Gesellschaft | 21.06.2016

Die ewige Rechtfertigung der Geisteswissenschaften

Text von Bänninger Julia | Bilder von David Bucheli
Aus dem Hörsaal: Was heisst es, «etwas» mit Medien zu machen? Und was machen die Medien mit uns? Kulturschaffende (nicht nur) aus Film, Funk und Fernsehen referierten dazu im vergangenen Semester an der Alten Universität in Basel. Jetzt ergreifen die Studierenden das Wort: Tink.ch präsentiert eine Auswahl von Essays, die im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung «Mit Medien Machen. Kulturwissenschaften im Praxistest» entstanden sind.
Ist es zielführend, in der universitären Lehre eine Ausgewogenheit zwischen Theorie und praktischer Anwendbarkeit anzustreben?
Bild: David Bucheli

Jedes Jahr ist es dasselbe. Einige frisch gebackene Maturandinnen und Maturanden müssen sich zu ihrem nächsten Schritt entschliessen: Gehe ich an die Uni? An eine Fachhochschule? Oder mache ich doch lieber eine Lehre? Die wenigsten entscheiden sich für Letzteres, die meisten für ein Studium an einer universitären Hochschule. So waren im Herbstsemester 2014/15 gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) fast 144‘000 Personen an den Schweizer Universitäten immatrikuliert, eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr (+1,3%). Zur selben Zeit waren an den Fachhochschulen und den Pädagogischen Hochschulen fast 90‘000 Personen eingeschrieben – 10‘000 mehr als drei Jahre zuvor.

Obwohl die Unis bei den Studierenden nach wie vor beliebt sind und ein hohes Prestige geniessen, gewinnen Fachhochschulen steigend an Sympathie. Das BfS beobachtet eine tendierende Hinwendung zur Fachhochschule: So prognostiziert es eine generelle Zunahme an Studierenden, allerdings fast doppelt so viele für die Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen als für die Universitäten. Gründe dafür sind vorstellbar: Fachhochschulen vermitteln nicht nur theoretisches Wissen, sondern praktische Kompetenzen, die greifbar und klar auf das Berufsleben ausgerichtet sind. Die Figur des Akademikers und Intellektuellen hat an Ansehen eingebüsst, gilt als elitär und realitätsfern.

Weltfremd und unpraktisch?

Hannes Klöpper, Redaktor des «Tagesspiegels», stellt eine intellektuelle Krise fest und fragt nach den Aufgaben der Hochschullehre: Wozu braucht es Universitäten, wenn Fachhochschulen und Berufsschulen bereits die ideale Mitte zwischen Theorie und Praxis gefunden haben? Die meisten Studiengänge bereiten nicht auf ein bestimmtes Berufsfeld vor, und praktische Erfahrungen (abgesehen von der Forschung) werden kaum gesammelt. So sind die meisten Studierenden später in Berufen tätig, die mit den Inhalten ihres Studiums nur wenig bis gar nichts zu tun haben. Dies trifft vor allem auf Studierende der Geisteswissenschaften zu – die «Denk- und Grübelfächer», wie sie Der Spiegel zynisch humorvoll umschreibt. Auch wenn die Geistes- und Sozialwissenschaften bei den Studierenden nach wie vor am beliebtesten sind, hat ihr Anteil seit 2000 leicht abgenommen, vor allem zugunsten der praxisnäheren Wirtschaftswissenschaften und Technischen Wissenschaften.

Zunehmend haben Geistes- und Sozialwissenschaften mit dem Vorurteil zu kämpfen, weltfremd und unpraktisch zu sein – «unpraktisch» im Sinne von übertheoretisiert und im Berufsalltag unbrauchbar. Ist es wirklich nötig, hundert Seiten über das Thema des Staunens in der modernen Französischen Literatur zu schreiben? Worin liegt der Sinn, alte Schriftstücke zu erforschen? Und spielt es wirklich eine Rolle, ob das «u» in Bern anders ausgesprochen wird als in Zürich? Es heisst, Geistes- und Sozialwissenschaften beschäftigten sich nur mit esoterischen und philosophischen Nebensächlichkeiten, die keinen direkten Nutzen bringen. Wozu die ganzen Theorien, das abstrakte Geschwätz, in einer Zeit, in der man handfeste Fakten und tatkräftige Problemlöser braucht?

Der deutsche Wissenschaftler Marcus Beiner bezeichnet in seinem Buch «Humanities» die Geisteswissenschaften als «Navigatorinnen durch die Welt der Kultur». Da sie sich mit allem beschäftigen, was der menschliche Geist hervorgebracht hat und noch hervorbringt, sieht er in ihnen das Potenzial einer Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts. Für die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum sind die Geisteswissenschaften eminent für die Formierung der Zivilgesellschaft. Sie warnt davor, dass in unserem System nur noch Nutzen und Profit im Vordergrund stehen, weshalb keine «ganzen Bürger» mehr ausgebildet würden, die über die «Fähigkeit des Fragens und Immer-wieder-Weiterfrangens» verfügten.

Genau darin liegt der Punkt: Geisteswissenschaften sind per Definition selbstkritisch und (meta)reflexiv – eine der wichtigsten Eigenschaften unserer Kulturgeschichte. Erst aus dem Denken über sich selbst heraus hat sich der moderne Mensch entwickelt. Ein Geisteswissenschaftler stellt Theorien auf, nur um sie im nächsten Nebensatz wieder zu relativieren. In keiner anderen Disziplin wird so viel hinterfragt, kritisiert und theoretisiert. Das hat auch seine Gründe: Keine andere Disziplin muss sich so oft und immer wieder aufs Neue für ihre Existenz rechtfertigen. Theorien sind die Basis jeder geisteswissenschaftlichen Forschung.

Ruf nach mehr Praxis

Diesbezüglich hatten es die Geistes- und Sozialwissenschaften in den 70er und 80er Jahren vermutlich leichter. Der deutsche Professor Philipp Felsch beschreibt in seinem kürzlich erschienenen Buch «Der lange Sommer der Theorie» die Geschichte der Theorie anhand ihres Gebrauchs. Während drei Jahrzehnten erlebten «theoretische Bleiwüsten» einen Aufschwung: Adorno, Foucault, Bettelheim und Barthes «gehörten in jede Manteltasche». Die Ästhetik der Poesie wurde plötzlich zweitrangig, das Genre der Theorie entfaltete sich zwischen der Apokalypse einer alten und der Entstehung einer neuen Buchkultur.

Diese theoretische Gegenbewegung erlebte ihren Höhepunkt in den 1975er Jahren, um dann langsam überzugleiten in eine Art des «material turns». Die Form rückte ins Zentrum des Interesses: Magazine experimentierten mit neuem Layout, Bildern und Collagen. Abstrakte Ideen wurden immer häufiger ins Materielle und Fassbare transferiert: Die Dinge wurden stärker.

Und wie sieht es heute aus? Nach wie vor ist die Theorie Bestandteil geisteswissenschaftlicher Forschung. Doch – um auf das Ursprungsthema zurückzukommen – an Universitäten wird der Ruf nach mehr Praxis immer lauter. Nicht umsonst werden Vorlesungen angeboten wie «Gender in der Gleichstellungspraxis» (Gender Studies), «Guillaume de Machaut: Hermeneutik und Aufführungspraxis» (Musikwissenschaft), « Archiv und Depot in zeitgenössischer Kunst- und Ausstellungspraxis» (Kunstgeschichte) und  «Kulturwissenschaften im Praxistest» (Medienwissenschaften).

So vermischen sich die Grenzen zwischen verschiedenen Hochschultypen immer mehr, und vielleicht ist es auch wirklich das, was es braucht, damit sich Theorie und Praxis annähern, damit Theorie wieder theoretisierte Praxis und Praxis die praktizierte Theorie wird. Im digitalen Zeitalter stellt sich ausserdem eine interessante Frage: Wo ist die Theorie in neuen Medien zu finden? Noch nie wurde so viel gelesen, so viel geschrieben wie im 21. Jahrhundert. Massenweise kursieren Geschichten, Kommentare und auch theoretische Abhandlungen im Internet, schweben in einem virtuellen Raum, unfassbar und doch global lesbar. Theorie ist allen zugänglich. Daraus resultiert, dass das geschriebene Wort kaum mehr Wert als eine mündliche Bemerkung besitzt, zu schnell und zu einfach ist es in die Welt gesetzt. Und an dieser Stelle sind es die Geisteswissenschaften, die mahnend den Zeigefinger heben und daran erinnern, alles Gelesene beziehungsweise Gehörte stets zu hinterfragen. Es ist ihre Aufgabe, das Misstrauen, dass sie über Jahrhunderte kennen und entwickelt haben, weiterzugeben und in den alltäglichen Gebrauch mit den Medien einfliessen zu lassen.


Literaturnachweis

Bundesamt für Statistik, Szenarien für das Bildungssystem – Analysen.

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/08/dos/blank/15/07.html [17.10.2015].

Felsch, Philipp: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990, München 2015.

Hinrichs, Per: «Geisteswissenschaften: Die Dickbrettbohrer», in: Spiegel Online (Unispiegel), 03.07.2007.

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/geisteswissenschaften-die-dickbrettbohrer-a-483979.html [17.10.2015].

Klöpper, Hannes: «Ein gutes Studium prägt ein Weltbild», in: Der Tagesspiegel, 24.01.2013.

http://www.tagesspiegel.de/wissen/was-die-moderne-uni-ausmacht-ein-gutes-studium-praegt-ein-weltbild/7677670.html [17.10.2015].

Roeck, Bernd: «Fragen und Weiterfragen», in: Neue Zürcher Zeitung, 23.04.2011.

http://www.nzz.ch/fragen-und-weiterfragen-1.10353293 [17.10.2015].