Gesellschaft | 21.04.2016

Militärdienst – ein Perspektivenwechsel

Text von Michael Koch | Bilder von Ice Simon Graf
«Marschierer», «sich im Dreck wälzen», «Kanonenfutter». Solche Begriffe bekam ich immer wieder zu hören, als ich nach meiner abgeschlossenen Rekrutierung in meinem Bekanntenkreis verkündete, dass ich im Juni 2015 Angehöriger der Armee in der Einheit Infanterie sein werde. Damals noch nicht recht wissend, ob ich nun stolz sein sollte, ein Infanterist zu sein, oder ob ich es noch bereuen würde.
Auch ein Marsch gehört zum Militärdienst.
Bild: Ice Simon Graf

«Los! Tagwach! Uufstoh!» Ein Gruppenführer weckte uns Rekruten unsanft aus unserem unruhigen Schlaf. Ein unruhiger Schlaf, erfüllt mit Ungewissheit, was uns am nächsten Morgen erwarten würde. Welchen bislang vernommenen Klischees zur Infanterie darf Glauben geschenkt werden? Ein Kamerad aus meinem Zimmer murmelte schlaftrunken: «Jungs, freut euch. Das werden wir nur noch 299 Mal hören.» Ich zähle heute noch die Tage.

Als allererste Morgenmahlzeit gab es feuchtes Brot mit ungekühlter Milch an einem heissen Sommertag. Gewöhnungsbedürftig.Im Militär wird bekanntlich nicht viel Wert auf Individualität gelegt. Das Tenue besteht aus schwarzen Kampfstiefeln, Tarnhosen, T-Shirt, Tarnanzug und Mütze. Und dies auch an heissen Tagen. Am 7. Juli 2015 sind in Genf 39.7 Grad Celsius gemessen worden – Rekordtemperatur. An diesen nach Erfrischung dürstenden Tagen mussten wir mit Gepäck Tag für Tag um die zehn Kilometer zu Fuss zurücklegen.

An besonders «erfreulichen» Tagen gab es auch ABC (atomar, biologisch, chemisch)-Ausbildungsposten. Dort durften wir regelmässig Schutzmaske, Schutzjacke, Schutzhosen und Überstiefel anziehen. Der Schweiss rann uns bereits schon herunter, als wir lediglich die Kleidungsstücke aus dem Kampfrucksack zerrten. Schlussendlich hatten wir zwei Paar Schuhe, zwei Paar Hosen, drei Schichten auf dem Oberkörper und eine Schutzmaske auf. Es fühlte sich an, als ob wir uns für einen Skitag ausrüsten würden.

Monotonie abseits des zivilen Lebens

Das Militär birgt zwar einen anderen Alltag als das zivile Arbeits- oder Schulleben, jedoch ist auch dort eine Monotonie zu erkennen. Jeden Tag zwischen 4:45 und 6:00 Uhr aufstehen, in Zweierkolonne und Gleichschritt ging es zum durchschnittlich 15-minütigen Morgenessen weiter und eine Kompanieversammlung in Reih und Glied vor dem Kommandanten um 7:00 Uhr durfte auch nicht fehlen.

Danach mussten wir per Fussmarsch etwa fünf Kilometer zu den Ausbildungsplätzen. Natürlich gab es auch wöchentliche Inspektionen. Unsere erste fand bei ungefähr 36 Grad Celsius statt, wobei wir in der prallen Mittagssonne auf dem schattenlosen Asphaltplatz mit Helm in einer perfekt ausgerichteten Reihe 45 Minuten lang schmoren mussten. Gefühlt waren es jedoch drei Stunden. Gegenüber plätscherten verführerisch zwei Brunnen vor sich hin. Schlussendlich musste «nur» ein Kamerad in den Schatten gezogen werden.

Ich weiss heute noch nicht, wie ich es in der Rekrutenschule jeden Tag geschafft habe, aufzustehen. Ich vermute, dass die Kameraden einen wichtigen Teil im Militär ausmachen, alles überstehen zu können. Alle sitzen im selben Boot. Alle helfen einander so gut es geht, wobei man trotzdem noch darauf achten muss, dass man selbst nicht zu kurz kommt. Denn die Dauermüdigkeit macht jedem zu schaffen und man zapft die ganze Zeit die eigenen Reserven an.

Belastungsproben

«Infanterie esch eifach: mer lauft!». Oft mussten wir Infanteristen uns diese Phrase anhören. Doch von den Distanzmärschen (15, 25 und 50 Kilometer) und der «1000er Treppe» mal abgesehen, gab es etliche weitere kraftraubende und nervenzehrende Aufgaben zu überwinden.

Psychisch wurden wir Durchdiener durch fordernde Vorgesetzte, Zielsetzungen, Umgang mit Waffen, Sinnlosigkeiten, mangelnder Privatsphäre, Zeitbegrenzungen und übertriebene Pingeligkeit auf die Probe gestellt. Ein passendes Beispiel für übertriebene Pingeligkeit ist, dass die Rucksäcke nicht einfach auf dem Boden deponiert werden durften, sondern es mussten immer alle nebeneinander perfekt in Reih und Glied aufgestellt werden und keine Bändel durften mehr sichtbar sein. Solche Aktionen konnten dauern bei 50 Personen.

Oft waren auch die Zeitbegrenzungen zu knapp gesetzt. Bis zu zwanzig Mal täglich ertönte es: «Oberwachtmeister, Rekrut ‚Hülsensack‘: beantrage Zeitverlängerung von 2 Minuten.» Egal ob es beim Essen, beim Abwaschen der Gamelle, bei der Bildung der Rucksackreihen oder bei den abendlichen Putzorgien war.Physisch wurde man vor allem durch das ungewohnt viele Stehen und Gehen beansprucht. Zudem hatten wir nicht viele Pausen und betätigten uns jeden Tag sportlich, was oftmals von Nachtübungen inklusive Biwakieren begleitet wurde.

Ungewöhnliche Freundschaften

Das Militär ist auf besondere Weise einzigartig. Als Angehöriger der Armee wird man mit unterschiedlichen Charakteren auf einen Haufen geworfen; Bauernsohn trifft auf Mathegenie, Bücherwurm auf einen «Metalhead» und ein ehemaliger Häftling auf Pazifismus-Sympathisanten. Mit vielen dieser Leute hätte man niemals im zivilen Leben zu tun gehabt. Zudem stammen alle aus verschiedenen Gemeinden und Kantonen. Herkunft, Ausbildung, Talent, Träume, Hoffnungen – alles sehr unterschiedlich.

Trotz des grossen Spektrums an Diversitäten mag jeder mehr oder weniger jeden im Militär. Vermutlich liegt es an den vielen Herausforderungen, denen sich alle stellen müssen. Schlechte Zeiten verbinden. Einige hörten den Vorgesetzten sogar noch im Schlaf schreien: «Rekrut: ACHTUNG!», und standen um 3:00 Uhr in der Nacht im Halbschlaf stramm vor ihren Betten. Es ging halt schon ans Eingemachte.

Höhen und Tiefen, Nebeneffekte und «positives Heimweh»

Das Militär hat einen spannenden Nebeneffekt. Durch die minimale Privatsphäre, die den Auszubildenden im Militär gelassen wird, durch die Abwesenheit der Freunde und Familie, wird jedem fortlaufend bewusst, was wirklich wichtig ist im Leben. Als Angehöriger der Armee lernt man bereits die kleinsten Dinge des zivilen Alltags zu schätzen. Sei es etwa das eigene Bett, kalte Milch zum Frühstück oder die eigenen Schuhe.Als Infanterist erfährt man eine gewisse Abhärtung in der Ausbildungsphase. Während dieser Zeit müssen wir durch so viele mühsame, krampfhafte, anstrengende, nervenzehrende Minuten, Stunden, Tage, Wochen kämpfen, dass Probleme aus dem zivilen Alltag plötzlich ganz klein und beinahe unbedeutend erscheinen.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Militaristen, sobald sie das Militär überstanden haben, nichts mehr so schnell aus der Bahn wirft, nachdem sie regelmässigen Freiheits- und Liebesentzug im Militär erfahren mussten. Ich denke, dass ehemalige Militaristen beginnen, leichter ein Licht am Ende des Tunnels zu erkennen. Das positive Denken fällt einem leichter. Rekruten werden praktisch im Militär dazu erzogen (unbewusst), ihr Denken und ihre Gewohnheiten den Umständen entsprechend anzupassen. Ansonsten hätte man als Neuling im Militär einen schweren Stand. Durch den Umgang mit Waffen wird der Rekrut auch – zumindest theoretisch – mit dem Thema «Tod» konfrontiert.

«Wie reagiere ich, wenn ich jemanden erschiessen muss?» «Kann ich jemandem physische Schäden zufügen?» «Kann ich einer schwerverletzten Person erste Hilfe leisten?» «Was passiert in einem Kriegsfall?». Solche und andere Gedanken begleiten die Rekruten in ihrer Ausbildung. Auch darauf wird der Auszubildende vorbereitet. Es werden etliche Rollenspiele durchgeführt. Es ist wahr: einem Infanteristen an der Kriegsfront gibt man eine Überlebensdauer von 17 Sekunden. Wie würden Sie reagieren, wenn Sie in einem Kriegsfall rekrutiert werden würden? Wie würden Sie sich von Ihren Liebsten verabschieden? Was würden Sie tun, wenn Ihre letzte Stunde geschlagen hätte? Solche Bilder sind mir etliche Male durch den Kopf gegangen. Ich habe noch heute keine Antworten gefunden und hoffe, dass ich niemals welche haben muss.

Jede Medaille hat zwei Seiten

Schlussendlich finde ich, dass das Militär eine gute Lebensschule darstellt, obwohl man den Sinn nicht immer auf Anhieb bei jedem Befehl und jeder Aufgabe erkennt. Man durchlebt Erfahrungen, die man nirgendwo anders machen kann. Die Abhärtung, das positive Denken, verbunden mit einer grossen Bereitschaft an Flexibilität, die Realisierung des Wichtigen.

Durch die vielen Wartezeiten im Militär kann man zudem gar nicht anders, als sich mit sich selbst zu befassen. Gedanken zu seiner Zukunft, seiner Gegenwart und seiner Vergangenheit sind jedermanns ständiger Begleiter. 

Das Militär steht in unserer Gesellschaft nicht immer in einem guten Licht da und wird des Öfteren kritisiert. Doch was dabei oft ausser Acht gelassen wird, ist die Kameradschaft und die persönliche Entwicklung, die jeder im Militär durchlebt und erfährt. Und wie oft hörten Sie bereits eine ältere Person mit einem Lächeln im Gesicht über das Militär reden? 

Der Dienst im Militär – schaut am Ende doch mehr Nutzen heraus, als man zu Beginn gedacht hatte?