Gesellschaft | 11.06.2016

Theorie als ästhetisches Erlebnis

Text von Lukas Tschopp | Bilder von David Bucheli
Aus dem Hörsaal: Was heisst es, «etwas» mit Medien zu machen? Und was machen die Medien mit uns? Kulturschaffende (nicht nur) aus Film, Funk und Fernsehen referierten dazu im vergangenen Semester an der Alten Universität in Basel. Jetzt ergreifen die Studierenden das Wort: Tink.ch präsentiert eine Auswahl von Essays, die im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung «Mit Medien Machen. Kulturwissenschaften im Praxistest» entstanden sind.
Werden Theorien um der Theorie willen aufgestellt oder geht es um die Erarbeitung relevanter Erkenntnisse?
Bild: David Bucheli

In seiner Ideenreportage Der lange Sommer der Theorie schildert der Historiker und Kulturwissenschaftler Philipp Felsch aus Sicht des Berliner Merve Verlags den in den sechziger Jahren einsetzenden Siegeszug der Theorie in der deutschen Bundesrepublik. Als Quelle diente ihm dabei die Korrespondenz zwischen Verlagsgründer Peter Gente und den zahlreichen Merve-Autoren, darunter Michel Foucault, Gilles Deleuze, Félix Guattari oder Jean Baudrillard. Felschs Analyse einer Verknüpfung des Gedachten mit dem tatsächlich Geschehenen richtet ihren Fokus dabei auf die Lesarten und Gebrauchsweisen der publizierten Theorie – und weniger auf deren Inhalt. Theorie als ästhetisches Erlebnis: Schon in der Einleitung hebt Felsch hervor, dass der Suggestivkraft bestimmter Texte wohl grösseres Gewicht beikam als ihrem systematischen Zusammenhang.

Damit ist ein Punkt angesprochen, den ich im vorliegenden Essay aufgreifen möchte und den Felsch in seinem Buch, etwa im Kapitel zur «Wilden Akademie», weiter ausführt: Die Art und Weise, wie aufgrund von scheinbar irrelevanten Begleitumständen Theorie ganz unterschiedlich rezipiert, diskutiert und neu aufbereitet wird.

Im Anschluss an den RAF-Terror im Deutschen Herbst von 1977 wandte sich die westdeutsche Intellektuellen-Szene rund um das Merve-Kollektiv mehr und mehr von der Öffentlichkeit ab: «Nach dem Deutschen Herbst zogen sich die Erben der Studentenbewegung aus dem sogenannten Diskussionszusammenhang zurück». Die verlockende Alternative war die Abschaffung von Hierarchie und Repräsentation: Es sollten Theorien propagiert werden, die nicht im Namen von anderen sprechen. So gelangte Peter Gente im Lauf der achtziger Jahre zur Einsicht, die Merve-Bücher in erster Linie für sich selber zu machen. Der vom Verlag vorangetriebene Theoriediskurs hat sich indes schon immer durch seine Distanzierung vom Common Sense, vom Denken für jedermann, definiert: «Denken, das den Status quo überschreiten wollte, musste – spätestens seit Adorno – schwierig sein».

Doch fortan sollte sich der Intellektuelle nicht mehr als Vordenker einer besseren Zukunft, sondern vielmehr als Geheimniskrämer, der dem öffentlichen Diskurs den Rücken kehrt, verstehen. Weg vom öffentlichen Diskurs, hin zum Kunstbetrieb, lautete die Devise. Felsch stellt sich in diesem Kontext die Frage, ob eine solche Entwicklung nicht zwangsläufig zur Herausbildung einer sektiererischen, möglichst geheimnisvoll gehaltenen Bewegung geführt haben musste: «In West-Berlin, der Hauptstadt des Posthistoire, wurde Theorie in den achtziger Jahren als Verrätselung gepflegt».

Die Antwort liefert der Autor gleich selbst, wenn er auf die vom Erziehungswissenschaftler Dietmar Kamper 1983 ins Leben gerufene Wilde Akademie überleitet: Eine Akademie ohne konkretes Programm, «eine Institution des coolen Zeitgeists», in der in opulenten Symposien sowohl Texte, Fotos oder Filme besprochen als auch reichlich gutes Essen und Getränke konsumiert wurden. Schauplatz: Das Luxushotel Kempinksi. Mit der Wilden Akademie, so Felsch, hielt der Hedonismus Einzug in den Theoriebetrieb. Eine Entwicklung, die sogleich auch Kritiker auf den Plan rief: Etwa den Germanisten Klaus Laermann, notabene ein Intimfeind von Kamper, der dessen Gründung der Wilden Akademie angesichts von mehr als zwei Millionen Arbeitslosen bei einer gleichzeitig abgesicherten Beamtenbesoldung als «peinlich» und «zynisch» diskreditierte, auch darum, weil er die Hauptaufgabe der Wilden Akadamie einzig in der blossen «Verbreitung höheren Blödsinns» ausmachte. «In einer Zeit, ‚in der die meisten Doktoranden nicht wissen, wie sie ihre Kohlen bezahlen sollen’, hielt er [Laermann] solche ‚Schicky-Micky-Tagungen» für ein Skandalon».

Ganz allgemein übt Laermann in einem 1986 publizierten Artikel in der Zeit mit dem Titel Lacancan und Derridada Kritik an einem selbstgefälligen Theoriediskurs, der jeden Anspruch, verstanden zu werden, als Zumutung abwehrt. Als «Frankolatrie» bezeichnet Laermann darin die vorbehaltlose, unkritische Anpassung an französische Theorien, die er im damaligen Wissenschaftsbetrieb der Bundesrepublik auszumachen glaubte: «Jedes Begreifen scheint ihnen [den Adepten der Frankolatrie] von Übel. Sie wittern darin den verfugenden Zugriff einer allgegenwärtigen Macht, der sie sich um keinen Preis aussetzen wollen». Als Bemühen, eigentlichen «Trivialitäten autoritativ Geltung zu verschaffen», als «Begriffsfetischismus» und «Wortgläubigkeit», als «Absturz von Marx zu Murks» – so beschreibt Laermann das Vorgehen dieser Frankolatrie, die insbesondere vom Überraschungseffekt lebt, «den die ostentative Beherrschung einer neuen Sprachform bei denen auslöst, die ihr zunächst einigermassen verständnislos gegenüberstehen».

Als besonders hervorstechendes Merkmal erkennt Laermann ein gesteigertes Bedürfnis nach Andersartigkeit, indem von den Diskursen der Alltags- und Wissenschaftssprache Abstand genommen wird – ein Motiv, ähnlich demjenigen, welches nach Felsch zur Herausbildung der «Wilden Akademie» und ihrer ganz eigenen Art und Weise des Theoriediskurses geführt hat. «Viele deutsche Modeschüler haben eine fatale Neigung, sich als Geheimnisträger ihrer Meister zu begreifen. […] Was sie dagegen zu Papier bringen, überbietet an Dunkelheit häufig jene Autoren, die sie nachahmen». Mehrdeutige Begriffe, der Hang zur Beliebigkeit, die Metaphorisierung von allem zu jedem: Allesamt Faktoren, die nach Laermann der Fähigkeit zur unverblümten Aussage, dem Blick auf die Realität, abträglich sind: «Wie langweilig aber ist dies Spiel mit der Mehrdeutigkeit, wenn in ihm kein Gedanke aufblitzt!» Ziel ist nicht mehr die Information, die argumentierende Überredung oder gar die emotionale Erschütterung des Lesers, sondern eine «geradezu frenetische Gegenstandsverflüchtigung». Was Laermann hier kritisiert, ist nicht die Theoriearbeit französischer Denker, sondern die Art und Weise, wie deren Theorien aufgenommen, diskutiert und neu aufbereitet werden: «Mit Poesie hat sie [die Sprache der Frankolatrie] nur so viel gemein, dass auch sie durchgängige Fiktionalisierung der Welt im Medium von Texten betreibt und nicht in erster Linie Informationen übermitteln oder gar eine Argumentation entfalten will.»

Im Anschluss an Laermann sei darum die Frage aufgeworfen, wie und in welcher Absicht in einem entsprechenden (universitären) Kontext Theorie betrieben wird: Allein um der Theorie willen? Um Theorie ästhetisch erlebbar zu machen? Oder doch, um zu neuen, mitunter öffentlich relevanten Erkenntnissen zu gelangen? Die Lektüre von Felschs Buch Der lange Sommer der Theorie jedenfalls vermag auf eindrückliche Art und Weise aufzuzeigen, wie sich scheinbar sekundäre Gegebenheiten – etwa die sich stetig wandelnden Intentionen der Verleger und die daraus folgenden Veränderungen im Verlagsprogramm, aber auch die Art und Weise des Buchvertriebs – auf den zu gegebener Zeit gerade vorherrschenden Theorie-Kanon sowie den daraus entstehenden theoretischen Diskurs auswirken: War dieser Diskurs beispielsweise vor dem Deutschen Herbst, in einer Zeit, als vorwiegend Marx rezipiert wurde, noch ein kritisch-gesellschaftstheoretischer, so wurde er im Anschluss an den RAF-Terror und die Einsicht in dessen Scheitern vorwiegend in der Kunstwelt heimisch, was schliesslich zu einer Symbiose von Theorie und Kunst führte. War dieser Diskurs vor dem Aufkommen des Taschenbuchs vornehmlich einer bürgerlichen Hochkultur vorbehalten, wurden nach der sogenannten «Taschenbuchrevolution» die Theorien von Adorno oder Hegel – zumindest als Artefakt – für jedermann zugänglich.

Was kommt als nächstes? Felsch schreibt von der «Herrschaft der gut abgesicherten Fallstudien». Ob allein solche Fallstudien zur von Laermann herbeigesehnten Rückkehr zur Wirklichkeit führen, ist eine andere Frage.


Literaturhinweis:

Felsch, Philipp (2015): Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte. 1960–1990. München: C.H. Beck.

Laermann, Klaus (1986): «Lacancan und Derridada». In: Zeit Online. URL: http://www.zeit.de/1986/23/lacancan-und-derridada