Gesellschaft | 02.04.2016

«Ich hätte mir nie erträumt, dass sowas möglich ist.»

Text von Sofiya Miroshnyk | Bilder von zvg
Er ist der Urvater von Tink.ch. Vor sechzehn Jahren hat er den Berner Stadtführer Youthguide.ch mitgegründet. Sechs Jahre später ging das Projekt als Tink.ch online. Wir haben uns auf die Suche nach unseren Wurzeln begeben und mit Andreas Renggli über den Journalismus von früher und heute gesprochen. Der damalige Lernende ist mittlerweile 38 Jahre alt, wohnt in Solothurn und schreibt noch immer, nur anders.
Andreas Renggli ist gewissermassen der Gründervater von Tink.ch.
Bild: zvg
Tink: Andreas, was ist in der Zwischenzeit aus dir geworden?

Andreas: Vor zehn Jahren habe ich eine Kommunikationsagentur gegründet. Ich bin also nun auf der anderen Seite vom Journalismus. Ich berate Unternehmen und Organisationen bei der Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation. Mein Fokus liegt dabei auf dem Thema der nachhaltigen Entwicklung.

Tink: Du sagst, du seist auf der anderen Seite des Journalismus. Worin unterscheidet sich deine Arbeit von der eines Journalisten?

Ein wesentlicher Unterschied besteht in der Wahl der Themen. Während sich Journalisten von ihrem Interesse oder ihren Recherchen leiten lassen, haben Kommunikationsagenturen einen Auftrag vom Kunden. Aber ich sehe auch viele Ähnlichkeiten. Journalisten sowie Kommunikationsfachleute verbreiten Botschaften. Und beide versuchen letztendlich, eine spannende Geschichte zu erzählen.

Tink: Menschen, die ein bestimmtes Ideal des Journalismus vertreten, würden wohl sagen, dass die Journalisten unabhängig sind.

Der Glaube, dass Journalisten komplett unabhängig sind, (zögert) …

Tink: …. den verliert man ziemlich schnell.

Genau. Denn auch Journalisten agieren schliesslich in einem System. Legt man als Journalist zum Beispiel alles offen, was man weiss, hat man schnell mal keine Quellen und keine Informationen mehr.

Tink: Verfolgst du Tink.ch noch?

Ja, schon zwischendurch. Ich lese den Newsletter und verfolge auch die Menschen, die bei Tink.ch angefangen haben. Sehr viele von ihnen sind mittlerweile in Redaktionen, Kommunikationsagenturen oder machen was Kreatives.

Tink: Was war der letzte Artikel, den du auf Tink gelesen hast?

Das muss eine Weile her sein. Ich kann mich nicht mehr erinnern.

Tink: Wie ist aus Youthguide letztendlich Tink.ch geworden? Youthguide war ja ursprünglich ein Stadtführer.

Ich bin damals von Luzern nach Bern gezogen und habe festgestellt, dass es im Netz keine Informationen für junge Menschen gab. Vor allem für Neuzuzügler, die keine Ahnung von Berns Nachtleben hatten. Am 1. April 2000 – das war die Zeit, in der das Web noch in den Kinderschuhen steckte – ging Youthguide online. Youthguide war im Grunde ein kommentiertes Linkverzeichnis. Bern ist aber nicht so gross und irgendwann waren die Sachen mal abgesteckt.

Tink: Dabei ist es aber nicht geblieben.

Nein, ich habe dann gedacht, dass es doch etwas langweilig ist, wenn es so statisch bleibt. Wir hatten keine neue Links mehr. Doch dann haben wir angefangen, über die Projekte und Veranstaltungen, auf die wir verwiesen haben, zu schreiben. So hat sich Tink zu einem Onlinemagazin gewandelt.

Tink: Hast du eine besondere Erinnerung aus der Zeit?

Das wäre dann wohl das erste Mal auf dem Gurtenfestival. Wir konnten auf den Berner Hausberg hoch und darüber berichten. Ein Highlight, um das sich viele Jugendliche beworben hatten. Doch damals gab es noch keine Hotspots, der Internetzugang war mager. Einzig Postfinance hatte einen Stand mit einem Hotspot. Also haben wir kurzerhand eine Kooperation mit ihnen aufgegleist, um ihr Internet nutzen zu können. Die Verbindung war zwar extrem langsam, so dass die Veröffentlichung einer Bildergalerie locker ein paar Stunden dauern konnte, aber wir hatten Internet. Für ein junges Medium, das kaum Mittel zur Verfügung hatte, war das ein voller Erfolg.

Tink: Was hat es eigentlich mit dem Namen auf sich? Welche Idee steckt hinter der Wortschöpfung «Tink»?

Entgegen der Gerüchte ist Tink tatsächlich eine frei erfundene Wortkreation. Ein reiner Phantasiename. Er ist entstanden, als wir ausgewählte Silben wie ink (Tinte) miteinander kombiniert haben. Erst im Nachhinein merkten wir, dass viele Leute den Namen für eine falsche Schreibweise von think (denken) hielten.

Tink: Die Medien geraten derzeit immer wieder in Kritik. Du bist zwar kein Journalist (mehr), aber trotzdem: Warum sollte man heute noch Journalist werden wollen?

Es ist eine superspannende Tätigkeit. Wer gerne schreibt, kann als Journalist seine Lieblingsbeschäftigung zum Beruf machen. Wer mehr Fragen als Antworten hat, ist im Journalismus genau richtig. Zudem eröffnet der Journalismus viele Türen. Man kann mit Menschen in Kontakt kommen, zu denen man eigentlich sonst eher keinen Zugang hat. Beispielsweise den CEO einer grossen Firma zum Interview treffen. Und man kriegt einen Einblick in sehr viele Bereiche. Natürlich gibt es besorgniserregende Trends im Qualitätsjournalismus.

Vor allem für Nachwuchsjournalisten ist es schwierig, sich in dieser schnelllebigen Zeit durchzusetzen und mehr als ein Praktikum zu ergattern. Ich denke, dass den Medien eine sehr wichtige Rolle zukommt. Es kann nicht sein, dass der Job aus dem Umtexten von Agenturmeldungen besteht. Dafür braucht es aber auch Investoren und Medien, die sich dieser Entwicklung entgegenstellen.

Was können junge Journalisten, was kann Tink tun, um die Zukunft des Journalismus mitzugestalten?

Erstmal einfach nur bestehen. Ich finde es überhaupt nicht selbstverständlich, dass es Tink.ch noch gibt. Es ist erstaunlich, dass sich inmitten dieser schnelllebigen, vom Konsum geprägten Welt immer wieder engagierte junge Menschen finden lassen. Ich hätte mir nie erträumt, dass sowas möglich ist. Und ich hoffe, dass Tink auch in Zukunft so jung bleibt und immer wieder neue Köpfe dazukommen, die mit anpacken und Journalismus ausprobieren wollen.