Kultur | 06.09.2016

Frankensteins Erben: NIFFF-Doku über Film-Monster

Text von David Bucheli | Bilder von zVg
Am Neuchâtel International Fantasy Film Festival (NIFFF) treiben Monster, Vampire und andere Fantasiegestalten ihr Unwesen. Ein französischer Dokumentarfilm geht der Frage nach, was uns an diesen Figuren fasziniert und wie sie das Kino zum Leben erwecken.
Joe Dante und John Landis vor gruseligem Hintergrund.
Bild: zVg

In Joe Dantes MATINEE von 1993 finden wir eine wunderbare Szene, in der der Horror-Regisseur Lawrence Woolsey (John Goodman) die Ursprünge seines Metiers erklärt. Demzufolge handelt es sich schon bei den ersten Mammut-Darstellungen auf Höhlenwänden um protokinematographische Monsterfilme, deren Künstler auf den grösstmöglichen Effekt zielten: «People are coming to see this», stellt sich Woolsey den Gedankengang der Höhlenmaler vor und wirft in einer erstaunlichen Tricksequenz gleich selbst ein Mammutbild an die nächstbeste Wand (notabene die Fassade eines Kinos). «Let’s make it good. Let’s make the teeth real long, and the eyes real mean. Boom! The first monster movie.»

Diese hinreissende Fabel könnte auch am Anfang von THE FRANKENSTEIN COMPLEX stehen, den das Neuchâtel International Fantasy Film Festival im Rahmen des Dokumentarfilmprogramms aufführte. Darin erforschen die französischen Filmemacher Alexandre Poncet und Gilles Penso die Kunst des Monster- und Masken-Designs im Horrorkino. Tatsächlich beginnt der Film mit einem Verweis auf die Höhlenmalerei: Seit frühester Vorzeit stellt die Vorstellung von Monstern und Untieren eine Art anthropologische Konstante dar. Imaginäre Wesen, mit denen wir uns ein Bild von der Welt und – mehr noch – von uns selbst machen. Wie in Woolseys prähistorischem Märchen müssen Monster daher vor allem eines: gezeigt werden.

Frankensteins Erben

Der lateinische Wortsinn hinter Monster meint denn auch genau dies: «zeigen», monstrare. Das Kino hat in seiner mittlerweile 120-jährigen Geschichte Mittel und Wege gefunden, eigentlich unmögliche Kreaturen darzustellen. Denken wir nur an die ausgestorbenen Riesenechsen, die Steven Spielberg für JURASSIC PARK wieder auferstehen liess, oder an den fiktiven Monsteraffen KING KONG. Ihre schiere filmische Realisierung ist nicht weniger erstaunlich als Dr. Frankensteins Schöpfungsakt im Roman. THE FRANKENSTEIN COMPLEX lässt jene modernen Mad Scientists hinter den Kulissen zu Wort kommen, die von ihren Kreaturen partout nicht als Spezialeffekte, sondern als Charaktere sprechen wollen. Bebildert sind die Interviews mit Behind-the-Scenes-Archivalien, was die Doku teilweise wie ein überlanges DVD-Making-of wirken lässt.

Doch wie alle guten Dokumentationen über das Filmemachen destilliert auch THE FRANKENSTEIN COMPLEX einige zentrale Wahrheiten des Mediums heraus. So ist der Film ein flammendes Plädoyer für das Kino als kollaborative Kunstform. Selten gab es dafür ein anschaulicheres Bild als den elektronischen Werwolfschädel, der von drei bis vier Personen gleichzeitig ferngesteuert wird. Jeder Effekt-Artist ist für eine Gesichtspartie zuständig und nur gemeinsam ergibt sich das beeindruckende Mienenspiel, das wir im fertigen Film bestaunen.

Von Puppen zu Pixeln

Nebst den Effekt-, Masken- und Animationskünstlern treten auch prominente Genre-Regisseure wie John Landis (AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON), Guillermo Del Toro (HELLBOY, PANS LABYRINTH) und natürlich Joe Dante (GREMLINS) auf und vervollständigen den filmhistorischen Abriss mit persönlichen Anekdoten. So gelingt den Filmemachern ein umfassendes Bild der Monsterfilmgeschichte von den Pappmaché-Riesen in Georges Méliès‘ Stummfilmen über die legendären Stop-Motion-Animationen Ray Harryhausens bis zu den modernen Performance-Capture-Technologien in LORD OF THE RINGS oder AVATAR.

Das letzte Drittel des Films fokussiert dabei auf den Übergang von praktischen zu computergenerierten Effekten: Nebst JURASSIC PARK hatten in den 90ern auch James Camerons THE ABYSS und TERMINATOR 2: JUDGMENT DAY die Möglichkeiten digitaler Bildererzeugung aufgezeigt. Seither haben traditionelle Spezialeffekt-Künstler mit immer weniger Aufträgen, knapperen Budgets und sinkender Vorbereitungszeit zu kämpfen. Nicht nur die Produktionsrhythmen der Studios haben sich geändert, auch die Sehgewohnheiten des Publikums sind längst dem digitalen Standard angepasst. Gerade unter diesen Umständen eröffnen sich aber neue Möglichkeiten für die haptischen Filmmonster – so hat etwa der jüngste STAR WARS-Film gezielt auf den nostalgischen Charme handgemachter Puppen, Masken und Roboter gesetzt.

Bewegung und Belebung

Del Toro, der unlängst in PACIFIC RIM und CRIMSON PEAK die Symbiose von praktischen und computergenerierten Monster-Effekten vorgeführt hat, möchte denn auch die alten und neuen Technologien nicht gegeneinander ausgespielt wissen. Animation, ob in der Puppenwerkstatt oder am Computerbildschirm, folge stets demselben Prinzip: die Belebung von Unbelebtem durch Bewegung. Und ist das letztlich nicht das Wunder der Filmkunst selbst? Die Illusion von Leben auf der Leinwand – zugleich unheimlich, faszinierend und wunderschön.