Gesellschaft | 08.12.2016

Architektur ohne Vorwissen, ein No-Go?

Text von Jenia Jost | Bilder von Jenia Jost
Baukunst ist nicht für jeden und Laien sollten sich von Architektur-Events fernhalten. Tink war am "Open House" in Zürich und hat versucht, sich in der fremden Welt der Bauten zurechtzufinden. Unser Fazit? So schlimm war es nicht.
Dürfen nur Profis sich eine Meinung über Baukunst bilden?
Bild: Jenia Jost

Heute probiert man, offen für alles zu sein. Fremdes sollte akzeptiert und mit Vergnügen ausprobiert werden. Doch ist es auch so einfach? Kann man überall teilnehmen, ohne sich verloren zu fühlen? Tink wollte es an der eigenen Haut erfahren und nahm am zürcher Architektur-Event Open House teil, um zu testen, ob man dort auch ohne Vorwissen mithalten kann.

Architektur – nur schöne Fassaden?

Architektur ist eine Branche, in der viele Disziplinen aufeinander treffen und für ein gemeinsames Resultat zusammenarbeiten. Es geht nicht nur um hübsche Gebäude, es geht auch um deren Planung; es geht um Ideen und deren Ausführung. Viele schrecken zurück, wenn sie erfahren, dass hinter der Architektur auch viel Theorie steckt. Wenn man ein beeindruckendes Gebäude anschaut, möchte man sich nicht überlegen müssen, wie es entstanden ist. In der Baukunst geht es aber auch um Symbolik: Nur die Architekt*in kann die Bedeutung ihres oder seines Werkes erklären, jedoch kann jede*r sich überlegen, weshalb zum Beispiel ein Haus grün ist oder weshalb es so schräg ist – und das ist genau das Prickelnde. Doch darf Mann und Frau Vermutungen zur versteckten Bedeutung eines Gebäudes äussern, oder dürfen es nur die Profis? Muss man auf den Architekturgenuss verzichten, wenn man das Gefühl hat, dass die Theorie dazu zu verdichtet ist? Open House Zürich zeigte uns, dass man Architektur auch ohne Vorwissen geniessen kann. Bei dieser Veranstaltung konnte Mann, Frau und Kind über 60 Gebäude in Zürich kostenlos besuchen: Spannend auf höchstem Niveau! Führungen erlaubten dem Publikum, nähere Informationen zu den Häusern zu erhalten. Doch was wenn jemand mitmachen wollte, der absolut keine Ahnung von Architektur hat?

Eine Veranstaltung für alle

Die Führungen wurden so gestaltet, dass auch die Kleinsten daran teilhaben konnten. Niemand kam zu kurz: Die Kenner*innen erhielten ihren Architekturschnaps und die Neulinge bekamen Architekturdurst. Alles lief bestens. Laut einer der 130 Helfer*innen spazierten am Wochenende allein durch das Tamedia Haus über 2000 Besucher*innen. Wenn man sich am Open House umschaut, sieht man unterschiedliche Menschen, welche uns zeigen, dass jedermann dorthin gehen kann, wo er will. Das hat sich jetzt geklärt. Doch muss man trotzdem ein gewisses Flair dafür haben?

Wir stellten genau diese Frage einem Architekten, den wir vor Ort trafen. Er musste schmunzeln: « Ihnen muss einfach ein Haus gefallen oder eben nicht. Das ist die einzige Voraussetzung. Vorwissen existiert nicht. Sie müssen sich nur eine eigene Meinung bilden können und schon gehören Sie dazu.» Da blieb noch eine letzte Frage übrig: Dürfen wir über die Bedeutung eines Gebäudes philosophieren oder ist dies ein Tabu? Der Architekt sah uns perplex an und sagte: «Was wäre denn der Zweck der Symbolik, wenn sie uns nicht anregt, nachzudenken?»

Über blaue Farbe und depressive Architekten

Auf einmal machte alles Sinn. Die Reise ging für uns weiter – eine architektonisch-fantastische Reise. Und so stellten auch wir eine Theorie auf: Architekten sind ein wenig depressiv, wenn sie ein Gebäude dunkelblau anmalen lassen. Das ist nur ein Beispiel, wir können gerne darüber streiten, ob das stimmt oder nicht. Auf jeden Fall ziehen wir jetzt ein Fazit: Bleibt offen für Neues, scheut euch nicht vor Unbekanntem und philosophiert, bitte!