Gesellschaft | 25.05.2016

Dialektik des Unzugänglichen

Text von Julia Ochsenbein | Bilder von David Bucheli
Aus dem Hörsaal: Was heisst es, «etwas» mit Medien zu machen? Und was machen die Medien mit uns? Kulturschaffende (nicht nur) aus Film, Funk und Fernsehen referierten dazu im vergangenen Semester an der Alten Universität in Basel. Jetzt ergreifen die Studierenden das Wort: Tink.ch präsentiert eine Auswahl von Essays, die im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung «Mit Medien Machen. Kulturwissenschaften im Praxistest» entstanden sind.
Wie hebt man sich heute bei all der Konkurrenz mit dem eigenen schriftstellerischen Beitrag von der Masse ab?
Bild: David Bucheli

Für Schriftsteller/-innen, ob sie online oder in Printausgaben oder in beiden Feldern publizieren, ist es seit den eReadern, seit Amazon und seit dem Self Publishing schwer geworden, einen nennenswerten Absatzmarkt für ihre Schriftstücke zu finden. Mit der Zunahme von frei zugänglichen Texten und Tiefstpreisen wie auf Amazon sehen sich Autor/-innen unter Druck gesetzt, ihre Werke immer günstiger anzubieten.

Eine Rolle spielt auch die schiere Flut von immer neuen Veröffentlichungen, die inflationäre, weil sehr billige Druckproduktion und zugleich das kostenlos nutzbare Internetpublishing und Blogging, sowie die Möglichkeit des Laienschriftstellertums. Mit dem flächendeckenden Erfolg belletristischer Laienromane lässt sich ein anspruchsvoller Text kaum noch unter die Leute bringen. Rezeptionskreise, welche noch Erwartungen an einen Text haben und sich, wie es Sibylle Berg ausdrückt, ein bisschen anstrengen wollen, sind vergleichsweise immer gleich gross geblieben und «literaturschreibende Menschen [streiten sich] um die paar Leser».

Der eigentliche Erfolg eines Textes ist nicht in dessen Inhalt selbst zu suchen. Potentielle Lesende müssen mit öffentlichen Auftritten im Radio, Fernsehen oder auf Podiumsdiskussionen gewonnen und der Bezug des Textes zum/zur Urhebenden hergestellt werden. Ähnlich verhält es sich mit den CDs oder Audiofiles von Musiker/-innen. Ihre Aufmerksamkeit erhalten die publizierten Tonträger nicht dank ihres blossen Erscheinens, sondern über die Performative.

Der oder die Künstler/-in verdient das Geld nicht mit dem eigentlichen Handwerk, sondern mit Konzerten und Auftritten, um neue Alben oder Singles zu promoten. So verhält es sich zufolge einer Beobachtung von Frau Passig in ihrem Vortrag. Die Konkurrenz unter Kunst- und Kulturschaffenden ist gross und so muss das Werk etwas von der Persönlichkeit des/der Erschaffenden eingehaucht bekommen, um sich besonders hervorzutun. Das Publikum möchte auf den Geschmack eines neuen Romans oder Albums gebracht werden und ein Kunst- oder Schriftstück einer menschlichen Person zuordnen können. Dadurch erscheint es einem selbst näher.

Den Bezug zur eigenen Lebenswelt vermittelt der Auftritt einer Persönlichkeit, die sagt: «Ich bin da» und «ich versuche etwas». Der Versuch besteht nämlich darin, das Eigene, das Werk zu vermitteln und die persönliche Idee, welche dahinter steht, mitzuliefern. Im Konkurrenzkampf unter so vielen Hervorbringenden auf dem Musikmarkt und im Schriftstellertum strebt ein jeder danach, dem Schaffen einen «eigenen Stempel aufzudrücken» und es zu «prägen», um so selbst sichtbar zu werden.

In der Schreibwelt ist es mitunter nicht einfach, Reportagen oder Literatur mittels Performative zu bewerben. Hier hilft der literarische Selbstkommentar, der aber zugleich die Bekenntnis ist: «Ich bin nicht ganz zuverlässig.» Dies ist es, was Thomas Steinfeld die «Dialektik des Unzulänglichen» nennt. Die Sichtbarwerdung des Selbst in den Medien muss an einem gewissen Punkt scheitern, denn der/die Schaffende ist dahingehend unzulänglich, weshalb Erklärungsversuche überhaupt nötig werden. In Reportagen ist der Fall besonders interessant: Hier trifft man mitunter auf einen Forschungsgegenstand, der zugleich Literaturgegenstand ist. Nicht nur in der Literatur, auch in der Wissenschaft kann es persönlich wichtig werden, die wissenschaftliche Arbeit zu individualisieren, zum Beispiel indem man Sonderdrucke herausgibt oder Widmungen verfasst. Dies ist auch ein performativer Akt. Das Allgemeine wird zum Persönlichen, zum eigenen Forschungsgegenstand.

Für die moderne Zeit ist dies etwas Besonderes, dass die Wissenschaft «psychosoziale Elemente» enthält und Erkenntnisse mit den Forschenden selbst gleichgesetzt werden. Ob es sich nun um die Kenntlichmachung der eigenen Persönlichkeit in der Performative oder in der Individualisierung literarischer oder wissenschaftlicher Gegenstände handelt, man ist versucht, diese Akte für abgeschlossen zu halten. Es gerät leicht in Vergessenheit, dass es sich dabei um einzelne, persönliche Versuche handelt. Ein Versuch kann glücken oder aber ins Scheitern geraten. Hieran macht sich letztendlich die Unzulänglichkeit des/der Einzelnen fest. Erklärungsversuche sind oftmals nicht hinreichend, um zum Wesen der Dinge vorzudringen.

Die Unzulänglichkeit äussert sich manchmal auch schon in der Erstellung des Kunst- oder Schriftwerks selbst, bevor die Erklärungsarbeit überhaupt begonnen hat. Sibylle Berg sagt es so: »[F]ast alle einschliesslich ich denken, es müsse doch noch ein bisschen mehr gehen, wobei ich dann gar nicht genau sagen könnte, was eigentlich. […] gar nicht Erfolg oder so was Waberndes, sondern ich möchte eigentlich noch mehr… machen.» Es ist interessant, zu beobachten, wie der Handlungsspielraum nach oben unbegrenzt scheint, dass immer noch etwas mehr möglich wäre und wie die eigene Unzulänglichkeit erlebt wird als das Stagnieren im Akt, denn es könnte immer noch etwas mehr hineinpassen.

Was hält uns denn davon ab, noch mehr zu tun oder das zu tun, was wir gerade noch nicht tun? Und weshalb ist das wünschenswert? Frau Berg meint: «Man will nicht verschwinden. Man will in dem, was man tut, sich eine Unsterblichkeit erwirtschaften. Man weiss natürlich, dass sie absurd ist, aber je mehr ich tue, desto mehr bleibe ich.» Im Einzelnen mag ein Scheitern fatal sein, doch mit dem Ausmass der Projekte ist die eigene Sichtbarwerdung wirkungsvoller.

Was ist nun eben das Hindernis, das einen von noch grösserem Engagement abhält, selbst wenn es nicht an Motivation mangelt? Vielleicht ist es lediglich der Umstand, dass das laufende Projekt so viel Zeit in Anspruch nimmt und weil die Pausen zwischen den Arbeitsschritten nötig sind, selbst wenn sie wie Vakanzen erscheinen, in die noch irgendwas mehr reinpasst. Es ist schwer zu fassen, dieses Mehr. Nicht nur scheitert das Mehr an der Unzulänglichkeit des Menschen, sondern ist auch in sich unzugänglich. Das Mehr ist das, was sich nicht denken lässt, was unfassbar und unerreichbar ist.

Es liegt entweder im bekannten Bereich selbst und macht sich bemerkbar als ein diffuses Irgendwas, windet sich, spielt mit dem Ehrgeiz des/der Schaffenden oder kommt daher als etwas Neues, Unbekanntes. So wie es sich der kognitiven Fassbarkeit entzieht, weckt es den schwer zu artikulierenden Wunsch, dort nach etwas zu suchen und sich unzugängliche Gebiete zu erschliessen. Wie viel davon in der Realität umsetzbar sein wird, ist der Versuch, an den sich die Schaffenden heranwagen. Dies ist es, was ich die Dialektik der Unzugänglichkeit nenne.


Literaturverweise

«Bauerfeind assistiert… Sibylle Berg», 3sat Sendung vom 14.11.2015. Mit Katrin Bauerfeind. Online unter http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=55235.

Berg, Sibylle,  In: «Sibylle Berg: Das Interview. Folge 1: Auf der Sommerterrasse». Mit Wolfgang Tischer (literaturcafe.de). 18.09.2012. Eine Produktion des Hanser Verlags. Auf Youtube unter https://www.youtube.com/watch?v=yzFrxf9cfaM , Min 3.50.

Passig, Kathrin, «Schreibprozess läuft, bitte warten…». Vortrag Universität Basel, 09.11.2015.

Steinfeld, Thomas, «Durchschlagen. Über den Erfolg, die Öffentlichkeit und die Not, einen vernünftigen Gedanken nicht nur zu fassen, sondern auch zu publizieren». Vortrag Universität Basel, 16.11.2015.