Gesellschaft | 02.06.2016

BITNIK Calling!

Text von Mercedesz Barcsai | Bilder von David Bucheli
Aus dem Hörsaal: Was heisst es, «etwas» mit Medien zu machen? Und was machen die Medien mit uns? Kulturschaffende (nicht nur) aus Film, Funk und Fernsehen referierten dazu im vergangenen Semester an der Alten Universität in Basel. Jetzt ergreifen die Studierenden das Wort: Tink.ch präsentiert eine Auswahl von Essays, die im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung «Mit Medien Machen. Kulturwissenschaften im Praxistest» entstanden sind.
KünstlerInnen spielen mit den Überlappungen aus realem und virtuellem als auch künsterlischem Raum.
Bild: David Bucheli

Seit den 1960er Jahren verstehen sich wichtige Positionen und Bewegungen der Kunst als «politisch» und «kritisch» gegenüber Kunstinstitutionen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Dazu zählen auch viele KünstlerInnen, die mit avancierten Technologien arbeiten. Gleichzeitig differenzierte sich das System Kunst weiter aus. Politische Inhalte stehen heute einer erfolgreichen Karriere nicht mehr im Wege, ganz im Gegenteil, sie sind immer öfter Teil einer strategischen Positionierung auf dem Markt. Wie kam es dazu, und was kann Kritik als Kunstpraxis heute noch bedeuten?

Die !Mediengruppe Bitnik ist eine Kunstgruppe aus vier Personen. Seit zehn Jahren befassen sie sich sehr stark mit dem Netz. Sie sehen nicht Malerei oder Bilder, sondern das Internet als ihrer Medium. Dabei rückt Überwachung schnell in den Interessenfokus.

Sie interessiert sich in ihren Arbeiten für mediatisierte Wirklichkeiten, die durch die Verschränkung von online und offline Netzwerken entstehen. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Themen die sich mit der Digitalisierung zahlreicher Lebensbereiche stellen: so etwa Privatsphäre und Öffentlichkeit, Informationsfreiheit oder Urheberrecht. Den Kern der Arbeiten bilden Interventionen in digitale und urbane Räume und Kommunikationswege, die stets als Experimente mit offenem Ausgang angelegt sind. Sie finden in der Regel ausserhalb der Kunsträume und im Internet statt, sind jedoch meist verbunden mit installativen Ausstellungen, die die Aktionen in Echtzeit begleiten oder durch narrative Verdichtung des gesammelten Materials nachträglich dokumentieren.

Sie nennen das Internet als «künstlerische Heimat» und versuchen seit zehn Jahren die digitale Räume thematisieren. Sie nehmen ein System persönlich und bringen es dazu, in ihrem Sinne zu funktionieren. Sie wollen ein System stören, um zu sehen, was passiert. Kontrollverlust ist ein sehr wichtiger Moment bei ihnen. Zum Beispiel hat der «Random Darknet Shopper» etwa völlig autark funktioniert. Sie hatten keine Kontrolle darüber, was aus dem Darknet in den Ausstellungsraum transportiert wird. Und das Paket für Julian Assange wurde ins Postsystem eingespeist. Sie konnten nur noch zuschauen, was damit geschieht. Ihre Arbeiten lösen keine Umschichtung herrschender Systeme aus. Sie öffnen allenfalls temporäre Handlungsräume. Sie zeigen auf, dass diese scheinbar starren Systeme, die uns umgeben, mitgestaltet werden können. Die heutige Kontrollgesellschaft sagt uns, dass es nur noch eine Version gibt. Dagegen wehren sie sich. Jede Technologie birgt unterschiedliche Potenziale.

Viele ihren Arbeiten setzen stark auf einen Livemoment, das ist spannend für die Zuschauer. Als ihrer Paket für Julian Assange unterwegs war, hat es über Stunden nur schwarze Bilder gesendet. Dennoch haben Tausende Leute zugeschaut. Das Potenzial einer solchen Situation ist riesig, es kann jeden Moment praktisch alles passieren. Wird das Paket vom Geheimdienst abgefangen und zerstört? Blickt Assange gleich grinsend in die Kamera? Diesen Moment wollen sie rauskitzeln. Eine solche Situation generiert eine Hyperrealität, in der plötzlich mehr möglich ist als sonst. Es ist eine Situation, die aus dem Alltag ragt. Das finden die Leute interessant. Sie schaffen Situationen, die eine Diskussion über Themen erlauben. Bei ihnen ist das Scheitern eine von vielen Möglichkeiten. Ein Aktivist will das Scheitern möglichst ausmerzen.

Die Themen der digitalen Gesellschaft, wie Urheberrecht, Privatsphäre, Illegalität und Widerstand, sind in ihrem Werk eingeschrieben – the Medium ist the Message. Ein ähnlich großes Aufsehen erregte die Gruppe im Januar 2013 mit ihrer Kunstaktion «Delivery for Mr. Assange». Wikileaks-Gründer Julian Assange, einer der bestbewachten Männer der Welt, erhielt von der Mediengruppe ein Päckchen in die ekuadorianische Botschaft in London zugestellt. In dem Paket dokumentierte eine Kamera den Postweg durch ein Loch in der Verpackung und übertrug die Bilder in Echtzeit ins Internet. Tatsächlich kam die Sendung sogar an und wurde damit zu Live Mail Art und Systemtest in einem. Und London als Ziel bot sich mit seiner höchsten Dichte an CCTV-Kameras im öffentlichen Raum als Spielwiese geradezu an. Zuvor hatte das Künstlerduo in ihrer Arbeit «Surveillance Chess» im Überwachungsraum interveniert, indem sie den Feed einer Überwachungskamera mit einer Aufforderung zum Schachspiel ersetzten. Die Überwacher wurden zu Akteuren in ihrem eigenen Spiel, es verkehrten sich die Rollen.

Bei einem anderen Projekt kreiert die !Mediengruppe Bitnik einen Einkaufsroboter, der wöchentlich im Darknet – jener nur über den Browser Tor zugänglichen Netzunterwelt – nach dem Zufallsprinzip im Wert von 100 US-Dollar einkauft. Die gekauften Artikel ließen sie in die Kunsthalle St. Gallen schicken und stellten sie dort in seriell an der Wand montierten Schaukästen aus. So kaufte die Software unter anderem MDMA-Pillen, gefälschte Jeans und den Scan eines ungarischen Passes – geliefert frei Haus. Der Erwerb von Ecstasy führte wenige Tage vor dem offiziellen Ausstellungsende zu deren polizeilich forcierter Schließung. Also doch: Störung, Kollision der Systeme. Obwohl das Darknet von Bitnik als rechtsfreier Raum eingeführt wird, der ansatzweise an die euphorischen Anfänge des Internets erinnert, bleibt die vorgeführte Tätigkeit der ernüchternde Akt simplen Konsumierens. Das digitale Kunstwerk erforscht und dokumentiert mehrere Aspekte: die Automatisierung unserer Arbeitswelt durch Computerprogramme, das Angebot und Schaffen von Vertrauen in illegale Märkte im Internet sowie das Darknet als überwachungsfreier Raum im Negativen wie im Positiven. Bitnik rekontextualisieren Vertrautes, um eine Neubewertung etablierter Strukturen und Mechanismen zu ermöglichen. Hacking ist dabei eine ihrer zentralen künstlerischen Strategien.

Die spannendsten Arbeiten heute sind die, bei denen mittels interventionistischer Eingriffe unmittelbar «Realität geschieht», bei denen manipulative Vorgänge ans Licht geholt oder auswertbare Handlungen verdunkelt werden. Kurzum, bei denen der reibungslose Ablauf «gestört» wird. Grundsätzlich sind künstlerische Projekte, die das Data Mining nachverfolgen oder stören, noch rar, hier würde man sich für die Zukunft mehr Engagement wünschen. Während sich die NetzkünstlerInnen vor zehn Jahren auf den virtuellen Raum konzentrierten und sich kaum auf herkömmliche Kunstdiskurse bezogen, spielen heutige KünstlerInnen nicht nur mit den Überlappungen von Realraum, virtuellem Raum und Kunstraum, sondern setzen auch auf die Ebene der Symbolpolitik.