zu stärken, stehen auch Kreativität und Verspieltheit sowie Zielsetzung und Strategie auf dem Tagesprogramm.

Fliegen lernen

Die Ausblidung zum Kaospiloten sei hart, meint Cedric Zaugg, der neben Sam Nüesch die Studenten des ersten Jahres betreut. Die Kaospiloten werden bereits im ersten Semester mit realen Aufträgen konfrontiert. Auf diese Art, so Zaugg, haben die Studenten von Beginn an direkten Praxisbezug und lernen mit alltagspraktischen Problemen umzugehen, was bei anderen Business-Studiengängen nicht der Fall ist. Teil des Studiengangs ist es, selber Aufträge und Projekte zu suchen. Mittlerweile werden immer mehr Aufträge an die Schule herangetragen. Die Theorieblöcke werden teils von externen Dozenten geleitet. Die Studenten werden dabei in Creative Leadership, Creative Project Design, Creative Process Design und Creative Business Design unterrichtet.

Ursprung des Kaos

Die Idee stammt von Uffe Elbæk, der die erste Schule 1991 in Aarhus, Dänemark, aufgebaut hat. Elbæk, der später temporär Kulturminister Dänemarks werden sollte, hatte die Vision einer Ausbildung, nach der man nicht Arbeit findet, sondern Arbeit schafft. Im Mittelpunkt dieses Prozesses sollte der Schüler selbst stehen.

Matti Straub, der 1996 die Kaospiloten Ausbildung in Dänemark abgeschlossen hat, brachte die Idee schliesslich nach Bern, wo er nach zweijähriger Arbeit im Jahr 2012 die ersten Studenten begrüssen konnte. Anders als in Dänemark wird die Schule in der Schweiz nicht staatlich subventioniert, sondern muss sich komplett selbst finanzieren. 100’000 CHF betragen die Kosten für die dreijährige Vollzeitausbildung, davon müssen die Studenten 48’000 CHF selbst bezahlen… Ein Betrag, den nicht jeder aufbringen kann. Auch wenn es von der Schule organisierte Darlehen für die Studenten gibt, gehören Geld verdienen und eigene Projekte neben dem Studium für die Studenten dazu.

Persönlichkeitsentwicklung und Selbstfindung

»Are you ready for life’s challenging training ground to unfold who you truly are?« (Bist du bereit für das anspruchsvolle Training, um zu entfalten wer du wirklich bist?) Mit diesem Spruch bewerben die Kaospiloten den Anmeldebogen für interessierte zukünftige Studenten. Persönlichkeitsentwicklung ist ein zentrales Thema im Studium. »Wer bin ich?«, »was will ich?«, »was ist mein Traum und was brauchen die Anderen?« sind nur einige Fragen, die die Studenten ermutigen sollen, etwas zu einer besseren Welt beizutragen. Soziales Gewissen versus marktorientierter Unternehmergeist? Was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst, hat Erfolg. Das Konzept wurde von der BusinessWeek zu einer der besten Design Schulen der Welt gezählt, die Fast Company nannte die Kaospiloten in ihrer Liste der «Startup Leages Big 10».

Neben der Persönlichkeitsentwicklung steht auch Teamwork im Zentrum der Kaos-Theorie. Es gibt keine Pyramidenstruktur, alle sollen sich auf Augenhöhe begegnen. So wie die Besucher des dritten «Kaosday», die sich auch am Ende des Tages wieder im Kreis gegenübersitzen. Und wie beim anfänglichen Check-in wird auch das Check-out mit einem »I have spoken« abgeschlossen.