Gesellschaft | 01.04.2016

Über Form und Inhalt des „Ausreissens“

Jeden Morgen fassen wir den Vorsatz, alles zu verändern. Und doch bleibt abends meist alles beim Alten. Dennoch können wir Menschen wohl nicht auf diese Lichtblicke verzichten. Helle Gedanken zum schummrigen Thema von
Wie lässt man das Licht hinein?
Bild: www.pixelio.de / Helmut J. Salzer

Wenn man davon ausgeht, dass jedes Wort, sein Aufbau, seine Form, seine Betonung, nicht bloss ein zufälliges Ergebnis einer willkürlich aufgebauten Sprache ist, wenn man also annimmt, dass durch die äussere Hülle des Wortes auch etwas über seine faktische Bedeutung zum Ausdruck kommen soll, dann lohnt es sich einen Blick auf die Struktur des Wortes „Ausreissen“ zu werfen.

„Ausreissen“ ist ein trügerisches Wort, irreführend in seiner Klarheit und Einfachheit. Diese Klarheit ist dem schönen, schlichten Aufbau zuzuschreiben, dem Zusammenspiel der Präposition „aus“ und des Verbs „reissen“. Aber die Schlichtheit widerspiegelt sich nicht bloss in der Grammatik, sondern vor allem in der Art und Weise, wie die Grammatik die Realität einfängt. Es ist ein Wort wie eine Skizze für Erstklässler, das übermächtige „aus“, der Rahmen, der Ort aus dem es auszubrechen gilt, und das „reissen“, der energische Kern, der Motor des Wortes und derjenige der tatsächlichen Handlung.

Spiegel der Welt

So ist das Wort „ausreissen“, genauso wie „ausbrechen“, ein kleiner grammatikalischer Spiegel der Wirklichkeit, eine Rückprojektion des Grossen und Ganzen auf die kleinere Ebene der Sprache. Wie immer aber bei Rückprojektionen und Verkleinerungen geht etwas verloren und obwohl wir es eigentlich besser wissen müssten, vergessen wir vor lauter Glaube an Form und Regeln, dass die Wirklichkeit doch ein Stückchen komplizierter ist. Dieses Etwas, dasjenige Element des „Ausreissens“, das die Komprimierung auf die Ebene der Sprache vergessen hat zu erfassen, ist seine ungeheurere Kurzlebigkeit.

Zwischen Tram und Arbeitstür

Ausreissen, ausbrechen, fliehen, man nenne es wie man möchte, die Richtung ist immer die gleiche. Sie fängt bei der eigenen Person an und geht geradewegs…woandershin, eigentlich egal wohin, Hauptsache weg. Den Ausbruch hat jeder schon einmal geplant. Am Morgen wachte man voller Elan auf und steckte ihn, den Ausbruch, in die Tasche wie eine Art Talisman, mit der festen Überzeugung, dass heute der Tag ist, an dem aus Plänen ernst wird, das „Aus“ des Bestehenden, der „Bruch“ mit dem Jetzt. Am Abend, kam man dann wieder nach Hause und merkte, irgendwo zwischen Tram und Arbeitstür, irgendwo im Gestrüpp des Alltags, hat er sich aufgelöst. Der Ausbruch. Genau das ist das Problem solcher Handlungen, ob Ausbruch oder Ausreissen. So klar und selbstbewusst sie auch erscheinen mögen, sie sind und bleiben so schrecklich volatil. Wie Quecksilber entweicht der Wunsch und die Entschlossenheit, sie reissen uns sozusagen aus, jeden Tag aufs Neue, so dass man letzten Endes mit leeren Händen dasteht, wo kurz davor noch Mut gewesen war. Oder anders gesagt, wenn ein Fenster geöffnet wird, strömt Licht herein. Dieses Phänomen hört auf, sobald man das Fenster wieder zuschnappen lässt.

Lichtblick

So und nicht anders ist auch der Charakter des Ausbruchs. Mag einem das Leben noch so düster vorkommen, hin und wieder öffnet sich ein Fenster, das einem die Sicht auf eine andere Welt zeigt und das Licht rein lässt. Doch ist dieser sprichwörtliche Lichtblick oft blitzartig und kurz. Als sei die Energie eines solchen Augenblicks zu kraftvoll, um es lange aufrechtzuerhalten, und wir zu schwach, um uns dauerhaft gegen die Fenster zu stemmen, bleibt dieser Moment im hellen Schein des „Ausreissens“ flüchtig und schwach. Der Ausbruch ist also zutiefst gespalten, zwischen dem Anspruch der Kompromisslosigkeit einerseits, und der tatsächlichen Flüchtigkeit andererseits. Wie kann uns dieser Ausbruch helfen, wenn er sich in einem Augenblick, durch die pure Wucht seines Wesens, selbst konsumiert? Wie können wir ihn einfangen und für uns nützlich machen? Denn eins steht fest, brauchen tun wir ihn auf jeden Fall.

Das Ausreissen ist unser Hoffnungsspender in all den Augenblicken und Situationen, in denen unsere Gedanken sich ineinander verrenken und uns die Sicht versperren. Wenn alle Stimmen um uns herum zu laut werden und unsere eigene übertönen, dann kommt der Wunsch nach Ausbruch und dieser wird zu dem, was uns dann durchhalten lässt. Ironischerweise hilft uns also der Gedanke einmal ausbrechen zu können, dabei auszuharren.

Öffnen oder herausreissen

Wenn der Ausbruch aber ferner Horizont bleibt und die jetzigen Umstände schwer zu ertragen sind, verliert er seinen hoffnungsvollen Charakter und das nie erreichte Ziel fängt an, einen bitteren Beigeschmack zu entwickeln. Damit uns der Ausbruch also beim Durchhalten helfen kann, muss er nicht immer, aber doch immer wieder auch vollbracht und nicht bloss erträumt werden. Für die Umsetzung eines solchen recht waghalsigen Vorhabens muss das Licht des Ausbruchs lange genug auf uns einwirken.

Und die Fenster? Nun ja, die Fenster gehören auch zu uns und stehen unter unserem Einfluss. Beobachtet man die Leidenschaft, mit der sich manche Leute gegen unaufschiebbare Veränderungen wehren, möchte man sogar die Behauptung aufstellen, dass wir sie uns selbst erbaut haben, vor lauter Angst, vom Licht des „Ausreissens“ geblendet zu werden. Das Ausreissen als Selbstsabotage also. Vielleicht ist das Ausreissen, der Ausbruch, die Flucht gar nicht das Öffnen dieser Fenster, um das Licht der neuen Möglichkeiten rauszulassen, sondern ganz einfach das Herausreissen der Fenster, die wir uns aus Selbstschutz erbaut haben, um das Licht hereinzulassen, das ohnehin schon die ganze Zeit um uns herum war.

Info


Irina Radu reichte diesen Beitrag beim Wettbewerb "Secondomedia" ein. Tink.ch veröffentlicht nach und nach alle eingereichten Beiträge in den Kategorien Zeitung und Film.

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