Gesellschaft | 05.04.2016

Spieglein, Spieglein

Mitte-Rechts ist sich einig: Das Theater Neumarkt hat mit Schweiz entköppeln «mehr als nur eine rote Linie» überschritten. Ist das ein berechtigter Vorwurf oder soll die Freiheit der Kunst eingeschränkt werden?
Das Theaterstück "Schweiz entköppeln" sorgt für Aufruhr in Medien und Politik.
Bild: Nathalie Kornoski

Das Zentrum für Politische Schönheit bewegt sich nicht erst seit dem Stück Schweiz entköppeln am äusseren Rand von politischer Korrektheit. Mit seinen radikalen Stücken definierte das Zentrum in den letzten Jahren die Aktionskunst neu. Schweiz entköppeln ist ihr erstes Stück, das sich auf die Schweiz konzentriert.

Rund 800’000 Mal wurde Roger Köppel im Internet verflucht. Philipp Ruch vom Zentrum sagte vor einer Woche bei Roger Schawinski: «Die Methoden, der sich die Weltwoche bedient, haben wir auf die Kunst übertragen. Und wollen schauen, wie die Schweiz darauf reagiert.» Diese Adaption ist gelungen: Die Polemik der Aktion ähnelt der Hetze auf Bevölkerungsgruppen in der Schweiz, die SVP und Weltwoche seit Jahren bedienen. Im Unterschied zu Plakaten der SVP und Titelseiten der Weltwoche sind Zynik und Satire von Schweiz entköppeln spätestens dann erkennbar, wenn ein Voodoopriester die Flüche manifestieren soll.

Das breite, negative Echo von Medien und Politik hat das Zentrum natürlich vorausgesehen. «Woher wissen Sie, dass das Stück schon zu Ende ist? […] Heute Abend läuft es auf SRF 1», sagte Ruch zu Schawinski und der war baff – ob Schawinski selbst nicht auf die Idee kam oder nur erstaunt war, dass Ruch es trotz seiner Festnagel-Rhetorik schaffte, den künstlerischen Ideen Raum im Fernsehen zu geben, sei dahingestellt. Denn darin zeigt sich das Genie des Zentrums für politische Schönheit: Sie machen die Gesellschaft auf eine Weise zur Bühne, dass es ein riesiges Medienecho gibt. Wann zuletzt haben alle grösseren Tageszeitungen über ein und dasselbe Theaterstück in solcher Länge berichtet?

Eben dieses Echo bringt die wahre Tragödie in Schweiz entköppeln zum Vorschein. Die Schweizer Medien haben sich so an Fremdenfeindlichkeit, Habgier und Monopole gewöhnt, dass sie nicht mehr fähig sind, eine solche Aktion zu hinterfragen, sondern sich sofort auf die einfachste Antwort einschiessen. Theater muss die Gesellschaft in Frage stellen, sonst verliert es seine Berechtigung. Was sich in den letzten Tagen abgespielt hat, war Akt zwei. Wir dürfen gespannt sein, was in Akt drei passiert. Redaktionen und Parteien sollten einen Schritt zurück machen und das Gesamtbild betrachten, bevor sie weiter als Akteure in einem Stück fungieren, dessen Ende noch nicht geschrieben ist.