Gesellschaft | 12.01.2017

Project R – die Zukunft des Journalismus?

Text von Benjamin Schlegel | Bilder von zVg
Dienstagmorgen, 10. Januar 2017, ich sitze in meinem Büro in Oerlikon und checke nichtsahnend die E-Mails. «Project R geht an den Start», so der Betreff meiner ersten E-Mail. Aus zwei Journalisten wurden acht Leute - ein guter Grund zum feiern.
Acht Menschen - eine Idee: das Projekt R Team.
Bild: zVg

Vor zwei Jahren hat alles begonnen: Die Idee von Project R wurde im stillen Kämmerlein geboren. Im Oktober des vergangenen Jahres informierten die beiden renommierten Journalisten Christof Moser und Constantin Seibt die Öffentlichkeit das erste Mal darüber, dass sie auf Ende Jahr künden und das Project R ins Leben rufen würden. «Ein digitales Magazin für aktuellen Hintergrund, Kontext und Diskurs», schrieb Moser auf Facebook. Mehr wurde nicht verraten. Interessierte konnten sich auf der neuen Webseite des Projekts in einen Newsletter eintragen. Und dann folgte erst mal nichts. Kein Newsletter, keine grossen Neuigkeiten, einfach nichts. Die beiden und alle noch damals unbekannten Beteiligten hüllten sich in Schweigen.

Am Dienstag war es nun so weit. Ich und die anderen 5000 Abonnenten erhielten den ersten Newsletter. Darin wurde das Team vorgestellt. Aus den beiden namhaften Journalisten wurde ein Team von acht Leuten – einschliesslich Entwicklerinnen und Projektleiter. Im Newsletter entdeckt man bekannte und weniger bekannte Gesichter, wie der preisgekrönte ehemalige NZZ Entwickler Thomas Preusse, welcher für den sichtbaren Teil des Webseite zuständig sein wird.

Das Team hat sich vor gut einer Woche im Hotel Rothaus im Kreis 4 in Zürich einquartiert. Im Newsletter wird zur Eröffnungsfeier eingeladen – noch am gleichen Abend ab 18:30 Uhr, mit norwegischem Bier und Rhabarber Schorle. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen und mache mich nach der Arbeit auf zum Kreis 4.

Beim Eingang werde ich und die vielen anderen Gäste mit einem Pin empfangen und drinnen gleich gefragt, was wir gerne trinken würden – dem Rhabarber Schorle kann ich nicht wiederstehen, es wird auch nicht das letzte sein. Kurze Zeit später bekommen wir von Christof Moser eine Führung durch die Räumlichkeiten. Die Grundidee wird uns vorgestellt: Neben kostenlosen Artikeln wird es einen Bereich für Abonnenten geben. Für 150-200 Franken pro Jahr haben die Abonnenten Zugang zu ausgefeilteren Geschichten, die multimedial verarbeitet wurden.

Die junge IT-Chefin Clara Vuillemin verrät, dass sie – im Gegensatz zu den etablierten Medien – den freien Journalisten gleich viel bezahlen wollen wie den fest Angestellten. Es sei zwar einfach, den Freien weniger zu bezahlen – doch fair fänden sie es nicht und deshalb wollten sie es besser machen. Auch im Team würden alle gleich viel verdienen. Dadurch würden Machtkämpfe vermieden. Für freie Mitarbeiter sind etwa 300 Stellenprozente vorgesehen. Ebenfalls vorgesehen sind zwei Ausbildungsplätze pro Jahr.

Geplant ist, im 2018 loszulegen. Bis dann wird das Team das Projekt fertig entwickeln und mit ersten Ideen experimentieren. Durch Crowdfunding erhoffen sie sich, eine finanzielle Basis zu erschaffen.

Nach unzähligen Gesprächen mit Teammitgliedern und Gästen kehre ich am späten Abend nach Hause mit dem Gedanken, dass das Projekt klappen muss. Wenn nicht sie es hinkriegen, wer dann?