Wenn Kinder über Trump, Flüchtlinge und Anschläge schreiben

Wir von tink.ch erwarteten Themen wie Freizeit und Freundschaft, aber unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Workshop «Journalismus» erstaunten uns mit ihrem Wissen über und Interesse an aktuellen Themen. Die 10- bis 14-jährigen Kinder und Jugendliche gingen auf die berner Strassen und befragten Passanten zu brisanten Themen. Hier können Sie eine Auswahl der Interviews unserer «Cooltourer» lesen.

Hanna und Josephine befragten die Passanten über die Flüchtlingsthematik.

Andreas Müller über Flüchtlinge. (Bild: Sofiya Miroshnyk)
Wie heissen Sie?

Andreas Müller

Was denken Sie über Flüchtlinge?

Flüchtlinge sind Menschen, die aus irgendeinem Grund nicht in ihrem Land bleiben können.

Würden Sie die Flüchtlingshilfe in Lesbos unterstützen?

Ja, ich würde sehr gerne dort helfen.

Wenn ein Flüchtling bei ihnen klingeln würde, was würden Sie tun? Was würden Sie empfinden?

Ich würde den Flüchtling fragen was er will. Ich empfinde dabei Freude, weil ich jemanden helfen kann.

Was denken Sie darüber, dass wir Kinder uns damit befassen?

Es ist ein aktuelles Thema und sollte jeden interessieren.

Randi und unsere Reporterinnen in der Aarbergergasse in Bern. (Bild: Sofiya Miroshnyk)
Wie heissen Sie?

Randi, und ich komme aus Norwegen.

Was denken Sie über Flüchtlinge?

Es ist sehr schade, dass Flüchtlinge flüchten müssen. Ich wünsche mir, dass die Flüchtlinge hier ein gutes Zuhause finden.

Würden Sie der Flüchtlingshilfe in Lesbos unterstützen?

Ja, ich würde gerne helfen.

Wenn ein Flüchtling bei ihnen klingeln würde, was würden Sie tun? Was würden Sie empfinden?

Ich würde ihm helfen, doch ich hätte ein bisschen Angst.

Jessi, Cheyenne und Alice wollten wissen, wie die aktuellen Anschläge wahrgenommen werden.

Was meinen Lena und Lea zu den Anschlägen? (Bild: Mélanie Baierlé)
Wie heissen Sie?

Lena und Lea.

Verbinden Sie die Anschläge direkt mit dem IS?

Nein, ich finde es gefährlich, wenn man alles direkt als Terroranschlag bezeichnet, denn das bestärkt einen bestimmten Diskurs, obwohl es vielleicht gar nicht der Wahrheit entspricht.

Was denken Sie will der IS oder andere Organisationen mit den Anschlägen erreichen?

Es ist alles viel komplizierter als wie es in den Medien und in der Gesellschaft dargestellt wird. Es gibt auch Einzeltäter, die einfach sonst Probleme in ihrem Leben haben oder die sich dem IS bekennen, ohne wirklich Teil davon zu sein. Der IS ist keine klar definierte Organisation, aber vor allem darf man die Gründe nicht vergessen, welche solche Organisationen entstehen lassen.

Was wären diese Gründe?

Der IS entstand nicht einfach aus dem Nichts, sondern es geht um Probleme, die es schon seit Jahrzehnten oder länger gibt. Es gibt viel Frustration und in diesen Ländern werden Minderheiten schon lange diskriminiert. Da entsteht einfach Radikalisierung. Ich glaube, oft haben sie gar kein richtiges Ziel, sondern sie profitieren vom Chaos. Die meisten Anschläge passieren ja nicht bei uns. Sie wollen damit einfach das ganze System destabilisieren. IS ist nicht die einzige Organisation mit solchen Zielen. Es geht aber immer um dieselben Probleme. Die Welt funktioniert auf eine Art und Weise, welche so etwas entstehen lässt.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie daran denken?

Klar: es macht einem Angst, denn sie machen keinen Unterschied zwischen den Verantwortlichen ihrer Probleme und unschuldigen Menschen.

Wie viele Anschläge gab es weltweit 2016?

Es kommt darauf an, wie man Anschläge definiert. Man könnte auch jede Bombe in Syrien als Anschlag bezeichnen.

Reisen Sie wegen den Anschlägen weniger herum?

– Ich schon ja, wegen der politischen Lage werde ich nicht nach Istanbul reisen.

– Nein eigentlich nicht, ich reise weiterhin herum. Ich glaube, es kann überall etwas passieren.

Anna, Nairah, Rafaela und Basil hörten sich Meinungen über Donald Trump an.

Trump oder Hillary? (Bild: Mélanie Baierlé)
Donald Trump oder Hillary Clinton: wen würden Sie wählen?

Ich würde Clinton wählen, weil Trump zu konservativ ist.

Wenn Donald Trump gewählt würde, was würde passieren?

Ich glaube, es wäre sehr schlecht fürs Land.

Was finden Sie schlecht an Donald Trump?

Trump finde ich sehr schlecht in Bezug auf die Aussenpolitik. Er ist für militärische Angriffe, das finde ich sehr problematisch. Im Moment sagt er, dass er die Armen unterstützt, aber ich glaube, mit der Zeit wird er sie vergessen.

Was finden Sie gut an Hillary Clinton?

Ich glaube, sie hat sehr gute Ideen für den Mittelstand. Sie hat einen guten Blick fürs Wesentlichste. Allein schon durch die Erfahrung, welche ihr Mann Bill Clinton gemacht hat, kennt sie sich mit Politik gut aus.

Was denken Sie, steckt hinter Donald Trumps Erfolg?

Er macht sehr viel Werbung und trifft im Moment den Nerv der Armen.

Was möchte Donald Trump eigentlich erreichen?

Er will die Gesamtbevölkerung erreichen und sie umpolen. Er möchte zurück auf die alte Schiene.

Interview mit einem Militäroffizier

In einem früheren Artikel von mir («Militärdienst – ein Perspektivenwechsel») habe ich aus der Sicht eines Soldaten Geschichten und Eindrücke aus dem Militär veröffentlicht.

Nun ist es nur fair, die andere Partei zu Wort kommen zu lassen. Dazu habe ich meinen ehemaligen Vorgesetzten, nämlich Oberleutnant Schär, einige Fragen gestellt. Er war unser Zugführer während meines Militärdienstes.

Was ist genau ein Zugführer?

Der Zugführer ist der zweithöchste Vorgesetzte, mit dem die Soldaten direkt konfrontiert werden. Lediglich der Kommandant ist noch ein wenig höher gestellt . Der Zugführer übernimmt einen grossen Teil der Verantwortung über die Soldaten, was in anderen Worten bedeutet, dass er 40 bis 60 Soldaten leitet und auch in die Ausbildung der Soldaten eingreift. Militaristen, die sich für eine Laufbahn als Zugführer entscheiden, müssen 600 Tage am Stück Militärdienst leisten. Dabei durchläuft ein Zugführer folgende Phasen: die obligate Rekrutenschule, die Unteroffiziers- sowie die normale Offiziersschule, dann die längste und eigentliche Hauptphase, die Phase als Zugführer, und schlussendlich verdient er noch die restlichen zwei bis drei Monate in einer anderen Kompanie ab. 

In den Diensten des Vaterlandes

Oberleutnant Schär wusste seit Beginn seiner Rekrutenschule, dass das Militär für ihn ein einmaliges Arbeitsumfeld darstellt. Um ganz sicher zu gehen, ob er nun in die Ausbildung als Offizier eintreten sollte, erkundete er sich nach ein paar weiteren Meinungen von ehemaligen Offizieren. Er erhielt beinahe ausschliesslich positive Rückmeldungen. Und Oberleutnant Schär bereut die Ausbildung zum Offizieren auch nach 500 Tagen geleisteten Dienst nicht. Ihm gefällt es, den Alltag für 40-50 Soldaten und Gruppenführer zu planen, sie zu führen und auszubilden und mit ihnen gemeinsam die erhaltenen Ziele zu meistern.

Herr Schär ist sehr stolz, ein Offizier in der Einheit Infanterie Durchdiener sein zu können. Was für ihn die Infanterie grundsätzlich ausmacht, ist die weitübergreifende Ausbildung der Infanteristen und ihre weitreichende Einsetzbarkeit. Infanteristen werden unter anderem in den Bereichen Selbstverteidigung, Schusswaffen, Sanitätsdienst und Funkkommunikation ausgebildet. Zudem ist die Infanterie der Hauptträger der Armee. Dies sind Gründe, warum es im Militär mehr Durchdiener der Einheit Infanterie bräuche, da Infanteristen kompetente und gut ausgebildete Leute seien, meint Schär. Man könne während 300 Tagen auf gut ausgebildete Leute zurückgreifen.

«Das Militär an der Front»

Für Oberleutnant Schär ist klar: als Durchdiener in der Einheit Infanterie kann die absolvierte  Ausbildung nicht wirklich in die Praxis umgesetzt werden. Der Umgang mit all den verschiedenen Waffen sowie die taktische, militärische Vorgehensweise in einem Krieg, wie etwa das «Verschieben und Vorrücken mithilfe Feuer und Bewegung», bleiben lediglich in der Ausbildungsphase von Gebrauch. Die Einsätze der Infanteristen beziehen sich hauptsächlich auf die Unterstützung der zivilen Behörde. Beispiele dafür sind der Einsatz am World Economic Forum in Davos oder der Botschaftsschutz in Genf. Erwähnenswert ist mehrere tausend Militaristen im Einsatz waren und Arbeiten wie Gebäudeschutz, Logistik und Versorgung erledigten. Schär ist sich sicher: So viele freiwillige zivilistische Kräfte aufzutreiben hätte wahrscheinlich ein äusserst schwieriges Unterfangen dargestellt.

Bewahrheitetes Klischee?

Natürlich musste auch Oberleutnant Schär eine Ausbildung zum Offizier durchlaufen. Ich fragte ihn, ob das Klischee stimme, dass Zug- und Gruppenführer oft zu jung und zu unerfahren seien, um eine solche Menge an ebenfals jungen, unerfahrenen und verschiedenen Männern leiten zu können. Seiner Meinung nach ist dies kein Klischee, sondern eine Tatsache. Nach der Offiziersschule werden einem frisch gebackenen Zugführer direkt 40 bis 60 Leute unterstellt. Viele Anweisungen und Aufträge, die aus den höheren Etagen kommen, hört man dann zum ersten Mal. Während der Eingewöhnungsphase der neuen Rekruten ergibt sich auch für die Zugführer nur kurz Zeit, sich etwas an das Führen von Gruppen zu gewöhnen. Was dem entgegenwirken könne, sei eine länger andauernde Offiziersschule, wo unter anderem das Führen von Gruppen öfters behandelt und angesprochen werde.

Förmlichkeiten gegen persönliche Beziehungen

Als ich Oberleutnant Schär auf die Beziehung zu seinen Soldaten angesprochen hatte, meinte er, dass er vor allem in der zweiten Hälfte des Militärdienstes seiner Soldaten ein sehr enges Verhältnis zu ihnen aufgebaut habe. Er erwähnte, dass das Verhalten eines Zugführers je nach Phase im Militär angepasst werden müsse. Während der Rekrutenschule müsse ein Zugführer die Soldaten eher «etwas härter rannehmen», sodass eine gewisse Basis und Disziplin der Soldaten geschaffen werden könne. Dann habe man im Militär eine bessere Voraussetzung für spätere Einsätze, so Oberleutnant Schär. In einer späteren Phase im Militär sollte man als Zugführer jedoch etwas persönlicher werden und als Mensch bei den Soldaten überzeugen, da mit der Zeit der Rang bei den Soldaten nicht mehr die gleiche Wichtigkeit besitzt wie zu Beginn des Militärdienstes. Im Gegenzug fragte ich meinen Interviewpartner, was für ein Verhältnis er zu seinen Vorgesetzten pflege. Dazu meinte Oberleutnant Schär, dass sich das Verhältnis zu den Berufsmilitaristen nicht wirklich verändert habe. Ab und zu tauschte man etwas Persönliches untereinander aus, was allerdings eher eine Ausnahme darstellte. Die Beziehung zum Kommandanten sei vielleicht etwas persönlicher geworden. Dies gehe jedoch auch in Ordnung, da die Zugführer die wichtigsten Ansprechpartner für einen Kommandanten darstellen im Bezug zu den Soldaten. Sobald der Kommandant nicht mit seinen Zugführern harmoniere, könne die Kompanie nicht wirklich funktionieren.

Hochs und Tiefs eines Zugführers

Zur Frage, was der schlimmste Moment in der bisherigen Laufbahn von Oberleutnant Schär gewesen sei, hat er vor allem die ersten 12 Wochen als Zugführer angesprochen. Diese Wochen seien äusserst arbeitsintensiv und schlafraubend. Viele Arbeiten wie etwa die Planung und das Administrative müsse am Abend oder in der Nacht erledigt werden, da man den Tag durch mit den Rekruten beschäftigt sei. Somit habe er während der Rekrutenschule meistens nur 2-3 Stunden Schlaf gekriegt – an seltenen Tagen auch gar keinen. Dies konnte Oberleutnant Schär launisch werden lassen. Die hohe psychische Belastung aus den ersten Wochen beanspruchte automatisch auch seine Physis. Somit war der Offizier sehr auf die Wochenenden angewiesen. Er betonte, dass die Wochenenden äusserst wichtig seien, um ein bisschen Abstand vom Militär zu gewinnen und sich zu regenerieren. Denn 600 Tage Militärdienst sind eine lange Zeit. Deswegen ist es wichtig, dass man vor allem die positiven Momente im Hinterkopf behält. Hierzu erzählte Oberleutnant Schär vom bestandenen 100 Kilometer langen Marsch während der Offiziersschule und den Umgang mit seinen «Schöflis», wie er oft zu sagen pflegte. Er fand es eine schöne Arbeit, 300 Tage seinen Zug führen zu können und mit ihnen Lob und Anerkennung von den Vorgesetzten zu erhalten. Dies motiviere ungemein, wenn man als Team sich gemeinsam Vorgenommenes erreiche.

Rot, tot, lebendig.

Zarte Gestalt in starker Farbe. Wachsende Ambivalenz, auf Getreidefeldern, Schutt, an Wegen. Mittelpunkt auf Äckern und Brachen, leuchtend auf Ödland, an Böschungen.

Sucht sich der Protagonist mit Absicht die Einöde aus, um zu glänzen, oder mag nur sie ihn erdulden?

Eine simple Blume, auf Feldern daheim, und doch orchideenhaft empfindlich. Wer sie versetzt, wird im Gegenzug enttäuscht. Wer sie mitnimmt, behalten will, bereut. Fremdeigentum, das sich nicht aneignen lässt, das Untröstlichkeit überträgt. Hoffnungslos hängen die Blütenblätter hinab, und keine Vase mit Wasser verlängert Leben.

Der starke Stiel ist borstig behaart, steht ab und hält seine Blüte gut fest. Bis sie einmal fällt, braucht es lange. Doch Festigkeit entpuppt Empfindsamkeit, Power schwindet der Erschlaffung. Kurzer Moment, und Blüten sind trostlose Tränen. Sie haben den Rückweg, den Heimweg ins Haus nicht überlebt. Nur einmal nimmt man so ein Kraut mit, um es auch daheim zu betrachten. Der Liebhaber muss zum Feld, der Berg zum Propheten.

Vor Diebstahl und Pflücken also sicher. Ein Fehler, den keiner zweimal macht, den sich jeder merkt. Nochmals wird man den Stängel nicht zupfen. Blumenstraußunfähig und ausreißunnütz. Die Schwäche der Blume will keiner provozieren. Raubuntauglich, stehlverfehlt. Die Entbehrung des Schönen ist in jenem Kraut verpflanzlicht. Und es gibt kein Exemplar, das für den Spaziergänger eine Ausnahme machen würde. Der Spazierende muss die Massen zurücklassen.

Doch die Reue des Räubers ist nicht so groß wie der Unglaube darüber, dass es kein Mittel geben soll, das lebenserhaltend wirkt. Immerhin existiert noch ein Feld voll Kraut, doch das menschliche Nicht-Hinreichen lässt erstaunen. Ohnmacht und Aufgeben? Die Gepflückte, die Flamme vergessen.

Bei Wind regeneriert sich die biegsame Form des Blütenblattes ja auf’s Neue. In der Ferne malt die Fragilität der Blüte dann einen beweglichen Klecks. Verschwimmendes Rot und flammendes Feld. Für das Auge lebende Röte, für die Kamera Superobjekt. Rot ohne Abweichungen, ein Rot ohne Nuancen. Außen- und Innenseite des Blütenblattes scheinen gleich. Anzufühlen wie haftende Seide, anzuschauen indifferent. Rot so aus allen Richtungen. Zwar sind es bei genauerem Hinsehen nur vier Kronblätter, die die rote Blütenfülle ausmachen.

Auch nach einem Blinzeln ändert sich nichts an der Farbe, nach keiner Sehschärfe tritt Schattierung ein. Das Rot bleibt tot lebendig. Doch kontrastreich ist die Blume vor fadem Hintergrund, emporgehoben durch Leuchten und Feuer. Ein Beet von roten Klonen, von sich aus, natürlich erzeugt.

Ein Foto ermöglicht dem Passanten, die Pflanze auch daheim beschauen zu können. Die Kamera verlängert den Moment. Das Bild verstärkt den Eindruck. Die Lochbildkamera verlängert das Blinzeln. Sie nimmt sich die Zeit, so viel, bis das Objekt keine Lust mehr hat und sich auflöst. Es flattert weg. Flattrigkeit verstärkt, Verfließen des Rots über die Enden.

Doch nicht beim Knicken des Stiels weht das Blütenblatt weiter. Bei Unterbruch des weißen Milchsaftflusses zittert es aus. Verkapptes Edelweiß, pflückgeschützt. Nur nicht weiß, sondern rot. Rot wie Blut in Wasser. Lebenskraft verdünnt.

Aus dem Saft der unreifen Kapseln wird Opium gewonnen. An der Luft trocknet er zu einer plastischen Masse. Durch Anritzen des Stängels tritt er aus. So stirbt die Blume dahin, wie wenn sie unter ihrem eigenen Gift leiden würde. Dabei kann sie giftfrei nicht leben. Umgekrempeltes Geschick.

Doch vielleicht ist die Pflanze auch Heilpflanze. Deren Wirksamkeit ist unbelegt. Tee aus den Blütenblättern gegen Schmerzen und Schlafstörungen? Sirup aus denselben gegen Husten? Wegen des Gifts wird von Selbstbehandlung abgeraten. Aber was kann schon passieren? Bauchschmerzen, Erbrechen, Unruhe. Raserei, Krämpfe, Bewusstlosigkeit. Weidende Tiere können sterben. Aber man traut es der Pflanze zu. Wie ein Fliegenpilz, nur Blume und ohne Punkte.

Doch die reifen und blauen, die alkaloidfreien Samen können ohne Bedenken verwendet werden. Als Würze für Brote, als kugelig kleiner Kontrast auf dem hellen Mehl. Gebäckbestreuung, Füllung, auch Zutat im Obstsalat. Nussiger und herber, interessanter gestalten. Minimaler Rausch und nur Ansatz der Unruhe.

Zur Gewinnung die Pflanzenkapseln an einem luftigen, schattigen Platz zum Trocknen und Nachreifen auslegen. Schließlich öffnen sich die reifen Kapseln, und die runzligen Sämchen fallen heraus. Aber wirklich nur diejenigen Samen verwenden, die tatsächlich reif sind, die von selbst aus der Kapsel fallen. Oder die sich leicht aus ihr ausklopfen lassen. Sie sind nicht diejenigen des Mohnbrötchens, des Schlafmohns. Aber sie gleichen jenen auf Anhieb sehr.

Dem Blütenblatt bleibt nur das Pressen, das Trocknen nach richtigem Legen. Doch die rote Farbe der Blüte wird dunkler und trüber. Graubraun. Nicht roter als die Tinte der Blüten auch. Das Rot wird nicht erhalten.

Für die Tinte die Blütenblätter dicht in ein Schraubdeckelglas verpacken. Essig mit Wasser verdünnen und das Glas bis zum Rand damit füllen. Verschließen und einige Tage an der Sonne stehen lassen. Von Zeit zu Zeit schütteln. Die Blütenblätter verwandeln den Essig in tiefrote Tinte, die Lösung in roten Matsch. Dann abseihen durch ein feines Sieb. Doch geschrieben sieht die Tinte nur rötlich aus. Alarm und Signal ermatten. Kraft und Leben vergehen. Es scheint nur eine Lebensform zu geben: die gesetzte und geerdete.

Ihren Namen erhielt die giftige Pflanze vom Klatschen mit den Blütenblättern durch Kinder. Das Geräusch beim Schlagen auf ein zusammengefaltetes Blütenblatt, oder mit einem solchen auf Haut, glich einst einem Klatschen. Dies kann heute nicht überprüft werden, da es niemand mehr macht. In Gräser pfeifen, aus Kastanien Tiere basteln, aus Blütenblättern Püppchenkleider. «Die Kinder haben jre kurtzweil mit diesen Blumen dan sie mit den blettern schnallen in der handt oder stirn machen/daher würdt diß kraut Klapperroß oder Hirnschnall genent», äußerte Botaniker und Mediziner Leonhart Fuchs im Jahre 1543.

Junge Burschen zum Beispiel verwandten in naturverbundenen Zeiten die Blüten der Pflanze als Liebes-Orakel. Die Lautstärke beim Klatschen verhieß zarte oder leidenschaftliche Liebes-Ereignisse. Einen Kuss und dergleichen oder mehr.

Einst aus der asiatischen Steppe eingewandert und dann Europa mit wenigen Mitteln verschreckt. Nicht immer nur verzaubert. Ein flammendes Feld mit mächtiger Wirkung. Von Mai bis August und ziemlich hoch. So gab es einst den Glauben, dass die Blumen dem Blut der Gefallenen entsprossen seien. Im ersten Weltkrieg erschien das Kraut auf vielen Schlachtfeldern und in großer Menge. Darstellung der Qual in Blütenform. Verkehrung des Unglücks in Schmuck. Oder Rot sucht sich die Öde aus, weil Blässe am besten errötet.

Post skriptum stellt die Verfasserin nochmals ein Exemplar in eine Vase, denn im Sommer sind die Blumen überall. Selbst in der Stadt an Straßen, zwischen Belägen. Mischen sich in Büsche und topfen sich in Blumentöpfe ein. Kleiner Wink vom Wegrand, der um Augenmerk blinkt. Roter Gruß vom Balkon, keckes Kuckucksei im zweiten Stock. Oder stiellos wie ein Plastikpapier rot am Boden.

Doch diesmal lebt das rote Kraut im Glas für eine ganze Weile weiter. Blüht schön und schöne Tage nach den vier Himmelsrichtungen seiner Blüten. Prächtig, kräftig, fest. Und lacht die Verfasserin aus. Rote Clown-Nase am Fenstersims. Drückt sich gegen die Scheibe. Was soll das denn jetzt.


Literaturnachweis:

Scherf, Gertrud: Alte Nutzpflanzen wieder entdeckt. Färberginster, Pfeifengras, Seifenkraut & Co., München: BLV 2008, S. 114.

Gurtenfestival 2016, Tag 3

Gurtenfestival 2016, Tag 2

Gurtenfestival 2016 Tag 1

Vom Tausendfüssertanz zu Techno im Bacardi Dome

Vor 39 Jahren fand das «1. Internationale Folkfestival Bern-Gurten» statt. Im «Gurtebüechli» wurde das vielfältige Musikprogramm und die Rahmenaktivitäten vorgestellt. Über Jazz, Folk, Volksmusik sowie politische Songs konnte alles gehört werden. Aber auch die Rahmenunterhaltung waren damals wichtig. So kam es, dass in der ersten Festivalnacht Tausende von Ballonen mit Wunderkerzen davon schwebten. Ein andermal bildeten die Gäste   mit ein langen Tüchern einen tanzenden Tausendfüsser, der aufgrund der feiernden Masse jeden Moment auseinanderzubrechen drohte.

Angesichts des heute eingespielten Ablaufs ist unvorstellbar, was am ersten Gurtenfestival passierte: In der Aufregung wurde vergessen, die Bühnenbeleuchtung zu organisieren. So mussten für die Bands notfallmässig Lampen aufgetrieben werden. Durch die Einnahmen aus dem Ticketverkauf – damals kostete ein Zweitagespass noch 32 Franken – und von Verkaufsständen erziehlte das erste Gurtenfestival 20’000 Franken Gewinn. Diesen steckten sich die Organisatoren jedoch nicht in die eigene Tasche, sondern spendeten ihn dem WWF und dem Renovationsfonds der Mahogany-Hall. Von den alten Bühnen (Hauptbühne, Westbühne, Chutzenbühne, Workshopstübli) hat bis heute nur die Hauptbühne überlebt. Die andern drei wurden durch die Zeltbühne, Waldbühne und die Bamboo Bar ersetzt.

39 Jahre später

Am dritten Juliwochenende werden über 60 Bands und Künstler auf dem Gurten spielen. Zuschauerzahlen und Preise stiegen in den letzten Jahren ständig. Aber auch ein enger und teurer Gurten scheint Anklang zu finden: bereits seit Wochen sind sämtliche Festivalpässe ausverkauft. Die Organisatoren versuchen, lange Wartezeiten in Grenzen zu halten: Dieses Jahr etwa sollen wieder mehr Imbissstände dafür sorgen, dass Hungrige besser verteilt und somit schneller zufrieden gestellt werden können. Ausserdem wurde die Gleichberechtigung auf dem Gurten auch auf die Toilettensituation ausgeweitet: Seit letztem Jahr können Frauen mithilfe vom «Peeasy» auch ein zeitsparendes Pissoir benutzen.

Durchmischtes Programm

Die Atmosphäre auf dem Güsche ist für die Bernerinnen und Berner immer etwas Besonderes. So meint ein alljährlicher Gurtengänger, dass er jeweils bereits beim Anstehen beim Gurtenbähnli neue Freunde und spätere Mitfeiernde finde. Heuer locken internationale Grössen wie Muse auf den Gurten, aber auch Liebhaber der lokalen Musikszene kommen mit Manillio oder Troubas Kater auf ihre Kosten. Das Musikprogramm bleibt auch dieses Jahr seinem Stil, nämlich alle möglichen Stilrichtungen anzubieten, treu. So wechseln sich Soul und Folk ab mit Elektro bis Schweizer Rap und Pop. Tink.ch ist vor Ort und wird euch berichten, wer und was auf dem Güsche über die Bühne geht.

Stars of Sounds 2016 Tag 2