Gesellschaft | 10.05.2016

Warum studieren? Gedanken über den Beruf Student.

Text von Madeleine Kohler | Bilder von David Bucheli
Aus dem Hörsaal: Was heisst es, «etwas» mit Medien zu machen? Und was machen die Medien mit uns? Kulturschaffende (nicht nur) aus Film, Funk und Fernsehen referierten dazu im vergangenen Semester an der Alten Universität in Basel. Jetzt ergreifen die Studierenden das Wort: Tink.ch präsentiert eine Auswahl von Essays, die im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung «Mit Medien Machen. Kulturwissenschaften im Praxistest» entstanden sind.
Warum eigentlich studieren?
Bild: David Bucheli

«Sich zu bilden, ist tatsächlich etwas ganz anderes, als ausgebildet zu werden. Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.«

Prof. Dr. Peter Bieri: Wie wäre es, gebildet zu sein? Festrede an der PH Bern, 04.11.2005

Montag Abend, 18:15 Uhr, Alte Universität. Es ist schon fast dunkel und der Rhein schimmert noch im untergehenden Sonnenlicht. Nathalie Wappler, Leiterin der Abteilung für Kultur beim SRF, hält an diesem Abend einen Vortrag über – ja über was eigentlich? Über den SRF ganz bestimmt, über ihr Schaffen, ihre Abteilung und ihre Aufgaben. Doch sie erzählt noch mehr. Sie spricht über ihren Werdegang, ihr Studium und wie sie über verschiedene Umwege zum SRF und zu ihrer jetzigen Position gekommen ist. Nathalie Wappler studierte Geschichte, Politik, Germanistik und Kunstgeschichte. Heute ist sie Leiterin der Abteilung Kultur beim SRF und moderiert unter anderem die Sendung Sternstunde Philosophie.

Ihr heutiger Beruf hat fachlich kaum mehr etwas mit ihrem Studium zu tun. Das, was sie heute mache, erzählt Wappler, habe sie nicht an der Universität gelernt. Im Gegenteil, ihr fachliches Wissen aus dem Studium ist in dem Alltag, den sie heute bewältigen muss, kaum mehr relevant. Aber sie hat in ihrem Studium gelernt, Sachen gut zu machen. Gute Dramaturgien zu entwickeln, sei es von einem Theaterstück oder von dem neuen Sendeprogramm auf SRF Kultur.

An dieser Stelle frage ich mich: Was entscheidet über unsere Berufswahl? Was beeinflusst uns? Und was nützt mir mein Studium später in meinem Berufsleben?

Ist es denn egal, was wir studieren?

Wir studieren Vollzeit, erledigen den Haushalt, pflegen soziale Kontakte, bezahlen unsere Rechnungen, arbeiten in der Bar unten am Fluss, treiben Sport, gehen feiern, lernen, essen, schlafen, lesen. Immer und immer wieder. Tag für Tag, Woche für Woche und Semester für Semester. Was bleibt am Schluss? Auf was arbeiten wir hin? Auf den Abschluss, ein Zeugnis? Etwas Großes wie Lebenserfahrung? Oder doch nur auf das «Pass« der nächsten Prüfung.

Wir kochen, gehen einkaufen, essen Essen, das nicht so wie bei Mama schmeckt. Nicht einmal ansatzweise. Wir lernen, wie man Lasagne macht und wann der Müll rausgestellt werden muss. Wir waschen unsere Wäsche und vergessen sie im Waschraum. Verpassen den Waschtag und schleppen sie (mal wieder) zum Nachbarn. Vielleicht auch nicht. Vielleicht wohnen wir auch in einem Hochhausblock mit sechzig Klingelschildern, von denen wir keines einem Gesicht zuordnen können. Wir telefonieren mittwochs mit unseren Eltern, sagen, dass alles gut ist. Ist denn alles gut? Manchmal können wir das selbst nicht so genau sagen. Wir denken es jedenfalls. Dann kommt die Nebenkostenabrechnung. Dann ist alles nur noch halb so gut. Aber das ist ok, auch das schaffen wir. Warum auch nicht? Es gehört eben dazu, sagt man. Wir drehen uns im Kreis, wissen oft nicht mehr, um was es eigentlich geht. Dann fällt es uns wieder ein: Gute Sachen produzieren.

Etwas gut machen, darum geht es, meine ich. Überlegen, was man für «gut« erachtet, was es für einen selbst bedeutet, gut zu sein. Sich anstrengen und im Karussell der Gesellschaft überleben. Auf eigenen Beinen stehen. Sich selbst versorgen. Sehen, wo man bleibt und versuchen, sich stetig zu verbessern. Werden, wie Bieri schreibt. Streben nach Besserem, nach Erfüllenderem suchen. Dinge erreichen. Erfolge verzeichnen und Rückschläge meistern. Mit dem Leben klarkommen. In der Gesellschaft überleben, sich eingliedern heisst es oft. Menschen kennen lernen, lieben lernen, verlieren lernen. Kontakte pflegen, Kontakte abbrechen, Enttäuschungen einstecken und wegstecken. Neues dazulernen. Besser werden.

Wir lernen zu lernen, zu lesen, zu studieren. Studieren kann man lernen. Studieren fühlt sich an wie Freiheit, sagt man, liest man. Und doch ist es manchmal wie ein riesiger Käfig. Ein Hamsterrad, ein großes Laufband mit Emporen, Treppen, Bergen, Hügeln und schlussendlich einer Zielgeraden.

Wir gehen in Vorlesungen, wie unzählige andere auch. Denken alle sind besser, alle haben mehr Ahnung. Alle anderen, nur man selbst nicht. Wir gehen unter, lernen zu schwimmen. Schwimmen im Strom der Intellektuellen. Oder solchen, die es noch werden wollen. Wir lernen Prüfungen zu schreiben. Nichts im Vergleich zu unserer Matura. Wir lernen zu lesen, richtig zu lesen, viel zu lesen. Woche für Woche. Wir lernen Prioritäten zu setzen, sie zu verwerfen, faul zu sein, Lücken im System zu suchen. Irgendwann lernen wir, wie es ist, gut zu sein, unserem eigenen Massstab von «gut« gerecht zu werden. Gutes zu produzieren, gut zu denken und Gutes zu schreiben, zu sagen. Wir lernen neue Prioritäten zu setzen, uns wirklich zu interessieren und auf einmal alles mit anderen Augen zu sehen. Vielleicht auch nicht. Aber vielleicht eben auch doch. Vielleicht verändern wir uns während unseres Studiums, werden besser, größer, lernen neue Dinge und lernen, mit ihnen umzugehen. Wachsen an uns selbst.

Wir freuen uns, sind traurig, lustig, feierwütig. Wir sind wütend, frustriert, enttäuscht. Über uns selbst, über andere. Manchmal sind wir übermütig, manchmal kraftlos. Wir raffen uns auf, klopfen den Staub ab, streichen unser T-Shirt glatt und treten hinaus, mit einem Lächeln im Gesicht.
Wir empören uns, finden Sachen wunderbar und andere ganz fürchterlich. Am nächsten Tag ist es umgekehrt. Wir ändern unsere Meinung, verwerfen Überzeugungen und stellen neue Regeln auf. Wir bilden unsere Meinung.

Wie wichtig ist da noch unser Studiengang? Ist es nicht viel wichtiger was das Studium mit uns macht? Aus uns macht? Wie wir uns verändern und wo wir dann schlussendlich stehen? Aber eigentlich stehen wir nie. Es ist ein stetiges Vorwärtsgehen, manchmal kriechen, manchmal aber auch rennen. Wir bilden uns selbst aus, mit allem was uns umgibt und mit jedem Berg den wir überschreiten, werden wir um eine Idee schlauer. Können uns besser zurechtfinden, bilden unsere Meinung.

Es ist vielleicht wirklich egal, was wir studieren, damit muss man auch erst einmal klar kommen. Solange wir gute Sachen machen. Uns gut machen. Wir sind alle ungeschliffen und vermutlich auch nie fertig geschliffen.
Wir schreiben Bewerbungen, vielleicht ohne großen Antrieb. Die Masse und doch wieder die grosse Nicht-Masse an Jobs, die auf unser Profil passt, schreckt uns ab. Wir machen Urlaub, arbeiten im Pizza-Lieferdienst, verdienen Geld und reisen nach Thailand. Überlegen, wie es jetzt weiter geht. Treffen neue Leute, neue Gesichter, neue Meinungen. Tauschen uns aus und sammeln neue Inspiration. Helfen im örtlichen Hasenverein aus, betreuen nachmittags Kinder nach der Schule oder machen ein Praktikum bei einer Zeitung. Wie wir es uns auch unterm Sonnenschirm ausmalen – es kommt anders. Und das ist gut. Solange wir alles versuchen gut zu machen. Gutes zu produzieren, gut zu denken und gut mit neuen Situationen umzugehen.

Womöglich denken wir irgendwann an unser Studium zurück und schmunzeln. Schmunzeln über unser jüngeres Ich, naiv und doch so voller neuer Ideen. Sehen uns dann im Spiegel, zweifeln. Zweifeln an unseren Plänen, denken wir haben uns verloren, unsere Meinungen verworfen und das studentische, verrückte und verträumte Ich enttäuscht. Aber stimmt das? Wir sind hoffentlich gewachsen, haben uns verändert und uns neuen Situationen gestellt. Das Leben ist nicht so berechenbar, wie wir es manchmal gerne hätten. Wir sind gut, immer noch und immer wieder. Wir strengen uns noch immer an, Gutes zu machen und zu denken. Und das gelingt uns, manchmal mehr, manchmal weniger. Das Studium ist auch nicht berechenbar. Wir wissen nicht, was es mit uns macht und was wir später davon brauchen werden. Auch das ist gut.

Wir studieren, um uns zu bilden, Interessen zu bilden und Meinungen zu bilden, zu vertreten und zu verwerfen. Dafür ist meiner Meinung nach das Studium da. Vielleicht ist es nicht wichtig, was wir studieren, aber es ist wichtig, dass wir studieren.