Gesellschaft | 11.12.2016

Mann, Frau und darüber hinaus

Wie hängen Körper und Identität zusammen? Wie vielfältig ist der Mensch wirklich? Ein Porträt, das über den Tellerrand der zweigeschlechtlichen Gesellschaft hinausblickt.
Nach dem Motto der Ramones „Hey ho let’s go“ sollten wir uns auf den Gedanken einlassen, dass eine Spannbreite an Identitäten existiert.
Bild: Céline Rüttimann

Der Mensch will einordnen, kategorisieren, schubladisieren. Deshalb ist unsere Gesellschaft in vielen Aspekten des täglichen Lebens geschlechtergeteilt. Dass dies den Alltag von Personen erschweren kann, ist den meisten von uns nicht bewusst. Grundlegende Bedürfnisse wie der Gang auf eine öffentliche Toilette werden zum Beispiel für Lukas N. zu einer wiederkehrenden Stresssituation. Denn Lukas wurde nicht seit seiner Geburt mit diesem Namen gerufen.

Ein Neuanfang

«Vor drei Jahren, kurz vor meinem Studienbeginn an der Pädagogischen Hochschule (PH) in Bern, habe ich mich für diesen Namen entschieden. Es würde ein Neuanfang werden und ich musste mich natürlich für den Studiengang einschreiben. Das habe ich dann mit Lukas N. getan», erzählt Lukas in einem Büro an der PH, das er für seine Mitarbeit an der Institution benutzen darf. Warum aber wollte er seinen Geburtsnamen ablegen und einen neuen Namen annehmen?

Zum ersten Mal im Gespräch mit Lukas fällt der Begriff «Transidentität». In einem weiblichen Körper geboren und als Mädchen in der Gesellschaft sozialisiert, hatte sich Lukas stets darum bemüht, sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen. «In meiner Jugend war ich unzufrieden mit meinem Leben und musste mir schliesslich eingestehen, dass ich mich von mir selbst distanzierte. Erst nach dem Gymnasium, als ich ein Zwischenjahr in der Westschweiz absolvierte, stellte ich mich der Frage, ob ich zufrieden bin mit der Geschlechterrolle, die ich in der Gesellschaft einnehme. Und das war ich nicht.»

In der Vergangenheit wühlen

Lukas fragte sich, ob es in seiner Kindheit bereits Indizien für seine Transidentität gegeben haben könnte. Als Kind und Jugendlicher habe er oft an Bauchschmerzen gelitten, da es ihm psychisch häufig nicht gut ging. Sogar sein Essverhalten litt darunter: «Wenn ich die Möglichkeit hatte, habe ich manchmal auch Mahlzeiten ausgelassen. So wie viele Jugendliche hatte auch ich Probleme, mich mit meinem eigenen Körper auseinanderzusetzen.»

In der Vergangenheit zu wühlen, half Lukas aber vor allem, einen Zusammenhang mit der heutigen Situation zu finden. Er habe zwar eine Transidentität, dennoch verabscheue er nicht alles an seinem Körper. Er würde sich nicht als im «falschen Körper geboren» bezeichnen. Nicht alles an seinem Äussern lehne er ab aufgrund des Geschlechts, das ihm durch seine Anatomie zugewiesen wird und mit dem er sich nicht identifizieren kann.

Ein Geschlechterspektrum

Transidentität definiert also, dass ein Mensch sich nicht – oder nicht ausschliesslich – mit dem Geschlecht identifizieren kann, welches ihm aufgrund seiner biologischen Merkmale bei der Geburt zugeschrieben wurde. Transidentität und Transgender (engl. «soziales Geschlecht») beschreiben den Sachverhalt treffend, während der Begriff Transsexualität meist pathologisierend wirkt und den irreführenden Schluss zulässt, die Bezeichnung habe mit Sexualität statt mit Identität zu tun. Unter Transidentität fallen aber nicht nur Menschen, die sich mit dem entgegengesetzten Geschlecht identifizieren, das ihnen zugewiesen wurde, sondern auch alle Personen, die sich dazwischen oder gar keinem Geschlecht zugehörig fühlen. «Unter dem Strich geht es darum, dass es ein Geschlechterspektrum ist und es gibt zwischen den zwei Polen «Mann» und «Frau» unzählige Identitäten. Die Vielfalt ist riesengross», fasst Lukas zusammen.

Sich einordnen

Auch Lukas sah das Problem darin, dass er sich nicht in der Geschlechterrolle wohlfühlte, die er in der Gesellschaft innehatte. Daher war für ihn die Schlussfolgerung: Ich fühle mich nicht wohl als Frau in der Gesellschaft, also bin ich ein Mann. Er versuchte dementsprechend, in dieser männlichen Rolle aufzugehen, merkte aber bald, dass er auch dort an seine Grenzen stiess. «Ich wurde als Frau sozialisiert und lehne nicht alles davon ab. Als Mädchen wurde mir von meinem Umfeld vorgelebt, dass ich Emotionen zeigen darf, was bei Jungen oft nicht der Fall ist. Ich will nicht rollenkonforme Verhaltensweisen annehmen müssen, nur damit ich in der Gesellschaft als Mann akzeptiert werde. Aber damit ich mich in unserem binären System von Mann und Frau bewegen kann, ordne ich mich formell der männlichen Seite zu», führt Lukas weiter aus. «Zu Beginn, als ich es nicht besser wusste, habe ich mich in dieser zweipoligen Gesellschaft einzugliedern versucht. Doch mit den gemachten Erfahrungen habe ich erkennen dürfen, wie vielfältig Geschlecht sein kann. Auch ich muss mich noch immer informieren über Identitäten, die ich noch nicht kenne und verstehen möchte.»

Elastische Geschlechteridentität

Obwohl bestimmte Interessen einem Geschlecht zugeordnet werden, zum Beispiel klischeehaft das Fussballspielen den Buben und das Ballett den Mädchen, wollen sich auch Menschen nicht «geschlechterkonform» verhalten, die sich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht identifizieren können. Nur sind die Hemmungen dabei oft sehr gross. Um den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen, unterlassen wir dann Dinge, die wir eigentlich gern tun würden. Der Gedanke, mit der eigenen Geschlechteridentität zu experimentieren und wie elastisch das gelebte Geschlecht eigentlich sein sollte, ist sehr inspirierend. «Leider ist dieser Gedanke eine Illusion», weist Lukas darauf hin, «denn der Mensch ist sich zu sehr an das bipolare System von weiblich und männlich gewöhnt, als dass einfach jeder daraus ausbrechen könnte oder wollte.» Wenn Personen, die Lukas kennt, ihn manchmal mit dem falschen Pronomen ansprechen, ist das für ihn kein Problem. «Im Gegenteil, viele haben dann das Gefühl, dass sie sich rechtfertigen müssen.» Das zeige ihm aber nur noch mehr, dass diese Personen gewisse Verhaltensweisen entweder mit Mann- oder Frau-Sein in Verbindung bringen und in diesem System festsitzen.

Seltene Happy Ends

Lukas‘ Umfeld habe sich seit seiner Entscheidung, mit einer männlichen Identität zu leben, ziemlich verändert. Einerseits habe er Freunde verloren, die ihn nicht unterstützen konnten in seinem Prozess, sei es aus Unverständnis oder aus Überforderung. Andererseits gewann er durch seine neue Ausbildung an der PH Bern einen neuen Freundeskreis hinzu. «Es war kein Verlust, sondern eher eine Ablösung von Freunden.» Bei seinen Eltern stiess Lukas zuerst auf Enttäuschung, weil er die Erwartungen, die sie an ihn hatten, nicht mehr erfüllte. «Ich war nicht das Mädchen, als das ich geboren wurde und würde den Vorstellungen auch nie gerecht werden. Obwohl es schwer für sie war, erhalte ich aber heute ihre volle Unterstützung.» Lukas stellt aber sofort klar, dass dies eines der nicht häufigen Happy Ends ist.

Personen mit einer Transidentität werden oft von ihren Familien verstossen. Oder Eltern versuchen, ihr Kind von der Identität, die es ausleben möchte, abzubringen. «Kinder können schon früh selbst erkennen, dass ihnen die Geschlechterrolle, die ihnen zugeteilt wurde, nicht gefällt. Wenn ein Kind dieses Problem in irgendeiner Weise äussert, sei es direkt oder durch ungewöhnliches Verhalten, ist es wichtig, zuzuhören und nicht zu versuchen, dem Kind den eigenen Willen aufzuzwingen», so Lukas. Leider gibt es in der Schweiz keine Anlaufstelle für Transkinder und deren Eltern, wo sie sich beraten lassen könnten, ohne dass es auf eine pathologische Erklärung für das Verhalten des Kindes hinausläuft. Es fehlt an der Repräsentation des Themas. Wie sollen Kinder mit Vielfältigkeit aufwachsen, wenn sie nichts davon mitbekommen?

Durch Sprache zur Identität

Ein an Geschlechterrollen angepasster Geschlechtsausdruck kann Transmenschen dazu verhelfen, von ihren Mitmenschen gemäss ihrer Geschlechtsidentität anerkannt zu werden, was von aussen nicht selten als klischeehafte Darstellung empfunden wird.

Transmenschen haben sich nie mit dem Geschlecht identifiziert, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Deshalb sollte nicht von einer Geschlechtsumwandlung gesprochen werden. Als korrekter Begriff gilt derjenige der Geschlechtsangleichung. Sprache ist beim Thema Transgender wichtig, weil diese Menschen ihre Identität oft nur durch sie ausdrücken können. «Damit andere mich so sehen, wie ich mich sehe, müsste ich vieles an meinem Äusseren ändern. Das heisst, mein ich auf mein Äusseres reduzieren.» Wer sich nicht seinem Geschlecht entsprechend kleidet, ist der Diskriminierung durch seine Mitmenschen ausgesetzt. Männer erstaunlicherweise mehr als Frauen. Warum wird ein Mann, der in einem Kleid durch die Stadt geht, als schräger Vogel angesehen, während Frauen in «Männerklamotten» viel eher akzeptiert werden? «Im Rahmen eines Praktikums der PH wurde mir einmal von einer Lehrperson gesagt, ich solle meine Rolle als Mann vor den Kindern gut spielen. Ich wurde in meiner Identität nicht ernst genommen, sondern als jemand, der etwas vorspielt. Ich sollte mich dem binären System fügen und nicht provozieren. Ich sollte den klischeehaften Mann verkörpern.»

Offenheit für die Vielfalt

Als Transmann ist Lukas stets mit dem Urteil der Gesellschaft konfrontiert, dass sein Äusseres nicht mit seiner Identität übereinstimme. Garderoben und Toiletten sind für Lukas Räume, die er entweder gar nicht oder nicht ohne Unwohlsein benutzen kann. Warum gibt es keine geschlechterneutralen Toiletten in öffentlichen Gebäuden? Oder einfach abgeschlossene Einzelkabinen für alle statt der getrennten Garderoben? Die Vielfalt der Gesellschaft ist so gross, warum müssen wir sie also auf ein zweipoliges System reduzieren?

«Transmenschen wollen die Bedeutung mindern, die dem sozialen und biologischen Geschlecht zugeschrieben wird. Wir wollen leben wie wir uns fühlen, egal mit welchen anatomischen Voraussetzungen», spricht sich Lukas über die Wünsche der Trans-Bewegung aus. Ausserdem sind Transmenschen überhaupt nicht rechtlich abgestützt. Als Lukas das Gesuch für seine Namensänderung einreichte, musste er Beweisdokumente einsenden, dass er diesen Namen schon verwendet hatte. Bei anderen Personen wurde das Gesuch ohne Schwierigkeiten bewilligt. Es gibt also kein einheitliches rechtliches Verfahren bei der Namensänderung oder dem Personenstand bezüglich Transidentität. Transidentität wird im Klassifizierungssystem der Krankheiten von der WHO nach wie vor unter «Störung der Geschlechtsidentität» aufgeführt. Die Transgender Community ist jedoch aktiv und konnte in kurzer Zeit enorm viel bewirken: Eine Revision der Klassifizierung steht bevor.

Lukas und andere Transmenschen wünschen sich mehr soziale Offenheit für die Vielfalt des Geschlechts. Das Gespräch mit Lukas soll die Elastizität der Geschlechteridentität vor Augen führen. Dass es nicht nur Mann und Frau gibt und nichts dazwischen. Sondern dass es einen Reichtum an Identitäten gibt, die unabhängig von ihren anatomischen Äusserlichkeiten anerkannt werden wollen. Menschen, die beweisen, dass Identität und anatomisches Geschlecht voneinander losgelöst sind. So dass es eines Tages für keinen mehr einen Kompromiss zwischen Authentizität, Wohlfühlen und sich einfügen sein muss.

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