Gesellschaft | 01.12.2016

Nicolas, der stille Verkäufer der Uraniabrücke

Ein Magazin zu kaufen, eröffnet einem neue Perspektiven, insbesondere wenn man mit dem Verkäufer ins Gespräch kommt. Eine Reportage.
Surpriseverkäufer Nicolas
Bild: Benjamin Schlegel

Sie laufen aneinander vorbei, ihre Blicke kreuzen sich, sie wenden sie augenblicklich ab. Beide leben in ihrer Blase, sie wissen was sie wollen, was sie zu erledigen haben. Das Risiko, einander anzuschauen, wäre zu gross: ihre Pläne könnten durcheinander geraten, sie könnten davon abgehalten werden, ihr selbstverfasstes Drehbuch auszuführen. Sie sind zwei von vielen.

Passanten überholen einander auf der zürcher Uraniabrücke, Autos fahren in beide Richtungen, zwischendurch erscheint eine Person auf einem Fahrrad. Wortfetzen mischen sich mit dem Geräusch der Limmat und der Motoren. Am Trottoirrand steht ein grosser, schlanker Mann mit Brille und einer roten Kappe. In aufrechter Haltung streckt er beide Arme zum Himmel, langsam schwenkt er sie hin und her. In beiden Händen hält er ein Exemplar eines Magazins: das Surprise.

Anfangs ist er misstrauisch: die beste Verkaufszeit sei jetzt, wir würden die Kunden vertreiben, wenn wir so rumstehen. Doch bald vergisst er den Stapel, der neben ihm auf dem Boden liegt. Italienische Zitate, Buchtipps und Diskussionen über Studienrichtungen: Nicolas ist breit interessiert und hat zu Vielem etwas zu sagen.

Seit langem arbeitet er für das Strassenmagazin Surprise: «So lange wie die Unglückszahl!». Während seiner Arbeitszeit kümmert er sich um die Passant*innen, er möchte vermeiden, dass jemand auf der Brücke verunfallt. Aber auch sonst liegen ihm die Menschen am Herzen. So besucht er seine Mutter regelmässig im Pflegeheim. «Alte Menschen werden oft vergessen, obwohl wir viel von ihnen lernen können.»

Der Verkäufer weiss das Surprise zu schätzen, er mag die Porträts, die er darin lesen kann. Und er ist nicht der einzige: Das Magazin wurde in den letzten Jahren professionalisiert, viele kaufen es für seine hohe Qualität. Die Verkaufszahlen steigen von Jahr zu Jahr – eine gute Nachricht für Nicolas und seine Arbeitskolleg*innen.

Von Weitem beobachte ich Nicolas. Er ist zurück auf Position. Seine ausgestreckten Arme bewegen langsam zwei Surprise-Exemplare hin und her. An ihm laufen Menschen vorbei, die Autos fahren in regelmässigem Takt durch. Von hier erscheint seine Bewegung wie ein Ritual – als ob er versuchte, die Passanten aus ihrer Blase zu locken und sie einen Moment lang vergessen zu lassen, dass sie bereits den nächsten Schritt geplant haben.


Surprise im Überblick

Das Strassenmagazin Surprise wurde 1997 gegründet mit dem Ziel, sozial randständigen Menschen eine Zukunft zu ermöglichen. Das Magazin erscheint vierzehntägig und erhält keine staatlichen Mittel. Surprise finanziert sich komplett aus Spendegeldern und dem Verkauf des Magazins.

Obwohl der Verein vor einigen Jahren durch Spenden vom drohenden Bankrott gerettet werden musste, geht es dem Magazin heute blendend. Im Gegensatz zu anderen Magazinen spürt es die Medienkrise nicht: Von Jahr zu Jahr werden mehr Surprise verkauft.

2015 haben 383 Verkäufer*innen, davon 115 Frauen, zusammen 407’750 Exemplare verkauft. Sie verkaufen das Magazin für sechs Franken wovon sie 2.70 Franken behalten können, 30 Rappen gehen an die AHV. Die restlichen 3 Franken werden für die Produktionskosten des Magazins verwendet. Obwohl die Mehrheit der Verkäufer*innen Männer sind, sind fast zwei Drittel des Leser*innen weiblich.