Gesellschaft | 19.07.2016

Rot, tot, lebendig.

Text von Johanna Schlemmer | Bilder von David Bucheli
Aus dem Hörsaal: Was heisst es, «etwas» mit Medien zu machen? Und was machen die Medien mit uns? Kulturschaffende (nicht nur) aus Film, Funk und Fernsehen referierten dazu im vergangenen Semester an der Alten Universität in Basel. Jetzt ergreifen die Studierenden das Wort: Tink.ch präsentiert eine Auswahl von Essays, die im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung «Mit Medien Machen. Kulturwissenschaften im Praxistest» entstanden sind.
Ein poetisches Stück mit einer roten Protagonistin auf borstigem Stiel.
Bild: David Bucheli

Zarte Gestalt in starker Farbe. Wachsende Ambivalenz, auf Getreidefeldern, Schutt, an Wegen. Mittelpunkt auf Äckern und Brachen, leuchtend auf Ödland, an Böschungen.

Sucht sich der Protagonist mit Absicht die Einöde aus, um zu glänzen, oder mag nur sie ihn erdulden?

Eine simple Blume, auf Feldern daheim, und doch orchideenhaft empfindlich. Wer sie versetzt, wird im Gegenzug enttäuscht. Wer sie mitnimmt, behalten will, bereut. Fremdeigentum, das sich nicht aneignen lässt, das Untröstlichkeit überträgt. Hoffnungslos hängen die Blütenblätter hinab, und keine Vase mit Wasser verlängert Leben.

Der starke Stiel ist borstig behaart, steht ab und hält seine Blüte gut fest. Bis sie einmal fällt, braucht es lange. Doch Festigkeit entpuppt Empfindsamkeit, Power schwindet der Erschlaffung. Kurzer Moment, und Blüten sind trostlose Tränen. Sie haben den Rückweg, den Heimweg ins Haus nicht überlebt. Nur einmal nimmt man so ein Kraut mit, um es auch daheim zu betrachten. Der Liebhaber muss zum Feld, der Berg zum Propheten.

Vor Diebstahl und Pflücken also sicher. Ein Fehler, den keiner zweimal macht, den sich jeder merkt. Nochmals wird man den Stängel nicht zupfen. Blumenstraußunfähig und ausreißunnütz. Die Schwäche der Blume will keiner provozieren. Raubuntauglich, stehlverfehlt. Die Entbehrung des Schönen ist in jenem Kraut verpflanzlicht. Und es gibt kein Exemplar, das für den Spaziergänger eine Ausnahme machen würde. Der Spazierende muss die Massen zurücklassen.

Doch die Reue des Räubers ist nicht so groß wie der Unglaube darüber, dass es kein Mittel geben soll, das lebenserhaltend wirkt. Immerhin existiert noch ein Feld voll Kraut, doch das menschliche Nicht-Hinreichen lässt erstaunen. Ohnmacht und Aufgeben? Die Gepflückte, die Flamme vergessen.

Bei Wind regeneriert sich die biegsame Form des Blütenblattes ja auf’s Neue. In der Ferne malt die Fragilität der Blüte dann einen beweglichen Klecks. Verschwimmendes Rot und flammendes Feld. Für das Auge lebende Röte, für die Kamera Superobjekt. Rot ohne Abweichungen, ein Rot ohne Nuancen. Außen- und Innenseite des Blütenblattes scheinen gleich. Anzufühlen wie haftende Seide, anzuschauen indifferent. Rot so aus allen Richtungen. Zwar sind es bei genauerem Hinsehen nur vier Kronblätter, die die rote Blütenfülle ausmachen.

Auch nach einem Blinzeln ändert sich nichts an der Farbe, nach keiner Sehschärfe tritt Schattierung ein. Das Rot bleibt tot lebendig. Doch kontrastreich ist die Blume vor fadem Hintergrund, emporgehoben durch Leuchten und Feuer. Ein Beet von roten Klonen, von sich aus, natürlich erzeugt.

Ein Foto ermöglicht dem Passanten, die Pflanze auch daheim beschauen zu können. Die Kamera verlängert den Moment. Das Bild verstärkt den Eindruck. Die Lochbildkamera verlängert das Blinzeln. Sie nimmt sich die Zeit, so viel, bis das Objekt keine Lust mehr hat und sich auflöst. Es flattert weg. Flattrigkeit verstärkt, Verfließen des Rots über die Enden.

Doch nicht beim Knicken des Stiels weht das Blütenblatt weiter. Bei Unterbruch des weißen Milchsaftflusses zittert es aus. Verkapptes Edelweiß, pflückgeschützt. Nur nicht weiß, sondern rot. Rot wie Blut in Wasser. Lebenskraft verdünnt.

Aus dem Saft der unreifen Kapseln wird Opium gewonnen. An der Luft trocknet er zu einer plastischen Masse. Durch Anritzen des Stängels tritt er aus. So stirbt die Blume dahin, wie wenn sie unter ihrem eigenen Gift leiden würde. Dabei kann sie giftfrei nicht leben. Umgekrempeltes Geschick.

Doch vielleicht ist die Pflanze auch Heilpflanze. Deren Wirksamkeit ist unbelegt. Tee aus den Blütenblättern gegen Schmerzen und Schlafstörungen? Sirup aus denselben gegen Husten? Wegen des Gifts wird von Selbstbehandlung abgeraten. Aber was kann schon passieren? Bauchschmerzen, Erbrechen, Unruhe. Raserei, Krämpfe, Bewusstlosigkeit. Weidende Tiere können sterben. Aber man traut es der Pflanze zu. Wie ein Fliegenpilz, nur Blume und ohne Punkte.

Doch die reifen und blauen, die alkaloidfreien Samen können ohne Bedenken verwendet werden. Als Würze für Brote, als kugelig kleiner Kontrast auf dem hellen Mehl. Gebäckbestreuung, Füllung, auch Zutat im Obstsalat. Nussiger und herber, interessanter gestalten. Minimaler Rausch und nur Ansatz der Unruhe.

Zur Gewinnung die Pflanzenkapseln an einem luftigen, schattigen Platz zum Trocknen und Nachreifen auslegen. Schließlich öffnen sich die reifen Kapseln, und die runzligen Sämchen fallen heraus. Aber wirklich nur diejenigen Samen verwenden, die tatsächlich reif sind, die von selbst aus der Kapsel fallen. Oder die sich leicht aus ihr ausklopfen lassen. Sie sind nicht diejenigen des Mohnbrötchens, des Schlafmohns. Aber sie gleichen jenen auf Anhieb sehr.

Dem Blütenblatt bleibt nur das Pressen, das Trocknen nach richtigem Legen. Doch die rote Farbe der Blüte wird dunkler und trüber. Graubraun. Nicht roter als die Tinte der Blüten auch. Das Rot wird nicht erhalten.

Für die Tinte die Blütenblätter dicht in ein Schraubdeckelglas verpacken. Essig mit Wasser verdünnen und das Glas bis zum Rand damit füllen. Verschließen und einige Tage an der Sonne stehen lassen. Von Zeit zu Zeit schütteln. Die Blütenblätter verwandeln den Essig in tiefrote Tinte, die Lösung in roten Matsch. Dann abseihen durch ein feines Sieb. Doch geschrieben sieht die Tinte nur rötlich aus. Alarm und Signal ermatten. Kraft und Leben vergehen. Es scheint nur eine Lebensform zu geben: die gesetzte und geerdete.

Ihren Namen erhielt die giftige Pflanze vom Klatschen mit den Blütenblättern durch Kinder. Das Geräusch beim Schlagen auf ein zusammengefaltetes Blütenblatt, oder mit einem solchen auf Haut, glich einst einem Klatschen. Dies kann heute nicht überprüft werden, da es niemand mehr macht. In Gräser pfeifen, aus Kastanien Tiere basteln, aus Blütenblättern Püppchenkleider. «Die Kinder haben jre kurtzweil mit diesen Blumen dan sie mit den blettern schnallen in der handt oder stirn machen/daher würdt diß kraut Klapperroß oder Hirnschnall genent», äußerte Botaniker und Mediziner Leonhart Fuchs im Jahre 1543.

Junge Burschen zum Beispiel verwandten in naturverbundenen Zeiten die Blüten der Pflanze als Liebes-Orakel. Die Lautstärke beim Klatschen verhieß zarte oder leidenschaftliche Liebes-Ereignisse. Einen Kuss und dergleichen oder mehr.

Einst aus der asiatischen Steppe eingewandert und dann Europa mit wenigen Mitteln verschreckt. Nicht immer nur verzaubert. Ein flammendes Feld mit mächtiger Wirkung. Von Mai bis August und ziemlich hoch. So gab es einst den Glauben, dass die Blumen dem Blut der Gefallenen entsprossen seien. Im ersten Weltkrieg erschien das Kraut auf vielen Schlachtfeldern und in großer Menge. Darstellung der Qual in Blütenform. Verkehrung des Unglücks in Schmuck. Oder Rot sucht sich die Öde aus, weil Blässe am besten errötet.

Post skriptum stellt die Verfasserin nochmals ein Exemplar in eine Vase, denn im Sommer sind die Blumen überall. Selbst in der Stadt an Straßen, zwischen Belägen. Mischen sich in Büsche und topfen sich in Blumentöpfe ein. Kleiner Wink vom Wegrand, der um Augenmerk blinkt. Roter Gruß vom Balkon, keckes Kuckucksei im zweiten Stock. Oder stiellos wie ein Plastikpapier rot am Boden.

Doch diesmal lebt das rote Kraut im Glas für eine ganze Weile weiter. Blüht schön und schöne Tage nach den vier Himmelsrichtungen seiner Blüten. Prächtig, kräftig, fest. Und lacht die Verfasserin aus. Rote Clown-Nase am Fenstersims. Drückt sich gegen die Scheibe. Was soll das denn jetzt.


Literaturnachweis:

Scherf, Gertrud: Alte Nutzpflanzen wieder entdeckt. Färberginster, Pfeifengras, Seifenkraut & Co., München: BLV 2008, S. 114.