Gesellschaft | 19.05.2016

Die Reportage: Rettungsring der Printmedien?

Text von Bänninger Julia | Bilder von David Bucheli
Aus dem Hörsaal: Was heisst es, «etwas» mit Medien zu machen? Und was machen die Medien mit uns? Kulturschaffende (nicht nur) aus Film, Funk und Fernsehen referierten dazu im vergangenen Semester an der Alten Universität in Basel. Jetzt ergreifen die Studierenden das Wort: Tink.ch präsentiert eine Auswahl von Essays, die im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung «Mit Medien Machen. Kulturwissenschaften im Praxistest» entstanden sind.
Was spricht für die Reportage als journalistische Form?
Bild: David Bucheli

Sie gilt als die stilistisch freieste Form der Berichterstattung: Die Reportage – Königsdisziplin des Journalismus. Noch immer herrscht das romantische Bild des «rasenden Reporters», der aus der Redaktion hinaus zu Schauplätzen geht, um die Erlebnisse in einen spannenden Bericht zu verflechten, geprägt von seinem persönlichen Stil. Reporter sind Journalisten und Autoren zugleich. In Zeiten, in denen Zeitungen immer mehr von der Informationsflut des Internets verdrängt werden und abfallende Leserzahlen beklagen, scheint das Genre der Reportage einen neuen Aufschwung zu erleben. Doch viel wichtiger ist zunächst die Frage: Was ist eine Reportage überhaupt?

Obwohl sich Wikipedia nur bedingt als wissenschaftliche Quelle eignet, scheint es in diesem Fall sinnvoll, einen Blick auf die dortige Definition einer Reportage zu werfen. Schliesslich bildet die freie Enzyklopädie den allgemeinen Konsens besser ab, als ein wissenschaftliches Nischenwerk. So heisst es auf Wikipedia, es sei dem Reporter – im Gegensatz zum Verfasser von Nachrichten – erlaubt, Fakten durch eigene Eindrücke zu ergänzen. Allerdings solle er erzählen, ohne zu werten, zu kommentieren oder wegzulassen. Hier stossen wir auf einen Widerspruch, der bezeichnend für den schwammigen Begriff der Reportage ist: Wie kann ich meine eigenen Eindrücke wiedergeben, ohne wertend zu sein? Jedes gewählte Wort, jedes um- und be-schreibende Adjektiv ist eine Selektion des Schreibers und beinhaltet – wenn auch nur subtil – eine persönliche Wertung.

Je neutraler ein Bericht, desto weniger persönlich, desto weniger eine Reportage. Etwas differenzierter äussert sich dazu Medienwissenschaftlerin Jana Gerlach: «Die Reportage ist sowohl subjektiver Erlebnisbericht als auch nachrichtlicher Ereignisbericht. […] Der Reporter ist Augenzeuge der Handlung und hat diese sogar intensiv recherchiert. Die Reportage hat auch in dieser Hinsicht die gleiche allgemeine Vermittlungsfunktion wie andere Genres.» Das heisst, eine Reportage soll anhand persönlicher Erlebnisse exemplarisch einen grösseren Zusammenhang aufzeigen. Je nach Subgenre (Sozialreportage, Geschichtsreportage, literarische Reportage, usw.) variiert auch die Subjektivität.

Stichwort «Kino im Kopf»

Eine Reportage hat zudem die Funktion, einen Ausschnitt der Wirklichkeit aus der Sicht des Schreibers an die Leser zu vermitteln. «Einmal das volle Leben bitte», heisst denn auch das Motto der «Spiegel TV Reportage»-Serie. Im Bereich von Film und Fotografie ist das Genre genauso beliebt wie in den Printmedien. Doch in einem sind die schreibenden Reporter den visuellen Medien voraus: Sie sind in der Lage, mit literarischen Mitteln hautnah und detailreich zu umschreiben, können gar in die Köpfe der Protagonisten leuchten. Eine gute Reportage zieht die Leser in die Geschichte hinein. Sie sollen sich in die Situation hineinversetzen – Stichwort «Kino im Kopf».

Dabei bildet eine Reportage die Wirklichkeit genauso wenig ab wie eine Fotografie. Dennoch ist die Glaubwürdigkeit gegenüber Printmedien, Fernsehen und Radio nach wie vor gross. Die Leute tendieren zur Annahme, dass das, was in einer Zeitung steht, tatsächlich in der Wirklichkeit so ist. Dies ist jedoch ein grosser Irrtum: Genauso wie die Autoren ihre Wörter wählen, muss auch eine Zeitung gradieren, selektionieren und die Texte nach ihrer Wichtigkeit ordnen. Diese Ordnung gibt es aber nirgends in der Wirklichkeit, weshalb jedes Medium – ob Zeitung, Radio oder Fernsehen – in grösster Weise fiktiv ist.

Reportagen haben ein besonders prekäres Verhältnis zur Realität, da sie ähnlich einer Pressefotografie eine vermeintliche Wirklichkeit suggerieren, während es sich nur um einen Ausschnitt derjenigen handelt. Für den Journalisten und Schriftsteller Thomas Steinfeld sind Reportagen einer der Wege, mit denen sich Printmedien aus der derzeitigen Misere retten könnten. «Zeitungen müssen ihren Charakter ändern», findet er. Eine schädliche Strategie sei der Versuch, visuelle Medien nachzubilden. Einzigartigkeit sei gefragt – in Form von Hintergrundberichten, Dossiers und eben Reportagen.

Das Reportage-Genre, wie wir es heute kennen, gibt es noch nicht lange. Im England des 18. Jahrhunderts berichteten Journalisten als Augenzeugen über die politischen Vorkommnisse und Entscheidungen an Parlamentssitzungen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs aufgrund gesellschaftlicher Probleme in den USA das Interesse an Sozialreportagen: Die Reporter waren Augenzeugen, die im Dienste der Aufklärung Bericht erstatteten. Die Beispiele sind jedoch nur Vorstufen der heutigen Form der Reportage. Deren eigentliche Entwicklung erfolgte erst ab dem Zweiten Weltkrieg, und zwar infolge von Medienkonkurrenz: Wer die besten – oder besser: die sensationellsten – Berichte publizieren konnte, hatte die Leser für sich.

Ihren Charakter der Zeugenschaft hat die heutige Reportage behalten. Steinfeld spricht von einer «Unzulänglichkeit», denn eine Zeugenaussage beruht nicht auf Fakten und kann immer durch eine Gegenaussage ausgehebelt werden, ähnlich wie in einem Gerichtssaal. Gemäss Steinfeld sei eine Reportage eine «Inzenierung der Unzulänglichkeit» und werde zum Problem, wenn ihm das intellektuelle Gegenüber fehle. Was heisst das?

Zwei verschiedene Welten

Wer Geisteswissenschaften studiert, lernt schnell, dass es nach dem Studium drei Möglichkeiten gibt: Forschung, Lehre oder etwas ganz anderes. Wer sich für Letzteres entscheidet, muss mit Praktika und unter- beziehungsweise unbezahlter Arbeit Erfahrungen sammeln, um sich auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar zu machen. Das zeigt, wie abgeschottet die akademische von der restlichen Welt ist – Steinfeld spricht von einer Kaste oder einem Priesterwesen.

Die andere «Kaste» ist diejenige der Feuilletons, die immer grössere Mühe zeigen, auch unkonventionelle, unpopuläre Themen zu behandeln. «Wenn man richtig gut ist in einem Feuilleton, dann ist das Feuilleton die Instanz, in der die Gesellschaft über sich selbst nachdenkt. Und auch die Instanz, in der sich die Gesellschaft eine Form gibt», erklärte Steinfeld in einem Fernsehinterview. Damit sich die zwei Welten wieder überschneiden, müssen beide einen Schritt aufeinander zugehen: Die Geisteswissenschaften müssen lernen, sich Laien gegenüber verständlich auszudrücken und die Feuilletons müssen den Mut haben, komplexere und schwierigere Themen aufzunehmen.

Damit wären wir bei der perfekten Reportage: Ein unzulänglicher Augenzeugenbericht, der auf einer fundiert recherchierten Hintergrundanalyse beruht. Dadurch, dass sie so hautnah erzählen, sind Reportagen ansteckend, spannend und gern gelesen. Doch das ist nicht ausreichend, denn zur guten, kritischen Reportage gehört auch Hintergrundwissen. Und ein Wissen darüber, wie und worüber reflektiert werden soll. Letzteres können die Geisteswissenschaften beitragen: Sie können aufdecken, welche Fragen, welche Phänomene wichtig sind oder erst wichtig sein werden.


Literaturnachweis:

Haller, Michael: Die Reportage. ein Handbuch für Journalisten, München/Basel 1987.

Gerlach, Jana: Die Reportage in der deutschen Tageszeitung zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Eine Untersuchung des Genres in seinem journalistischen Umfeld, Diplomarbeit Hochschule Bremen, 2003.

Was vom Tage bleibt. Dr. Thomas Steinfeld: Was bedeutet Feuilleton?, in: Das webTV der dctp, http://www.dctp.tv/filme/thomas-steinfeld-was-vom-tage-bleibt/ [25.11.15]