Kultur | 13.06.2016

Die Verantwortung einer Whistleblowerin

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von Gabriela Neeb
Das neue theatrale Game des Kollektivs "machina eX" besticht durch ein beklemmend reales Szenario. 
In den theatralen Games von machina eX agieren die Zuschauer als Mitspieler und können die einzelnen Handlungsschritte der Schauspieler aktiv beeinflussen.
Bild: Gabriela Neeb

«FEAR LESS LOVE» lautet das Motto der diesjährigen Ausgabe des Berner Theaterfestivals Auawirleben, ein Aufforderung zu Toleranz, gegenseitigem Respekt und der Verbreitung von einem Quantum Liebe im Alltag. Sei dies durch grosszügiges Verteilen von «free hugs» oder durch im Akkord veröffentlichte Tweets mit Bildern feliner Internetstars, die dem Empfänger ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Dabei sollte die augenfällige Abbildung der ballistischen Katze auf der Website des Festivalzentrums nicht über die Qualität der diesjährigen Programmpunkte hinwegtäuschen, denn auch hinter einer vordergründig zelebrierten Niedlichkeit kann eine ernste Botschaft versteckt sein. 13 Produktionen aus acht Ländern verarbeiteten auf manchmal heitere, manchmal nachdenkliche oder gar verstörende Weise aktuelle Themenzusammenhänge. Diese reichen von der Frage nach Sinn, Unsinn und Grenzen der Demokratie, über die Verantwortung einer Whistleblowerin bis hin zu tänzerischen Formen der Koexistenz von Arabern und Israeli.

Partizipatives Computerspiel-Theater

Mit im Programm ist auch das neue «theatrale Game» »Lessons of Leaking» des Berliner Kollektivs machina eX, welches für kongeniale Produktionen, die sich an der Schnittstelle von Computerspiel und Theaterpraxis bewegen, bekannt ist. Es handelt sich um partizipativ ausgerichtete Stücke, bei denen das Publikum in der Rolle von Mitspielern wie bei einem Point ‘n‘ Click Adventure Rätsel lösen, Aufgaben ausführen und damit den Verlauf der Handlung und sogar deren Ausgang beeinflussen kann. Je nach Format des Stücks agieren die Zuschauer oder Spieler entweder selbst als Protagonisten des «Games» oder sind in der Lage, die Aktionen bestimmter spielbarer Figuren zu steuern. Die zweite Möglichkeit ist, in »Lessons of Leaking» gegeben. Die Spieler unterstützen als Gruppe die Protagonistin Clara auf ihrer gefährlichen Mission, ohne selber die Rolle von Spielcharakteren zu übernehmen.

Ver- oder Enthüllung, das ist hier die Frage

Die Handlung des Spiels bewegt sich thematisch irgendwo zwischen Politthriller und Spionagefilm. Das Geschehen setzt im Jahr 2021 ein, wenige Tage vor einer gewichtigen Volksabstimmung, bei der die Bürger über den Verbleib von Deutschland in der EU entscheiden. Es ist eine in politischer Hinsicht zutiefst gespaltene Gesellschaft, in der sich zwar das generische Femininum durchgesetzt hat, die Bundeskanzlerin jedoch dem nationalkonservativen Lager angehört. Als Gegenspieler der Kanzlerin gilt der undurchsichtige European Protection Service, kurz EPS, der versucht, die Ergebnisse der anstehenden Wahl zugunsten der EU zu manipulieren. Unter mysteriösen Umständen gelangt die dauergestresste PR-Agentin Clara in den Besitz sensibler Daten, welche die Machenschaften des EPS offenlegen. Es liegt nun an den Spielern, über den Fortgang der Geschichte zu entscheiden: Ob sich Clara aus moralischen Gründen für oder aus taktischen Gründen gegen eine Veröffentlichung des Datenmaterials ausspricht, da diese zwangsweise einen erneuten Rechtsrutsch in der Regierung und einen noch grösseren Vertrauensverlust in die EU nach sich ziehen würde. Wofür sich die Spieler schlussendlich auch entscheiden, to leak or not to leak, das Ergebnis hinterlässt einen schalen Nachgeschmack im Mund.

Teamarbeit ist Trumpf

Das Game funktioniert am besten, wenn die Spieler im Team die aufgegebenen Rätsel lösen. Wobei es laut machina eX-Mitglied Mathias Prinz durchaus möglich sei, das Stück auch zu sabotieren, zum Beispiel durch Verstecken von Objekten, die für die Lösung eines Rätsels zentral wäre. Bisher habe jedoch noch kein Spieler versucht, die Grenzen des Games auszuloten. Der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben wird jeweils von Etappe zu Etappe höher. Erweist sich das Auffinden der Batterie für Claras Fernbedienung noch als vergleichsweise einfach, so entpuppt sich das hacken des Sicherheitssystems des EPS als eine nervliche Zerreissprobe, bei der die Spieler Informationen auf vier Computerbildschirmen gleichzeitig verarbeiten müssen.

Die Lust am Spiel

Das auch in technischer Hinsicht ausgeklügelte Bühnenbild trägt viel dazu bei, den Effekt der Illusion im Stück aufrecht zu erhalten. Für einmal ist Anfassen unbedingt erlaubt: Es darf dabei nach Herzenslust in den gestapelten Umzugskisten gewühlt, auf dem Sofa gefläzt, auf der Computertastatur herumgetippt und am Safe herumgedreht werden. Das mag Neueinsteiger, die mit dem Konzept von machina eX nicht vertraut sind, erst einige Überwindung kosten. Ebenso mag die körperliche Nähe der Schauspieler befremden, mit denen man als Mitspieler zwar denselben Bühnenraum teilt, jedoch nicht interagieren kann. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase wird jedoch klar: Die sind harmlos, die wollen nur spielen. Und die Zuschauer spielen mit.


Weitere Informationen und Einblicke unter folgenden links:

http://auawirleben.ch/de

http://machinaex.de/