Gesellschaft | 29.11.2016

To snooze or Zibelemärit?

Text von Anne-Lea Berger | Bilder von Anne-Lea Berger
Für alle, die jedes Jahr wieder denken "Soll ich, soll ich nicht?": eine Tink-Reporterin hat sich geopfert und war bei unmenschlicher Uhrzeit am Zibelemärit. Fazit: Einmal von der Bucket-List abgehakt, schläft es sich nächstes Jahr ganz ungeniert.
Die Show kommt an: Schlüpfrige Witze noch vor Sonnenaufgang vom Gemüsehobelverkäufer.
Bild: Anne-Lea Berger

Um mich herum Zwiebelketten, Zwiebelkränze, Zwiebelfiguren, Zwiebelkuchen. Ich stehe um 4:30 auf dem Bundesplatz. Für eine chronische Mittagsaufsteherin eine Jahrhundertleistung. Da lachen die Marktfahrer in Bern. Einige stellen seit ein Uhr ihre Stände auf, viele haben diese Nacht gar nicht geschlafen.

Zu meinem grossen Erstaunen stelle ich fest, dass ich trotz der frühen Stunde nicht die einzige Besucherin bin: Schon jetzt schlendern die Leute über den Markt. Ausser den Besuchern dreht auch Herr Siffert – Nachfolger von Herrn Cipolletti(!) – von der Orts- und Gewerbepolizei seine Runden: «Ich geh bei allen Bauern und Bäuerinnen vorbei und nehme auf, wie viele Zwiebeln mitgebracht wurden.» Bei dieser Gelegenheit reservieren sich viele Verkäufer ihren Stand gleich wieder fürs nächste Jahr.

Dies und die grosse Beliebtheit des Zibelemärits macht es für Neue schwierig, überhaupt an einen Verkaufsplatz zu kommen. So haben auch Alfonso und seine Mitverkäufer seit vier Uhr gewartet, ob vielleicht doch noch was für sie frei wird. Vergeblich. Zwischen Duftschwaden von Zwiebelsuppe und Glühwein ziehen sie von dannen.

Ein paar Stände weiter bildet sich eine Menschenschlange bei einem Getränkestand. Sybille aus Bern meint: «Es gehört halt irgendwie dazu und am Ende ist es ja doch immer ganz lustig, mit Freunden einen Glühwein zu trinken.» Ende November hat scheinbar ganz Bern das Gefühl, nur an diesem Montagmorgen an Glühwein zu kommen. Vergessen sind der Weihnachtsmarkt, die Fasnacht und sowieso alle Geschäfte, die in den Wintermonaten den heiss begehrten Wein ausschenken. Ein weiteres Phänomen, was am Zibelemärit zu Tage tritt: Ohne gute Begleitung – kein schönes Markterlebnis. Der Wert einer Veranstaltung scheint sich am Beisein der Freunde zu messen. Doch gerade darin, dass man einen Anlass alleine toll finden kann, liegt doch dessen wahre Güte?

Die fiese Bise bläst Zwiebelfiguren von den Ständen, zieht immer stärker, und hinter mir schreit ein Junge: «Auaa, ich habe kalte Beine!» Ja, so geht es auch mir. Das Buslinie 10-Feeling auf den Markthauptachsen hilft zwar etwas, aber so richtig warm werden tue ich mit dem Zibelemärit trotzdem nicht. Der erste Eindruck mitten in der Nacht war ganz in Ordnung, mittlerweile hat der Markt jedoch den Charme von kalten Pommes auf der Raststätte Würenlos.

Um Sieben ist Schluss. Aus. Ich kann nicht mehr. Mein Bett und die warme Decke sehnen sich zu sehr nach mir. Die Konfetti trage ich gerne noch etwas mit, sie hauchen dem grauen Alltag, dem tristen Wetter und meinem Fussboden etwas Farbe ein. Den Wecker stelle ich nächstes Jahr aber nicht. Befreit vom Gefühl, etwas des gemäss Stadt Bern «schweizweit einmaligen Ereignisses in der Vorweihnachtszeit» zu verpassen, werde ich genüsslich ausschlafen. Denn an diesem Montag wird Zuspätkommen und Nichterscheinen generell geduldet. Schliesslich ist Zibelemärit. Lang lebe der Zibelemärit!