Gesellschaft | 19.04.2016

«Haben Sie Vertrauen in die Medien!»

Text von Basil Koller | Bilder von Basil Koller
Ist der Vorwurf «Lügenpresse» berechtigt? Eine Podiumsdiskussion mit drei Chefredaktoren ging der heiklen Frage nach.
David Sieber, Chefredaktor der BZ: «Wir wollen aufsteigen!»
Bild: Basil Koller

Was passiert, wenn man die Chefredaktoren der drei Basler Printmedien zu einer Diskussion lädt? In der Elisabethenkirche konnte man am vorletzten Freitag darauf hoffen, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Im Rahmen der Reihe «Basel im Gespräch» lud die Offene Kirche Elisabethen zum Podium mit dem Namen «Wahrheit, Lüge, Journalismus». Entsprechend gross war der Andrang auf die Plätze, die in ungewohnter Anordnung platziert wurden. In der Mitte waren im Kreis Stühle für die Podiumsteilnehmer platziert worden, die Zuschauerplätze waren wiederum um diesen inneren Kreis herum angerichtet. Diese Abwechslung von der sonst üblichen Form eines Podiums war zwar erfrischend anders, führte jedoch dazu, dass man von einem Teilnehmer bloss den Rücken zu sehen bekam.

«Basler Medien in der NLB»

In besagter Mitte sollten die drei Chefredakteure der grössten Basler Printmedien  die Klingen kreuzen. Unter der Leitung des Journalisten Frank Lorenz diskutierten Markus Somm von der Basler Zeitung (BaZ), David Sieber von der Basellandschaftlichen Zeitung (BZ) und Christian Degen von der TagesWoche über die Frage, was heute «guter Journalismus» sei, auch mit Blick auf die Region Basel. Lorenz inszenierte den Einstieg gelungen, begann mit einer provokativen Fussballmetapher: «Der Basler Medienplatz hat zwar drei Clubs, aber sie spielen alle in der Nationalliga B.»

Die höchste Liga werde von den Zeitungen aus Zürich dominiert. Eine Behauptung, die Markus Somm vehement dementierte. Basel habe als einzige Stadt neben Zürich eine Vielfalt an Printmedien aus verschiedenen Häusern. Die Bemerkung, dass die Übernahme der BaZ im Jahre 2010 – unter anderem durch Somm selbst – genau diese Vielfalt befördern sollte, löste im Publikum dann einige Heiterkeit aus. Degen und Sieber beschränkten sich darauf, ihre «Aufstiegsbemühungen» kundzutun, und bedienten damit weiter die Fussballmetapher, welche im Verlauf des Abends immer wieder auftauchte, ohne über Gebühr strapaziert zu werden.

Störfaktor Publikumsinputs

Der Medienplatz Basel wurde dann auch zu einem inhaltlichen Schwerpunkt eines Podiums, dessen Format nicht vollends überzeugen konnte. Die Idee eines fünften Stuhls, auf dem sich Zuhörer niederlassen und in die Diskussion einbringen konnten, schien zunächst zwar innovativ. Bis auf einen persönlichen Abrechnungsversuch mit den drei Blättern blieb der Stuhl aber leer. Auch, weil die Möglichkeit bestand, sich vom eigenen Platz aus bemerkbar zu machen und Fragen zu stellen. Leider waren auch diese Inputs für das Podium kaum förderlich, da sie einerseits den Diskussionsfluss merklich störten und andererseits selten über persönliche Statements hinauskamen.

Macht der Medien wird überschätzt

Nach der Diskussion kam man nicht umhin, Markus Somm zum rhetorischen Sieger zu erklären — selbst wenn man das Heu politisch nicht auf der gleichen Bühne hat. Gekonnt wehrte der BaZ-Chef die Angriffe ab, die von mehreren Seiten aus dem Publikum auf ihn eingingen. Er stellte etwa klar, dass es um das Besitzverhältnis der Basler Zeitung keine Geheimnisse mehr gibt (sie gehört neben Somm auch Christoph Blocher und Rolf Bollmann, Anm. d. R.). Auf die Frage, ob er als Zürcher überhaupt fähig für diese Funktion? sei, berief er sich auf seine Aussensicht, welche durchaus belebend für die Diskussionen in Basel sei.

Neben ihm hatten David Sieber und insbesondere Christian Degen Mühe, sich nachhaltig in den Dialog einzubringen. Mehrmals blieb ihnen nur, Somms Aussagen zu bestätigen. Eine unerwartete Beobachtung, schliesslich sind sich die drei Blätter in ihren Standpunkten selten einig. Doch in der Margaretenkirche demonstrierten die drei Journalisten für einmal Einigkeit, was die Verantwortung und Zukunft des Journalismus angeht. Natürlich hätten die Medien den Einfluss, um politische Entscheidungen zu beeinflussen, so Somm. Allerdings werde genau dieser Einfluss häufig überschätzt – sowohl von Seiten des Publikums als auch von den Journalisten selbst.

Sieber wies darauf hin, dass die Zukunft des Zeitungsjournalismus höchst unklar sei. Im digitalen Zeitalter hätte es noch kein Printmedium geschafft, ein Geschäftsmodell aufzubauen, um langfristig zu bestehen. «Die TagesWoche befindet sich in der privilegierten Situation, dass sie mit ihrer Stiftung im Rücken Experimente wagen kann und eine gewisse Planungssicherheit garantiert ist», fügt Degen an. Der Frage nach dem Zeitpunkt der Rentabilität der TagesWoche blieb er jedoch eine Antwort schuldig.

Wie auch das Podium am Ende sein Versprechen nicht vollständig einlösen konnte, dem «Journalismus von heute» auf den Grund zu gehen. In den 75 Minuten erhielt man zwar einen Einblick in die Denk- und Argumentationsweise der drei Chefredaktoren. Das Podium ging jedoch weniger stark als angekündigt auf den «journalistischen Ethos» und die Beschleunigung der Berichterstattung ein.

Kein absoluter Wahrheitsanspruch

Dennoch blieben einige Aussagen in Erinnerung. Etwa Somms Bestärkung des Lokaljournalismus: «Der lokale ist der beste und schwerste Journalismus. Es ist viel anspruchsvoller, über einen Regierungsrat von Basel als über Obama zu schreiben.» Oder die Relativierung der «Objektivität»: Sie sei zwar das Ziel, aber keine Zeitung habe einen absoluten Wahrheitsanspruch, wie Sieber klarstellte. «Es ist absurd, etablierte Medien als ‹Lügenpresse› zu beschimpfen und gleichzeitig angebliche Fakten aus dubiosen Quellen zur Wahrheit zu erklären. Haben sie Vertrauen in die Medien!» Und zuletzt noch einmal Somm, der trotz ungewisser Zukunft den Beruf des Journalisten als «leidenschaftlich» anpries – eine Aussage, die der BaZ-Chefredaktor an diesem Podium gleich selbst vorgelebt hatte.