To snooze or Zibelemärit?

Um mich herum Zwiebelketten, Zwiebelkränze, Zwiebelfiguren, Zwiebelkuchen. Ich stehe um 4:30 auf dem Bundesplatz. Für eine chronische Mittagsaufsteherin eine Jahrhundertleistung. Da lachen die Marktfahrer in Bern. Einige stellen seit ein Uhr ihre Stände auf, viele haben diese Nacht gar nicht geschlafen.

Zu meinem grossen Erstaunen stelle ich fest, dass ich trotz der frühen Stunde nicht die einzige Besucherin bin: Schon jetzt schlendern die Leute über den Markt. Ausser den Besuchern dreht auch Herr Siffert – Nachfolger von Herrn Cipolletti(!) – von der Orts- und Gewerbepolizei seine Runden: «Ich geh bei allen Bauern und Bäuerinnen vorbei und nehme auf, wie viele Zwiebeln mitgebracht wurden.» Bei dieser Gelegenheit reservieren sich viele Verkäufer ihren Stand gleich wieder fürs nächste Jahr.

Dies und die grosse Beliebtheit des Zibelemärits macht es für Neue schwierig, überhaupt an einen Verkaufsplatz zu kommen. So haben auch Alfonso und seine Mitverkäufer seit vier Uhr gewartet, ob vielleicht doch noch was für sie frei wird. Vergeblich. Zwischen Duftschwaden von Zwiebelsuppe und Glühwein ziehen sie von dannen.

Ein paar Stände weiter bildet sich eine Menschenschlange bei einem Getränkestand. Sybille aus Bern meint: «Es gehört halt irgendwie dazu und am Ende ist es ja doch immer ganz lustig, mit Freunden einen Glühwein zu trinken.» Ende November hat scheinbar ganz Bern das Gefühl, nur an diesem Montagmorgen an Glühwein zu kommen. Vergessen sind der Weihnachtsmarkt, die Fasnacht und sowieso alle Geschäfte, die in den Wintermonaten den heiss begehrten Wein ausschenken. Ein weiteres Phänomen, was am Zibelemärit zu Tage tritt: Ohne gute Begleitung – kein schönes Markterlebnis. Der Wert einer Veranstaltung scheint sich am Beisein der Freunde zu messen. Doch gerade darin, dass man einen Anlass alleine toll finden kann, liegt doch dessen wahre Güte?

Die fiese Bise bläst Zwiebelfiguren von den Ständen, zieht immer stärker, und hinter mir schreit ein Junge: «Auaa, ich habe kalte Beine!» Ja, so geht es auch mir. Das Buslinie 10-Feeling auf den Markthauptachsen hilft zwar etwas, aber so richtig warm werden tue ich mit dem Zibelemärit trotzdem nicht. Der erste Eindruck mitten in der Nacht war ganz in Ordnung, mittlerweile hat der Markt jedoch den Charme von kalten Pommes auf der Raststätte Würenlos.

Um Sieben ist Schluss. Aus. Ich kann nicht mehr. Mein Bett und die warme Decke sehnen sich zu sehr nach mir. Die Konfetti trage ich gerne noch etwas mit, sie hauchen dem grauen Alltag, dem tristen Wetter und meinem Fussboden etwas Farbe ein. Den Wecker stelle ich nächstes Jahr aber nicht. Befreit vom Gefühl, etwas des gemäss Stadt Bern «schweizweit einmaligen Ereignisses in der Vorweihnachtszeit» zu verpassen, werde ich genüsslich ausschlafen. Denn an diesem Montag wird Zuspätkommen und Nichterscheinen generell geduldet. Schliesslich ist Zibelemärit. Lang lebe der Zibelemärit!

Kleine Zwiebeln am grossen Märit

Um sechs Uhr morgens herrschte in der Berner Altstadt dichtes Gedränge, die Besucher bewegten sich im Schneckentempo durch die Strassen, an den Zwiebelständen vorbei. Während die Märitbesucher die Zwiebelzöpfe und -kränze begutachteten und dazu Glühwein schlürften, kämpften einige Zwiebelverkäufer mit dem Wind, der durch die Gassen pfiff.

Die Zwiebelverkäufer waren sich indes nicht ganz einig, was die diesjährige Zwiebelsaison betrifft: «Es war keine schlechte Saison, aber im Juni hat es zu wenig geregnet», erzählte Udo Pötzschke. Der Deutsche war bereits zum zehnten Mal am Berner Zibelemärit anzutreffen. «Wegen der Trockenheit sind unsere Zwiebeln eher klein ausgefallen.» Wieviele Kilo Zwiebeln er an den Märit mitgebracht hatte, wollte er aber nicht verraten.

Anders sah es bei Zwiebelverkäufer Rolf Hediger aus Kerzers aus. «Bei uns war es sehr nass» – Aber auch Hedigers Zwiebeln fielen dieses Jahr kleiner aus als normal. «Es war mühsam, die Zwiebeln zu trocknen, damit wir sie dann flechten konnten», ergänzt er. Trotzdem konnte der Bauer aus Kerzers mit rund einer Tonne Zwiebeln an den Zibelemärit reisen – Er trug also rund einen 57stel des gesamten Angebots bei. Rund 57 Tonnen Zwiebeln konnten die Besucher nämlich heuer auf dem Markt erwerben, teilte die Stadt Bern am Nachmittag mit. Die Rekordmenge von 2014 mit fast 60 Tonnen wurde allerdings verfehlt. Von den insgesamt 662 Marktständen verkauften 178 Zwiebeln in allen Variationen. Die Standplätze am Zibelemärit war dieses Jahr so beliebt, dass 88 Bewerber abgelehnt werden mussten, schrieb die Stadt weiter.

Heinz Bamer aus Aarberg berichtet unterdessen von einer durchzogenen Saison. Während es anscheinend in Deutschland zu trocken war, fiel in der Schweiz zu viel Regen, so musste auch er mit einer kleineren Ernte zurechtkommen. Weil er aber seine Zwiebeln von mehreren Bauern bezog, konnte er die Ausfälle kompensieren. So schlimm wie letztes Jahr, als sogar einige Zwiebelverkäufer wegen der schlechten Ernte ihre Teilnahme am Märit kurzfristig absagen mussten, war es also nicht. Bamer und die anderen Zwiebelverkäufer hoffen trotzdem, dass die nächste Saison wieder «zwiebelfreundlicher» wird.

Den Zibelemärit-Mythen auf der Spur

Mythos 1: Die Konfetti sind die reinste Ressourcenverschwendung.

Bereits am frühen Morgen liegen auf den Gassen von Bern hunderttausende Konfetti. Manche haben sich auch in den Glühwein oder Punsch verirrt. Woher die Konfetti kommen, fragen sich wohl die wenigsten.

Die Konfetti-Verkäufer reagierten zumeist irritiert auf die Frage der Herkunft. Antworten waren rar. Italien war zumindest zwei Mal die Antwort. Ein Verkäufer mit Samichlaus-Mütze antwortete da schon detaillierter: Er behauptete, die Konfetti würden in einer Fabrik eines Freundes in Italien hergestellt. Die Konfetti seien aus Restpapieren produziert, nicht beschichtet und ökologisch abbaubar, so wie dies auch eine Vorschrift der Stadt will. Nach ausgiebigen Internetrecherchen haben sich die Informationen als richtig herausgestellt. Wichtig ist zudem, dass das Konfetti-Papier laut der Herstellerin vor der Produktion zweifach gelüftet und entstaubt wird.

Ob die Konfetti eine gravierende Ressourcenverschwendung darstellen, muss jeder für sich entscheiden. Ökos kann man zumindest beruhigen, dass mit der farbigen Papierschlacht keine Regenwälder abgeholzt werden.

Mythos 2: Die Zuckerzwiebelketten bestehen nur aus künstlichen Aromastoffen.

Auch woher die Zuckerzwiebelketten kommen, ist eine wichtige Frage. Antworten waren zunächst schwer rauszukriegen, dann verdichteten sich die Hinweise auf Basel als Geburtsstätte der Zuckerzwiebel. Und tatsächlich: die Süssigkeit ist keine bernische, sondern wird von einer Firma namens «Sweet Basel» aus Birsfelden hergestellt.

Gesundheitlich sind die Zwiebel-Täfeli neben typischen Zwiebelmarkt-Spezialitäten wie Churros und Belgische Waffeln sicher nicht weiter bedenklich. Man muss ja auch nicht alle 26 Zuckerzwiebeln nach dem ersten Stück Zwiebelkuchen essen.

Mythos 3: Der Zibelemärit wird stark von der Polizei bewacht.

Die Polizei ist wie bei allen Grossanlässen präsent. Am Käfigturm gab es sogar einen Infostand, wo die Bevölkerung die dringensten Fragen an die beiden Polizisten stellen konnten. Auf die Frage, wie viele Polizisten im Einsatz sind, gab es freundlich, aber bestimmt keine Auskunft. Das Aufgebot sei aber für einen solchen Grossanlass nicht zu klein. Polizisten in Uniform waren jedenfalls keine zu entdecken. Einige Personen sahen zumindenst ein bisschen nach Undercover-Gesetzeshüter aus.

Mythos 4: Der Zibelemärit wurde lediglich aus Überschuss an Zwiebeln erfunden.

Auf die Frage an Passanten, wie der Zibelemärit eigentlich entstanden ist, und warum, kamen wenige müde Antworten. Am häufigsten wurde vermutet, dass es vor 100 Jahren einen Überschuss an Zwiebeln gab und diese um jeden Preis an den Berner und an die Bernerin gebracht wurden. Ein Passant Mitte zwanzig war äusserst kreativ: Gemäss ihm wurden die übriggebliebenen Zwiebeln zuerst in den Bärengraben geworfen. Doch dummerweise hatten die Berner Bären keine Lust darauf. Die Bauern und Bäuerinnen suchten nach einem anderen Weg, da es ja zu schade wäre, wenn die Zwiebeln neben hinuntergeworfenen Plastiksäcken und Nuggis vergammeln würden. Die Antwort darauf war der Zibelemärit.

So schön diese Idee auch klingen mag, die Entstehungsgeschichte ist ein bisschen bünzliger. Dazu gibt es mehrere Theorien. Entweder ist das heutige kunterbunte Stadtfest der Nachfolger eines Marktes, der jeweils am Martinstag stattfand. Oder der Zibelemärit ist eine Art Mercischön für die lieben Freiburger, die den Bernern nach dem Stadtbrand im 15. Jahrhundert und den Burgunderkriegen geholfen haben.

So, jetzt sind hoffentlich alle Mythen geklärt und du kannst dich nächstes Jahr auf die wirklich wichtigen Dinge, Glühwein und die nervigen Plastikhämmerli, konzentrieren.

Warum Hilfe so wichtig ist

Heutzutage kommen die Momente, in denen Menschen füreinander einstehen und einander helfen, leider viel zu selten vor. Ja, ich höre eigentlich fast nie, dass Menschen einander helfen und wenn, dann nur im ganz kleinen Masse – so klein, wie ein Sandkorn in einer Wüste. Doch, was wäre, wenn man es schaffen würde, etwas Grösseres zu bewirken? Wenn nicht nur ein Mensch allein für eine Sache einsteht, sondern gleich eine ganze Gruppe? Ich bin überzeugt, dass Menschen viel bewirken können, wenn sie sich für eine gemeinsame Sache einsetzen.

Die Flüchtlingspolitik

Oftmals sind es nicht schöne oder erfreuliche Neuigkeiten, die in den Medien stehen. In letzter Zeit lese ich praktisch in jeder Zeitungsausgabe über die Flüchtlingskrise. Oft steht darin, dass flüchtende Menschen auf tragische Art und Weise ums Leben kommen – wie im Mittelmeer, wo beinahe täglich viele Flüchtlinge ertrinken. Auch an den Grenzen sind Flüchtlinge unmenschlichen Bedingungen ausgesetzt: Sie hungern und leben auf sehr engem Raum. An der türkischen Grenze wird auf Menschen geschossen, an der spanischen Grenze verletzen sich Flüchtlinge an den Zäunen, wenn sie versuchen, darüberzuklettern. Weshalb aber verschärfen die Länder ihre Grenzvorschriften?

Angst um die nationale Sicherheit

In letzter Zeit waren viele Terroranschläge in den Nachrichten. Während ich meinen Artikel verfasste, wuchs die Liste der betroffenen Städte ständig: Paris, Brüssel, Istanbul, Dresden, Maiduguri, Ankara, Nizza…um nur einige davon aufzuführen. Es erstaunt nicht, dass sich die Menschen zunehmend unwohl fühlen. Sie fühlen sich unwohl, denn sie sorgen sich um die nationale Sicherheit. Flüchtlinge kommen nicht nach Europa, um Anschläge zu verüben, oder um Leuten zu schaden. Sie suchen bei uns im Westen Schutz vor dem Krieg. Sie suchen Unterschlupf für ihre Kinder und wollen hier in der Schweiz einen Neuanfang starten oder zumindest hier einen Job ausführen können, bis sich die Lage in ihrer Heimat wieder ein wenig beruhigt hat.

Die Menschen suchen die Lösung für das Problem der Flüchtlingskrise an der falschen Stelle. Eine gute und gründliche Grenzkontrolle ist sicher wichtig, man sollte aber nicht Angst haben, anderen Menschen zu helfen, denen es wirklich schlecht geht.

Weshalb es wichtig ist, zu helfen

Ein wichtiger Punkt ist die bereits erwähnte gegenseitige Hilfe unter den Menschen. Es sollte unser Ziel sein, ein gemeinsames globales, friedliches Leben zu führen und nicht das Gegenteil anzustreben. Die Ignoranz, die Gleichgültigkeit und die Selbstverliebtheit sind leider Bestandteil unseres Lebens. Jedoch sind diese Dinge nur eine Blockade, die uns politisch, aber vor allem auch menschlich, nicht weiterbringt. Mein persönliches Motto ist: Wenn es anderen Menschen gut geht, geht es mir auch gut.

Flüchtlinge entsprechen oft nicht den Klischees. Anstatt aus einem verkommenen, armen Dorf zu kommen und keinerlei Anstand zu besitzen, haben Flüchtlinge oft in ihrer Heimat eine gute Ausbildung absolviert oder vielleicht sogar studiert. Sie haben Erfahrungen in verschiedenen Gebieten der Technik, Industrie oder Dienstleistung. Grosse Schweizer Konzerne, wie Nestlé oder Rolex, stammen von Ideen von Einwanderern. Flüchtlinge können für unsere westlichen Länder wichtige Arbeitskräfte sein, die unser Land und auch die EU weiterbringen könnten.

Wie können wir nun helfen?

Auch ohne sich für Politik zu interessieren, kann man sich für Flüchtlinge einsetzen. Mir geht es darum, dass man sich darüber bewusst ist, wie viel die Menschen aus Syrien, Äthiopien oder anderen Ländern durchmachen mussten, bis sie hier angekommen sind. Um die jetzige Situation zu ändern, müssen wir uns als Erstes gut informieren, zweitens nur sachlich mit unseren Mitmenschen diskutieren -vor allem vor einem grösseren Publikum – und uns drittens Gedanken darüber machen, wo der Einzelne seine Hilfe anbieten kann. Sei es in der Stadt oder im Dorf: man kann fremde Jugendliche und Erwachsene einbeziehen, ihnen bei sprachlichen Hindernissen behilflich sein, oder mit ihnen Kleider, Esswaren und andere Güter teilen. Besonders jetzt, da die Weihnachtszeit bald beginnt, wäre es umso schöner zu sehen, wenn Menschen für Menschen einstehen.

Schnuppern in der Diplomatie

Noemi, gerade eben hast du vor den Teilnehmenden der Juse gesprochen. Mit deiner kräftigen Stimme hast du souverän gewirkt wie eine Nationalrätin. Bist du daran gewöhnt, vor so vielen Leuten zu sprechen?

(Lacht) Danke! Vor zweihundert Leuten nicht unbedingt, aber in meinem Jahr als Youth Rep boten sich viele Gelegenheiten, vor Leuten zu sprechen. Ich sprach an UNO Anlässen und an Podiumsdiskussionen, arbeite in der Schweiz mit Jugendlichen zusammen. Dadurch konnte ich mein Auftreten trainieren. Ich mache es sehr gerne.

Das merkt man. Du bist seit knapp einem Jahr als Youth Rep tätig. Als eine von drei jungen Erwachsenen versuchst du, die Stimme der Schweizer Jugend auf das internationale Politparkett zu bringen. Ist die Youth Rep so etwas wie die Juse der UNO?

Jein. Wir haben kein Forum wie die Juse, wo sich alle UNO Jugenddelegierten gemeinsam treffen und Forderungen ausarbeiten. Jeder Mitgliedstaat organisiert sein Programm für die Youth Reps individuell. Viele nehmen die Jugenddelegierten einfach mit ihren Delegationen an die UNO-Generalversammlung. Wir sind drei Schweizer Youth Reps und begleiten die Schweizer Delegation an drei verschiedene Konferenzen und sensibilisieren mit Projekten die Jugendlichen in der Schweiz auf das Thema der UNO.

Was ist das für eine Delegation?

Die Schweiz schickt eine Gruppe aus Vertretern von akademischen Experten, Vertretern von NGOs, und natürlich vielen Diplomaten an die Versammlungen der UNO. Diese handeln mit den anderen Ländern die Resolutionen, Konventionen oder Forderungen aus.

Und in dieser Delegation könnt ihr eure Anliegen einbringen?

Genau, wir sind an den Vorbereitungssitzungen dabei und haben das Recht, unsere Forderungen einzubringen. Das ist aber eine der wenigen Möglichkeiten, an die UNO Forderungen zu stellen. Wir dürfen zum Beispiel auch als Vertreter der SAJV in der UNO in Genf Statements abgeben. Das Programm ist noch nicht genug etabliert, dass wir, Jugendliche aus der ganzen Welt, zusammen Ideen ausarbeiten und vertreten könnten. Das wäre sehr sinnvoll, weil wir so viel grösseres Gewicht hätten.

Auf nationaler Ebene ist dies die Juse. Gibt es dieses System schon in ähnlicher Weise auf internationaler Ebene?

Ja, das European Youth Forum, sie arbeiten sehr eng mit der EU zusammen. Auf globaler Ebene fehlt ein solches Jugendparlament noch.

Welchen Auswirkungen haben die Youth Rep in der UNO?

Ich kann von der Frauenrechtskonferenz berichten. An diesem Anlass gibt es nämlich ein Forum für Jugendliche, was eine willkommene Ausnahme ist. Wir jungen Frauen und Männer, die sich im Thema der Gleichstellung engagieren, konnten uns vorher treffen, um Forderungen auszuarbeiten. Diese haben wir dann dem Chair, dem Vorsitzenden der Konferenz übergeben. Ich weiss nicht, ob das wirklich wegen uns war; aber später, im Beschluss der Konferenz, war dann auch die Rede von «Young Girls», und nicht nur von «Women», so wie wir das gefordert hatten.

Wie reagieren gestandene Diplomaten auf euch Youth Reps?

Ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht, sie haben Freude am Nachwuchs. Sicher ist Sympathie vorhanden, aber ich glaube nicht, dass sie uns hundertprozentig ernst nehmen. In meiner Delegation schon. Die Schweiz hat ein sehr fortschrittliches Programm und die anderen Mitglieder der Delegation haben mich sehr ernst genommen, das war schön.

Du hast schon bei verschiedenen Projekte in Südamerika mitgearbeitet, gar selber initiiert, bist viel am Reisen? Wie hat dein Leben als Jetsetterin angefangen?

Meine Eltern haben meinen Geschwistern und mir ein offenes Weltbild, Interesse an anderen Kulturen und sozialen Problemen mitgegeben. Meine Grosseltern sind in Ägypten aufgewachsen. Nach der Matura war für mich klar, dass ich ins Ausland möchte. Ich war ein halbes Jahr alleine in Projekten in Südamerika. Seit dem steht für mich fest: Ich will so oft wie möglich andere Kulturen kennenlernen. Ich glaube, das ist sehr wichtig für Jugendliche.

Als Youth Rep hattest du diese Chance. Was muss man tun, um Youth Rep zu werden?

Es ist ein ganz normales Bewerbungsverfahren. Man muss jedoch einige Qualitäten mitbringen. Vorallem ist es wichtig, dass man sich schon vorher freiwillig engagiert hat. Man muss motiviert sein, sich für Jugendpolitik zu engagieren, die Welt zu verbessern. Ausserdem muss man drei Sprachen, Deutsch und Französisch plus Englisch, beherrschen. Aber man braucht kein Studium. Im Gegenteil, wir sind froh über berufstätige Leute. Das zeigt ein besseres Bild der Schweizer Jugend, weil Studenten nicht die Mehrheit vertreten. Auch Leute mit Migrationshintergrund sind sehr willkommen. Wir wollen eine Jugenddelegation, die die Schweizer Jugend vertritt – auf einer Art, die Sinn macht. Man muss also drei Sprachen kennen und sich für Jugendliche engagieren.

Wie ist es dieses Jahr? Du studierst internationale Beziehungen in Genf, was machen die anderen zwei?

(Lacht). Ja, in diesem Jahr sind wir leider alles Studenten. Aber letztes Jahr zum Beispiel war eine KV-Absolventin dabei. Momentan laufen die Bewerbungsverfahren. Wir sind gespannt, vielleicht wird nächstes Jahr wieder jemand berufstätiges Youth Rep.

Und wie geht es mit dir weiter?

Ich bin mir noch nicht sicher, wo mein Weg hinführt. Dieses Jahr hat mir die Möglichkeit geboten, die Welt der Diplomatie kennenlernen. Es hat mir nicht bestätigt, dass ich in die Diplomatie will, eher dass sie wahrscheinlich nichts für mich ist.

Warum?

Ich glaube nicht, dass es mir liegt, einen Staat und eine Staatsmeinung bedingungslos zu vertreten. Ich glaube, ich habe eine zu starke eigene Meinung. Auch möchte ich die Resultate meiner Arbeit sehen. Die Diplomatie ist häufig sehr abstrakt, sie spielt auf einer Meta-Ebene. Das finde ich sehr wichtig und auch spannend. Aber meine Fähigkeit ist eher, mit Menschen in Projekten praktisch zu arbeiten. Ich sehe meine Zukunft eher in diesem Bereich. Das kann aber gut auch in einer UN-Agentur sein, zum Beispiel im UNHCR (UNO Flüchtlingshilfe) oder beim Internationalen Roten Kreuz. Aber ich bin noch jung, vielleicht ändert sich das noch und ich wende mich dem «Neutralen» zu (Lacht).

Ist diese Abstraktion der Problemfindung manchmal frustrierend?

Ja natürlich, das ist es wahrscheinlich für alle, die bei der UNO arbeiten. Man muss sich dessen im Voraus klar sein.Aber die Hauptaufgabe der UNO ist nicht, direkt Einfluss zu nehmen. Sie muss eine Diskussionsplattform für ihre Mitgliedstaaten schaffen. Damit sie verhandeln, Friedensverträge erarbeiten und auf einer neutralen Ebene reden und Wissen ausgetauscht werden kann. Die Wichtigkeit dieser Errungenschaft wird oftmals vergessen.

Kommen wir zurück zur Juse: Wie kann man die politische Partizipation von Jugendlichen in der Schweiz fördern?

Es ist sehr wichtig, die Jugendlichen ernst zu nehmen. Dass man ihnen zeigt, dass ihr Engagement einen Impact hat. «Wir hören euch zu, wenn ihr was sagt», das fördert Jugendliche, sich auch weiterhin zu engagieren. Sie müssen sehen, dass es eine Wirkung hat, wenn sie sich einbringen. Das fehlt momentan in der Schweiz. Gerade hier an der Juse: So viele Jugendliche politisieren zusammen, und es kommt kein Bundesrat. Das geht gar nicht!
Ich zum Bespiel gehe in Jugendgefängnisse, um über internationale Politik und die UNO zu sprechen. Das ist ein ganz bewusster Entscheid, weil ich keinen Jugendlichen aus dem politischen Prozess ausschliessen will. Wir gehören alle dazu. Im Gefängnis ist die Aufgabe die Resozialisierung, und da gehört auch die internationale Politik dazu.
Politiker können schon davon sprechen, wie wichtig Jugendpartizipation sei. Das kommt gut an bei der Stimmbevölkerung, aber man muss dies auch umsetzen: sich als Parlamentarier zum Beispiel mit Jugendlichen treffen und nach ihrer Meinung zu spezifischen Themen fragen. Dies zu organisieren wäre kein Problem. Aber ich denke, man sieht leider immer noch nicht genug gut, wie viel Potenzial und Kreativität in Jugendlichen steckt.

Wo ist der Bundesrat?

Schon seit 25 Jahren engagieren sich jährlich rund 200 Jugendliche an der Jugendsession. Während vier Tagen diskutieren sie, planen und formulieren Petitionen und sprechen über wichtige Themen wie Waffenexporte, Landwirtschaft oder Fortpflanzungsmedizin.

Wie wichtig es ist, dass junge Menschen sich für die Politik und die Gesellschaft interessieren, hören wir von allen Seiten. Auch Bundesräte wie Didier Burkhalter und Johann Schneider-Ammann haben dies in den letzten fünf Jahren in ihren Eröffnungsreden der Juse immer wieder betont. Die Jungen sollen sich engagieren und mitreden. Und genau das machen die jungen Teilnehmenden wieder. Zum 25. Mal. Der Bundesrat jedoch fehlt.

Wichtigkeit der Jugend

Darüber sind viele Teilnehmende der Juse enttäuscht und fühlen sich in ihrem Engagement nicht mehr ernst genommen. Für einige von ihnen, die schon in den letzten Jahren dabei waren, sei das Treffen mit dem Bundesrat einer der Höhepunkte der Jugendsession gewesen. Ein 15-jähriger Teilnehmer aus der Gruppe «Landwirtschaft und Ernährung» sagt, der Besuch sei «zwar kein Muss, aber eine schöne symbolische Geste, die uns Jungen eine gewisse Wichtigkeit gibt.»

Aber was steckt eigentlich hinter der diesjährigen Abwesenheit des Bundesrates? Auf Anfrage beim Parlamentsdienst erhält Tink.ch dieselbe Mail wie das SRF, das gestern in der Tagesschau darüber berichtet hat.

Nun sitzen aber jedes Jahr auch viele Jugendliche im Nationalratssaal, die zum ersten Mal an der Juse teilnehmen. Auch sie hätten einen Empfang vom Bundesrat geschätzt. Eine Nacherzählung ersetzt eine solche Erfahrung nicht. Es sind jedes Jahr zahlreiche neue Jugendliche, die sich ein neues Bild vom Bundesrat und deren Prioritätenliste machen können. Eine 18-jährige Teilnehmerin meint: «Es wäre ein Zeichen der Jugendförderung gewesen, uns Jungen zuzuhören und sich erkenntlich dafür zu zeigen, was wir hier erreichen wollen.»

Keine Begründung

Auch die Projektleiterin Mathilde Hofer der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) ist enttäuscht. Ihr Team und sie haben wie jedes Jahr eine Einladung an den Bundesrat gerichtet. Zu ihrem Erstaunen hat er dieses Jahr ohne Begründung abgesagt. Für Hofer sei das ein klares Zeichen dafür, dass die Stimme der Jugend von der «offiziellen Politik» nicht mehr so stark gehört und auch nicht mehr so ernstgenommen werde: «Ich möchte nicht im Namen der ganzen Jugend sprechen, doch immerhin ist die Jugendsession die wichtigste und grösste Partizipationsmöglichkeit für JungpolitikerInnen», sagt Hofer. Wo sonst kann der Bundesrat so eindeutig zeigen, dass ihm die Anliegen der Generation Y und Z wichtig sind?

Trotz der Absage werde die SAJV den Bundesrat im nächsten Jahr wieder einladen, sagt Hofer. «Uns ist wichtig, dass er den Jungen vermittelt, dass ihre Stimme sehr wohl gewichtet wird.»

Offene Ohren, bitte!

Die Generationenfrage ist eine wichtige und stets aktuelle. Die Politik ist jedoch offensichtlich keine Generationenfrage. Die Jungen politisieren sehr wohl, aber um gehört zu werden, braucht es immer auch ein offenes Ohr. So eines hat Lisa Mazzone (Grüne), die mit 28 Jahren jüngste Nationalrätin der Schweiz. Die SAJV hat sie nach der Absage des Bundesrats eingeladen, um das Parlament im Nationalratssaal zu vertreten. Eine gute Wahl, denn Mazzone weiss genau, wie es ist, ihrer Stimme als junge Politikerin Gehör zu verschaffen.

Im Gespräch mit Tink.ch betont Mazzone: «Die Abwesenheit des Bundesrats finde ich bedauernswert, denn die Jugendsession ist eine wertvolle Erfahrung, Politik auszuüben. Auch motiviert eine Teilnahme dazu, sich weiterhin politisch zu engagieren.»

Die Abwesenheit des Bundesrates sei ein negatives Zeichen an die Jugend, das im Widerspruch stehe mit dem, was von der Jugend erwartet würde. Nämlich, sich in der Politik anwesend zu zeigen. «Vor den Jugendlichen zu sprechen, ist deshalb das Mindeste, was der Bundesrat tun kann.» Auch die Idee, politische Themen greifbarer zu machen, könne durch eine Zugänglichkeit der Politikerinnen und Politikern vereinfacht werden. So würde die Jugend sehen: «Wir haben auch einen Platz in der Politik».

Wer sind die Jugendsessions-Teilnehmenden?

Samstag-Nachmittag im Freien Gymnasium Bern. In der Menge der Teilnehmenden entdeckt man müde, aber zufriedene Gesichter. Nach der Jubiläumsfeier nehmen sich Teilnehmende Zeit, um unsere Fragen zu beantworten. Die Meinungen unterscheiden sich stark. Während die eine sich gegen Militanz ausspricht, fordert der andere eine starke Armee. Doch alle kommen auf einen gemeinsamen Nenner: sie haben sich während den vier Tagen Jugendsession mit dem Thema «Waffenexporte» befasst.

Dominik (17), aus Rossrüti SG

Engagierst du dich in deiner Freizeit politisch – abgesehen von der Jugendsession?

Ja, ich bin seit fast zwei Jahren Mitglied der Jungen SVP St. Gallen, da sie sich unter anderem für eine unabhängige und neutrale Schweiz einsetzt. Ich bin dorthin gekommen, da bereits meine beiden Eltern bei der SVP sind.

Bei der Jugendsession treffen Jugendliche verschiedener politischer Meinungen aufeinander. Hat sich in der Diskussion mit den anderen Teilnehmenden deine Meinung verändert?

Ich gehe immer noch mit der gleichen Meinung nachhause, mit der ich angekommen bin. Aber man macht sich halt schon Gedanken, wenn man die Argumente der Andersdenkenden hört. Aber davon lasse ich mich nicht beeinflussen.
Bezüglich Waffenexporten finde ich, dass man an der derzeitigen Gesetzeslage nichts ändern muss.

Was ist dein grösstes politisches Anliegen?

Mir ist wichtig, dass die Schweiz weiterhin unabhängig bleibt. Sprich, dass sie nicht der Europäischen Union beitritt! So dass wir uns nicht vom Ausland vorschreiben lassen, was wir tun sollen und uns auch keine Gesetztesartikel vorschreiben lassen.

Olivia (19), aus dem Berner Oberland

Engagierst du dich in deiner Freizeit politisch – abgesehen von der Jugendsession?

Ja, das auch. Aber ich bin vor allem in der Freiwilligenarbeit tätig. In sozialen Bereichen wie zum Beispiel bei «Amnesty» oder bei «Young Caritas».

Bei der Jugendsession treffen Jugendliche verschiedener politischer Meinungen aufeinander. Hat sich in der Diskussion mit den anderen Teilnehmenden deine Meinung verändert?

Am Anfang der Jugendsession war ich recht illusorisch. Nun denke ich, dass ich mit einem realistischeren Bild nachhause gehe. Aber meine Grundhaltung hat sich nicht stark verändert.
Bei Waffenexporten finde ich die einzige Lösung gar keine zu exportieren. Aber wenn man es trotzdem machen muss, dann bitte mit strengen Regulierungen.

Was ist dein grösstes politisches Anliegen?

Das ist eine gute Frage (lacht). Ich möchte, dass jeder Mensch so leben kann, wie er es sich verdient hat – und alle Menschen haben sich das gleiche Leben verdient!

Vita (17), aus Bern

Engagierst du dich in deiner Freizeit politisch – abgesehen von der Jugendsession?

Ja, sehr oft sogar! Ich bin bei der JUSO im Vorstand der Stadt Bern. Dort organisiere ich Demonstrationen und Aktionen und kümmere mich auch um bürokratische Arbeiten, die anfallen. Ansonsten engagiere ich mich noch in der Schüler*innen-Organisation meiner Schule.

Bei der Jugendsession treffen Jugendliche verschiedener politischer Meinungen aufeinander. Hat sich in der Diskussion mit den anderen Teilnehmenden deine Meinung verändert?

Inhaltlich bin ich immer noch auf der gleichen Linie. Aber ich habe gelernt, dass eine gewisse Kompromissbereitschaft nötig ist – im Speziellen ist das im Parlament wichtig. Und deshalb denke ich auch, dass es wichtig ist, sich auch ausserparlamentarisch zu engagieren.
Waffenexporte machen nach meinem Wissen lediglich 0,1 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukt aus. Deshalb finde ich es nicht angemessen, dass wir für diesen Bruchteil Waffen in Länder wie Saudi-Arabien, den Vereinigten Staaten oder den Oman exportieren, in denen es keine Garantie gibt, dass alle Menschenrechte eingehalten werden. Deswegen bin ich klar gegen den Export von Waffen, so wie auch im Allgemeinen gegen Militanz und Gewalt. Und wenn man doch Waffen exportiert, bitte nur in Länder, in denen es eine Garantie gibt, dass Standards eingehalten werden.

Was ist dein grösstes politisches Anliegen?

Alle Menschen dieser Welt sollen in allen Ebenen gleichberechtigt sein. Sei es in ökonomischer, sozialer, ethnischer oder kultureller Sicht. Ich bin auch ganz klar feministisch, da Menschen auch aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität gleichberechtigt sein sollen. Zudem vertrete ich eine antikapitalistische Linie.

Thomas (19), aus dem Bünderland

Engagierst du dich in deiner Freizeit politisch – abgesehen von der Jugendsession?

Momentan noch nicht, da es aufgrund meiner Ausbildung schwierig ist, alles unter einen Hut zu bringen. Jedoch versuche ich mein Pensum an politischem Engagement zu steigern, da ich Politik sehr spannend finde und man sich bei uns an der Hotelfachschule stark mit politischen Themen befasst, insbesondere mit Themen, die den Tourismus betreffen. Ich bin eher rechts orientiert und würde mich ganz klar für die SVP entscheiden.

Bei der Jugendsession treffen Jugendliche verschiedener politischer Meinungen aufeinander. Hat sich in der Diskussion mit den anderen Teilnehmenden deine Meinung verändert?

Bezüglich Waffenexporten habe ich durch die Jugendsession gemerkt, dass es gewisse Gesetzeslücken gibt, doch das Hauptproblem liegt beim Staat, welcher Fehler bei Kontrollen macht, oder teilweise nicht merkt, wenn ihm Steuergelder entgehen. Wirtschaftlich sind Waffenexporte ein grosser Absatzmarkt, welcher 1,78 Milliarden Franken des Bruttoinlandsprodukt ausmacht. Dementsprechend bin ich gegen ein Verbot von Waffenexporten, allerdings müsste man sie besser konzipieren.
Im Grunde genommen hat sich meine Meinung nicht verändert.

Was ist dein grösstes politisches Anliegen?

Wir brauchen eine Armee, deshalb sollte man diese unbedingt in Stand halten, um unsere Landesverteidigung zu sichern und um auch die Zivilbehörden zu unterstützen. Dafür sollte man die Aufgaben der Armee klar definieren.

Jetzt live aus dem Bundeshaus

Acht Stunden Live-Übertragung direkt aus dem Bundeshaus. Tink.ch sendet in Zusammenarbeit mit dem SRF die Debatten der Jugendsession 2016 live.  Mit der heutigen Schlussdiskussion einigen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf politische Forderungen, welche ans Parlament überwiesen werden können.

20161113_115902
Die Regie von Tink.ch. Bild: Michael Scheurer

 

Damit nicht genug. Während den Verschnaufpausen im Nationalratssaal bittet Tink.ch verschiedene Gesprächspartner zum Interview oder zu kleinen Diskussionsrunden direkt vor die Kamera.

Zu Gast am Mittag war unter Anderem Michael Möller, Generaldirektor des Büros der Vereinten Nationen in Genf .

Das Programm

11.30 Rede Michael Möller, Generaldirektor des Büros der Vereinten Nationen in Genf

13.15 Landwirtschaft und Ernährung

13.40 Fortpflanzungsmedizin Nationalratssaal

14.05 Agriculture et alimentation

14.30 Pendularité

14.55 Politique en matière de drogues

15.40 Organspende

16.05 Radikalisierung von Jugendlichen

16.30 Waffenexport Nationalratssaal

16.55 Übergabe der Forderungen

17.20 Ende der 25. Jugendsession

20161113_115731
Während den Debattierpausen werden die Themen in Interviews und Streitgesprächen vertieft. Bild: Michael Scheurer

Radikalisierung: Ein Schweizer Thema?

Am Donnerstag Nachmittag waren Corinne Wild und Marco Stricker von der Schweizerischen UNESCO Kommission sowie Flora Häfliger für den Sicherheitsverbund Schweiz zu Gast in dieser Arbeitsgruppe. Zwei Stunden lang stellten sich die Expert*innen den Fragen der rund 15 Jugendlichen zum Thema Extremismus: Wieso radikalisieren sich Jugendliche? Warum gehen junge Leute überhaupt nach Syrien? Welchen Einfluss hat die rechtspopulistische Wahlwerbung der SVP auf Dschihadismus in der Schweiz? Fragen, welche die grosse Bandbreite und Komplexität des Themas illustrieren. Fragen, deren offene Diskussion grosse Fortschritte im politischen Kampf gegen Extremismus bewirken könnten.

Marco Stricker betonte, dass Extremismus viele verschiedene Gründe haben könne. Oftmals spielen Wünsche nach einer besseren Welt eine grosse Rolle. Zudem herrschte Einigkeit darüber, dass der Bildung eine wichtige Aufgabe zukommt. Simplifiziert wurde hier die Gleichung mehr Bücher im Haus = weniger radikal aus dem alten Hut gezogen, und somit auf die Korrelation von mangelnder politischer Bildung und Extremismus verwiesen. Ebenso seien viele Biographien von Extremist*innen durch ein unsicheres familiäres Umfeld geformt, beispielsweise durch häusliche Gewalt oder alkoholabhängige Elternteile. Und so folgt die Schweiz mit ihren Strategien zur Extremismusbekämpfung europäischen Vorbildern, die ebenfalls die Präventionsarbeit in den Mittelpunkt stellen. Es wird geschult und bereits existierende Anlaufstellen wie die Fachstelle Gewaltprävention in Zürich beschäftigen sich mit neuen Herausforderungen wie der Radikalisierung. Neue Kommunikationsketten und lokale Austauschrunden verschiedener Akteur*innen der Bereiche Bildung, Politik, Sicherheit und Soziales werden durch den nationalen Aktionsplan gefördert, der im Sommer 2017 vom Sicherheitsverbund Schweiz herausgegeben wird. Dies sind Informationen, die den Teilnehmer*innen der Jugendsession anschliessend beim Formulieren des Ziels ihrer Arbeitsgruppe helfen werden.

Zur markantesten Erfahrung des Nachmittags wurde jedoch, dass die Gefühlslagen der Jugendlichen in den Arbeitsgruppen offen ausgedrückt wurden – ausserhalb von stets gleichen Freundeskreisen und angepassten Facebook-Feeds – was für manche Teilnehmenden eine gute und wichtige Erfahrung war. Als der islamistische Extremismus zum Mittelpunkt der Debatte wird, fällt schnell das Schlagwort Integration und der Bruchteil der Jugendlichen, der keine Hemmungen hat, meldet sich besorgt zu Wort. In der Schule schämen sich sogar manche, Schweizer zu sein, da es als langweilig gelte – Ausländer*innen würden sich über sie lustig machen und somit Radikalisierung unter den Schweizer*innen fördern, gemäß der Aussage eines Teilnehmers. Von der anderen Seite des Raumes wird bemerkt, dass arabische Länder wohl kaum Kirchen bauen würden, wenn wir dorthin fliehen müssten. Als Reaktionen riefen die Expert*innen zu Differenzierung, Empathie und Gedenken an die europäische Kolonialgeschichte auf. Ausserdem wurde die Offenheit der Beiträge freudig gelobt.

Was nun mit diesen ersten Debatten passiere, fragte Flora Häfliger zum Schluss. Doch während auch diese Frage noch offen blieb, haben die zwei Stunden in der Arbeitsgruppe den Bedarf an Austausch und Förderung offener Diskussionen verdeutlicht und die Wichtigkeit von Counterspeech-Kampagnen (on- und offline) illustriert. Laut Marco Stricker dürfe es nicht mehr passieren, dass ganze Nationen und Glaubensrichtungen ausgegrenzt und schlecht gemacht würden, auch nicht in populistischen Kampagnen, beispielsweise einer SVP. Und so stellte er schliesslich die Forderung, dass sich mehr junge Politiker*innen in der Schweiz den zunehmend simplifizierten und populistischen Wahlkampagnen und politischen Diskursen dieser Zeit entgegenstellen. Also los!

25 Jahre Jugendsession

Nun gibt es schon 25 Jahre die Jugendsession. Dort können Jugendliche zwischen 14-21 Jahre politische Forderungen erarbeiten. In Gruppen können sie über verschiedene Themen diskutieren und ihre Meinungen austauschen. Eine Jugendsession zu organisieren, ist ein grosser Aufwand. Es braucht dafür 1 Jahr. Es braucht viele Leute, die zu ihrem Gelingen beitragen: Die Projektleiter, das OK (Organisationskomitee), die Gruppenleiter und die Security sind nur einige davon.

Eine gelungene Jugendsession braucht gute Themen

Die Teilnehmenden können mit einer Online Routine die Themen mitbestimmen, die besprochen werden sollen. Wenn dann die Themen gewählt wurden, schreiben die Freiwilligen Texte dazu. Es ist schwierig, gute Themen zu finden und darüber zu schreiben, doch der Jugendsession sind gute und passende Themen wichtig.

Werbung – eine Herausforderung

Die Projektleiterin für die Jugendsession Mathilde Hofer wusste als sie in der Schule war noch gar nicht, dass es die Jugendsession gab. Auch heute gibt es Jugendliche die die Jugendsession nicht kennen. Deshalb versucht das SAJV so viel Werbung zu machen wie möglich. Insbesondere muss es mit Lehrerinnen und Lehrern zusammenarbeiten, damit sie die Schülerinnen und Schüler motivieren, mitzumachen.

Die Expertinnen und Experten

Für das Gelingen der Jugendsession braucht es ausserdem den Beitrag von Personen, die den Jugendlichen zur Seite stehen, um ihnen die Themen näherzubringen. Diese Expertinnen und Experten aber auch Politikerinnen und Politiker sind nicht immer einfach zu erreichen. Dann muss das SAJV mehrmals anrufen. Doch zum Glück gelingt es dem SAJV meistens Expertinnen und Experten und Politikerinnen und Politiker aufzutreiben. So waren dieses Jahr 25 Politikerinnen und Politiker anwesend.

Eine wichtige Veranstaltung

Mathilde Hofer ist überzeugt, dass die Jugendsession wichtig ist. Jugendliche sollen auch eine Stimme bekommen, um über politische Themen zu sprechen.


Tink.ch wollte wissen, wie zwei Gruppenleiter die Jugendsession erleben.

Interview mit Gruppenleiter Daniel Fernandez (23)

Hast du schon früher mal bei einer Jugendsession teilgenommen?

Ja, ich war schon mehrmals an der Jugendsession. Ich finde die Jugendsession sehr cool und ich schätze es.

Warum hast du dich als Gruppenleiter angemeldet?

Da ich nicht mehr mitmachen kann wegen dem Alter, aber ich trotzdem noch helfen wollte. Ich finde es auch wichtig, dass die Jugendliche an der Jugendsession teilnehmen.

Was genau ist deine Aufgabe?

Als Gruppenleiter ist es meine Aufgabe, möglichst vielen Teilnehmern in der Gruppe zu helfen. Nicht im Inhalt sondern sie sollten sich wirklich frei entscheiden, was sie wollen und welche Forderungen sie nehmen wollen. Ich leite und begleite sie.

Was ist schwierig an deiner Aufgabe?

Ich finde es schwierig, neutral zu bleiben, meine Meinung im Hintergrund zu lassen. Ich muss die Diskussionen nur anhören und sie leiten.

Hast du Spass an deiner Aufgabe?

Es macht sehr Spass und es ist sehr cool, die neuen jungen Leuten kennenzulernen und unsere Meinungen auszutauschen.

Denkst du, dass du nächstes Jahr wieder dabei sein wirst?

Ja, ich denke schon, entweder als Gruppenleiter oder als Mitglied des OK (Organisationskomitee). Ich bin auf jeden Fall wieder dabei!

Interview mit Gruppenleiter David Pavlu (18)

Hast du schon früher mal bei einer Jugendsession teilgenommen?

Ja, letztes Jahr als Teilnehmer. Ich fand es sehr spannend.

Warum hast du dich als Gruppenleiter angemeldet?

Ich finde es spannend, Neues zu erfahren, da ich es schon letztes Jahr sehr spannend fand, wollte ich dieses Mal die Jugendsession von der anderen Seite erleben.

Was genau ist deine Aufgabe?

Meine Aufgabe ist als Gruppenleiter, die Gruppe zu managen und moderieren. Mein Ziel ist: Dass die Teilnehmer ihre eigene Ideen aufnehmen.

Was ist schwierig an deiner Aufgabe?

Das Thema Schweiz 2041 ist recht schwierig, da es ein breites Thema ist. Es gibt viel Freiheit, um etwas zu fokussieren. Seit heute morgen probieren wir, uns auf etwas zu einigen. Etwas, das man in 2 Tagen zusammenfassen kann.

Hast du Spass an deiner Aufgabe?

Ja, es macht sehr Spass. Aber es ist auch anstrengend, eine Gruppe zuleiten.

Denkst du, dass du nächstes Jahr wieder dabei sein wirst?

Ich glaube schon.