Gesellschaft | 26.01.2017

Wer kritisiert, ist der grosse Satan

Text von Anne-Lea Berger | Bilder von Mélanie Baierlé
Gespräche zur Radikalisierung von Jugendlichen führen momentan meist zur Debatte über Islamismus. Jugendliche lassen sich aber von verschiedensten Gemeinschaften verführen. Sektenexperte Georg Schmid von der Beratungsstelle Relinfo erklärt, wie sektenhafte Gruppen funktionieren und wo die Gefahren lauern.
Von den einen verteufelt, von den anderen um Rat angefragt: Sektenexperte Georg Schmid schaut bei religiösen Gemeinschaften genau hin.
Bild: Mélanie Baierlé
Herr Schmid, Sie beraten Betroffene, Angehörige und sonstige Interessierte zu Sekten und radikalen Gruppierungen. In welchen Situationen rufen junge Menschen Sie an?

Jugendliche rufen uns häufig an, wenn sie in ihrem sozialen Umfeld verdächtige Beobachtungen gemacht haben. Sie haben Freunde, Eltern oder Grosseltern, die sich neu einer religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaft angeschlossen haben, und möchten wissen, ob dies harmlos oder problematisch ist.

Was sind solche verdächtigen Beobachtungen?

Die Person verändert sich, sie gibt Hobbies auf. Jemand schmeisst plötzlich die Ausbildung hin, der Kollegenkreis wird unwichtig oder es kommen ganz andere Kollegen aus der neuen Gemeinschaft hinzu. Das erinnert viele an das, was sie von Sekten kennen.

»Sekte«- viele kennen den Begriff, aber was ist das eigentlich genau?

Eine Sekte kann mit jeder beliebigen Lehre gegründet werden. Das einfachste Merkmal, um eine Gruppe auf ihre Sektenhaftigkeit zu überprüfen, ist das absolute Kritikverbot: Niemand darf anderer Meinung sein als der Chef der stark hierarchisch organisierten Gemeinschaft. Zum Teil hängen die Mitglieder gar in Geschmacksfragen an den Lippen der Meisterin oder des Meisters.
Ein weiteres wichtiges Sektenmerkmal ist ein extremes schwarz-weiss Denken, auch in Bezug auf die Aussenwelt: Wir drinnen die Auserwählten, draussen das Schlechte.
Ausserdem werden Mitglieder stark kontrolliert. Regeln für alle möglichen Lebenslagen stellen viele Gruppen auf, aber Sekten kontrollieren und setzen die Regeln eisern durch.

Klingt nicht gerade sympathisch. Warum lässt sich eine Person trotzdem darauf ein?

Niemand tritt aus Jux und Tollerei einer Sekte bei, sondern allermeistens wegen einer tiefgreifenden Lebenskrise. Wenn ein junger Mensch den Partner verliert, von der Schule fliegt, die Eltern einen aus dem Haus schmeissen. In so einer Situation ist es gerade für junge Menschen extrem schwierig, sich der verlockenden Argumentation einer Sekte zu entziehen. Sie sagen einem: »Logisch passiert dir das, die Welt ist mies, aber du gehörst zu uns.« Hier spielt auch das »Love Bombing« eine Rolle, also die bewusste Überschüttung von Menschen mit Komplimenten und Zuneigungen.

Ab wann wird eine solche Gruppe gefährlich?

Das kommt stark auf die Umstände an. Nehmen wir zum Beispiel die Zeugen Jehovas: Diese werden von jedem als Sekte bezeichnet, der dieses Wort überhaupt braucht. Aber unter sektenhaften Gruppen sind Zeugen Jehovas eher harmlos. Solange man keine Bluttransfusion braucht. Dann werden die Zeugen Jehovas tödlich gefährlich. Denn für deren Mitglieder sind Bluttransfusionen verboten.
Weiter hängt es davon ab, wie gut jemand mit Druck umgehen kann. Etwa den Druck bei Scientology, ständig neue Weiterbildungen zu kaufen und zu absolvieren.
Eine Ausnahme bilden die Sexsekten, welche ganz grundsätzlich gefährlich sind für junge Menschen. Diese sind in der Hierarchie weit unten und müssen dann einfach hinhalten.

Was raten Sie Menschen, die in ihrem Bekanntenkreis ein Sektenmitglied vermuten?

In einer allerersten Phase hilft noch kritische Information, hier sind Aussteigerberichte besonders hilfreich. Sobald die Person aber ihre Gruppe nur noch durch die rosarote Brille betrachtet, wird es heikel. Dann bringt Information so viel, wie einem Verliebten das Objekt seiner Liebe auszureden. Nämlich gar nichts.
Man kann versuchen, die Gemeinschaft unnötig zu machen. Dies funktioniert gar nicht so selten, besonders wenn die Sekte beginnt, Forderungen zu stellen.
Wenn das auch nichts hilft, ist es das Wichtigste, den Kontakt zur betroffenen Person zu halten. So wird für sie ein möglicher Ausstieg kein Sprung ins Nichts.

Man soll also mit einem Sektenmitglied befreundet bleiben. Soll man mit ihm über die Gruppe sprechen?

Ständige Diskussionen und Kritik sollte man vermeiden. Aber auch keine Zustimmung heucheln: Wichtig ist, dass man sich informiert über die Gemeinschaft. Bei einem Gespräch sollte man klar sagen, was einen stört und dass man deshalb nicht Mitglied werden will. Dann aber die Diskussion sein lassen und über alles andere sprechen. Meistens funktioniert das. In der Regel sind Sektenmitglieder froh, nicht von morgens bis abends über ihre Sekte sprechen zu müssen.

Besteht nicht die Gefahr, durch die Freundschaft selber in die Gruppe hineingezogen zu werden?

Es stimmt, dass Sektenmitglieder einen starken inneren Antrieb haben, andere zu missionieren. Der Mensch, der frisch begeistert ist von einer solchen Gruppe, will natürlich die Menschen, die er gerne hat, an seinem Glück teilhaben lassen. Das ist sehr lästig. Aber wie gesagt, Personen sind nur in bestimmten Lebenssituationen anfällig für Sekten. Aber auch wenn ich in einer schweren Krise bin, werde ich nicht Mitglied von jeder Sekte. Sondern nur von einer, die zu mir passt, die meine soziale Schicht und Altersgruppe vertritt, deren Musikstil mir entspricht.

Wie soll der Staat mit Sekten umgehen? Gewisse radikale Gruppen sind in Deutschland verboten. Gar ein Scientology-Verbot wurde diskutiert. Was nützt das?

(Lacht). Deutschland verbietet viel, die Schweiz fast nichts. Das Resultat ist etwa dasselbe. Ich sehe keine wirklich positive Wirkung solcher Verbote.

Können sie schaden?

Wo Verbote gemacht werden, organisieren sich die Mitglieder einfach immer wieder zu neuen Gruppen, die dann wieder verboten werden müssen. In gewissen Fällen können Verbote aber nachteilig sein. Zu massiver staatlicher Druck auf bestehende Gemeinschaften führte auch schon zu tragischen Entwicklungen. Etwa bei der Sekte »Peoples Temple«, wo es zu Massensuiziden kam.

Druck auf Sekten kann auch durch die Medien entstehen. Welche Rolle spielen sie?

Medien haben die ausgesprochen wichtige Funktion der Aufklärung. Sekten haben am liebsten gar keine Berichterstattung, auch nicht positive. So behalten sie die Definitionsmacht über ihre Gruppe. Selbstdarstellungen darf man aber nicht vertrauen: Sekten haben meist keinen Ethos der Wahrhaftigkeit, sie müssen sich gegen aussen also nicht so darstellen, wie sie tatsächlich sind.

Können Sie das genauer erklären?

Sektenmitglieder werden oft harten körperlichen, psychischen oder finanziellen Massnahmen unterworfen. Das sei nötig zur eigenen Entwicklung. Da die Aussenwelt dies aber nicht verstehen kann, präsentiert sich die Gemeinschaft bewusst inkorrekt.
Medien müssen hier die andere Seite aufzeigen. Indem sie Aussteigern ein Podium geben, oder indem Journalisten eigene Erfahrungen machen und teilen.

Ihre Beratungsstelle Relinfo trägt ebenfalls Informationen zusammen, gibt Einschätzungen ab und teilt Aussteigerberichte. Wie reagieren Gemeinschaften auf Ihre Publikationen?

Wenn eine Gemeinschaft zum ersten Mal mit einem kritischen Bericht konfrontiert wird, reagieren sie zum Teil aggressiv. Der erste Kritiker einer Sekte, der das wunderbare Wohlfühl-Definitions-Häuschen stört, ist für sie der grosse Satan. Später reagieren gewisse Sekten auf Kritik cleverer, indem sie sie einfach ignorieren. Andere haben nie gelernt, damit umzugehen, und verhalten sich übertrieben bereits gegenüber harmloser Kritik.

Kommen wir zurück zur Jugendradikalisierung. Wir haben viel von Sekten gesprochen. Gibt es auch andere Formen der Radikalisierung?

Sicher. Bei uns rufen öfters Jugendliche an, deren Kollegen beispielsweise Neonazi-Musik hören. Die Neonaziszene als Ganzes hat keine einheitliche Struktur, aber die einzelnen Gruppen sind zum Teil sektenhaft organisiert. Okkultismus oder Jugendsatanismus hat eher abgenommen in den letzten zehn Jahren. Deren Rolle als Protestreligion wurde von anderen Gruppen, eben zum Beispiel Neonazis, oder auch Salafisten, übernommen. Sie schockieren mehr, wenn Sie mit der Galabija, dem Gewand der Salafisten, auf den Pausenhof gehen, als mit dem umgedrehten Kreuz der Satanisten. Aber auch Neonazisein ist heute eine Option für junge Schweizer, die protestieren wollen. Wie gesagt ist jedoch meist kein blosser Protestwille, sondern eine tiefgreifende Lebenskrise, der Grund für eine Radikalisierung. Dies trifft nicht nur für Sekten zu.

Gemeinsam sind vielen radikalen Gruppen auch die teilweise extrem simplen Denkarten.

Ja, Sekten und auch andere radikale Gemeinschaften neigen zu Vereinfachungen, geben simple Antworten auf komplexe Probleme. Der Salafismus ist eine unglaubliche Verkürzung des Islams, Neonazis haben extrem simple Weltanschauungen. In einer zunehmend komplexeren Welt besteht wohl sowas wie eine Sehnsucht nach einfachen Antworten.


Beratungsstellen

Georg Schmid leitet die Beratungsstelle relinfo.ch.
Weitere ähnliche Stellen:
infosekta.ch
inforel.ch
fexx.ch (Fachstelle Extremismus- und Gewaltprävention).