Politik | 21.12.2016

«Das Geld ist dafür verantwortlich, dass es keine Nachhaltigkeit geben kann.»

Das Thema Nachhaltigkeit beschränkt sich nicht nur auf ökologische Fragen. Für den Wirtschaftsgeographen Dr. Bernhard Fuhrer muss unser Wirtschaftssystem überdenkt werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen. Ein Interview.
Dr. Bernhard Fuhrer plädiert dafür, das Wirtschaftssystem im Sinne der Nachhaltigkeit zu reformieren.
Bild: Swiss Network for International Studies
Herr Fuhrer, was halten Sie von der Vision einer nachhaltigen Entwicklung?

Die Vision ist absolut notwendig, weil so, wie die Entwicklung im Moment funktioniert, werden wir zwar den Planeten nicht auslöschen – da habe ich überhaupt keine Bedenken, der Planet ist viel stärker – aber wir werden insbesondere das Leben von vielen Generationen von Menschen massiv einschränken – sofern diese das überleben.

Und wie stehen Sie zu unserem aktuellen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem?

Kritisch. Ich glaube, ich bin schon seit der Schulzeit kritisch und glaube das hat damit zu tun, dass ich einen Geschichtslehrer hatte, den meine Eltern ganz unverhohlen als schlimmen Marxisten bezeichneten. Was mich immer fasziniert und irgendwie auch gestört hat, ist, wie Macht zum persönlichen Vorteil von Wenigen auf dem Buckel von Vielen ausgenutzt wird. Ich kann es auch einfach formulieren: Ungerechtigkeit hat mich schon immer massiv gestört.

Und wo konkret sehen Sie das Problem?

Ich sehe die Problematik vor allem darin, dass man viel zu oft versucht, die Probleme einseitig zu bearbeiten und in sogenannte Silos zu stecken. So hat man Nachhaltigkeit lange auf die Ökologie beschränkt und von anderen Problemen dissoziiert, welche meiner Meinung nach ebenso wichtig sind. Als Institutionalist verstehe ich die soziale, wirtschaftliche und ökologische Systeme als eng miteinander verwoben. Und sobald man so einen – wie man so schön sagt – holistischen Ansatz hat, steht man «Silo«-Lösungsansätzen oder Forderungskatalogen eher skeptisch gegenüber.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Nehmen wir das Beispiel eines afrikanischen Landes mit einem Problem in der Gesundheitsversorgung. Es wird eine wunderbare Initiative lanciert, um in diesem Land ein neues Spital zu errichten. Es vergehen nach der Fertigstellung des Baus zwei Jahre und man stellt fest, dass im brandneuen Spital nur sehr selten Patienten sind. Und irgendwann merkt man, dass die Gegend des neuen Spitals von einer Miliz kontrolliert wird und diese Miliz entweder Eintrittsgelder kassiert – damit man überhaupt ins Spital kann – oder die besagte Miliz den Zugang für Angehörige verfeindeter Gruppen grundsätzlich unterbindet. Das ist typisches Silo-Denken. Man hat ein Problem nur isoliert betrachtet – die schlechte Gesundheitsversorgung – und dabei Sicherheitsaspekte völlig ausgeblendet. Das passiert sehr häufig: es werden tolle Lösungen präsentiert, aber später stellt sich heraus, dass sie eigentlich gar keinen Effekt haben.

Wo würden Sie also ansetzen, um die Welt ein bisschen nachhaltiger zu machen?

Es gibt keine silver bullets, es gibt nicht eine einzige Lösung. Aber ich denke, es gibt Prioritäten. Die Prioritäten sind sicher auch bei unseren Denkmustern. Das ist sehr wichtig, denn wir leben alle, ohne uns dessen bewusst zu sein, mit bestimmten Wahrheiten. Es gibt Sachen, die wir nicht weiter in Frage stellen. Zum Beispiel, dass die Welt hart ist, die Konkurrenz übel und sich daher jeder selbst wehren muss. Das sind solche Bilder, welche wir mit uns herumtragen und nicht weiter hinterfragen. Es wäre jedoch durchaus interessant zu fragen, ob diese überhaupt stimmen. Es ist bestimmt wichtig, bei den Ideen der Menschen über die Bildung anzusetzen. Aber ich denke nicht, dass das reicht, denn ein System ist nicht frei von Machtverhältnissen. Vielfach ist man zu naiv, wenn man solche rein bildungsfokussierte Änderungsvorschläge macht. Man geht dann immer davon aus, dass eine gute Idee sich automatisch durchsetzen wird und sich schon niemand dagegen sträuben wird, denn schliesslich ist es ja eine gute Idee, nicht wahr? Aber in vielen Fällen haben gute Ideen mit sozialer Gerechtigkeit zu tun. Und soziale Gerechtigkeit steht vielfach im Widerspruch zu ökonomischen Interessen von wenigen einflussreichen Leuten. Und diese wissen sich gegen solche Ideen zu wehren.

Wie meinen Sie das?

Jemand, der ohne gross zu arbeiten im Jahr Millionen verdient und mit einer Initiative für eine bessere Einkommensverteilung konfrontiert wird, wird sich wahrscheinlich dagegen wehren. Und weil dieser Jemand viele Ressourcen zur Verfügung hat, wird die Gegenwehr relativ heftig ausfallen. Deswegen sage ich, dass man nicht nur auf dem Niveau der Ideen bleiben kann, weil viele Ideen unter Umständen durch bestehende Machtverhältnisse im Keim erstickt werden. Man muss also auch dafür sorgen, dass man bestimmte Konfigurationen – für mich sind es solche Basisinstitutionen wie das Geld – schlicht neu konfiguriert werden. Die Frage ist, ob dies möglich ist, ohne dass es vorher zu einer Systemkrise gekommen ist.

Wieso sprechen Sie hier ausgerechnet das Geld an?

Weil Geld eine Institution ist, welcher Menschen mehr oder weniger blind vertrauen, aber gleichzeitig nicht wissen, wie es funktioniert. Zudem ist das Geldsystem aktuell sehr sonderbar konfiguriert. Dies hat historische Gründe. Für mich ist das Geld auch fundamental dafür verantwortlich, dass es keine Nachhaltigkeit geben kann. Aktuell bestimmen die Banken über ihre Kreditvergabe die Geldmenge im System. Da das geliehene Geld plus Zinsen zurückgezahlt werden muss, definieren die Geldmenge und die Zinsen den «Wachstums-Druck» auf die Zukunft. Je höher die Geldmenge und je höher die Zinsen, desto grösser der Druck. Das wäre kein Problem, wenn der Wachstumsdruck im Einklang mit dem endogen möglichen Wachstum wäre.

Was ist endogenes Wachstum?

Das endogene Wachstum ist jenes Wachstum, das durch Steigerung der Produktivität, über verbesserte technologische Lösungen und so weiter, möglich ist. Dieses endogene Wachstum hat sich zwar durch die Hochtechnologie verändert, aber nicht massiv. Und die Kredite, welche heute von Banken generiert werden, spekulieren aus purem Eigeninteresse darauf, dass das Wachstum viel höher wird, als es durch endogenes Wachstum möglich wäre. Und wenn es nicht mehr genug endogenes Wachstum gibt, um all die Kredite zurückzuzahlen, dann muss man Wachstum anderweitig steigern. Eine solche Steigerung des Wachstums ist nur noch durch die nicht-nachhaltige Ausbeutung von Ressourcen möglich.Folglich sollte man das Geldsystem so umgestalten, dass die Geldmenge und die Zinsen so festgelegt werden, dass sie dem endogenen Wachstum entsprechen und nicht darüber hinausgehen. Spekulieren auf ein übertriebenes Wachstum muss unterbunden werden, wenn man eine nachhaltige Entwicklung anstrebt. Zu viel Geld, respektive zu viel Kredit, mündet automatisch in eine nicht-nachhaltige Entwicklung.

Das ist ein sehr interessanter Punkt.

Sie kennen ja denn Spruch »Geld regiert die Welt«, oder? Man könnte auch sagen: »Wer das Geldmachen regiert, regiert die Welt.« Zwar glauben die Menschen nicht, dass es die Banken sind, welche bestimmen, wie viel Geld im System zirkuliert. Leider ist es aber so und das ist absurd. Natürlich gibt es auf dem Papier Regeln, welche die Banken einhalten müssen, um zu verhindern, dass sie zu viel Geld »produzieren«, also zu viele Kredite vergeben. Aber sie unterlaufen diese Regeln fortwährend, denn ihre Gewinne sind proportional zum vergebenen Kreditvolumen. Sie haben also ein ureigenes Interesse, möglichst viel Geld ‚zu produzieren’. Sie unterlaufen die Regeln meistens, indem sie Teile ihres Kreditgeschäftes in ‚Nicht-Banken’ sogenannte Shadow Banks auslagern. Diese speziellen juristischen ‚Vehikel’ waren entscheidend am Aufbau und am Platzen der US-Kreditblase 2008 beteiligt.

Könnten Sie nochmals kurz erläutern, wie das eine nachhaltige Entwicklung verhindert?

Ein Beispiel mit einfachen Zahlen: Das endogene Wachstum liegt je nach Epoche zwischen ein und zwei Prozent. Nehmen wir für heute einmal sehr optimistische 2% an. Um die Rechnung zu vereinfachen, nehmen wir auch an, dass die Bevölkerung konstant bleibt. Die Summe aller vergebenen Kredite für das Folgejahr dürften in einem Nachhaltigkeits-Szenario nicht mehr betragen als die zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts des Vorjahres. Im heutigen System steigen die Kredit-Volumina aber deutlich stärker – es wird mindestens ein doppelt so hohes Wachstum angenommen, als de facto über das endogene Wachstum möglich ist. Und um dieses Wachstum zu erreichen, muss man Ressourcen ausbeuten. Nur so lässt sich so ein starkes Wachstum erzielen. Auch muss man davon ausgehen, dass man die sogenannten externalities nicht bezahlen muss: Wenn Umweltverschmutzung nichts kostet, lässt sich zumindest kurzfristig ein höheres Wachstum erzielen und man kann damit die gewährten Kredite plus Zinsen bedienen. Aber dieses zusätzliche Wachstum geht auf Kosten von etwas – in diesem Fall auf die Kosten der Umwelt. Sobald Sie über das endogene Wachstum hinaus spekulieren – also auf noch stärkeres Wachstum – dann zahlen die Umwelt und auch sehr viele Leute dafür einen hohen Preis…

Gibt es noch etwas, was Sie der Leserschaft mitteilen möchten?

Ich plädiere dafür, dass man das Geld- und Finanzsystem grundsätzlich im Sinne der Nachhaltigkeit reformiert. Leider trauen wir uns gar nicht, dies anzupacken, weil viele das Gefühl haben, dass man es gar nicht anders machen kann. Es ist wie eine interne Blockade, man wagt es nicht, Etabliertes in Frage zu stellen. Aber es ist das Privileg und die Aufgabe kritischer Studierender solche Denkblockaden zu überwinden. Um es mit Gottfried Schatz zu sagen: »Es ist unser Aufgabe das zu sehen, was andere sehen, aber etwas zu denken, was andere noch nicht gedacht haben«.

Dr. Bernhard Fuhrer studierte Geschichte, Geographie und Englisch an der Universität Basel. Seine Doktorarbeit verfasste er im Bereich der Wirtschaftsgeographie zum Thema Biotechnologie Cluster an der Universität Hamburg. Heute ist er Direktor des Swiss Network for International Studies und doziert unter anderem an der Universität Fribourg.

Dieses Interview erschien zuerst auf dem Blog des Vereins NEUF (Nachhaltige Entwicklung Universität Fribourg).