Die Fleisch gewordenen Internet-Trolls

Neulich an einer Podiumsdiskussion in Basel: Der Veranstalter, die «Offene Kirche Elisabethen», versuchte ihrem Namen gerecht zu werden und richtete dem Publikum gleich mehrere Möglichkeiten ein, sich in die Diskussion einzubringen. Es stritten die Chefredakteure von BaZ, BZ und TagesWoche über den Journalismus von Morgen (Tink.ch berichtete).

Das war im Ansatz innovativ, scheiterte jedoch an den Beiträgen aus dem Publikum, die sich zwischen persönlichem Abrechnungsversuch und Verschwörungstheorie bewegten. Es fühlte sich an, als ob die Veranstaltung von zu Fleisch gewordenen, berühmt-berüchtigten «Internet-Trolls» gekapert wurde. Normalerweise kann man diese nur im virtuellen Raum erleben. Doch pötzlich standen sie da, wahrhaftig und mit einem Mikrofon in der Hand. Laut und energisch waren ihre Wortmeldungen, hartnäckig ebenfalls. Aber ihnen fehlte genau das, was von einem qualitativ hochwertigen Journalismus gefordert wird: eine fundierte Sachkenntnis, eine moderate Sprache, ein Gespür für den Moment.

Nun ist klar, dass nicht jeder Podiumsteilnehmer zum Medienmacher berufen ist. Doch in einer Zeit, in der ohne grossen Aufwand ein Kommentar publiziert werden oder ein eigener Blog betrieben werden kann, wird die Trennung zwischen Medienschaffenden und Rezipierenden möglicherweise wieder an Gewichtung gewinnen. Denn wie soll der Journalismus zur Glaubwürdigkeit zurückfinden, wenn er vermischt wird mit Beiträgen, die nicht ansatzweise dem Standard journalistischer Arbeit genügen? In der Elisabethenkirche ist genau das passiert, und die Podiumsdiskussion konnte ihren Erwartungen leider nicht gerecht werden. Es war zu viel des Guten gewesen, zu viel Mitsprachemöglichkeit, zu wenig Steuerung.

Es bleibt eine delikate Gratwanderung. Denn es ist unabdingbar, dass sich die Medienszene mit ihrer Wahrnehmung direkt auseinander setzt. So kann möglicherweise der stetige Niedergang der Leserzahlen – der zumindest bei den meisten Blättern weiter voranschreitet – gestoppt und umgekehrt werden. Die Redaktionen müssen sich die Frage stellen, warum immer weniger Menschen bereit sind, für Informationen zu bezahlen. Und sie müssen diese Frage eben genau den Menschen stellen, die sich allmählich von den etablierten Kanälen abwenden.

Aber diese Auseinandersetzung darf nicht dazu führen, dass Journalismus zu einer beliebig austauschbaren Ware wird, die ohne tiefer gehende Kompetenzen produziert werden kann. Wenn sich jede Internetseite «Newsportal» nennen, jede Internetaktivistin zu einer «Aufklärerin» werden kann, dann führt das nicht zu einem grösseren Vertrauen, sondern zu einer Erosion desselben. Bürgerjournalismus ist nicht die Antwort auf die Probleme, vielmehr bewirkt dieser eine Verschärfung der Situation. Doch das haben viele Verlagshäuser noch nicht begriffen und erhoffen sich durch die Mitwirkung der Leser eine höhere Bindung der Kunden an das Medium. Die letzten zehn Jahre haben gezeigt, dass diese Annahme falsch war – mit fatalen Folgen.

Zu hohe Qualifikationsansprüche oder zu niedrige Bildung?

Tink.ch trifft den 17-jährigen, im Kanton Solothurn lebenden Christian (Name geändert, Anmerkung der Redaktion) bei sich zu Hause, im gemütlichen Fernsehzimmer. Für sein Alter ist Christian relativ klein und er hat braune Haare, welche er vorne zu einer lässigen Frisur aufstellt. In seiner Freizeit unternimmt er viel mit seinen Freunden und singt mit Leidenschaft bei den Solothurner Singknaben. Ausserdem ist er seit letztem Jahr bei einer Guggenmusik als Schlagzeuger mit dabei.

Christian brach vergangenen Herbst seine Lehre als Kaufmann ab, die er er bei der SBB im Kanton Bern absolvierte. Entschieden hatte er sich für diesen Beruf, da es für Christian eine gute Grundausbildung und einen guten Start in das Berufsleben darstellte. Ausserdem tätigt er seine Arbeiten lieber im Büro, als beispielsweise auf dem Bau oder an anderen Orten. Jedoch wusste er teilweise auch nicht genau, welchen Beruf er erlernen wollte und betrachtete den Beruf des Kaufmanns als Lösung auf seine Frage. Tatsächlich brach laut SRF im Jahre 2014 jeder zehnte Jugendliche seine Ausbildung ab. Doch weshalb ist das so?

Die ersten Gründe für Christians Abbruch

«In der 9. Klasse, da fingen die Probleme eigentlich schon an», erklärt Christian. Genervt teilt er mir mit, dass der Schulstoff an seiner zuletzt besuchten Schule nicht unbedingt der Beste ist. Die Schülerinnen und Schüler besuchen während vier Stunden in der Woche die sogenannten Lernateliers. Diese dienen dazu, noch nicht erlernten Unterrichtsstoff zu repetieren oder zukünftige Fähigkeiten für ihr Berufsleben zu fördern und zu vertiefen. «In diesem Lernatelier habe ich vielleicht die ersten paar Male wirklich mitgearbeitet», erklärt Christian bedauernd. Er ist nicht der Einzige. Auch andere in seinem Alter, welche jetzt im ersten Lehrjahr sind, sagen, dass man in diesen Lernateliers nicht wirklich viel dazu lernte und deswegen auch ihre Motivation stetig sank.

Christian erklärt, dass seiner Meinung nach auch im Deutschunterricht der 9. Klasse viele wichtige Dinge ausgelassen würden. Statt mehr Grammatik zu lernen, was für seine Lehre besonders wichtig wäre, musste die Klasse ständig Bücher lesen, die er als nicht sehr lehrreich empfand. «Klar ist es gut, ab und zu mal ein Buch näher zu behandeln. Trotzdem sollte man so etwas Wichtiges wie die deutsche Grammatik nicht vernachlässigen», erläutert Christian seine Einschätzung. Ausserdem arbeiteten die Schüler an insgesamt drei Schulprojekten, welche auch sehr wichtig für das Abschlusszeugnis waren und zu der Deutschnote zählten. «Projektarbeiten sind ja an sich eine gute Sache, aber ich finde, es waren viel zu viele.» Christian hätte in der meisten Zeit, welche für die Projektarbeiten genutzt wurden, lieber Unterrichtsstoff durchgenommen, der ihm später in der Lehre geholfen hätte.

Demotivation in der Lehre

In den ersten zwei Monaten der Berufslehre konnte sich Christian kaum motivieren. Er lernte zwar immer mehr Arbeitsabläufe im Betrieb kennen, was aber seinem Antrieb nicht unbedingt auf die Sprünge half. Die Demotivation im Betrieb weitete sich danach auf das Lernen für die Berufsschule aus. Mit nüchterner Stimme erzählt er mir, dass er mit der Zeit entweder gar nicht mehr lernte oder nur noch knapp den zu lernenden Stoff durchsah.

Er beschloss, weiterhin in die Nachhilfe zu gehen und zu versuchen, den fehlenden Stoff auf irgendeine Art und Weise nachzuholen. Doch die Motivation, sich wieder ein wenig mehr an die Sache zu setzen, konnte alleine nicht reichen. Durch sein braunes Haar streifend, erklärt Christian, dass er nach und nach immer mehr mit Leuten im Büro arbeitete, die nicht in seinem Arbeitsteam waren, was ihm ebenfalls nicht sehr weiterhalf. Denn diese beschäftigten sich nicht mit den gleichen Arbeiten wie er und konnten ihm aus dem Grund inhaltlich nicht weiterhelfen. Somit verschlimmerte sich die gesamte Situation für ihn. Meistens gab Christians Lehrmeister ihm über eine Woche gewisse Aufträge und Anweisungen, doch wer war da aus seinem Team, wenn er wichtige Fragen hatte oder einfach nicht mehr weiterkam?

Die Aufgaben wurden Christian vielmals auch nicht richtig erklärt. «Es hiess quasi für mich: Jaja, komm, mach mal!», sagt er halb belustigt und halb ernst. Es gab sogar Tage, da hatte Christian überhaupt keine Ahnung, was er nun tun sollte. Er war ohne sein Team im Büro, verstand die Arbeitschritte mangels Erklärung nicht und konnte niemanden um Hilfe oder Unterstützung bitten.

Der zweite, bessere Weg

Seine Leistungen wurden derart schlecht, dass sein Lehrmeister ihn dann bei einem Gespräch vor die Wahl stellte. Entweder Christian verbessere sich schleunigst oder er besuche für ein Jahr lang die Feusi. Nach langem Überlegen entschied sich Christian für den zweiten, wahrscheinlich besseren Weg. «Ich war nie unbedingt einer, der sehr viel lernte. Deshalb wollte ich es nicht riskieren, meine Lehre so weiterzuführen», erklärt er bestimmt. Nun hat sich Christian ein wichtiges Ziel gesetzt. «Von nun an werde ich alles anders machen», sagt er ernst und entschlossen. Er will ab jetzt versuchen, sich mehr an die Sache ranzusetzen und, vor allen Dingen, mehr zu lernen. In welchem Beruf er nach der Feusi tätig sein möchte und wo, weiss er noch nicht. Er hofft auf einen neuen Anfang und dass er seine nächste Lehre ohne Hindernisse abschliessen kann.

Dialektik des Unzugänglichen

Für Schriftsteller/-innen, ob sie online oder in Printausgaben oder in beiden Feldern publizieren, ist es seit den eReadern, seit Amazon und seit dem Self Publishing schwer geworden, einen nennenswerten Absatzmarkt für ihre Schriftstücke zu finden. Mit der Zunahme von frei zugänglichen Texten und Tiefstpreisen wie auf Amazon sehen sich Autor/-innen unter Druck gesetzt, ihre Werke immer günstiger anzubieten.

Eine Rolle spielt auch die schiere Flut von immer neuen Veröffentlichungen, die inflationäre, weil sehr billige Druckproduktion und zugleich das kostenlos nutzbare Internetpublishing und Blogging, sowie die Möglichkeit des Laienschriftstellertums. Mit dem flächendeckenden Erfolg belletristischer Laienromane lässt sich ein anspruchsvoller Text kaum noch unter die Leute bringen. Rezeptionskreise, welche noch Erwartungen an einen Text haben und sich, wie es Sibylle Berg ausdrückt, ein bisschen anstrengen wollen, sind vergleichsweise immer gleich gross geblieben und «literaturschreibende Menschen [streiten sich] um die paar Leser».

Der eigentliche Erfolg eines Textes ist nicht in dessen Inhalt selbst zu suchen. Potentielle Lesende müssen mit öffentlichen Auftritten im Radio, Fernsehen oder auf Podiumsdiskussionen gewonnen und der Bezug des Textes zum/zur Urhebenden hergestellt werden. Ähnlich verhält es sich mit den CDs oder Audiofiles von Musiker/-innen. Ihre Aufmerksamkeit erhalten die publizierten Tonträger nicht dank ihres blossen Erscheinens, sondern über die Performative.

Der oder die Künstler/-in verdient das Geld nicht mit dem eigentlichen Handwerk, sondern mit Konzerten und Auftritten, um neue Alben oder Singles zu promoten. So verhält es sich zufolge einer Beobachtung von Frau Passig in ihrem Vortrag. Die Konkurrenz unter Kunst- und Kulturschaffenden ist gross und so muss das Werk etwas von der Persönlichkeit des/der Erschaffenden eingehaucht bekommen, um sich besonders hervorzutun. Das Publikum möchte auf den Geschmack eines neuen Romans oder Albums gebracht werden und ein Kunst- oder Schriftstück einer menschlichen Person zuordnen können. Dadurch erscheint es einem selbst näher.

Den Bezug zur eigenen Lebenswelt vermittelt der Auftritt einer Persönlichkeit, die sagt: «Ich bin da» und «ich versuche etwas». Der Versuch besteht nämlich darin, das Eigene, das Werk zu vermitteln und die persönliche Idee, welche dahinter steht, mitzuliefern. Im Konkurrenzkampf unter so vielen Hervorbringenden auf dem Musikmarkt und im Schriftstellertum strebt ein jeder danach, dem Schaffen einen «eigenen Stempel aufzudrücken» und es zu «prägen», um so selbst sichtbar zu werden.

In der Schreibwelt ist es mitunter nicht einfach, Reportagen oder Literatur mittels Performative zu bewerben. Hier hilft der literarische Selbstkommentar, der aber zugleich die Bekenntnis ist: «Ich bin nicht ganz zuverlässig.» Dies ist es, was Thomas Steinfeld die «Dialektik des Unzulänglichen» nennt. Die Sichtbarwerdung des Selbst in den Medien muss an einem gewissen Punkt scheitern, denn der/die Schaffende ist dahingehend unzulänglich, weshalb Erklärungsversuche überhaupt nötig werden. In Reportagen ist der Fall besonders interessant: Hier trifft man mitunter auf einen Forschungsgegenstand, der zugleich Literaturgegenstand ist. Nicht nur in der Literatur, auch in der Wissenschaft kann es persönlich wichtig werden, die wissenschaftliche Arbeit zu individualisieren, zum Beispiel indem man Sonderdrucke herausgibt oder Widmungen verfasst. Dies ist auch ein performativer Akt. Das Allgemeine wird zum Persönlichen, zum eigenen Forschungsgegenstand.

Für die moderne Zeit ist dies etwas Besonderes, dass die Wissenschaft «psychosoziale Elemente» enthält und Erkenntnisse mit den Forschenden selbst gleichgesetzt werden. Ob es sich nun um die Kenntlichmachung der eigenen Persönlichkeit in der Performative oder in der Individualisierung literarischer oder wissenschaftlicher Gegenstände handelt, man ist versucht, diese Akte für abgeschlossen zu halten. Es gerät leicht in Vergessenheit, dass es sich dabei um einzelne, persönliche Versuche handelt. Ein Versuch kann glücken oder aber ins Scheitern geraten. Hieran macht sich letztendlich die Unzulänglichkeit des/der Einzelnen fest. Erklärungsversuche sind oftmals nicht hinreichend, um zum Wesen der Dinge vorzudringen.

Die Unzulänglichkeit äussert sich manchmal auch schon in der Erstellung des Kunst- oder Schriftwerks selbst, bevor die Erklärungsarbeit überhaupt begonnen hat. Sibylle Berg sagt es so: »[F]ast alle einschliesslich ich denken, es müsse doch noch ein bisschen mehr gehen, wobei ich dann gar nicht genau sagen könnte, was eigentlich. […] gar nicht Erfolg oder so was Waberndes, sondern ich möchte eigentlich noch mehr… machen.» Es ist interessant, zu beobachten, wie der Handlungsspielraum nach oben unbegrenzt scheint, dass immer noch etwas mehr möglich wäre und wie die eigene Unzulänglichkeit erlebt wird als das Stagnieren im Akt, denn es könnte immer noch etwas mehr hineinpassen.

Was hält uns denn davon ab, noch mehr zu tun oder das zu tun, was wir gerade noch nicht tun? Und weshalb ist das wünschenswert? Frau Berg meint: «Man will nicht verschwinden. Man will in dem, was man tut, sich eine Unsterblichkeit erwirtschaften. Man weiss natürlich, dass sie absurd ist, aber je mehr ich tue, desto mehr bleibe ich.» Im Einzelnen mag ein Scheitern fatal sein, doch mit dem Ausmass der Projekte ist die eigene Sichtbarwerdung wirkungsvoller.

Was ist nun eben das Hindernis, das einen von noch grösserem Engagement abhält, selbst wenn es nicht an Motivation mangelt? Vielleicht ist es lediglich der Umstand, dass das laufende Projekt so viel Zeit in Anspruch nimmt und weil die Pausen zwischen den Arbeitsschritten nötig sind, selbst wenn sie wie Vakanzen erscheinen, in die noch irgendwas mehr reinpasst. Es ist schwer zu fassen, dieses Mehr. Nicht nur scheitert das Mehr an der Unzulänglichkeit des Menschen, sondern ist auch in sich unzugänglich. Das Mehr ist das, was sich nicht denken lässt, was unfassbar und unerreichbar ist.

Es liegt entweder im bekannten Bereich selbst und macht sich bemerkbar als ein diffuses Irgendwas, windet sich, spielt mit dem Ehrgeiz des/der Schaffenden oder kommt daher als etwas Neues, Unbekanntes. So wie es sich der kognitiven Fassbarkeit entzieht, weckt es den schwer zu artikulierenden Wunsch, dort nach etwas zu suchen und sich unzugängliche Gebiete zu erschliessen. Wie viel davon in der Realität umsetzbar sein wird, ist der Versuch, an den sich die Schaffenden heranwagen. Dies ist es, was ich die Dialektik der Unzugänglichkeit nenne.


Literaturverweise

«Bauerfeind assistiert… Sibylle Berg», 3sat Sendung vom 14.11.2015. Mit Katrin Bauerfeind. Online unter http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=55235.

Berg, Sibylle,  In: «Sibylle Berg: Das Interview. Folge 1: Auf der Sommerterrasse». Mit Wolfgang Tischer (literaturcafe.de). 18.09.2012. Eine Produktion des Hanser Verlags. Auf Youtube unter https://www.youtube.com/watch?v=yzFrxf9cfaM , Min 3.50.

Passig, Kathrin, «Schreibprozess läuft, bitte warten…». Vortrag Universität Basel, 09.11.2015.

Steinfeld, Thomas, «Durchschlagen. Über den Erfolg, die Öffentlichkeit und die Not, einen vernünftigen Gedanken nicht nur zu fassen, sondern auch zu publizieren». Vortrag Universität Basel, 16.11.2015.

Die Reportage: Rettungsring der Printmedien?

Sie gilt als die stilistisch freieste Form der Berichterstattung: Die Reportage – Königsdisziplin des Journalismus. Noch immer herrscht das romantische Bild des «rasenden Reporters», der aus der Redaktion hinaus zu Schauplätzen geht, um die Erlebnisse in einen spannenden Bericht zu verflechten, geprägt von seinem persönlichen Stil. Reporter sind Journalisten und Autoren zugleich. In Zeiten, in denen Zeitungen immer mehr von der Informationsflut des Internets verdrängt werden und abfallende Leserzahlen beklagen, scheint das Genre der Reportage einen neuen Aufschwung zu erleben. Doch viel wichtiger ist zunächst die Frage: Was ist eine Reportage überhaupt?

Obwohl sich Wikipedia nur bedingt als wissenschaftliche Quelle eignet, scheint es in diesem Fall sinnvoll, einen Blick auf die dortige Definition einer Reportage zu werfen. Schliesslich bildet die freie Enzyklopädie den allgemeinen Konsens besser ab, als ein wissenschaftliches Nischenwerk. So heisst es auf Wikipedia, es sei dem Reporter – im Gegensatz zum Verfasser von Nachrichten – erlaubt, Fakten durch eigene Eindrücke zu ergänzen. Allerdings solle er erzählen, ohne zu werten, zu kommentieren oder wegzulassen. Hier stossen wir auf einen Widerspruch, der bezeichnend für den schwammigen Begriff der Reportage ist: Wie kann ich meine eigenen Eindrücke wiedergeben, ohne wertend zu sein? Jedes gewählte Wort, jedes um- und be-schreibende Adjektiv ist eine Selektion des Schreibers und beinhaltet – wenn auch nur subtil – eine persönliche Wertung.

Je neutraler ein Bericht, desto weniger persönlich, desto weniger eine Reportage. Etwas differenzierter äussert sich dazu Medienwissenschaftlerin Jana Gerlach: «Die Reportage ist sowohl subjektiver Erlebnisbericht als auch nachrichtlicher Ereignisbericht. […] Der Reporter ist Augenzeuge der Handlung und hat diese sogar intensiv recherchiert. Die Reportage hat auch in dieser Hinsicht die gleiche allgemeine Vermittlungsfunktion wie andere Genres.» Das heisst, eine Reportage soll anhand persönlicher Erlebnisse exemplarisch einen grösseren Zusammenhang aufzeigen. Je nach Subgenre (Sozialreportage, Geschichtsreportage, literarische Reportage, usw.) variiert auch die Subjektivität.

Stichwort «Kino im Kopf»

Eine Reportage hat zudem die Funktion, einen Ausschnitt der Wirklichkeit aus der Sicht des Schreibers an die Leser zu vermitteln. «Einmal das volle Leben bitte», heisst denn auch das Motto der «Spiegel TV Reportage»-Serie. Im Bereich von Film und Fotografie ist das Genre genauso beliebt wie in den Printmedien. Doch in einem sind die schreibenden Reporter den visuellen Medien voraus: Sie sind in der Lage, mit literarischen Mitteln hautnah und detailreich zu umschreiben, können gar in die Köpfe der Protagonisten leuchten. Eine gute Reportage zieht die Leser in die Geschichte hinein. Sie sollen sich in die Situation hineinversetzen – Stichwort «Kino im Kopf».

Dabei bildet eine Reportage die Wirklichkeit genauso wenig ab wie eine Fotografie. Dennoch ist die Glaubwürdigkeit gegenüber Printmedien, Fernsehen und Radio nach wie vor gross. Die Leute tendieren zur Annahme, dass das, was in einer Zeitung steht, tatsächlich in der Wirklichkeit so ist. Dies ist jedoch ein grosser Irrtum: Genauso wie die Autoren ihre Wörter wählen, muss auch eine Zeitung gradieren, selektionieren und die Texte nach ihrer Wichtigkeit ordnen. Diese Ordnung gibt es aber nirgends in der Wirklichkeit, weshalb jedes Medium – ob Zeitung, Radio oder Fernsehen – in grösster Weise fiktiv ist.

Reportagen haben ein besonders prekäres Verhältnis zur Realität, da sie ähnlich einer Pressefotografie eine vermeintliche Wirklichkeit suggerieren, während es sich nur um einen Ausschnitt derjenigen handelt. Für den Journalisten und Schriftsteller Thomas Steinfeld sind Reportagen einer der Wege, mit denen sich Printmedien aus der derzeitigen Misere retten könnten. «Zeitungen müssen ihren Charakter ändern», findet er. Eine schädliche Strategie sei der Versuch, visuelle Medien nachzubilden. Einzigartigkeit sei gefragt – in Form von Hintergrundberichten, Dossiers und eben Reportagen.

Das Reportage-Genre, wie wir es heute kennen, gibt es noch nicht lange. Im England des 18. Jahrhunderts berichteten Journalisten als Augenzeugen über die politischen Vorkommnisse und Entscheidungen an Parlamentssitzungen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs aufgrund gesellschaftlicher Probleme in den USA das Interesse an Sozialreportagen: Die Reporter waren Augenzeugen, die im Dienste der Aufklärung Bericht erstatteten. Die Beispiele sind jedoch nur Vorstufen der heutigen Form der Reportage. Deren eigentliche Entwicklung erfolgte erst ab dem Zweiten Weltkrieg, und zwar infolge von Medienkonkurrenz: Wer die besten – oder besser: die sensationellsten – Berichte publizieren konnte, hatte die Leser für sich.

Ihren Charakter der Zeugenschaft hat die heutige Reportage behalten. Steinfeld spricht von einer «Unzulänglichkeit», denn eine Zeugenaussage beruht nicht auf Fakten und kann immer durch eine Gegenaussage ausgehebelt werden, ähnlich wie in einem Gerichtssaal. Gemäss Steinfeld sei eine Reportage eine «Inzenierung der Unzulänglichkeit» und werde zum Problem, wenn ihm das intellektuelle Gegenüber fehle. Was heisst das?

Zwei verschiedene Welten

Wer Geisteswissenschaften studiert, lernt schnell, dass es nach dem Studium drei Möglichkeiten gibt: Forschung, Lehre oder etwas ganz anderes. Wer sich für Letzteres entscheidet, muss mit Praktika und unter- beziehungsweise unbezahlter Arbeit Erfahrungen sammeln, um sich auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar zu machen. Das zeigt, wie abgeschottet die akademische von der restlichen Welt ist – Steinfeld spricht von einer Kaste oder einem Priesterwesen.

Die andere «Kaste» ist diejenige der Feuilletons, die immer grössere Mühe zeigen, auch unkonventionelle, unpopuläre Themen zu behandeln. «Wenn man richtig gut ist in einem Feuilleton, dann ist das Feuilleton die Instanz, in der die Gesellschaft über sich selbst nachdenkt. Und auch die Instanz, in der sich die Gesellschaft eine Form gibt», erklärte Steinfeld in einem Fernsehinterview. Damit sich die zwei Welten wieder überschneiden, müssen beide einen Schritt aufeinander zugehen: Die Geisteswissenschaften müssen lernen, sich Laien gegenüber verständlich auszudrücken und die Feuilletons müssen den Mut haben, komplexere und schwierigere Themen aufzunehmen.

Damit wären wir bei der perfekten Reportage: Ein unzulänglicher Augenzeugenbericht, der auf einer fundiert recherchierten Hintergrundanalyse beruht. Dadurch, dass sie so hautnah erzählen, sind Reportagen ansteckend, spannend und gern gelesen. Doch das ist nicht ausreichend, denn zur guten, kritischen Reportage gehört auch Hintergrundwissen. Und ein Wissen darüber, wie und worüber reflektiert werden soll. Letzteres können die Geisteswissenschaften beitragen: Sie können aufdecken, welche Fragen, welche Phänomene wichtig sind oder erst wichtig sein werden.


Literaturnachweis:

Haller, Michael: Die Reportage. ein Handbuch für Journalisten, München/Basel 1987.

Gerlach, Jana: Die Reportage in der deutschen Tageszeitung zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Eine Untersuchung des Genres in seinem journalistischen Umfeld, Diplomarbeit Hochschule Bremen, 2003.

Was vom Tage bleibt. Dr. Thomas Steinfeld: Was bedeutet Feuilleton?, in: Das webTV der dctp, http://www.dctp.tv/filme/thomas-steinfeld-was-vom-tage-bleibt/ [25.11.15]

Warum studieren? Gedanken über den Beruf Student.

«Sich zu bilden, ist tatsächlich etwas ganz anderes, als ausgebildet zu werden. Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.«

Prof. Dr. Peter Bieri: Wie wäre es, gebildet zu sein? Festrede an der PH Bern, 04.11.2005

Montag Abend, 18:15 Uhr, Alte Universität. Es ist schon fast dunkel und der Rhein schimmert noch im untergehenden Sonnenlicht. Nathalie Wappler, Leiterin der Abteilung für Kultur beim SRF, hält an diesem Abend einen Vortrag über – ja über was eigentlich? Über den SRF ganz bestimmt, über ihr Schaffen, ihre Abteilung und ihre Aufgaben. Doch sie erzählt noch mehr. Sie spricht über ihren Werdegang, ihr Studium und wie sie über verschiedene Umwege zum SRF und zu ihrer jetzigen Position gekommen ist. Nathalie Wappler studierte Geschichte, Politik, Germanistik und Kunstgeschichte. Heute ist sie Leiterin der Abteilung Kultur beim SRF und moderiert unter anderem die Sendung Sternstunde Philosophie.

Ihr heutiger Beruf hat fachlich kaum mehr etwas mit ihrem Studium zu tun. Das, was sie heute mache, erzählt Wappler, habe sie nicht an der Universität gelernt. Im Gegenteil, ihr fachliches Wissen aus dem Studium ist in dem Alltag, den sie heute bewältigen muss, kaum mehr relevant. Aber sie hat in ihrem Studium gelernt, Sachen gut zu machen. Gute Dramaturgien zu entwickeln, sei es von einem Theaterstück oder von dem neuen Sendeprogramm auf SRF Kultur.

An dieser Stelle frage ich mich: Was entscheidet über unsere Berufswahl? Was beeinflusst uns? Und was nützt mir mein Studium später in meinem Berufsleben?

Ist es denn egal, was wir studieren?

Wir studieren Vollzeit, erledigen den Haushalt, pflegen soziale Kontakte, bezahlen unsere Rechnungen, arbeiten in der Bar unten am Fluss, treiben Sport, gehen feiern, lernen, essen, schlafen, lesen. Immer und immer wieder. Tag für Tag, Woche für Woche und Semester für Semester. Was bleibt am Schluss? Auf was arbeiten wir hin? Auf den Abschluss, ein Zeugnis? Etwas Großes wie Lebenserfahrung? Oder doch nur auf das «Pass« der nächsten Prüfung.

Wir kochen, gehen einkaufen, essen Essen, das nicht so wie bei Mama schmeckt. Nicht einmal ansatzweise. Wir lernen, wie man Lasagne macht und wann der Müll rausgestellt werden muss. Wir waschen unsere Wäsche und vergessen sie im Waschraum. Verpassen den Waschtag und schleppen sie (mal wieder) zum Nachbarn. Vielleicht auch nicht. Vielleicht wohnen wir auch in einem Hochhausblock mit sechzig Klingelschildern, von denen wir keines einem Gesicht zuordnen können. Wir telefonieren mittwochs mit unseren Eltern, sagen, dass alles gut ist. Ist denn alles gut? Manchmal können wir das selbst nicht so genau sagen. Wir denken es jedenfalls. Dann kommt die Nebenkostenabrechnung. Dann ist alles nur noch halb so gut. Aber das ist ok, auch das schaffen wir. Warum auch nicht? Es gehört eben dazu, sagt man. Wir drehen uns im Kreis, wissen oft nicht mehr, um was es eigentlich geht. Dann fällt es uns wieder ein: Gute Sachen produzieren.

Etwas gut machen, darum geht es, meine ich. Überlegen, was man für «gut« erachtet, was es für einen selbst bedeutet, gut zu sein. Sich anstrengen und im Karussell der Gesellschaft überleben. Auf eigenen Beinen stehen. Sich selbst versorgen. Sehen, wo man bleibt und versuchen, sich stetig zu verbessern. Werden, wie Bieri schreibt. Streben nach Besserem, nach Erfüllenderem suchen. Dinge erreichen. Erfolge verzeichnen und Rückschläge meistern. Mit dem Leben klarkommen. In der Gesellschaft überleben, sich eingliedern heisst es oft. Menschen kennen lernen, lieben lernen, verlieren lernen. Kontakte pflegen, Kontakte abbrechen, Enttäuschungen einstecken und wegstecken. Neues dazulernen. Besser werden.

Wir lernen zu lernen, zu lesen, zu studieren. Studieren kann man lernen. Studieren fühlt sich an wie Freiheit, sagt man, liest man. Und doch ist es manchmal wie ein riesiger Käfig. Ein Hamsterrad, ein großes Laufband mit Emporen, Treppen, Bergen, Hügeln und schlussendlich einer Zielgeraden.

Wir gehen in Vorlesungen, wie unzählige andere auch. Denken alle sind besser, alle haben mehr Ahnung. Alle anderen, nur man selbst nicht. Wir gehen unter, lernen zu schwimmen. Schwimmen im Strom der Intellektuellen. Oder solchen, die es noch werden wollen. Wir lernen Prüfungen zu schreiben. Nichts im Vergleich zu unserer Matura. Wir lernen zu lesen, richtig zu lesen, viel zu lesen. Woche für Woche. Wir lernen Prioritäten zu setzen, sie zu verwerfen, faul zu sein, Lücken im System zu suchen. Irgendwann lernen wir, wie es ist, gut zu sein, unserem eigenen Massstab von «gut« gerecht zu werden. Gutes zu produzieren, gut zu denken und Gutes zu schreiben, zu sagen. Wir lernen neue Prioritäten zu setzen, uns wirklich zu interessieren und auf einmal alles mit anderen Augen zu sehen. Vielleicht auch nicht. Aber vielleicht eben auch doch. Vielleicht verändern wir uns während unseres Studiums, werden besser, größer, lernen neue Dinge und lernen, mit ihnen umzugehen. Wachsen an uns selbst.

Wir freuen uns, sind traurig, lustig, feierwütig. Wir sind wütend, frustriert, enttäuscht. Über uns selbst, über andere. Manchmal sind wir übermütig, manchmal kraftlos. Wir raffen uns auf, klopfen den Staub ab, streichen unser T-Shirt glatt und treten hinaus, mit einem Lächeln im Gesicht.
Wir empören uns, finden Sachen wunderbar und andere ganz fürchterlich. Am nächsten Tag ist es umgekehrt. Wir ändern unsere Meinung, verwerfen Überzeugungen und stellen neue Regeln auf. Wir bilden unsere Meinung.

Wie wichtig ist da noch unser Studiengang? Ist es nicht viel wichtiger was das Studium mit uns macht? Aus uns macht? Wie wir uns verändern und wo wir dann schlussendlich stehen? Aber eigentlich stehen wir nie. Es ist ein stetiges Vorwärtsgehen, manchmal kriechen, manchmal aber auch rennen. Wir bilden uns selbst aus, mit allem was uns umgibt und mit jedem Berg den wir überschreiten, werden wir um eine Idee schlauer. Können uns besser zurechtfinden, bilden unsere Meinung.

Es ist vielleicht wirklich egal, was wir studieren, damit muss man auch erst einmal klar kommen. Solange wir gute Sachen machen. Uns gut machen. Wir sind alle ungeschliffen und vermutlich auch nie fertig geschliffen.
Wir schreiben Bewerbungen, vielleicht ohne großen Antrieb. Die Masse und doch wieder die grosse Nicht-Masse an Jobs, die auf unser Profil passt, schreckt uns ab. Wir machen Urlaub, arbeiten im Pizza-Lieferdienst, verdienen Geld und reisen nach Thailand. Überlegen, wie es jetzt weiter geht. Treffen neue Leute, neue Gesichter, neue Meinungen. Tauschen uns aus und sammeln neue Inspiration. Helfen im örtlichen Hasenverein aus, betreuen nachmittags Kinder nach der Schule oder machen ein Praktikum bei einer Zeitung. Wie wir es uns auch unterm Sonnenschirm ausmalen – es kommt anders. Und das ist gut. Solange wir alles versuchen gut zu machen. Gutes zu produzieren, gut zu denken und gut mit neuen Situationen umzugehen.

Womöglich denken wir irgendwann an unser Studium zurück und schmunzeln. Schmunzeln über unser jüngeres Ich, naiv und doch so voller neuer Ideen. Sehen uns dann im Spiegel, zweifeln. Zweifeln an unseren Plänen, denken wir haben uns verloren, unsere Meinungen verworfen und das studentische, verrückte und verträumte Ich enttäuscht. Aber stimmt das? Wir sind hoffentlich gewachsen, haben uns verändert und uns neuen Situationen gestellt. Das Leben ist nicht so berechenbar, wie wir es manchmal gerne hätten. Wir sind gut, immer noch und immer wieder. Wir strengen uns noch immer an, Gutes zu machen und zu denken. Und das gelingt uns, manchmal mehr, manchmal weniger. Das Studium ist auch nicht berechenbar. Wir wissen nicht, was es mit uns macht und was wir später davon brauchen werden. Auch das ist gut.

Wir studieren, um uns zu bilden, Interessen zu bilden und Meinungen zu bilden, zu vertreten und zu verwerfen. Dafür ist meiner Meinung nach das Studium da. Vielleicht ist es nicht wichtig, was wir studieren, aber es ist wichtig, dass wir studieren.