Gesellschaft | 26.05.2016

Zu hohe Qualifikationsansprüche oder zu niedrige Bildung?

Text von Cyrill Pürro | Bilder von Cyrill Pürro
Wie sieht die Zukunft eines jugendlichen Lehrabbrechers aus? Tink.ch trifft den 17-jährigen Christian aus dem Kanton Solothurn, der im letzten Herbst seine Lehre als Kaufmann bei der SBB abbrach. Seitdem besucht er die Feusi in Bern. «In der 9. Klasse, da fingen die Probleme bereits an», sagt er im Interview.
Ist der Schulstoff an unseren Schulen noch vereinbar mit den zukünftigen Arbeitsinhalten?
Bild: Cyrill Pürro

Tink.ch trifft den 17-jährigen, im Kanton Solothurn lebenden Christian (Name geändert, Anmerkung der Redaktion) bei sich zu Hause, im gemütlichen Fernsehzimmer. Für sein Alter ist Christian relativ klein und er hat braune Haare, welche er vorne zu einer lässigen Frisur aufstellt. In seiner Freizeit unternimmt er viel mit seinen Freunden und singt mit Leidenschaft bei den Solothurner Singknaben. Ausserdem ist er seit letztem Jahr bei einer Guggenmusik als Schlagzeuger mit dabei.

Christian brach vergangenen Herbst seine Lehre als Kaufmann ab, die er er bei der SBB im Kanton Bern absolvierte. Entschieden hatte er sich für diesen Beruf, da es für Christian eine gute Grundausbildung und einen guten Start in das Berufsleben darstellte. Ausserdem tätigt er seine Arbeiten lieber im Büro, als beispielsweise auf dem Bau oder an anderen Orten. Jedoch wusste er teilweise auch nicht genau, welchen Beruf er erlernen wollte und betrachtete den Beruf des Kaufmanns als Lösung auf seine Frage. Tatsächlich brach laut SRF im Jahre 2014 jeder zehnte Jugendliche seine Ausbildung ab. Doch weshalb ist das so?

Die ersten Gründe für Christians Abbruch

«In der 9. Klasse, da fingen die Probleme eigentlich schon an», erklärt Christian. Genervt teilt er mir mit, dass der Schulstoff an seiner zuletzt besuchten Schule nicht unbedingt der Beste ist. Die Schülerinnen und Schüler besuchen während vier Stunden in der Woche die sogenannten Lernateliers. Diese dienen dazu, noch nicht erlernten Unterrichtsstoff zu repetieren oder zukünftige Fähigkeiten für ihr Berufsleben zu fördern und zu vertiefen. «In diesem Lernatelier habe ich vielleicht die ersten paar Male wirklich mitgearbeitet», erklärt Christian bedauernd. Er ist nicht der Einzige. Auch andere in seinem Alter, welche jetzt im ersten Lehrjahr sind, sagen, dass man in diesen Lernateliers nicht wirklich viel dazu lernte und deswegen auch ihre Motivation stetig sank.

Christian erklärt, dass seiner Meinung nach auch im Deutschunterricht der 9. Klasse viele wichtige Dinge ausgelassen würden. Statt mehr Grammatik zu lernen, was für seine Lehre besonders wichtig wäre, musste die Klasse ständig Bücher lesen, die er als nicht sehr lehrreich empfand. «Klar ist es gut, ab und zu mal ein Buch näher zu behandeln. Trotzdem sollte man so etwas Wichtiges wie die deutsche Grammatik nicht vernachlässigen», erläutert Christian seine Einschätzung. Ausserdem arbeiteten die Schüler an insgesamt drei Schulprojekten, welche auch sehr wichtig für das Abschlusszeugnis waren und zu der Deutschnote zählten. «Projektarbeiten sind ja an sich eine gute Sache, aber ich finde, es waren viel zu viele.» Christian hätte in der meisten Zeit, welche für die Projektarbeiten genutzt wurden, lieber Unterrichtsstoff durchgenommen, der ihm später in der Lehre geholfen hätte.

Demotivation in der Lehre

In den ersten zwei Monaten der Berufslehre konnte sich Christian kaum motivieren. Er lernte zwar immer mehr Arbeitsabläufe im Betrieb kennen, was aber seinem Antrieb nicht unbedingt auf die Sprünge half. Die Demotivation im Betrieb weitete sich danach auf das Lernen für die Berufsschule aus. Mit nüchterner Stimme erzählt er mir, dass er mit der Zeit entweder gar nicht mehr lernte oder nur noch knapp den zu lernenden Stoff durchsah.

Er beschloss, weiterhin in die Nachhilfe zu gehen und zu versuchen, den fehlenden Stoff auf irgendeine Art und Weise nachzuholen. Doch die Motivation, sich wieder ein wenig mehr an die Sache zu setzen, konnte alleine nicht reichen. Durch sein braunes Haar streifend, erklärt Christian, dass er nach und nach immer mehr mit Leuten im Büro arbeitete, die nicht in seinem Arbeitsteam waren, was ihm ebenfalls nicht sehr weiterhalf. Denn diese beschäftigten sich nicht mit den gleichen Arbeiten wie er und konnten ihm aus dem Grund inhaltlich nicht weiterhelfen. Somit verschlimmerte sich die gesamte Situation für ihn. Meistens gab Christians Lehrmeister ihm über eine Woche gewisse Aufträge und Anweisungen, doch wer war da aus seinem Team, wenn er wichtige Fragen hatte oder einfach nicht mehr weiterkam?

Die Aufgaben wurden Christian vielmals auch nicht richtig erklärt. «Es hiess quasi für mich: Jaja, komm, mach mal!», sagt er halb belustigt und halb ernst. Es gab sogar Tage, da hatte Christian überhaupt keine Ahnung, was er nun tun sollte. Er war ohne sein Team im Büro, verstand die Arbeitschritte mangels Erklärung nicht und konnte niemanden um Hilfe oder Unterstützung bitten.

Der zweite, bessere Weg

Seine Leistungen wurden derart schlecht, dass sein Lehrmeister ihn dann bei einem Gespräch vor die Wahl stellte. Entweder Christian verbessere sich schleunigst oder er besuche für ein Jahr lang die Feusi. Nach langem Überlegen entschied sich Christian für den zweiten, wahrscheinlich besseren Weg. «Ich war nie unbedingt einer, der sehr viel lernte. Deshalb wollte ich es nicht riskieren, meine Lehre so weiterzuführen», erklärt er bestimmt. Nun hat sich Christian ein wichtiges Ziel gesetzt. «Von nun an werde ich alles anders machen», sagt er ernst und entschlossen. Er will ab jetzt versuchen, sich mehr an die Sache ranzusetzen und, vor allen Dingen, mehr zu lernen. In welchem Beruf er nach der Feusi tätig sein möchte und wo, weiss er noch nicht. Er hofft auf einen neuen Anfang und dass er seine nächste Lehre ohne Hindernisse abschliessen kann.