Gesellschaft | 25.07.2016

Interview mit einem Militäroffizier

Text von Michael Koch | Bilder von Michael Koch
Ehemalige oder aktuelle Dienstleistende der Armee erzählen nicht immer nur Positives über das Militär. Dafür mitverantwortlich sind oft die dortigen Vorgesetzten. Was aber erzählt ein Zugführer über den Militärdienst?
Eine angenehme Abwechslung und Ausnahme: Oberleutnant Schaer vertritt und repräsentiert mit seiner Truppe die Einheit Infanterie an einem militärinternen Anlass.
Bild: Michael Koch

In einem früheren Artikel von mir («Militärdienst – ein Perspektivenwechsel») habe ich aus der Sicht eines Soldaten Geschichten und Eindrücke aus dem Militär veröffentlicht.

Nun ist es nur fair, die andere Partei zu Wort kommen zu lassen. Dazu habe ich meinen ehemaligen Vorgesetzten, nämlich Oberleutnant Schär, einige Fragen gestellt. Er war unser Zugführer während meines Militärdienstes.

Was ist genau ein Zugführer?

Der Zugführer ist der zweithöchste Vorgesetzte, mit dem die Soldaten direkt konfrontiert werden. Lediglich der Kommandant ist noch ein wenig höher gestellt . Der Zugführer übernimmt einen grossen Teil der Verantwortung über die Soldaten, was in anderen Worten bedeutet, dass er 40 bis 60 Soldaten leitet und auch in die Ausbildung der Soldaten eingreift. Militaristen, die sich für eine Laufbahn als Zugführer entscheiden, müssen 600 Tage am Stück Militärdienst leisten. Dabei durchläuft ein Zugführer folgende Phasen: die obligate Rekrutenschule, die Unteroffiziers- sowie die normale Offiziersschule, dann die längste und eigentliche Hauptphase, die Phase als Zugführer, und schlussendlich verdient er noch die restlichen zwei bis drei Monate in einer anderen Kompanie ab. 

In den Diensten des Vaterlandes

Oberleutnant Schär wusste seit Beginn seiner Rekrutenschule, dass das Militär für ihn ein einmaliges Arbeitsumfeld darstellt. Um ganz sicher zu gehen, ob er nun in die Ausbildung als Offizier eintreten sollte, erkundete er sich nach ein paar weiteren Meinungen von ehemaligen Offizieren. Er erhielt beinahe ausschliesslich positive Rückmeldungen. Und Oberleutnant Schär bereut die Ausbildung zum Offizieren auch nach 500 Tagen geleisteten Dienst nicht. Ihm gefällt es, den Alltag für 40-50 Soldaten und Gruppenführer zu planen, sie zu führen und auszubilden und mit ihnen gemeinsam die erhaltenen Ziele zu meistern.

Herr Schär ist sehr stolz, ein Offizier in der Einheit Infanterie Durchdiener sein zu können. Was für ihn die Infanterie grundsätzlich ausmacht, ist die weitübergreifende Ausbildung der Infanteristen und ihre weitreichende Einsetzbarkeit. Infanteristen werden unter anderem in den Bereichen Selbstverteidigung, Schusswaffen, Sanitätsdienst und Funkkommunikation ausgebildet. Zudem ist die Infanterie der Hauptträger der Armee. Dies sind Gründe, warum es im Militär mehr Durchdiener der Einheit Infanterie bräuche, da Infanteristen kompetente und gut ausgebildete Leute seien, meint Schär. Man könne während 300 Tagen auf gut ausgebildete Leute zurückgreifen.

«Das Militär an der Front»

Für Oberleutnant Schär ist klar: als Durchdiener in der Einheit Infanterie kann die absolvierte  Ausbildung nicht wirklich in die Praxis umgesetzt werden. Der Umgang mit all den verschiedenen Waffen sowie die taktische, militärische Vorgehensweise in einem Krieg, wie etwa das «Verschieben und Vorrücken mithilfe Feuer und Bewegung», bleiben lediglich in der Ausbildungsphase von Gebrauch. Die Einsätze der Infanteristen beziehen sich hauptsächlich auf die Unterstützung der zivilen Behörde. Beispiele dafür sind der Einsatz am World Economic Forum in Davos oder der Botschaftsschutz in Genf. Erwähnenswert ist mehrere tausend Militaristen im Einsatz waren und Arbeiten wie Gebäudeschutz, Logistik und Versorgung erledigten. Schär ist sich sicher: So viele freiwillige zivilistische Kräfte aufzutreiben hätte wahrscheinlich ein äusserst schwieriges Unterfangen dargestellt.

Bewahrheitetes Klischee?

Natürlich musste auch Oberleutnant Schär eine Ausbildung zum Offizier durchlaufen. Ich fragte ihn, ob das Klischee stimme, dass Zug- und Gruppenführer oft zu jung und zu unerfahren seien, um eine solche Menge an ebenfals jungen, unerfahrenen und verschiedenen Männern leiten zu können. Seiner Meinung nach ist dies kein Klischee, sondern eine Tatsache. Nach der Offiziersschule werden einem frisch gebackenen Zugführer direkt 40 bis 60 Leute unterstellt. Viele Anweisungen und Aufträge, die aus den höheren Etagen kommen, hört man dann zum ersten Mal. Während der Eingewöhnungsphase der neuen Rekruten ergibt sich auch für die Zugführer nur kurz Zeit, sich etwas an das Führen von Gruppen zu gewöhnen. Was dem entgegenwirken könne, sei eine länger andauernde Offiziersschule, wo unter anderem das Führen von Gruppen öfters behandelt und angesprochen werde.

Förmlichkeiten gegen persönliche Beziehungen

Als ich Oberleutnant Schär auf die Beziehung zu seinen Soldaten angesprochen hatte, meinte er, dass er vor allem in der zweiten Hälfte des Militärdienstes seiner Soldaten ein sehr enges Verhältnis zu ihnen aufgebaut habe. Er erwähnte, dass das Verhalten eines Zugführers je nach Phase im Militär angepasst werden müsse. Während der Rekrutenschule müsse ein Zugführer die Soldaten eher «etwas härter rannehmen», sodass eine gewisse Basis und Disziplin der Soldaten geschaffen werden könne. Dann habe man im Militär eine bessere Voraussetzung für spätere Einsätze, so Oberleutnant Schär. In einer späteren Phase im Militär sollte man als Zugführer jedoch etwas persönlicher werden und als Mensch bei den Soldaten überzeugen, da mit der Zeit der Rang bei den Soldaten nicht mehr die gleiche Wichtigkeit besitzt wie zu Beginn des Militärdienstes. Im Gegenzug fragte ich meinen Interviewpartner, was für ein Verhältnis er zu seinen Vorgesetzten pflege. Dazu meinte Oberleutnant Schär, dass sich das Verhältnis zu den Berufsmilitaristen nicht wirklich verändert habe. Ab und zu tauschte man etwas Persönliches untereinander aus, was allerdings eher eine Ausnahme darstellte. Die Beziehung zum Kommandanten sei vielleicht etwas persönlicher geworden. Dies gehe jedoch auch in Ordnung, da die Zugführer die wichtigsten Ansprechpartner für einen Kommandanten darstellen im Bezug zu den Soldaten. Sobald der Kommandant nicht mit seinen Zugführern harmoniere, könne die Kompanie nicht wirklich funktionieren.

Hochs und Tiefs eines Zugführers

Zur Frage, was der schlimmste Moment in der bisherigen Laufbahn von Oberleutnant Schär gewesen sei, hat er vor allem die ersten 12 Wochen als Zugführer angesprochen. Diese Wochen seien äusserst arbeitsintensiv und schlafraubend. Viele Arbeiten wie etwa die Planung und das Administrative müsse am Abend oder in der Nacht erledigt werden, da man den Tag durch mit den Rekruten beschäftigt sei. Somit habe er während der Rekrutenschule meistens nur 2-3 Stunden Schlaf gekriegt – an seltenen Tagen auch gar keinen. Dies konnte Oberleutnant Schär launisch werden lassen. Die hohe psychische Belastung aus den ersten Wochen beanspruchte automatisch auch seine Physis. Somit war der Offizier sehr auf die Wochenenden angewiesen. Er betonte, dass die Wochenenden äusserst wichtig seien, um ein bisschen Abstand vom Militär zu gewinnen und sich zu regenerieren. Denn 600 Tage Militärdienst sind eine lange Zeit. Deswegen ist es wichtig, dass man vor allem die positiven Momente im Hinterkopf behält. Hierzu erzählte Oberleutnant Schär vom bestandenen 100 Kilometer langen Marsch während der Offiziersschule und den Umgang mit seinen «Schöflis», wie er oft zu sagen pflegte. Er fand es eine schöne Arbeit, 300 Tage seinen Zug führen zu können und mit ihnen Lob und Anerkennung von den Vorgesetzten zu erhalten. Dies motiviere ungemein, wenn man als Team sich gemeinsam Vorgenommenes erreiche.