Kultur | 10.10.2016

«Shnittige» Grenzen

Text von Carlo Senn, Anne-Lea Berger | Bilder von zvg
Beim diesjährigen "shnit" wurde eine Vorstellung dem Überschreiten von Grenzen gewidmet. "Crossing Borders" weckte bei den beiden Reportern zahlreiche Gefühle. Neben Wut und Mitleid auch eine grosse Portion Ekel. 
Nach einem ebenso witzigen wie packenden Start lässt uns "The Procedure" etwas ratlos zurück.
Bild: zvg

«The procedure»: ein abartiges Erlebnis

Die «Crossing Borders» Vorführung beginnt mit einem Haufen Ekel und der Frage: Was zum Geier war das denn? Folgendes: Ein bärtiger Mann wird auf dem Weg zu seinem Auto mit einem Pfeil in den Hals ausgeknockt. In der nächsten Einstellung liegt er gefesselt und geknebelt in einem sterilen Raum. Danach seilt sich von oben herab eine männliche Person mit entblösstem, vornübergebeugten Hinterteil ab. Zwischenzeitlich frage ich mich: Ist das jetzt ein Kunstfilm? Ein Arsch von einem Mann, der sich langsam dem Gesicht des schreienden Protagonisten nähert?

Na, man ist jedenfalls fasziniert und angeekelt zugleich. Wie kommt man auf so was, fragen sich wohl alle im Saal. Alles Geschrei des Geknebelten bringt nichts. Bald zeigt sich, welche Grenze hier überschritten wird. Hier kommt die Überschreitung in Form einer Nahaufnahme eines Anus. Offensichtliche Geräusche aus dem Hinterteil in das Gesicht des Opfers der «Prozedur» inklusive… «Iiiiiih», ertönt es neben mir. Wer lachen will, darf das. Wer davon Alpträume kriegt, sollte die «Crossing Borders»-Vorführung oder zumindest diesen Film meiden. Für mich ist es zu spät.

Sehnsucht nach nackten Brüsten in «Russian Roulette»

«Zeig mir deine Brüste!» wird die junge Frau am Computer von der Person auf ihrem Bildschirm aufgefordert. Sie surft auf der Plattform talk.roulette, wo sich offensichtlich hauptsächlich Perverse tummeln. Dabei würde die junge Londonerin nur gerne etwas Konversation führen. Schnell entwickelt man eine starke Empathie für die rothaarige Frau. Sie versucht krampfhaft, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, und nimmt dafür viel in Kauf. Dank der starken Leistung der Schauspielerin wird die Einsamkeit fast greifbar.

Nach erfolglosen Versuchen, während derer das Mitleid als Zuschauer immer grösser wird, meldet sich ein junger Russe mit Dreitagebart. Er behauptet, er sei russischer Ingenieur und befinde sich soeben im Weltraum. Selbstbewusst im All schwebend, beeindruckt der Astronaut die Frau. Als er das bemerkt, fragt auch er sie, ob sie für ihn «blank» zieht. An dieser Stelle lacht der ganze Saal. Als sie ablehnt, begreift der Russe jedoch ihre Sehnsucht. Er zoomt mit seinem Teleskop auf ihr Haus und macht ihr klar, wie einsam man ist, wenn man drei Monate alleine auf einem Raumschiff verbringt. Er hat die Grenzen der Erde schon lange hinter sich gelassen. Als die Verbindung mit dem Astronauten abbricht, öffnet sie das Fenster, überlegt kurz; und entblösst für den Weltraumfahrer ihre Brüste. Wirklich ein süsser Film, der mit wenig Aufwand viel gute Laune erzeugt, einen richtig pointierten Humor und sogar etwas Tiefsinn zeigt.

Grenzen der Brüderlichkeit: Ennemis Intérieurs

«Was ist das Motto der Französischen Republik?»

«Was können Sie zur Republik beitragen?»

«Warum haben Sie so lange gewartet, den französischen Pass zu beantragen?»

Liberté, Freiheit: Im dunklen Verhörzimmer sitzt der jetztige Algerier dem Befrager gegenüber. Geboren wurde er in Algerien, welches aber damals noch eine Kolonie von Frankreich war: «Geboren bin ich somit als Franzose». Trotzdem muss er heute, als pensionierter Lehrer, allerhand Fragen zu «französischen Werten» und Geschichte beantworten. Mit einem Stempel entscheidet der eine über die Zukunft des andern.

Egalité, Gleichheit: Dieser Kurzfilm zieht sich fast unerträglich in die Länge. Ich bin wütend, genervt. Will aufstehen und rausgehen. Und ich merke, dies will auch der Protagonist. Doch es geht jetzt nicht mehr um eine allfällige Staatsbürgerschaft, sondern um eine drohende Abschiebung. Die Stimmung sinkt, das Machtgefälle steigt. Die Gleichheit ist ein exklusives Gut für die Franzosen. Der Algerier muss sagen, mit wem er sich wo wann über was unterhalten hat.

Fraternité, Brüderlichkeit: Der Film spielt im Frankreich von 1995, als Paris von einer Reihe von Terroranschlägen betroffen ist. Täter sind Islamisten aus Algerien. Nun will der eine wissen, wer denn die Freunde des andern sind. Freunde, ja, Brüder, mit denen er über Religion gesprochen hat, aber eigentlich bloss die gesellige, friedliche Stimmung genossen hat. «Wir Franzosen müssen wissen, wem wir vertrauen können», sagt der eine. Dafür muss der andere seine Brüder verraten. Für diese beginnt nun der gleiche Alptraum.

Würde es nicht explizit erwähnt, würde man denken, die Szene könnte sich jetzt genau so in Frankreichs Polizeistationen abspielen. Mich beschleicht das Gefühl, dass der Regisseur den Film gezielt unerträglich langatmig machte. So spüren Protagonist als auch Zuschauer die gleiche Hilflosigkeit, die gleiche Wut über die ungerechte Situation. Grenzen werden gezogen zwischen Menschen, die sich ähnlicher nicht sein könnten.

«Na Wewe» oder der Irrsinn von ethnischen Grenzen

Die Welt ist nicht teilbar in Schwarz oder Weiss, Gut oder Böse, Hutu und Tutsi. Solche Grenzen sind genauso künstlich wie jene der europäischen Kolonien in Afrika. «Na Wewe», «Du auch», spielt zwar im Bürgerkrieg in Ostafrika. Es ist aber ein Lehrstück über die Absurdität, Menschen nach Abstammung und Nationalitäten einteilen zu wollen, wenn doch die Realität ganz anders aussieht. Dies wird aber nicht mit dem moralischen Zeigefinger verdeutlicht, sondern witzig und dramatisch zugleich.

Ein vollbesetzter Reisecar wird von einer Soldatengruppe überfallen. Die Menschen sollen sich einteilen, links Hutu, rechts Tutsi. Schön blöd, dass dies gar nicht so einfach ist: «Ich weiss doch nicht. Mein Grossvater war Mulatte. Meine Mutter kommt aus Zaïre.», so die Antworten der Verängstigten. Eine junge Frau fasst aber Mut und stellt sich forsch mitten auf die Kreidelinie, welche die Welt für die Soldaten in Hutu und Tutsi einteilen soll. Trotz der düsteren Ausganglage bietet dieser Film einen der wenigen Momente, in denen man unbeschwert lachen kann. Fast schon zum Wohlfühlfilm verkommt «Na Wewe», als (natürlich, wer ist überrascht?) Weltverbesserer Bono mit U2 die letzten Grenzen einreissen kann: Der Kindersoldat übernimmt entzückt den Walkman der Überfallenen: «Ein Tutsi, der Hutu-(«U-Two»)-Musik hört, wow!»