Gesellschaft | 16.11.2016

Schnuppern in der Diplomatie

Text von Anne-Lea Berger | Bilder von Christof Kleger
Youth Reps sind Jugendliche, welche während jeweils einem Jahr die Schweizer Delegation an die UNO-Versammlungen begleiten. Noemi Grütter (21) ist eine davon und hat eine klare Botschaft: Damit Jugendliche sich mehr engagieren, müssen sie die Wertschätzung der Politiker spüren.
Noemi Grütter appelliert an die Teilnehmenden der Juse, sich weiterhin für die Jugend einzusetzen.
Bild: Christof Kleger
Noemi, gerade eben hast du vor den Teilnehmenden der Juse gesprochen. Mit deiner kräftigen Stimme hast du souverän gewirkt wie eine Nationalrätin. Bist du daran gewöhnt, vor so vielen Leuten zu sprechen?

(Lacht) Danke! Vor zweihundert Leuten nicht unbedingt, aber in meinem Jahr als Youth Rep boten sich viele Gelegenheiten, vor Leuten zu sprechen. Ich sprach an UNO Anlässen und an Podiumsdiskussionen, arbeite in der Schweiz mit Jugendlichen zusammen. Dadurch konnte ich mein Auftreten trainieren. Ich mache es sehr gerne.

Das merkt man. Du bist seit knapp einem Jahr als Youth Rep tätig. Als eine von drei jungen Erwachsenen versuchst du, die Stimme der Schweizer Jugend auf das internationale Politparkett zu bringen. Ist die Youth Rep so etwas wie die Juse der UNO?

Jein. Wir haben kein Forum wie die Juse, wo sich alle UNO Jugenddelegierten gemeinsam treffen und Forderungen ausarbeiten. Jeder Mitgliedstaat organisiert sein Programm für die Youth Reps individuell. Viele nehmen die Jugenddelegierten einfach mit ihren Delegationen an die UNO-Generalversammlung. Wir sind drei Schweizer Youth Reps und begleiten die Schweizer Delegation an drei verschiedene Konferenzen und sensibilisieren mit Projekten die Jugendlichen in der Schweiz auf das Thema der UNO.

Was ist das für eine Delegation?

Die Schweiz schickt eine Gruppe aus Vertretern von akademischen Experten, Vertretern von NGOs, und natürlich vielen Diplomaten an die Versammlungen der UNO. Diese handeln mit den anderen Ländern die Resolutionen, Konventionen oder Forderungen aus.

Und in dieser Delegation könnt ihr eure Anliegen einbringen?

Genau, wir sind an den Vorbereitungssitzungen dabei und haben das Recht, unsere Forderungen einzubringen. Das ist aber eine der wenigen Möglichkeiten, an die UNO Forderungen zu stellen. Wir dürfen zum Beispiel auch als Vertreter der SAJV in der UNO in Genf Statements abgeben. Das Programm ist noch nicht genug etabliert, dass wir, Jugendliche aus der ganzen Welt, zusammen Ideen ausarbeiten und vertreten könnten. Das wäre sehr sinnvoll, weil wir so viel grösseres Gewicht hätten.

Auf nationaler Ebene ist dies die Juse. Gibt es dieses System schon in ähnlicher Weise auf internationaler Ebene?

Ja, das European Youth Forum, sie arbeiten sehr eng mit der EU zusammen. Auf globaler Ebene fehlt ein solches Jugendparlament noch.

Welchen Auswirkungen haben die Youth Rep in der UNO?

Ich kann von der Frauenrechtskonferenz berichten. An diesem Anlass gibt es nämlich ein Forum für Jugendliche, was eine willkommene Ausnahme ist. Wir jungen Frauen und Männer, die sich im Thema der Gleichstellung engagieren, konnten uns vorher treffen, um Forderungen auszuarbeiten. Diese haben wir dann dem Chair, dem Vorsitzenden der Konferenz übergeben. Ich weiss nicht, ob das wirklich wegen uns war; aber später, im Beschluss der Konferenz, war dann auch die Rede von «Young Girls», und nicht nur von «Women», so wie wir das gefordert hatten.

Wie reagieren gestandene Diplomaten auf euch Youth Reps?

Ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht, sie haben Freude am Nachwuchs. Sicher ist Sympathie vorhanden, aber ich glaube nicht, dass sie uns hundertprozentig ernst nehmen. In meiner Delegation schon. Die Schweiz hat ein sehr fortschrittliches Programm und die anderen Mitglieder der Delegation haben mich sehr ernst genommen, das war schön.

Du hast schon bei verschiedenen Projekte in Südamerika mitgearbeitet, gar selber initiiert, bist viel am Reisen? Wie hat dein Leben als Jetsetterin angefangen?

Meine Eltern haben meinen Geschwistern und mir ein offenes Weltbild, Interesse an anderen Kulturen und sozialen Problemen mitgegeben. Meine Grosseltern sind in Ägypten aufgewachsen. Nach der Matura war für mich klar, dass ich ins Ausland möchte. Ich war ein halbes Jahr alleine in Projekten in Südamerika. Seit dem steht für mich fest: Ich will so oft wie möglich andere Kulturen kennenlernen. Ich glaube, das ist sehr wichtig für Jugendliche.

Als Youth Rep hattest du diese Chance. Was muss man tun, um Youth Rep zu werden?

Es ist ein ganz normales Bewerbungsverfahren. Man muss jedoch einige Qualitäten mitbringen. Vorallem ist es wichtig, dass man sich schon vorher freiwillig engagiert hat. Man muss motiviert sein, sich für Jugendpolitik zu engagieren, die Welt zu verbessern. Ausserdem muss man drei Sprachen, Deutsch und Französisch plus Englisch, beherrschen. Aber man braucht kein Studium. Im Gegenteil, wir sind froh über berufstätige Leute. Das zeigt ein besseres Bild der Schweizer Jugend, weil Studenten nicht die Mehrheit vertreten. Auch Leute mit Migrationshintergrund sind sehr willkommen. Wir wollen eine Jugenddelegation, die die Schweizer Jugend vertritt – auf einer Art, die Sinn macht. Man muss also drei Sprachen kennen und sich für Jugendliche engagieren.

Wie ist es dieses Jahr? Du studierst internationale Beziehungen in Genf, was machen die anderen zwei?

(Lacht). Ja, in diesem Jahr sind wir leider alles Studenten. Aber letztes Jahr zum Beispiel war eine KV-Absolventin dabei. Momentan laufen die Bewerbungsverfahren. Wir sind gespannt, vielleicht wird nächstes Jahr wieder jemand berufstätiges Youth Rep.

Und wie geht es mit dir weiter?

Ich bin mir noch nicht sicher, wo mein Weg hinführt. Dieses Jahr hat mir die Möglichkeit geboten, die Welt der Diplomatie kennenlernen. Es hat mir nicht bestätigt, dass ich in die Diplomatie will, eher dass sie wahrscheinlich nichts für mich ist.

Warum?

Ich glaube nicht, dass es mir liegt, einen Staat und eine Staatsmeinung bedingungslos zu vertreten. Ich glaube, ich habe eine zu starke eigene Meinung. Auch möchte ich die Resultate meiner Arbeit sehen. Die Diplomatie ist häufig sehr abstrakt, sie spielt auf einer Meta-Ebene. Das finde ich sehr wichtig und auch spannend. Aber meine Fähigkeit ist eher, mit Menschen in Projekten praktisch zu arbeiten. Ich sehe meine Zukunft eher in diesem Bereich. Das kann aber gut auch in einer UN-Agentur sein, zum Beispiel im UNHCR (UNO Flüchtlingshilfe) oder beim Internationalen Roten Kreuz. Aber ich bin noch jung, vielleicht ändert sich das noch und ich wende mich dem «Neutralen» zu (Lacht).

Ist diese Abstraktion der Problemfindung manchmal frustrierend?

Ja natürlich, das ist es wahrscheinlich für alle, die bei der UNO arbeiten. Man muss sich dessen im Voraus klar sein.Aber die Hauptaufgabe der UNO ist nicht, direkt Einfluss zu nehmen. Sie muss eine Diskussionsplattform für ihre Mitgliedstaaten schaffen. Damit sie verhandeln, Friedensverträge erarbeiten und auf einer neutralen Ebene reden und Wissen ausgetauscht werden kann. Die Wichtigkeit dieser Errungenschaft wird oftmals vergessen.

Kommen wir zurück zur Juse: Wie kann man die politische Partizipation von Jugendlichen in der Schweiz fördern?

Es ist sehr wichtig, die Jugendlichen ernst zu nehmen. Dass man ihnen zeigt, dass ihr Engagement einen Impact hat. «Wir hören euch zu, wenn ihr was sagt», das fördert Jugendliche, sich auch weiterhin zu engagieren. Sie müssen sehen, dass es eine Wirkung hat, wenn sie sich einbringen. Das fehlt momentan in der Schweiz. Gerade hier an der Juse: So viele Jugendliche politisieren zusammen, und es kommt kein Bundesrat. Das geht gar nicht!
Ich zum Bespiel gehe in Jugendgefängnisse, um über internationale Politik und die UNO zu sprechen. Das ist ein ganz bewusster Entscheid, weil ich keinen Jugendlichen aus dem politischen Prozess ausschliessen will. Wir gehören alle dazu. Im Gefängnis ist die Aufgabe die Resozialisierung, und da gehört auch die internationale Politik dazu.
Politiker können schon davon sprechen, wie wichtig Jugendpartizipation sei. Das kommt gut an bei der Stimmbevölkerung, aber man muss dies auch umsetzen: sich als Parlamentarier zum Beispiel mit Jugendlichen treffen und nach ihrer Meinung zu spezifischen Themen fragen. Dies zu organisieren wäre kein Problem. Aber ich denke, man sieht leider immer noch nicht genug gut, wie viel Potenzial und Kreativität in Jugendlichen steckt.