Gesellschaft | 30.05.2016

Die Fleisch gewordenen Internet-Trolls

Text von Basil Koller | Bilder von Basil Koller
Der Austausch zwischen Medien und dem Publikum ist wichtig in einer Zeit, da das Vertrauen in den Journalismus durchgerüttelt wird. Doch wie kann dieser Austausch stattfinden?
Markus Somm im Gespräch mit einem Zuhörer.
Bild: Basil Koller

Neulich an einer Podiumsdiskussion in Basel: Der Veranstalter, die «Offene Kirche Elisabethen», versuchte ihrem Namen gerecht zu werden und richtete dem Publikum gleich mehrere Möglichkeiten ein, sich in die Diskussion einzubringen. Es stritten die Chefredakteure von BaZ, BZ und TagesWoche über den Journalismus von Morgen (Tink.ch berichtete).

Das war im Ansatz innovativ, scheiterte jedoch an den Beiträgen aus dem Publikum, die sich zwischen persönlichem Abrechnungsversuch und Verschwörungstheorie bewegten. Es fühlte sich an, als ob die Veranstaltung von zu Fleisch gewordenen, berühmt-berüchtigten «Internet-Trolls» gekapert wurde. Normalerweise kann man diese nur im virtuellen Raum erleben. Doch pötzlich standen sie da, wahrhaftig und mit einem Mikrofon in der Hand. Laut und energisch waren ihre Wortmeldungen, hartnäckig ebenfalls. Aber ihnen fehlte genau das, was von einem qualitativ hochwertigen Journalismus gefordert wird: eine fundierte Sachkenntnis, eine moderate Sprache, ein Gespür für den Moment.

Nun ist klar, dass nicht jeder Podiumsteilnehmer zum Medienmacher berufen ist. Doch in einer Zeit, in der ohne grossen Aufwand ein Kommentar publiziert werden oder ein eigener Blog betrieben werden kann, wird die Trennung zwischen Medienschaffenden und Rezipierenden möglicherweise wieder an Gewichtung gewinnen. Denn wie soll der Journalismus zur Glaubwürdigkeit zurückfinden, wenn er vermischt wird mit Beiträgen, die nicht ansatzweise dem Standard journalistischer Arbeit genügen? In der Elisabethenkirche ist genau das passiert, und die Podiumsdiskussion konnte ihren Erwartungen leider nicht gerecht werden. Es war zu viel des Guten gewesen, zu viel Mitsprachemöglichkeit, zu wenig Steuerung.

Es bleibt eine delikate Gratwanderung. Denn es ist unabdingbar, dass sich die Medienszene mit ihrer Wahrnehmung direkt auseinander setzt. So kann möglicherweise der stetige Niedergang der Leserzahlen – der zumindest bei den meisten Blättern weiter voranschreitet – gestoppt und umgekehrt werden. Die Redaktionen müssen sich die Frage stellen, warum immer weniger Menschen bereit sind, für Informationen zu bezahlen. Und sie müssen diese Frage eben genau den Menschen stellen, die sich allmählich von den etablierten Kanälen abwenden.

Aber diese Auseinandersetzung darf nicht dazu führen, dass Journalismus zu einer beliebig austauschbaren Ware wird, die ohne tiefer gehende Kompetenzen produziert werden kann. Wenn sich jede Internetseite «Newsportal» nennen, jede Internetaktivistin zu einer «Aufklärerin» werden kann, dann führt das nicht zu einem grösseren Vertrauen, sondern zu einer Erosion desselben. Bürgerjournalismus ist nicht die Antwort auf die Probleme, vielmehr bewirkt dieser eine Verschärfung der Situation. Doch das haben viele Verlagshäuser noch nicht begriffen und erhoffen sich durch die Mitwirkung der Leser eine höhere Bindung der Kunden an das Medium. Die letzten zehn Jahre haben gezeigt, dass diese Annahme falsch war – mit fatalen Folgen.