Gesellschaft | 12.11.2016

Radikalisierung: Ein Schweizer Thema?

Text von Ramona Unterberg | Bilder von Ramona Unterberg
Morgen werden die an der Jugendsession 2016 erarbeiteten Forderungen dem Parlament übergeben. Ein Rückblick auf den ersten Tag in der Arbeitsgruppe »Radikalisierung von Jugendlichen.«
Präventionsexpert*innen v.l.n.r.: Marco Stricker, Flora Häftiger und Corinne Wild.
Bild: Ramona Unterberg

Am Donnerstag Nachmittag waren Corinne Wild und Marco Stricker von der Schweizerischen UNESCO Kommission sowie Flora Häfliger für den Sicherheitsverbund Schweiz zu Gast in dieser Arbeitsgruppe. Zwei Stunden lang stellten sich die Expert*innen den Fragen der rund 15 Jugendlichen zum Thema Extremismus: Wieso radikalisieren sich Jugendliche? Warum gehen junge Leute überhaupt nach Syrien? Welchen Einfluss hat die rechtspopulistische Wahlwerbung der SVP auf Dschihadismus in der Schweiz? Fragen, welche die grosse Bandbreite und Komplexität des Themas illustrieren. Fragen, deren offene Diskussion grosse Fortschritte im politischen Kampf gegen Extremismus bewirken könnten.

Marco Stricker betonte, dass Extremismus viele verschiedene Gründe haben könne. Oftmals spielen Wünsche nach einer besseren Welt eine grosse Rolle. Zudem herrschte Einigkeit darüber, dass der Bildung eine wichtige Aufgabe zukommt. Simplifiziert wurde hier die Gleichung mehr Bücher im Haus = weniger radikal aus dem alten Hut gezogen, und somit auf die Korrelation von mangelnder politischer Bildung und Extremismus verwiesen. Ebenso seien viele Biographien von Extremist*innen durch ein unsicheres familiäres Umfeld geformt, beispielsweise durch häusliche Gewalt oder alkoholabhängige Elternteile. Und so folgt die Schweiz mit ihren Strategien zur Extremismusbekämpfung europäischen Vorbildern, die ebenfalls die Präventionsarbeit in den Mittelpunkt stellen. Es wird geschult und bereits existierende Anlaufstellen wie die Fachstelle Gewaltprävention in Zürich beschäftigen sich mit neuen Herausforderungen wie der Radikalisierung. Neue Kommunikationsketten und lokale Austauschrunden verschiedener Akteur*innen der Bereiche Bildung, Politik, Sicherheit und Soziales werden durch den nationalen Aktionsplan gefördert, der im Sommer 2017 vom Sicherheitsverbund Schweiz herausgegeben wird. Dies sind Informationen, die den Teilnehmer*innen der Jugendsession anschliessend beim Formulieren des Ziels ihrer Arbeitsgruppe helfen werden.

Zur markantesten Erfahrung des Nachmittags wurde jedoch, dass die Gefühlslagen der Jugendlichen in den Arbeitsgruppen offen ausgedrückt wurden – ausserhalb von stets gleichen Freundeskreisen und angepassten Facebook-Feeds – was für manche Teilnehmenden eine gute und wichtige Erfahrung war. Als der islamistische Extremismus zum Mittelpunkt der Debatte wird, fällt schnell das Schlagwort Integration und der Bruchteil der Jugendlichen, der keine Hemmungen hat, meldet sich besorgt zu Wort. In der Schule schämen sich sogar manche, Schweizer zu sein, da es als langweilig gelte – Ausländer*innen würden sich über sie lustig machen und somit Radikalisierung unter den Schweizer*innen fördern, gemäß der Aussage eines Teilnehmers. Von der anderen Seite des Raumes wird bemerkt, dass arabische Länder wohl kaum Kirchen bauen würden, wenn wir dorthin fliehen müssten. Als Reaktionen riefen die Expert*innen zu Differenzierung, Empathie und Gedenken an die europäische Kolonialgeschichte auf. Ausserdem wurde die Offenheit der Beiträge freudig gelobt.

Was nun mit diesen ersten Debatten passiere, fragte Flora Häfliger zum Schluss. Doch während auch diese Frage noch offen blieb, haben die zwei Stunden in der Arbeitsgruppe den Bedarf an Austausch und Förderung offener Diskussionen verdeutlicht und die Wichtigkeit von Counterspeech-Kampagnen (on- und offline) illustriert. Laut Marco Stricker dürfe es nicht mehr passieren, dass ganze Nationen und Glaubensrichtungen ausgegrenzt und schlecht gemacht würden, auch nicht in populistischen Kampagnen, beispielsweise einer SVP. Und so stellte er schliesslich die Forderung, dass sich mehr junge Politiker*innen in der Schweiz den zunehmend simplifizierten und populistischen Wahlkampagnen und politischen Diskursen dieser Zeit entgegenstellen. Also los!