Gesellschaft | 31.10.2016

Unsere Sprache ist nicht bereit

Text von Sonja Gambon | Bilder von Mélanie Baierlé
Manchmal muss man sich selbst hinterfragen. Dass dies nicht immer zu einer Lösung führen muss, hat unsere Kommunikations-Chefin Sonja selbst erfahren. Sie begab sich auf gefährliches Terrain: Ein Konzept für geschlechtergerechte Sprache entwickeln. Hat es geklappt?
Für welche Art der geschlechtergerechten Sprache entscheidest du dich?
Bild: Mélanie Baierlé

Ich bin keine Germanistin, weder Romanistin noch Linguistin. Doch ich schreibe, und ich setze mich in meiner Arbeit täglich mit der Sprache auseinander. Jede noch so feine Spielerei kann schliesslich grosse kommunikative Auswirkungen haben. Und da Tink.ch sich als progressives, aufgeschlossenes, junges Medium positionieren will, war klar: Eine Regelung für geschlechtergerechte Sprache muss her! Wir wollen alle inkludieren, niemanden diskriminieren, allen die Freiheit lassen, sich Teil eines Terms zu fühlen oder nicht.

Doch wie setzt man das sprachlich um? Macht es denn wirklich einen Unterschied, ob das «-in» angehängt wird? Sind bei den Journalisten, Reportern, Fotografen, Lektoren und Übersetzern nicht auch die Frauen mitgemeint? Und soll es die LeserIn, die Teamleiter*in, die Redaktor_in oder Informatiker(in) überhaupt interessieren, wie ihr Geschlecht sprachlich dargestellt wird? Warum müssen die Frauen in der männlichen Form implementiert werden? Das bedeutet ja, dass man sich (immer noch) dem männlichen «Stammgeschlecht» anpassen muss. Wollen wir das? (Nicht wirklich.) Und was ist mit denjenigen, die irgendwas dazwischen sind – oder etwas ganz anderes? Und die Kaufmänner und Hebammen, Feuerwehrmänner und Sekretärinnen?

Ihr seht: Gar nicht so einfach.

Ich habe mir alleine und im Team mit meinen Kolleginnen (ja, wir waren tatsächlich alles Frauen) den Kopf zerbrochen. Kann es denn wirklich so schwierig sein, es allen gerecht machen zu wollen? Passt Sprache und politische Korrektheit einfach nicht zusammen? Das muss an der deutschen Sprache liegen, dachten wir. Bis uns unsere Chefredaktorin aus der Westschweiz aufklärt: Auf Italienisch und Französisch ist das noch komplizierter. Ohje!

Wir wollen keinen Schräg- bzw. Bindestrich sein, auch kein Sternchen oder Ausklammerungszeichen. Wir wollen aber erst recht nicht im Männlichen versteckt werden. Solange die Sprache sich nicht anpassen kann, wird die unterschwellige Diskriminierung anderer nichtmännlicher Geschlechter fortschreiten.

Deshalb haben wir uns entschieden, diese Diskussion öffentlich auszutragen, denn nach eigenen Recherchen bietet kaum ein Schweizer Medium eine Ausführung ihrer Ansichten.

Nun unsere Frage an euch, liebe Leserinnen und Leser: Was denkt Ihr dazu? Sind das Luxusprobleme? Macht Ihr euch darüber Gedanken? Stören euch «*» und «_» zwischen den Bezeichnungen oder ist euch das eh alles egal? Was erwartet Ihr von Tink.ch diesbezüglich?