Ich bin dafür und dagegen

Ich setze mich dafür ein, dass Freiräume und leerstehende Gebäude für Kultur, Bildung und Projekte aller Art genutzt werden. So entstehen Orte der Begegnung und Inspiration. Lebensfreude wird geteilt und Ideen können voller Enthusiasmus umgesetzt werden. Analog der Konzepte institutioneller Gemeinschafts- und Begegnungszentren.

Gleichzeitig bin ich klar gegen jegliche Sachbeschädigung und Anwendung von Gewalt. Mit verbalen und handgreiflichen Aktionen gegen Menschen und Dinge zerstören wir Hoffnungen, Ressourcen und Sympathien. Enttäuschungen und Verletzungen führen bloss dazu, dass die Bereitschaft für friedliche und konstruktive Kommunikation sinkt. Die Folge sind oft Wut, Unverständnis und aggressive Reaktionen.

Ich bin dafür, dass wir uns alle Mühe geben, die Interessen, Bedürfnisse und Ängste unserer Mitmenschen ernst zu nehmen. Unter Berücksichtigung der Hintergründe, Erfahrungen und auch Enttäuschungen unseres Gegenübers, wird es manchmal plötzlich möglich, Einstellungen und Meinungen nachzuvollziehen. So kann ein konstruktiver und lösungsorientierter Dialog entstehen. Ich finde es elementar, dabei zu realisieren, dass auch wir nur Empathie erfahren, wenn wir uns die Zeit nehmen, mit klaren Worten und Respekt unsere eigenen Interessen, Bedürfnisse und Ängste zu formulieren. Das bedingt Selbstreflexion und braucht Mut.

«Fuck the police« und zerbrochene Schaufenster entsprechen meiner Meinung nach also überhaupt nicht einem «No borders« Gedanken, sondern sinnlosem, aggressivem Verhalten, dass Fronten verhärtet, Dialog verhindert und Ängste schürt. Auf der anderen Seite kann ich durchaus verstehen, dass ein unverhältnismässiger Polizeieinsatz genau solche Aktionen provozieren kann. Wasserwerfer und Polizist*innen in Vollmontur sind ja auch nicht dafür bekannt, dass sie offen über Ihre persönlichen Interessen, Bedürfnisse und Ängste sprechen.

Ich bin gegen Fronten, gegen das «wir und ihr«-Denken und dagegen, Gruppen als homogene Massen von identisch denkenden und fühlenden Menschen wahrzunehmen.

Ich bin dafür, dass wir alle lernen, uns zu exponieren und unsere eigenen Interessen mit reflektierten, konstruktiven Worten und Taten zu vertreten. Ich setze mich ein für ein respektvolles Zusammenleben in einer wunderbar diversen Welt in allen Regenbogenfarben.

Ich setze mich dafür ein, dass Freiräume und leerstehende Gebäude (zwischen-)genutzt werden.

Für ein lebendiges, lebenswertes Bern.

Mila

Generationentalk: Pasqualina Perrig-Chiello und François Höpflinger

Moderation: Elias Rüegsegger (22), Technik: Samuel Müller

Wenn es in der Schweiz um «Generationen» geht, kommt man unmöglich um die beiden herum. Gemeinsam haben sie im Jahr 2008 erstmals den Generationenbericht Schweiz herausgebracht: Die emeritierte Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello (64) und der emeritierte Soziologe François Höpflinger (68) sind die Fachpersonen für die Beziehung zwischen den Generationen. Der gemeinsame Auftritt in «voller Garnitur» vor dem Mikrophon sei für sie dennoch eine Premiere, meinen die beiden.

Pasqualina Perrig-Chiello

Die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello untersucht Generationenbeziehungen in und ausserhalb der Familie. Sie ist ein gefragter Gast im Club des Schweizer Fernsehens. In der Berner Zeitung forderte die 64-Jährige kürzlich, «wir brauchen ein neues Bild der Grossmutter». In wunderbarem Walliser-Deutsch spricht sie sich engagiert für mehr Kontakt zwischen Menschen aller Generationen aus.

François Höpflinger

Der Soziologe forschte zum Alter(n), Generationen und Familien. «und» hat ihn bereits im letzten Jahr interviewt. Er kritisiert, dass sich manche ältere Menschen den Jungen anbiedern. «Generationenprojekte sind kein Anti-Aging Projekt» – so der 68-jährige emeritierte Professor. Für den Generationentalk ist er aus Horgen angereist. Mehrmals spricht er von seinen Grosskindern, die ihm sehr wichtig sind.

Dies ist eine Kurzversion eines Artikels unseres Partnermediums «und» das Generationentandem, der am 03. Februar 2017 erschien.

Fliegen lernen trotz Kaos im Cockpit

Die Schule der Kaospiloten versteht sich als »changemaker«. Mit viel Selbstdisziplin und erfinderischem Unternehmensgeist versuchen die Studenten, Schwierigkeiten und chaotische Zustände zu überwinden und innovative Wege zu finden. »Sometimes you win, sometimes you learn« steht auf einem Poster in den Räumlichkeiten der Kaospiloten.

Kaosdays in Bern

Das Konzept zieht viele Interessierte an. Die rund 40 Besucher des dritten «Kaosday» am 4. Februar 2017 sitzen in einem grossen Kreis und stellen sich der Reihe nach vor. Das »I have spoken« der Teilnehmenden wird mit einem kollektiven »Ho« der ganzen Gruppe beantwortet und bedeutet, dass die nächste Person an der Reihe ist. Sam Nüesch, der die dreijährige Ausbildung bereits hinter sich hat, führt anschliessend ins Thema des Tages ein. Er spricht von »Augenhöhe«, von »anhaltenden Veränderungen«, von »Problemlösung« und von »Balance«. Was unkonventionell scheint, ist es auch. Neben Meditation, um die innere Balance zu stärken, stehen auch Kreativität und Verspieltheit sowie Zielsetzung und Strategie auf dem Tagesprogramm.

Fliegen lernen

Die Ausblidung zum Kaospiloten sei hart, meint Cedric Zaugg, der neben Sam Nüesch die Studenten des ersten Jahres betreut. Die Kaospiloten werden bereits im ersten Semester mit realen Aufträgen konfrontiert. Auf diese Art, so Zaugg, haben die Studenten von Beginn an direkten Praxisbezug und lernen mit alltagspraktischen Problemen umzugehen, was bei anderen Business-Studiengängen nicht der Fall ist. Teil des Studiengangs ist es, selber Aufträge und Projekte zu suchen. Mittlerweile werden immer mehr Aufträge an die Schule herangetragen. Die Theorieblöcke werden teils von externen Dozenten geleitet. Die Studenten werden dabei in Creative Leadership, Creative Project Design, Creative Process Design und Creative Business Design unterrichtet.

Ursprung des Kaos

Die Idee stammt von Uffe Elbæk, der die erste Schule 1991 in Aarhus, Dänemark, aufgebaut hat. Elbæk, der später temporär Kulturminister Dänemarks werden sollte, hatte die Vision einer Ausbildung, nach der man nicht Arbeit findet, sondern Arbeit schafft. Im Mittelpunkt dieses Prozesses sollte der Schüler selbst stehen.

Matti Straub, der 1996 die Kaospiloten Ausbildung in Dänemark abgeschlossen hat, brachte die Idee schliesslich nach Bern, wo er nach zweijähriger Arbeit im Jahr 2012 die ersten Studenten begrüssen konnte. Anders als in Dänemark wird die Schule in der Schweiz nicht staatlich subventioniert, sondern muss sich komplett selbst finanzieren. 100’000 CHF betragen die Kosten für die dreijährige Vollzeitausbildung, davon müssen die Studenten 48’000 CHF selbst bezahlen… Ein Betrag, den nicht jeder aufbringen kann. Auch wenn es von der Schule organisierte Darlehen für die Studenten gibt, gehören Geld verdienen und eigene Projekte neben dem Studium für die Studenten dazu.

Persönlichkeitsentwicklung und Selbstfindung

»Are you ready for life’s challenging training ground to unfold who you truly are?« (Bist du bereit für das anspruchsvolle Training, um zu entfalten wer du wirklich bist?) Mit diesem Spruch bewerben die Kaospiloten den Anmeldebogen für interessierte zukünftige Studenten. Persönlichkeitsentwicklung ist ein zentrales Thema im Studium. »Wer bin ich?«, »was will ich?«, »was ist mein Traum und was brauchen die Anderen?« sind nur einige Fragen, die die Studenten ermutigen sollen, etwas zu einer besseren Welt beizutragen. Soziales Gewissen versus marktorientierter Unternehmergeist? Was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst, hat Erfolg. Das Konzept wurde von der BusinessWeek zu einer der besten Design Schulen der Welt gezählt, die Fast Company nannte die Kaospiloten in ihrer Liste der «Startup Leages Big 10».

Neben der Persönlichkeitsentwicklung steht auch Teamwork im Zentrum der Kaos-Theorie. Es gibt keine Pyramidenstruktur, alle sollen sich auf Augenhöhe begegnen. So wie die Besucher des dritten «Kaosday», die sich auch am Ende des Tages wieder im Kreis gegenübersitzen. Und wie beim anfänglichen Check-in wird auch das Check-out mit einem »I have spoken« abgeschlossen.

Vom Schaf in den Shop – der Weg meiner Kleidung

Hast du dich schon mal gefragt, woher eigentlich deine Kleidung kommt und wie sie hergestellt wird?

Die Frage macht Sinn, findet GORILLA, denn du entscheidest mit deinem Kauf, ob du Kleider kaufen möchtest, die fair und umweltfreundlich produziert wurden oder nicht.

1. Rohstoff-Produktion: Aus welchem Rohstoff besteht dein Pulli, Hose, Shirt etc.?

Baumwolle, Schafwolle, Leinen, Viskose, ja sogar recycelte Petflaschen werden verwendet, um Kleider herzustellen. Die Hersteller entscheiden sich bewusst für oder gegen ökologisch und fair gewonnene Rohstoffe. Glücklicherweise gibt es zunehmend Kleidermarken, die sich für umweltfreundliche und soziale Bedingungen bei der Produktion einsetzen – beispielsweise biologisch hergestellte Baumwolle verwendet und darauf achtet, dass die Baumwoll-Bauern faire Löhne erhalten. Kleidermarken, die z.B. das Label »GOTS« tragen, wurden umwelt- und sozialfreundlich hergestellt.

2. Stoffherstellung: Wie umweltfreundlich/-schädlich wurde der Stoff deiner Kleidung produziert?

Beim nächsten Schritt, der Stoffproduktion, wird gesponnen, gebleicht, gefärbt, gestrickt und gewoben. Das Label »Bluesign« achtet unter anderem darauf, dass keine Giftstoffe ins Wasser gelangen.

3. Konfektion: Wie geht’s den Näherinnen, die deinen Pulli fertigen?

Bei der Konfektion wird geschnitten, genäht und bedruckt. Hier entstehen T-Shirts, Hosen, Jacken, usw. Da die NäherInnen häufig unter Zeitdruck arbeiten müssen, sind eine hohe Sicherheit am Arbeitsplatz und eine faire Entlöhnung lebenswichtig. Marken mit der Zertifizierung Fair Wear Foundation achten auf faire und sichere Arbeitsbedingungen.

4. Verkauf: Jetzt liegt’s an dir!

Du entscheidest, wo du deine nächsten Kleider kaufst. Wusstest du, dass auch bei GORILLA die meisten Kleider ökologisch und fair hergestellt werden? GORILLA bemüht sich zudem, künftig noch mehr auf umwelt- und sozialgerechte Herstellung zu achten.

5. Gebrauch, Recycling, Upcycling: Don’t waste your clothes!

Brauche deine Kleider so laaaange wie möglich! Wer weiss, vielleicht sind deine alten Jeans, in zwei Jahren wieder trendy. Oder mach aus deinem alten T-Shirt einen coolen Stoff-Bag.

Dylan und der Timoa von CTV erklären euch nochmals, wie das mit dem «vom Schaf bzw. von der Baumwolle zum Kleidungsstück im Laden« funktioniert.

Dieser Artikel ist am 26. Januar 2017 auf dem Blog von unserem Partner GORILLA erschienen.

Die Berner Wiege der Geduld

Ich warte gerade beim Loebegge auf meine wunderbare, wenn auch notorisch unpünktliche Freundin und habe Zeit nachzudenken.

Liebe Nichtberner (und Leute, die nur pünktliche Freunde haben): Falls ihr nicht wisst, was es heisst am Loebegge zu warten, wenn man »am Füfi« dort abgemacht hat, dann werde ich euch jetzt aufklären. Das grosse Kaufhaus Loeb, gleich beim Bahnhof Bern, wird von den Leuten hier nicht nur aufgesucht, weil es im fünften Stock eine der in Bern seltenen, frei benutzbaren Indoor-Toiletten gibt, ohne dass man dafür einen Alibikaffee runterkippen muss, der einen wiederum nach etwa einer Stunde in die gleiche Bredouille bringt. Das dürft ihr aber nicht weitersagen. Die Damen, die zuoberst in der Birkenstockabteilung arbeiten, sind sowieso schon ganz genervt von allen Toilettenschnorrern, die nichts kaufen wollen. Sie sollten aber eigentlich froh sein, dass überhaupt jemand an diesen Regalen vorbeigeht. Denn höchstens Hipster oder längst pensionierte Lehrer würden sich einen solchen fussbekleidungstechnischen Schlag ins Gesicht heute noch anschaffen.

Item.

Der Loeb ist also DER Treffpunkt in Bern. Hier wartet man aufeinander. Natürlich haben wir auch einen klassischen Treffpunkt mit dem bekannten weissen Tupf, wie an jedem grösseren Bahnhof in der Schweiz. Doch wenn man unter ihm in der riesigen Bahnhofshalle wartet, scheint man wirklich jedem einzelnen Pendler im Weg zu stehen. Zu Stosszeiten wirds besonders gemütlich. Aber vielleicht ist das ja nur meine Meinung. Es ist nicht so, dass ich menschliche Nähe grundsätzlich nicht mag, ich mag sie nur nicht in aller Öffentlichkeit. Und ungefragt. Und von Unbekannten. Darum lieber beim Loeb, wo jeder den schweizerischen Bünzlimindestabstand hält. Eine Armlänge sozusagen.

Des Loebes Ecke, die eigentlich gar keine Ecke ist, sondern einfach eine grosse Fensterfront, hat sogar einen eigenen Wikipediaeintrag. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Berner bekanntermassen das langsamste Volk nördlich des Äquators sind. Da ist mal einer unerwartet schnell, schon muss er auf den andern warten. Vor der Zeit der Mobiltelefonie war an einer der Aussenwände vom Loebegge noch ein schwarzes Kabeltelefon angebracht, auf welches die Zuspätkommer anrufen konnten und ihre Verspätung ankünden konnten. Wer am nächsten daneben stand, nahm den Anruf entgegen und rief den Verlangten aus. So konnte der Wartende seinen Ärger schon ein wenig an der frischen Luft verrauchen lassen und der Abend war gerettet. Ehen wurden so gerettet. Oder vielleicht war es auch der Paartherapeut, den zu treffen der Grund für die Verabredung am Loebegge war.

Wenn man da so am Nabel der Geduld steht, zwingt einen dies, oder zumindest mich, über das Wort »Warten« nachzudenken. Dafür habe ich ab jetzt erfahrungsgemäss noch etwa zehn Minuten Zeit. Warten. Ein hoffnungsvolles Wort. Wer wartet, hat meist noch nicht aufgegeben. Und wer die Hoffnung einmal aufgegeben hat, kann weiter warten, eine neue Hoffnung wird kommen. Ein Beispiel waren die Präsidentschaftswahlen der USA: Man wartete auf das Ergebnis, hoffend, dass das amerikanische Volk nicht vorwiegend aus englischsprechenden Göläs und anderen Wutbürgern besteht. Die Hoffnung ging mit dem Ergebnis, Trump wurde nun vereidigt und das Warten kann, unserem Seelenheil zuliebe, auf ein neues Ziel gerichtet werden, auf das Ende seiner Amtszeit. Und damit entsteht eine neue Hoffnung. Die, dass das Volk das nächste Mal ihre Halloweencrazyness rechtzeitig abschüttelt und genug davon hat, einen cholerischen Kürbis an der Regierungsspitze zu haben.

Ich bin abgeschweift. Man kann während dem Warten auch sehr schön die anderen Wartenden begutachten. Der Loebegge wäre ein wahres Paradies für Verhaltensforscher. Wo sonst verhält sich der Mensch natürlicher als in der Anonymität des Bahnhofplatzes, unbeobachtet von all den gestressten Passanten und Kurieren, die viel zu schnell mit ihren Rennrädern an einem vorbeifahren als dass sie uns näher mustern könnten. In seiner temporären Einsamkeit offenbart sich der Mensch, vielleicht verloren in Gedanken an den, der bald auftaucht. So zumindest sieht die junge Frau aus, die ganz nah an der graubraunen Sandsteinsäule steht, als hätte sie diesen Platz bewusst gewählt, Rückendeckung suchend, weil sie nicht verloren mitten auf dem Platz stehen wollte.

Hinter ihr hängen die Metalltafeln mit den geographischen Koordinaten des Loebegge und die Tauftafel, deren Namensliste eigentlich viel zu kurz ist. Namen verdienter Berner stehen darauf, nach denen der Loebegge vorübergehend umbenannt wurde. Im Herbst 2002 hiess er zum Beispiel einen Monat lang Mani Matter Egge. Und 1998 wurde der Loebegge für drei Tage in »I Salonisti Egge« umbenannt.

Passendere Namensgeber gibt es kaum! Denn das Berner Klavierquintett I Salonisti waren die Meister im Warten. Ihr kennt sie nicht? Diese fünf, man darf nun wohl sagen, älteren Herren, mimten das Boardorchester im Hollywoodblockbuster und Oscarabräumer Titanic. Ja genau, der mit Leo und Kate. Ihr Warten ging in die Filmgeschichte ein. Die Streicher aus Bern spielten auf dem Deck des sinkenden Schiffes, inmitten der Massenpanik, ihr letztes Stück, stoisch wartend auf den Tod. Ein würdevoller Abgang der ultimativen Warter. Zum Glück nur auf der Leinwand.

So, da ist sie und unterbricht meine Gedanken. Glück für euch, sonst wär ich hier noch weiter abgedriftet! Beim Weggehen schaue ich nochmal zurück und denke mir dabei, dass ich den Loebegge eigentlich noch nie ohne wartende Menschen davor gesehen habe. Tja, so ist das, der Mensch wartet immer auf irgendwas. Da muss man schon mal Geduld haben. Und wenn ihr Gleichgesinnte sucht, versucht’s doch mal beim Loebegge, dort wartet jeder für sich und doch ist keiner dabei alleine.

Die erschwerte Einbürgerung

Meinen Antrag auf ordentliche Einbürgerung habe ich erst im Alter von 20 Jahren gestellt, als einziger meiner Familie. Zum einen, weil es lange gedauert hat mir zu überlegen, warum ich das tun will, zum anderen, weil es Jahre gedauert hat, das nötige Geld zu sparen. Als Kind von bosnischen Serben in der Schweiz bin ich zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Ich habe mich in der Schweiz zwar nie fremd oder ausländisch gefühlt. Trotzdem hatte ich weniger Rechte, als die meisten Menschen, die mit mir aufgewachsen sind.

Geld, Termine, Auflagen

Wer sich in der Schweiz einbürgern will, braucht Geduld, Nerven und, abhängig vom Wohnort, auch Geld. Die genauen Kosten für eine ordentliche Einbürgerung schwanken stark in der Schweiz. Abhängig von Wohngemeinde und -kanton, bewegen sie sich in der Regel im Bereich zwischen 1000 und 5000 Franken für Einzelpersonen. Hinzu kommen unzählige Termine mit Vertretern der Gemeinde, des Kantons und anderen Kommissionen. Ausserdem ist es nicht erlaubt, den Wohnsitz während des Verfahrens zu verlegen. Je nach Wohnort dauern diese in der Regel zwei bis vier Jahre. Manchmal auch länger. Ich nenne sie deshalb auch nicht mehr »ordentliche Einbürgerung« sondern »Erschwerte Einbürgerung«. Durch die Initiative hätten neu Menschen unter 25, welche der dritten Generation in der Schweiz wohnhafter Migranten angehören, das Anrecht auf eine erleichterte Einbürgerung. Das bedeutet konkret: weniger Kosten und zeitlicher Aufwand für den Einzubürgernden, aber gleichermassen eine Entlastung für die Behörden, welche ihre Zeit dann wieder vermehrt in die Fälle investieren könnten, welche genauere Prüfungen verlangen.

In meinem persönlichen Fall waren es rund 3’000 Franken, zwei Jahre Verfahren und eine Reihe an Terminen, in denen ich beweisen und argumentieren musste, warum mir die Staatsbürgerschaft zusteht. In einem Gespräch mit einer Einbürgerungssachbearbeiterin musste ich unter anderem erklären, wie ich mich über das politische Geschehen informiere. Als ich sagte, dass ich mich hauptsächlich in der Wochenzeitung »die Zeit« informiere und keine Online- oder Newsmedien konsumiere, reagierte sie irritiert. Sie selbst schaue nur fern und lese »20 Minuten«. Die Person, welche die Kompetenz hatte meinen Informationsstand zu bewerten, kannte »die Zeit« nicht.

Doch warum nimmt man dieses Verfahren in Kauf? Menschen, die sich einbürgern lassen, haben verschiedene Motive. Einige identifizieren sich kulturell stärker mit der Schweiz als mit ihrem Herkunftsland, andere wollen sich in der Demokratie einbringen oder sie haben es einfach satt, vor dem Gesetz als Ausländer dazustehen. In den meisten Fällen wird es eine Kombination aus allen Faktoren sein. Massgebend für meinen Antrag auf die Staatsbürgerschaft, welchen ich im Frühjahr 2014 eingereicht hatte, war die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Von diesem Tag an hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass meine Bürgerrechte durch eine Aufenthaltsbewilligung ausreichend geschützt sind. Was ist, wenn unsere populistischen Parteien damit weitermachen, die Grundrechte von Migranten zu beschneiden, wie durch die Ausschaffungsinitiatve oder Minarettinitiative? In meinen Augen ein zu grosses Risiko.

Das Privileg, als Schweizer geboren zu sein

Die Erfahrungen, welche ich mit Menschen in der Schweiz bezogen auf meine Einbürgerung gemacht habe, bewegen sich in einem breiten Spektrum. Zum einen wissen viele Schweizerinnen und Schweizer nicht so recht, wie man den Pass bekommt oder eingebürgert wird. Wenn ich erklärte, dass ich eine Aufenthaltsbewilligung habe – nicht den Schweizer Pass – reagierten viele irritiert und sagten: »Aber du bist doch hier geboren?« Selbst viele Schweizer kennen die Anforderungen nicht und gehen davon aus, dass man mit der Geburt in der Schweiz automatisch eingebürgert wird. Wenn ich dann erklärte, dass ich zwar gerne eingebürgert wäre, die horrenden Kosten jedoch eine Barriere darstellen, folgte nur noch mehr Irritation: »Dafür muss man zahlen? Mehrere Tausend Franken?« Das Privileg, von Geburt an Schweizer zu sein, ist einer Mehrheit unbewusst.

Vor allem Menschen, die Einbürgerungen und Migration im Allgemeinen kritisch gegenüberstehen, versuchen diese hochkomplexe Thematik in ein striktes Schwarz-Weiss-Raster einzuordnen. Oft wurden mir Fragen nach folgendem Muster gestellt: »Bist du Secondo? Fühlst du dich mehr als Schweizer oder als Serbe?« Die Realität des Lebens lässt leider selten absolute Antworten zu. In meinem Fall ist mein Vater selbst (nicht eingebürgerter) Secondo, meine Mutter jedoch Prima. Also bin ich ein bisschen dritte Generation, ein bisschen zweite. Ob ich mich damit für die erleichterte Einbürgerung qualifizieren würde, konnte ich nicht herausfinden. Für mein Streben nach der Schweizerischen Staatsangehörigkeit war aber nicht ausschlaggebend, wann meine Eltern oder Grosseltern in die Schweiz eingewandert sind. Sondern wo ich selbst geboren wurde, wo ich meine gesamte schulische Ausbildung durchlaufen habe, wo meine Freunde sind, in welcher Sprache ich mich am wohlsten fühle.

Papierlischweizer

Ob ich mich nun mehr als Schweizer fühle als etwas anderes? Jein. Diese Frage beantworte ich wahrheitsgetreu: Ich fühle mich als Serbe, der in der Schweizer geboren und aufgewachsen ist. Etwas Anderes zu behaupten wäre für mich reine Selbstverleumdung, da ich das kulturelle Erbe meiner Familie nicht verneinen will. Des Weiteren habe ich auch nach der Einbürgerung bemerkt, dass ich teilweise aggressive Reaktionen erlebt habe, wenn ich mich als Schweizer bezeichnet habe. Ich sei höchstens »Papierlischweizer«, denn richtiger Schweizer sein könne man höchstens von Geburt an, nicht aber durch ein Verfahren werden. Deshalb verzichte ich auf diese Diskussionen, bezeichne mich höchstens als Schweizer Staatsbürger und vermeide andere Kategorisierungen.

Der Abstimmung vom 12. Februar 2017 stehe ich mit gemischten Gefühlen gegenüber. Ich werde dafür stimmen, da es um die Rechte von jungen Menschen geht, welche einen leichteren Weg gehen sollen als ich. Menschen, die im Kern unserer Gesellschaft stehen, ihr Leben in der Schweiz verbracht haben und ein wichtiger Teil unserer Zukunft sind. Dass die Initiative jedoch Secondos ausschliesst, ist mir ein Dorn im Auge. Wenn junge Menschen nie selbst im Ursprungsland ihrer Familie gelebt haben, spielt es wirklich keine Rolle, ob sie zur zweiten, dritten oder vierten Generation gehören. Sie sollten die Möglichkeit haben, mit weniger Hürden ihre Staatsbürgerschaft zu erlangen.

Der nachhaltige Filmtipp – Landraub

In Kambodscha wurden in den letzten Jahren 600`000 Bauern gewaltsam von ihrem Land vertrieben. Grosse Zuckerrohrplantagen übernehmen das Land mit enormen sozialen und ökologischen Folgen. Im Afrika erhalten Bauern attraktive Preise für das Land. Erst später zeigt sich, dass sie damit ihre ganzen Ressourcen verkauft haben, das Land unter anderem durch Pestizide degradiert ist und sie abhängig von Maschinen und Saatgut geworden sind. In Indonesien wird jede Stunde Regenwald in der Grösse von 300 Fussballfeldern für Ölplantagen eingenommen und abgeholzt.

Landgrabbing ist oftmals eine direkte Folge von EU-Beschlüssen, die Handelsabkommen und Subventionen beschliessen. Das Fördersystem der EU dienst besonders den Bauern mit grossen Flächen und diese politische Struktur führt dazu, dass kleine Betriebe kaum Chancen haben.

Landraub zeigt die enorme Notwendigkeit, kleinbäuerlichen Strukturen zu bewahren, denn momentan sind noch 70% der weltweiten Agrarprodukte aus kleinbäuerlichen Betrieben. Mit jedem Einkauf können wir bewusste Entscheidungen treffen und dafür sorgen, dass das Angebot an regionalen, fairen und nachhaltigen Produkte steigt.

Dieser Film sowie weitere Filme zu diesem Thema sind auf der Filmseite Essen Global aufgelistet.

Die DVD des Films ist hier erhältlich.

Der monatliche Filmtipp wird von Filme für die Erde präsentiert. www.FILMEfürdieERDE.org ist die weltweit grösste Website zu Film und Nachhaltigkeit, mit über 100 Filmen, die direkt online angeschaut werden können.

Dieser Eintrag erschien am 01.02.2017 auf dem Blog von unserem Partner Filme für die Erde.