Wer kritisiert, ist der grosse Satan

Herr Schmid, Sie beraten Betroffene, Angehörige und sonstige Interessierte zu Sekten und radikalen Gruppierungen. In welchen Situationen rufen junge Menschen Sie an?

Jugendliche rufen uns häufig an, wenn sie in ihrem sozialen Umfeld verdächtige Beobachtungen gemacht haben. Sie haben Freunde, Eltern oder Grosseltern, die sich neu einer religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaft angeschlossen haben, und möchten wissen, ob dies harmlos oder problematisch ist.

Was sind solche verdächtigen Beobachtungen?

Die Person verändert sich, sie gibt Hobbies auf. Jemand schmeisst plötzlich die Ausbildung hin, der Kollegenkreis wird unwichtig oder es kommen ganz andere Kollegen aus der neuen Gemeinschaft hinzu. Das erinnert viele an das, was sie von Sekten kennen.

»Sekte«- viele kennen den Begriff, aber was ist das eigentlich genau?

Eine Sekte kann mit jeder beliebigen Lehre gegründet werden. Das einfachste Merkmal, um eine Gruppe auf ihre Sektenhaftigkeit zu überprüfen, ist das absolute Kritikverbot: Niemand darf anderer Meinung sein als der Chef der stark hierarchisch organisierten Gemeinschaft. Zum Teil hängen die Mitglieder gar in Geschmacksfragen an den Lippen der Meisterin oder des Meisters.
Ein weiteres wichtiges Sektenmerkmal ist ein extremes schwarz-weiss Denken, auch in Bezug auf die Aussenwelt: Wir drinnen die Auserwählten, draussen das Schlechte.
Ausserdem werden Mitglieder stark kontrolliert. Regeln für alle möglichen Lebenslagen stellen viele Gruppen auf, aber Sekten kontrollieren und setzen die Regeln eisern durch.

Klingt nicht gerade sympathisch. Warum lässt sich eine Person trotzdem darauf ein?

Niemand tritt aus Jux und Tollerei einer Sekte bei, sondern allermeistens wegen einer tiefgreifenden Lebenskrise. Wenn ein junger Mensch den Partner verliert, von der Schule fliegt, die Eltern einen aus dem Haus schmeissen. In so einer Situation ist es gerade für junge Menschen extrem schwierig, sich der verlockenden Argumentation einer Sekte zu entziehen. Sie sagen einem: »Logisch passiert dir das, die Welt ist mies, aber du gehörst zu uns.« Hier spielt auch das »Love Bombing« eine Rolle, also die bewusste Überschüttung von Menschen mit Komplimenten und Zuneigungen.

Ab wann wird eine solche Gruppe gefährlich?

Das kommt stark auf die Umstände an. Nehmen wir zum Beispiel die Zeugen Jehovas: Diese werden von jedem als Sekte bezeichnet, der dieses Wort überhaupt braucht. Aber unter sektenhaften Gruppen sind Zeugen Jehovas eher harmlos. Solange man keine Bluttransfusion braucht. Dann werden die Zeugen Jehovas tödlich gefährlich. Denn für deren Mitglieder sind Bluttransfusionen verboten.
Weiter hängt es davon ab, wie gut jemand mit Druck umgehen kann. Etwa den Druck bei Scientology, ständig neue Weiterbildungen zu kaufen und zu absolvieren.
Eine Ausnahme bilden die Sexsekten, welche ganz grundsätzlich gefährlich sind für junge Menschen. Diese sind in der Hierarchie weit unten und müssen dann einfach hinhalten.

Was raten Sie Menschen, die in ihrem Bekanntenkreis ein Sektenmitglied vermuten?

In einer allerersten Phase hilft noch kritische Information, hier sind Aussteigerberichte besonders hilfreich. Sobald die Person aber ihre Gruppe nur noch durch die rosarote Brille betrachtet, wird es heikel. Dann bringt Information so viel, wie einem Verliebten das Objekt seiner Liebe auszureden. Nämlich gar nichts.
Man kann versuchen, die Gemeinschaft unnötig zu machen. Dies funktioniert gar nicht so selten, besonders wenn die Sekte beginnt, Forderungen zu stellen.
Wenn das auch nichts hilft, ist es das Wichtigste, den Kontakt zur betroffenen Person zu halten. So wird für sie ein möglicher Ausstieg kein Sprung ins Nichts.

Man soll also mit einem Sektenmitglied befreundet bleiben. Soll man mit ihm über die Gruppe sprechen?

Ständige Diskussionen und Kritik sollte man vermeiden. Aber auch keine Zustimmung heucheln: Wichtig ist, dass man sich informiert über die Gemeinschaft. Bei einem Gespräch sollte man klar sagen, was einen stört und dass man deshalb nicht Mitglied werden will. Dann aber die Diskussion sein lassen und über alles andere sprechen. Meistens funktioniert das. In der Regel sind Sektenmitglieder froh, nicht von morgens bis abends über ihre Sekte sprechen zu müssen.

Besteht nicht die Gefahr, durch die Freundschaft selber in die Gruppe hineingezogen zu werden?

Es stimmt, dass Sektenmitglieder einen starken inneren Antrieb haben, andere zu missionieren. Der Mensch, der frisch begeistert ist von einer solchen Gruppe, will natürlich die Menschen, die er gerne hat, an seinem Glück teilhaben lassen. Das ist sehr lästig. Aber wie gesagt, Personen sind nur in bestimmten Lebenssituationen anfällig für Sekten. Aber auch wenn ich in einer schweren Krise bin, werde ich nicht Mitglied von jeder Sekte. Sondern nur von einer, die zu mir passt, die meine soziale Schicht und Altersgruppe vertritt, deren Musikstil mir entspricht.

Wie soll der Staat mit Sekten umgehen? Gewisse radikale Gruppen sind in Deutschland verboten. Gar ein Scientology-Verbot wurde diskutiert. Was nützt das?

(Lacht). Deutschland verbietet viel, die Schweiz fast nichts. Das Resultat ist etwa dasselbe. Ich sehe keine wirklich positive Wirkung solcher Verbote.

Können sie schaden?

Wo Verbote gemacht werden, organisieren sich die Mitglieder einfach immer wieder zu neuen Gruppen, die dann wieder verboten werden müssen. In gewissen Fällen können Verbote aber nachteilig sein. Zu massiver staatlicher Druck auf bestehende Gemeinschaften führte auch schon zu tragischen Entwicklungen. Etwa bei der Sekte »Peoples Temple«, wo es zu Massensuiziden kam.

Druck auf Sekten kann auch durch die Medien entstehen. Welche Rolle spielen sie?

Medien haben die ausgesprochen wichtige Funktion der Aufklärung. Sekten haben am liebsten gar keine Berichterstattung, auch nicht positive. So behalten sie die Definitionsmacht über ihre Gruppe. Selbstdarstellungen darf man aber nicht vertrauen: Sekten haben meist keinen Ethos der Wahrhaftigkeit, sie müssen sich gegen aussen also nicht so darstellen, wie sie tatsächlich sind.

Können Sie das genauer erklären?

Sektenmitglieder werden oft harten körperlichen, psychischen oder finanziellen Massnahmen unterworfen. Das sei nötig zur eigenen Entwicklung. Da die Aussenwelt dies aber nicht verstehen kann, präsentiert sich die Gemeinschaft bewusst inkorrekt.
Medien müssen hier die andere Seite aufzeigen. Indem sie Aussteigern ein Podium geben, oder indem Journalisten eigene Erfahrungen machen und teilen.

Ihre Beratungsstelle Relinfo trägt ebenfalls Informationen zusammen, gibt Einschätzungen ab und teilt Aussteigerberichte. Wie reagieren Gemeinschaften auf Ihre Publikationen?

Wenn eine Gemeinschaft zum ersten Mal mit einem kritischen Bericht konfrontiert wird, reagieren sie zum Teil aggressiv. Der erste Kritiker einer Sekte, der das wunderbare Wohlfühl-Definitions-Häuschen stört, ist für sie der grosse Satan. Später reagieren gewisse Sekten auf Kritik cleverer, indem sie sie einfach ignorieren. Andere haben nie gelernt, damit umzugehen, und verhalten sich übertrieben bereits gegenüber harmloser Kritik.

Kommen wir zurück zur Jugendradikalisierung. Wir haben viel von Sekten gesprochen. Gibt es auch andere Formen der Radikalisierung?

Sicher. Bei uns rufen öfters Jugendliche an, deren Kollegen beispielsweise Neonazi-Musik hören. Die Neonaziszene als Ganzes hat keine einheitliche Struktur, aber die einzelnen Gruppen sind zum Teil sektenhaft organisiert. Okkultismus oder Jugendsatanismus hat eher abgenommen in den letzten zehn Jahren. Deren Rolle als Protestreligion wurde von anderen Gruppen, eben zum Beispiel Neonazis, oder auch Salafisten, übernommen. Sie schockieren mehr, wenn Sie mit der Galabija, dem Gewand der Salafisten, auf den Pausenhof gehen, als mit dem umgedrehten Kreuz der Satanisten. Aber auch Neonazisein ist heute eine Option für junge Schweizer, die protestieren wollen. Wie gesagt ist jedoch meist kein blosser Protestwille, sondern eine tiefgreifende Lebenskrise, der Grund für eine Radikalisierung. Dies trifft nicht nur für Sekten zu.

Gemeinsam sind vielen radikalen Gruppen auch die teilweise extrem simplen Denkarten.

Ja, Sekten und auch andere radikale Gemeinschaften neigen zu Vereinfachungen, geben simple Antworten auf komplexe Probleme. Der Salafismus ist eine unglaubliche Verkürzung des Islams, Neonazis haben extrem simple Weltanschauungen. In einer zunehmend komplexeren Welt besteht wohl sowas wie eine Sehnsucht nach einfachen Antworten.


Beratungsstellen

Georg Schmid leitet die Beratungsstelle relinfo.ch.
Weitere ähnliche Stellen:
infosekta.ch
inforel.ch
fexx.ch (Fachstelle Extremismus- und Gewaltprävention).

Brasilien: ein Land im Umbruch, die Bildung in Gefahr?

Der 2. Dezember 2015 markiert den Beginn einer brasilianischen Telenovela: Machtkämpfe, Kontroversien, Tränen und Wut. Doch diese Telenovela ist keine Fiktion, sondern hat reale Konsequenzen auf die Bevölkerung eines der grössten Länder der Welt. Ein Land, das zwar durch das Anhalten schwerwiegender sozialer Probleme gekennzeichnet ist, welches aber dank Sozialpolitiken es in einem Jahrzehnt geschafft hat, von der Welthungerkarte zu verschwinden und über 30 Millionen Menschen aus der extremen Armut zu holen. Ein Land, das sich erst 1985 von einer Militärdiktatur befreite und dessen Demokratie somit kaum 30-jährig ist.

Der politische Wandel, den Brasilien aktuell durchläuft, wird seine Bildungslandschaft radikal verändern – jedoch nicht ohne Widerstand.

Der Beginn der Telenovela

Am 2. Dezember 2015 akzeptiert Eduardo Cunha, der damalige Präsident der brasilianischen Abgeordnetenkammer, eine Strafanzeige gegen Präsidentin Dilma Rousseff. Die Anwälte Janaína Paschoal, Miguel Reale Júnior und Hélio Bicudo hatten sie vor einigen Monaten angeklagt, in der staatlichen Haushaltsführung gegen das Gesetz verstossen zu haben und forderten ein Amtsenthebungsverfahrens gegen sie. Präsidentin Dilma Rousseff habe dem Fiskus erlaubt, Kredite im Wert von über umgerechnet 3 CHF aufzunehmen, um Defizite im Staatshaushalt zu begleichen, ohne die Bewilligung des Nationalkongresses eingeholt zu haben.

Etwa zeitgleich mit der Anklage fangen brasilianische und internationale Medien an, von riesigen Protesten in gelb-grünen Fussballtrikots der »Seleção« zu berichten: die brasilianische Bevölkerung denunziere die Korruption und fordere, dass die Präsidentin abgesetzt würde. An der Spitze der Bewegung steht der MBL, der Movimento Brasil Livre (zu Deutsch: die »Bewegung des freien Brasiliens«), eine Gruppe mehr oder weniger junger Menschen, die sich für weniger Staat und mehr Wettbewerb stark machen und die später für ihre Allianz mit Eduardo Cunha bekannt werden.

Ein verzerrtes Bild der Realität

Bereits zu diesem Zeitpunkt erheben sich kritische Stimmen, welche darauf hinweisen, dass Mainstreammedien ein verzerrtes Bild der Situation wiedergäben: Proteste gegen die Absetzung der demokratisch gewählten Präsidentin würden nicht in den Medien gezeigt, obwohl sie mindestens genauso gross wie diejenigen dafür seien. Renommierte Publizisten, wie der preisgekrönte Glenn Greenwald, verweisen auf die Interessenverbindungen brasilianischer Mainstreammedien und bezeichnen diese als »PR-Zweige für die oppositionellen Parteien«. Andere machen darauf aufmerksam, dass die brasilianischen Medien im »Press Freedom Index« katastrophal abschneiden und verurteilen, dass deren Berichterstattung tendenziös sei. Bilder von den Protesten zeigen auf, dass gewisse Demonstrant*innen sich für militärische Intervention starkmachen und Befragungen deuten darauf hin, dass die Teilnehmenden mehrheitlich weiss sind und dass deren Einkommen im Schnitt fast dem Siebenfachen des Durchschnittslohnes der Brasilianer*innen entspricht. Das Bild des unterdrückten Volkes, das sich gegen eine korrupte Präsidentin erhebt, verblasst.

Die ersten Köpfe rollen

Das Anwaltsteam habe 45 tausend Reais von der Oppositionspartei PSDB bekommen, um die Anzeige gegen Dilma Rousseff zu verfassen, gibt schliesslich Janaína Paschoal zu. Einige Monate später entzieht man dem Politiker, der sich wohl am meisten für die Absetzung der Präsidentin Dilma Rousseff eingesetzt hat, sein Amt: Die schweizer Bankkonten des Präsidenten der Abgeordnetenkammer Eduardo Cunha wurden gesperrt. Die Schweiz verdächtigt ihn, 5 Millionen Dollar Schmiergelder zu verstecken.

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Jugendbewegungen denunzieren die versteckten Bankkonten des Politikers Eduardo Cunha während einer Demonstration gegen die Absetzung von Dilma Rousseff.

Ein nicht wählbarer Vize

Doch da ist noch ein Protagonist: Der damalige Vizepräsident der Republik, Michel Temer, nimmt am 30. März 2015 auf seinem Twitteraccount Stellung gegen das Amtenthebungsverfahren seiner Arbeitskollegin Dilma Rousseff: »Das Amtenthebungsverfahren ist unvorstellbar, es würde eine institutionnelle Krise auslösen. Es existiert weder eine rechtliche noch eine politische Grundlage, die das Verfahren rechtfertigen.« Doch plötzlich wird die Absetzung der Präsidentin vorstellbar. Der Wind dreht sich, Michel Temer unterstützt das Amtenthebungsverfahren. Vielleicht weil er nun weiss, dass er der Nachfolger der Dilma sein wird. Ausgerechnet er, der laut Umfragen niemals genug Stimmen kriegen würde, um demokratisch zum Präsidenten gewählt zu werden. Ausgerechnet er, der das Privileg verloren hat, für politische Funktionen gewählt zu werden, weil die Behörden in verschiedenen Korruptionsfällen gegen ihn ermitteln.

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Vizepräsident Michel Temer positioniert sich auf Twitter gegen die Absetzung der Präsidentin Dilma Rousseff.

Ein »Ja« für Jerusalem und den Geburtstag meiner Tochter

Mal lacht man, mal schüttelt man den Kopf, mal ist man entsetzt: Die Abstimmung für die Absetzung der Präsidentin sorgt für Schlagzeilen und viralisiert in den Social Media. Im Kongress widmen einige Abgeordnete ihre Ja-Stimme ihrer Familie, einige dem »Frieden in Jerusalem«; andere nutzen den Raum, um ihrer Tochter alles Gute zum Geburtstag zu wünschen. Weniger erfreut ist man darüber, dass der Politiker Jair Bolsonaro seine Ja-Stimme zum Gedenken an einen berüchtigten Folterer der Militärdiktatur abgibt – ausgerechnet dann, wenn es um die Absetzung der Dilma geht, die während der Militärdiktatur Folter erleben musste. Am berühmtesten wird jedoch die Abgeordnete, die ihre Ja-Stimme ihrem Mann widmet und sich am nächsten Tag mitansehen darf, dass dieser von der Polizei abgeführt wird – der Grund: Geldwäscherei.

Doch auch das Anwaltsteam, das das Amtsenthebungsverfahren initiiert hat, scheint die Argumentationsebene geändert zu haben, um das Verfahren gegen Dilma Rousseff voranzutreiben: Anstatt auf rechtliche Fakten zu beharren, erklärt die Anwältin Janaína Paschoal während der Gerichtsverhandlung gegen Dilma Rousseff, es sei Gott gewesen, der das Amtsenthebungverfahren veranlasst habe.

In der brasilianischen Öffentlichkeit wird wiederholt die Frage aufgeworfen, wieso die Präsidentin für eine Tat verurteilt werde, die nachgewiesenermassen von etlichen Präsidenten angewandt wurde, ohne gestraft zu werden. Zudem: das Amtenthebungsverfahren sei laut der Verfassung nur für Straftaten anwendbar, die die persönliche Bereicherung eines Staatsoberhaupts impliziere. Dilma hat sich jedoch nicht persönlich bereichert – »eine Rarität, für eine politische Persönlichkeit in Brasilien«, schrieb die New York Times.

Doch darum geht es schon lange nicht mehr; es geht in diesem Teil der brasilianischen Telenovela darum, Dilma so schnell wie möglich aus dem Weg zu schaffen.

Fakt ist, dass Dilma Rousseff nicht mehr die Präsidentin Brasiliens ist und dass Michel Temer nun ihr Nachfolger ist.

Ein kalter Putsch? Ein Paradigmenwechsel.

Die Gegner*innen des Amtenthebungsverfahrens bezeichnen die Absetzung der brasilianischen Präsidentin als Putsch. Sie sind nicht die einzigen: Anstatt von den gelb-grünen Massen von Brasilianer*innen, die gegen die Korruption protestieren, zu berichten, fallen – ein Jahr nach dem Beginn dieser Telenovela – in der internationalen Presse Worte wie »kalter Putsch« und »politische Intrigen«.

Ob nun Putsch oder nicht: Die Absetzung der Präsidentin Dilma Rousseff bedeutet ein Paradigmenwechsel in der brasilianischen Politik. Der Regierungsplan von Michel Temer kündigt den Abbau von Sozialpolitiken und eine Welle von Privatisierungen an; er ist den Bestrebungen der Arbeiterpartei, die in den letzten 13 Jahren an der Macht war, diametral entgegengesetzt.

Mit der Annahme der Verfassungsänderung »PEC 241/55« haben Kongress und Senat zugestimmt, dass die Staatsausgaben Brasiliens in den nächsten 20 Jahren nicht erhöht werden können: »Das strengste Austeritätsprogramm der Welt«, laut der amerikanischen Vox.

Die Bildung unter Beschuss

Die öffentliche Bildung Brasiliens leidet unter prekären Bedingungen; fehlende Kapazitäten, tiefe Löhne für Lehrpersonen und unausreichende finanzielle Mittel für Materialanschaffungen sind nur einige der Probleme, mit denen die Schulen konfrontiert sind. Mit der Annahme der PEC 241/55 werden diese Probleme auch in 20 Jahren nicht gelöst sein. Kein Wunder, denn die neue Regierung möchte auf private Institutionen setzen – auch in der Bildung. Für das Schulsystem Brasiliens bahnen sich Veränderungen an, die von vielen als erschreckend empfunden werden: Der neue Erziehungsminister ist im Dialog mit konservativen Kräften, die fordern, dass sexuelle Aufklärung und Diskussionen über Gender aus dem Klassenzimmer gebannt werden; Schulfächer wie Soziologie, Kunst oder Philosophie sollen nicht mehr obligatorisch sein und die Anzahl Schulstunden soll zunehmen. Die öffentlichen Schulhäuser sind in Brasilien bereits gegenwärtig überbelastet, obwohl die Schüler auf den Morgen und auf den Nachmittag – manchmal noch auf den Abend – aufgeteilt werden und somit die Kapazität der Schulhäuser bereits verdoppeln – oder verdreifachen. Sprich: ohne zusätzliche Ausgaben für die öffentliche Bildung, ist es unmöglich, die Pläne umzusetzen, die die neue Regierung für das öffentliche Schulsystem vorgesehen hat.

Widerstand in Sicht

Die Reaktion auf solche Vorhaben liess nicht auf sich warten: über 1000 Schulen und 80 Universitäten wurden Ende letzten Jahres besetzt. Lehrpersonen, Schüler*innen und Studierende aus ganz Brasilien signalisieren, dass sie sich Sorgen um die Erziehung in ihrem Land machen; sie berufen sich auf Paulo Freire, Darcy Ribeiro und Anísio Teixeira – Pädagogen, die das Verständnis dafür prägten, dass die Erziehung dazu dienen sollte, Ungleichheiten zu reduzieren und die Demokratie zu stärken.

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Studentenbewegungen in Brasilien berufen sich auf die Positionen brasilianischer Intellektueller, die sich für die Befreiung unterdrückter Gesellschaftsschichten starkmachten.

Seilziehen um das Gesellschaftsmodell

Die Kräfte, die aktuell in Brasilien aufeinandertreffen, um die Zukunft der Bildung festzulegen, sind grundverschieden: Auf der einen Seite arbeitet die Regierung dazu hin, die Bildung zunehmend weniger von der Öffentlichkeit tragen zu lassen. Auf der anderen Seite signalisieren Teile der Bevölkerung, dass sie diese Tendenz nicht gutheissen und dass sie bereit sind, dagegen anzukämpfen. Ihre Ideen stehen den Theorien der berühmtesten Pädagogen Brasiliens nahe und zeigen, dass sie eine Fortsetzung einer Strömung sind, die sich seit Jahrzehnten für eine inklusivere Gesellschaft einsetzen.

Tink.ch wollte mehr über diese Strömung entdecken: Wir informierten uns über Paulo Freire und ehrgeizige brasilianische Erziehungsprojekte, wir sprachen mit Jugendlichen, die eine Schule besetzten und wollten wissen, was ihre Lehrer davon halten. In den nächsten Wochen werdet ihr, liebe Leser*innen, eine Reise durch die brasilianische Bildungslandschaft starten und verstehen, wieso Brasilien nicht nur Fussball und Korruption ist – Brasilien pulsiert mit Ideen und Gesellschaftsvisionen.

Project R – die Zukunft des Journalismus?

Vor zwei Jahren hat alles begonnen: Die Idee von Project R wurde im stillen Kämmerlein geboren. Im Oktober des vergangenen Jahres informierten die beiden renommierten Journalisten Christof Moser und Constantin Seibt die Öffentlichkeit das erste Mal darüber, dass sie auf Ende Jahr künden und das Project R ins Leben rufen würden. «Ein digitales Magazin für aktuellen Hintergrund, Kontext und Diskurs», schrieb Moser auf Facebook. Mehr wurde nicht verraten. Interessierte konnten sich auf der neuen Webseite des Projekts in einen Newsletter eintragen. Und dann folgte erst mal nichts. Kein Newsletter, keine grossen Neuigkeiten, einfach nichts. Die beiden und alle noch damals unbekannten Beteiligten hüllten sich in Schweigen.

Am Dienstag war es nun so weit. Ich und die anderen 5000 Abonnenten erhielten den ersten Newsletter. Darin wurde das Team vorgestellt. Aus den beiden namhaften Journalisten wurde ein Team von acht Leuten – einschliesslich Entwicklerinnen und Projektleiter. Im Newsletter entdeckt man bekannte und weniger bekannte Gesichter, wie der preisgekrönte ehemalige NZZ Entwickler Thomas Preusse, welcher für den sichtbaren Teil des Webseite zuständig sein wird.

Das Team hat sich vor gut einer Woche im Hotel Rothaus im Kreis 4 in Zürich einquartiert. Im Newsletter wird zur Eröffnungsfeier eingeladen – noch am gleichen Abend ab 18:30 Uhr, mit norwegischem Bier und Rhabarber Schorle. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen und mache mich nach der Arbeit auf zum Kreis 4.

Beim Eingang werde ich und die vielen anderen Gäste mit einem Pin empfangen und drinnen gleich gefragt, was wir gerne trinken würden – dem Rhabarber Schorle kann ich nicht wiederstehen, es wird auch nicht das letzte sein. Kurze Zeit später bekommen wir von Christof Moser eine Führung durch die Räumlichkeiten. Die Grundidee wird uns vorgestellt: Neben kostenlosen Artikeln wird es einen Bereich für Abonnenten geben. Für 150-200 Franken pro Jahr haben die Abonnenten Zugang zu ausgefeilteren Geschichten, die multimedial verarbeitet wurden.

Die junge IT-Chefin Clara Vuillemin verrät, dass sie – im Gegensatz zu den etablierten Medien – den freien Journalisten gleich viel bezahlen wollen wie den fest Angestellten. Es sei zwar einfach, den Freien weniger zu bezahlen – doch fair fänden sie es nicht und deshalb wollten sie es besser machen. Auch im Team würden alle gleich viel verdienen. Dadurch würden Machtkämpfe vermieden. Für freie Mitarbeiter sind etwa 300 Stellenprozente vorgesehen. Ebenfalls vorgesehen sind zwei Ausbildungsplätze pro Jahr.

Geplant ist, im 2018 loszulegen. Bis dann wird das Team das Projekt fertig entwickeln und mit ersten Ideen experimentieren. Durch Crowdfunding erhoffen sie sich, eine finanzielle Basis zu erschaffen.

Nach unzähligen Gesprächen mit Teammitgliedern und Gästen kehre ich am späten Abend nach Hause mit dem Gedanken, dass das Projekt klappen muss. Wenn nicht sie es hinkriegen, wer dann?