Politik | 07.02.2017

Die erschwerte Einbürgerung

Text von Rade Jevdenic | Bilder von Mirco Friedli
Ob junge Menschen mit Migrationshintergrund erleichtert eingebürgert werden sollen, wird aufgrund der aktuellen Volksinitiative heiss diskutiert. Unser Tink-Autor durchlief von 2014 bis 2016 das ordentliche Einbürgerungsverfahren. Eine persönliche Abhandlung.
Bis zum vollen Bürgerrecht ist es selbst für Enkel von Immigrierten ein jahrelanger Prozess.
Bild: Mirco Friedli

Meinen Antrag auf ordentliche Einbürgerung habe ich erst im Alter von 20 Jahren gestellt, als einziger meiner Familie. Zum einen, weil es lange gedauert hat mir zu überlegen, warum ich das tun will, zum anderen, weil es Jahre gedauert hat, das nötige Geld zu sparen. Als Kind von bosnischen Serben in der Schweiz bin ich zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Ich habe mich in der Schweiz zwar nie fremd oder ausländisch gefühlt. Trotzdem hatte ich weniger Rechte, als die meisten Menschen, die mit mir aufgewachsen sind.

Geld, Termine, Auflagen

Wer sich in der Schweiz einbürgern will, braucht Geduld, Nerven und, abhängig vom Wohnort, auch Geld. Die genauen Kosten für eine ordentliche Einbürgerung schwanken stark in der Schweiz. Abhängig von Wohngemeinde und -kanton, bewegen sie sich in der Regel im Bereich zwischen 1000 und 5000 Franken für Einzelpersonen. Hinzu kommen unzählige Termine mit Vertretern der Gemeinde, des Kantons und anderen Kommissionen. Ausserdem ist es nicht erlaubt, den Wohnsitz während des Verfahrens zu verlegen. Je nach Wohnort dauern diese in der Regel zwei bis vier Jahre. Manchmal auch länger. Ich nenne sie deshalb auch nicht mehr »ordentliche Einbürgerung« sondern »Erschwerte Einbürgerung«. Durch die Initiative hätten neu Menschen unter 25, welche der dritten Generation in der Schweiz wohnhafter Migranten angehören, das Anrecht auf eine erleichterte Einbürgerung. Das bedeutet konkret: weniger Kosten und zeitlicher Aufwand für den Einzubürgernden, aber gleichermassen eine Entlastung für die Behörden, welche ihre Zeit dann wieder vermehrt in die Fälle investieren könnten, welche genauere Prüfungen verlangen.

In meinem persönlichen Fall waren es rund 3’000 Franken, zwei Jahre Verfahren und eine Reihe an Terminen, in denen ich beweisen und argumentieren musste, warum mir die Staatsbürgerschaft zusteht. In einem Gespräch mit einer Einbürgerungssachbearbeiterin musste ich unter anderem erklären, wie ich mich über das politische Geschehen informiere. Als ich sagte, dass ich mich hauptsächlich in der Wochenzeitung »die Zeit« informiere und keine Online- oder Newsmedien konsumiere, reagierte sie irritiert. Sie selbst schaue nur fern und lese »20 Minuten«. Die Person, welche die Kompetenz hatte meinen Informationsstand zu bewerten, kannte »die Zeit« nicht.

Doch warum nimmt man dieses Verfahren in Kauf? Menschen, die sich einbürgern lassen, haben verschiedene Motive. Einige identifizieren sich kulturell stärker mit der Schweiz als mit ihrem Herkunftsland, andere wollen sich in der Demokratie einbringen oder sie haben es einfach satt, vor dem Gesetz als Ausländer dazustehen. In den meisten Fällen wird es eine Kombination aus allen Faktoren sein. Massgebend für meinen Antrag auf die Staatsbürgerschaft, welchen ich im Frühjahr 2014 eingereicht hatte, war die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Von diesem Tag an hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass meine Bürgerrechte durch eine Aufenthaltsbewilligung ausreichend geschützt sind. Was ist, wenn unsere populistischen Parteien damit weitermachen, die Grundrechte von Migranten zu beschneiden, wie durch die Ausschaffungsinitiatve oder Minarettinitiative? In meinen Augen ein zu grosses Risiko.

Das Privileg, als Schweizer geboren zu sein

Die Erfahrungen, welche ich mit Menschen in der Schweiz bezogen auf meine Einbürgerung gemacht habe, bewegen sich in einem breiten Spektrum. Zum einen wissen viele Schweizerinnen und Schweizer nicht so recht, wie man den Pass bekommt oder eingebürgert wird. Wenn ich erklärte, dass ich eine Aufenthaltsbewilligung habe – nicht den Schweizer Pass – reagierten viele irritiert und sagten: »Aber du bist doch hier geboren?« Selbst viele Schweizer kennen die Anforderungen nicht und gehen davon aus, dass man mit der Geburt in der Schweiz automatisch eingebürgert wird. Wenn ich dann erklärte, dass ich zwar gerne eingebürgert wäre, die horrenden Kosten jedoch eine Barriere darstellen, folgte nur noch mehr Irritation: »Dafür muss man zahlen? Mehrere Tausend Franken?« Das Privileg, von Geburt an Schweizer zu sein, ist einer Mehrheit unbewusst.

Vor allem Menschen, die Einbürgerungen und Migration im Allgemeinen kritisch gegenüberstehen, versuchen diese hochkomplexe Thematik in ein striktes Schwarz-Weiss-Raster einzuordnen. Oft wurden mir Fragen nach folgendem Muster gestellt: »Bist du Secondo? Fühlst du dich mehr als Schweizer oder als Serbe?« Die Realität des Lebens lässt leider selten absolute Antworten zu. In meinem Fall ist mein Vater selbst (nicht eingebürgerter) Secondo, meine Mutter jedoch Prima. Also bin ich ein bisschen dritte Generation, ein bisschen zweite. Ob ich mich damit für die erleichterte Einbürgerung qualifizieren würde, konnte ich nicht herausfinden. Für mein Streben nach der Schweizerischen Staatsangehörigkeit war aber nicht ausschlaggebend, wann meine Eltern oder Grosseltern in die Schweiz eingewandert sind. Sondern wo ich selbst geboren wurde, wo ich meine gesamte schulische Ausbildung durchlaufen habe, wo meine Freunde sind, in welcher Sprache ich mich am wohlsten fühle.

Papierlischweizer

Ob ich mich nun mehr als Schweizer fühle als etwas anderes? Jein. Diese Frage beantworte ich wahrheitsgetreu: Ich fühle mich als Serbe, der in der Schweizer geboren und aufgewachsen ist. Etwas Anderes zu behaupten wäre für mich reine Selbstverleumdung, da ich das kulturelle Erbe meiner Familie nicht verneinen will. Des Weiteren habe ich auch nach der Einbürgerung bemerkt, dass ich teilweise aggressive Reaktionen erlebt habe, wenn ich mich als Schweizer bezeichnet habe. Ich sei höchstens »Papierlischweizer«, denn richtiger Schweizer sein könne man höchstens von Geburt an, nicht aber durch ein Verfahren werden. Deshalb verzichte ich auf diese Diskussionen, bezeichne mich höchstens als Schweizer Staatsbürger und vermeide andere Kategorisierungen.

Der Abstimmung vom 12. Februar 2017 stehe ich mit gemischten Gefühlen gegenüber. Ich werde dafür stimmen, da es um die Rechte von jungen Menschen geht, welche einen leichteren Weg gehen sollen als ich. Menschen, die im Kern unserer Gesellschaft stehen, ihr Leben in der Schweiz verbracht haben und ein wichtiger Teil unserer Zukunft sind. Dass die Initiative jedoch Secondos ausschliesst, ist mir ein Dorn im Auge. Wenn junge Menschen nie selbst im Ursprungsland ihrer Familie gelebt haben, spielt es wirklich keine Rolle, ob sie zur zweiten, dritten oder vierten Generation gehören. Sie sollten die Möglichkeit haben, mit weniger Hürden ihre Staatsbürgerschaft zu erlangen.