Politik | 04.10.2016

Das Ende von Mühleberg

Text von Riccardo Schmidlin | Bilder von BKW Energie AG
Das Kernkraftwerk Mühleberg (Baujahr 1966) soll am 21. Dezember 2019 abgeschalten und danach zurückgebaut werden. Dies ist ein erster Schritt für den Schweizer Atomausstieg. Rund vierzig Prozent des Schweizer Stroms entsteht derzeit in Kernkraftwerken.
Das Kernkraftwerk in Mühleberg, knapp 15 Kilometer von Bern entfernt.
Bild: BKW Energie AG

Vor fünf Jahren schockten das Erdbeben und der Tsunami in Japan die ganze Welt. Die Naturkatastrophe hatte zudem eine Atomkatastrophe im Kernkraftwerk Fukushima zur Folge. Es rief den Menschen in Erinnerung, wie gefährlich Atomkraft sein kann.

Kurzerhand wurden in einigen Ländern, darunter Japan und Deutschland, kurzfristig alle Atomkraftwerke vom Netz genommen. Vielerorts entwickelte sich eine Diskussion über einzelne, gezielte Abschaltungen von alten Atomkraftwerken bis hin zu einem kompletten Ausstieg aus der Atomenergie.

In der Schweiz ist ein solcher Ausstieg zwar geplant, allerdings gibt es noch keinen konkreten Plan dafür. Einzig der Berner Energiekonzern BKW hat sich als erstes Schweizer Energieunternehmen nun dazu entschieden, sein Atomkraftwerk in Mühleberg stillzulegen. In den Medien war das Kraftwerk bereits mehrfach für Schäden, aufgrund seines Alters von über vierzig Jahren, sowie für seine ökonomische Unrentabilität kritisiert worden.

Der Plan des Rückbaus

Wie die BKW mehrfach medienwirksam erklärte, wolle sie ihren Reaktor in Mühleberg bis zum 20. Dezember 2019 weiterhin betreiben.

2020, nach der Ausserbetriebnahme, werden laut dem BKW-Plan die Brennelemente vom Reaktor ins Brennelementbecken verlagert. Das Kühlsystem dieses Beckens wird in ein Sicherheitssystem umgebaut. Die Anlage soll anschliessend für den Nachbetrieb bereit sein.

Bis 2024 sollen alle Brennelemente ins zentrale Zwischenlager in Würenlingen AG transportiert werden. Dort werden bereits heute die radioaktiven Abfälle von Schweizer Nuklearanlagen gelagert. Bis ein sicheres Endlager gefunden und errichtet ist, verbleiben diese auch dort.

Ab 2025 werden alle radioaktiven Anlageteile demontiert und ebenfalls nach Würenlingen gebracht. Die anderen Teile sollen gereinigt und falls möglich wiederverwertet werden.

Nach Plan soll Ende 2030 das ganze Gelände in Mühleberg frei von Radioaktivität sein. Nach der Überprüfung durch die Behörden stehe dieses für eine neue Nutzung frei. Je nachdem, wie das Areal später genutzt wird, sollen die nicht mehr benötigten Gebäude abgerissen werden.

Selbst Atomkraft-Kritiker wie Jürg Joss, Vorstandsmitglied bei «Fokus Antiatom» und Präsident von «Mühleberg Ver-fahren», vertrauen dem Plan: «Die Abschaltung ist nicht unumkehrbar, aber fast sicher.» Laut Joss spreche für eine Ausserbetriebnahme, dass die Planung bereits weit fortgeschritten sei und alle darüber informiert worden sind. Zudem rentiere der Meiler nicht mehr.

Doch für den Plan der BKW gibt es auch Kritik. Wie die Zeitung «Der Bund» Anfang Mai 2016 berichtete, sind einige Einsprachen gegen das Projekt eingetroffen. Die Anwohner Markus Kühni und Rainer Burki befürchten, die BKW könnte Sicherheitssysteme aus Zeit- und Kostengründen zu schnell demontieren.

Obgleich die Kritiker den Rückbau nicht verzögern möchten, könnten die Einsprachen aufgrund ihres grossen thematischen und juristischen Spektrums für jahrelang andauernde Prozesse sorgen. Die BKW hat damit gedroht, den Abschaltungsprozess zu verschieben, falls juristische Prozesse diesen verzögerten.

Sicherheit für Personal, Umwelt und Bevölkerung?

Der früher für Mitarbeitende der BKW zuständige Sektretär der Gewerkschaft VPOD (Verband des Personals öffentlicher Dienste), Christian Boesch, gab gegenüber dem «Bund» vor drei Jahren Entwarnung für die Mitarbeitenden des Werkes. Um ihre Stelle müssten sie sich nicht fürchten, da die Ausserbetriebnahme Arbeitsplätze für weitere 12 Jahre garantiere. Die Mitarbeitenden hätten einen gute Bildung und würden wohl relativ problemlos eine Anschlussstelle finden.

Die BKW-Mediensprecherin Sabrina Schellenberg teilte auf Anfrage mit, das Know-how der Mitarbeitenden sei für den Rückbau wertvoll: «Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde ein Funktionsangebot gemacht, wie sie nach der Einstellung des regulären Betriebs weiterarbeiten können. Bis auf zwei von über 300 Personen haben alle dieses Angebot angenommen.»

Für Jürg Joss stelle der Betrieb bis 2019 weiterhin ein grosses Risiko dar. Für die BKW stehe die Sicherheit der Bevölkerung, des Personals und der Umwelt während des Betriebs wie auch beim Nachbetrieb jederzeit im Zentrum, entgegnet Sabrina Schellenberg. Dafür arbeite die BKW mit ihrem qualifizierten und erfahrenen Personal, wie auch mit externen Experten zusammen.

Wenn alles nach Plan laufen würde, sähe auch Joss keine Bedenken. Jedoch betont er: «Das grösste Risiko ist menschliches Versagen. Atomkraftwerke sind trotz vieler Sicherheitsvorkehrungen nicht unbedingt sicherer als andere Industrieanlagen.»

Kosten

Für die Stilllegung rechnet die BKW mit Kosten von 800 Millionen Franken, für Rückbau und Entsorgung mit 1,3 Milliarden Franken. Insgesamt über 2 Milliarden Franken. Die BKW komme vollumfänglich für die Kosten auf: «Dafür zahlen wir bis 2022 weiter Jahr für Jahr Gelder in den Stilllegungs- und Entsorgungsfond ein.»

Interessant zu wissen ist, dass die BKW im Gegensatz zu dem nordwestschweizerischen Stromproduzenten Axpo oder der schweizweit tätigen Alpiq keine Verluste macht. Einer der Hauptgründe ist, dass die BKW nicht nur Strom produziert, sondern auch selber zirka einer Million Endkunden die Elekrizität ins Haus liefert – auf einem Stromnetz, das der BKW zu einem grossen Teil gehört. Staatlich bestimmte und kostendeckende Mindestpreise verhelfen der BKW zusätzlich zu einer besseren Bilanz.

Zukunft

Das Atomkraftwerk Mühleberg liefert Strom für knapp 400’000 Menschen und hat einen Anteil von fünf Prozent am Schweizer Stromnetz. «Zu einem Stromengpass bei der BKW soll es auch nach der Stilllegung von Mühleberg nicht kommen»,  wie Sprecherin Schellenberg erklärt. Sie verweist dabei auf ein bereits starkes Wasserkraft-Portfolio der BKW.

Noch vor einigen Jahren stand ein «Mühleberg 2» zur Diskussion. Heute sagt die BKW “Nein” zu einem neuen Atomkraftwerk. Aus wirtschaftlichen Gründen als auch wegen des Vorsatzes, nur noch auf erneuerbare Technologien zu setzen. Demnach hauptsächlich auf  Wasserkraft im Inland und Windkraft aus dem Ausland.

Auch Jürg Joss sagt, dass die BKW einiges im Bereich erneuerbarer Energien tue, unterstreicht aber: «Hätte sie gemeinsam mit anderen Schweizer Stromproduzenten früher mit diesem Ausbau begonnen, so wären wir heute in der gleichen Situation wie Deutschland, wo erneuerbare Energien aus Eigenproduktion einen stattlichen Anteil am Strommix haben.»

Mühleberg ist das erste Atomkraftwerk der Schweiz, das zurückgebaut werden soll. Die BKW sieht sich selber als Pionierin und den Rückbau als Referenzprojekt. Jürg Joss, einst selbst als Automatiker im Atomkraftwerk Leibstadt tätig, widerspricht. Jeder Reaktor sei anders, so wäre keiner dem anderen ein Vorbild. Einzig im Punkt Dekontamierung könnte man laut Joss nützliche Erkenntnisse gewinnen. Im Ausland gäbe es jedoch bereits ein breites Wissen dazu.

Früher oder später müssen auch die anderen Schweizer Atomkraftwerk vom Netz, da ihr Alter ein zu grosses Risiko für die Sicherheit wäre. Für Umweltschutzverbände sind die Kraftwerke schon jetzt zu alt und sollten sofort abgeschaltet werden. Im April provozierte «Greenpeace» mit einer breiten Kampagne: Die Organisation fordert ein Stillegungsprojekt für das Aargauer Atomkraftwerk Beznau. Es ist das älteste noch in Betrieb befindliche Kernkraftwerk der Welt. Zudem weist «Greenpeace» immer wieder darauf hin, dass die Schweiz gegen einen Atomunfall nicht gewappnet sei.

Es wird sich zeigen, ob und wie der Prozess der Ausserbetriebnahme von Mühleberg funktioniert. Doch selbst wenn alles nach Plan verläuft, ist der Atomausstieg noch lange nicht vollzogen. Der Rückbau ist anspruchsvoll und kann schnell gefährlich werden, wenn ihm nicht ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Suche nach einem Endlager in der Schweiz für Atommüll hat immer noch kein Ende gefunden. Zudem würde ein kompletter Ausstieg mehr ins Gewicht fallen, da heute insgesamt knapp vierzig Prozent des Schweizer Stroms mithilfe von Kernenergie produziert werden. So müssen erneurbare Energien weiterentwickelt und gefördert werden. Ferner sollte man sich auch Gedanken zu einer möglichen Reduktion unseres Stromverbrauches machen, wie es bereits in der Energiestrategie des Bundesrates für 2050 angedacht ist.