Gesellschaft | 23.03.2016

Latein: Eine überflüssige Mühsal?

Viele stellen sich unter Lateinunterricht langweiliges Auswendiglernen von Vokabeln vor. Dabei kann Latein Spass machen und besteht nicht nur aus Deklinieren und Konjugieren.
Latein in der Schule lernen - macht das heutzutage noch Sinn?
Bild: Anton Porsche (pixelio.de)

Dem Latein wird oft vorgeworfen, dass es veraltet, überflüssig und einfach nur langweilig zu lernen sei. Das stimmt so aber nicht und es gibt zahlreiche Gründe, sich für den Lateinunterricht zu entscheiden. Als erstes basieren alle romanischen Sprachen auf Latein. Französisch, Italienisch, Spanisch Portugiesisch und Rätoromanisch verwenden viele Wörter mit lateinischem Ursprung und oft liegt ihrer Satzstruktur die lateinische Grammatik zugrunde.

Natürlich ist es nicht möglich allein durch das Lateinstudium plötzlich fliessend Italienisch sprechen zu können. Aber es ist nicht abzustreiten, dass Latein dabei helfen kann, eine neue Fremdsprache zu erlernen. Das lateinische Wort für «singen» cantare zum Beispiel verwendet man sowohl im Spanischen (cantar) als auch im Italienischen (cantare) aber ebenso im Französischen (chanter), im Portugiesischen (cantar) und im Rätoromanischen (cinta).

Latein als Basis

Durch das Latein befasst man sich auch mehr mit der eigenen Muttersprache. Erstens sind viele deutsche Wörter Entlehnungen aus dem Lateinischen. Das Fenster von fenestra, Kaiser von caesar und Wein von vinum sind nur wenige Beispiele dafür. Auch das Wort Computer findet seinen Ursprung im Latein, es kommt nämlich von computare, was so viel wie «zusammenrechnen» heisst.

Zweitens muss man, um einen lateinischen Text korrekt übersetzen zu können, zum Beispiel in der Lage sein, einzelne Wortarten zu unterscheiden und Konjunktive richtig zu übersetzen. Vieles, was man vom Deutschunterricht vergessen hat oder Manches, das gar nie behandelt wurde, wird in der Lateinstunde wieder aufgefrischt beziehungsweise genauer betrachtet.

Und drittens wird im Lateinunterricht der deutsche Wortschatz trainiert. Oftmals kann man einen Satz aus dem Lateinischen nicht wörtlich ins Deutsche übersetzen. Man muss Alternativen oder Synonyme für gewisse Wörter suchen, was unweigerlich dazu führt, dass man sich mehr mit der deutschen Sprache auseinandersetzen muss.

Zugang zu historischen Werken

Ein weiterer Vorteil des Erlernens von Latein liegt darin, dass man danach in der Lage ist, lateinische Originaltexte lesen zu können. Vielleicht fragen sich einige: Wieso nicht einfach einen bereits übersetzten Text lesen?

Aber wie bei jeder Übersetzung reicht dieseg nun mal nicht an das Original heran. Ausserdem haben die lateinischen Texte oft einen sehr spannenden und lehrreichen Inhalt. Neben Mythen und Sagen gibt es viel über die Antike zu lernen. Philosophie, Rhetorik, Politik und Kunst werden behandelt. Es gibt auch mittelalterliche Texte, welche sich mit dem frühen Christentum befassen, wie zum Beispiel die Legenda Aurea, eine Sammlung von Heiligenlegenden. Die Lateinschüler werden mit diesen Themen konfrontiert und müssen sich tiefgründiger mit ihnen auseinandersetzen, was sehr spannend sein kann und wobei sie sich viel nützliches Allgemeinwissen aneignen können. Und das Beste ist: neben all diesen ernsten, lehrreichen Texten gibt es natürlich auch lustige Geschichten, welche beim Übersetzen richtig Spass machen können.

Konzentrationsfähigkeit verbessern

Latein fördert auch die Konzentration und das Denkvermögen. Das genaue Analysieren eines Problems und das strukturierte Vorgehen zum Lösen desselben werden geschult.

Stellen Sie sich nur einmal vor, wie das ist, einen lateinischen Text zu übersetzen. Der Lateinschüler sitzt da und hat erstmal keinen blassen Schimmer davon, was dieses Durcheinander aus Wörtern, welche er schon einmal gehört hat, aber an deren genaue Bedeutung er sich beim besten Willen nicht erinnern kann, heissen soll. Danach beginnt er langsam und der Reihe nach zu analysieren, genau wie er es gelernt hat. Er sucht das Prädikat und das Subjekt und macht sich die Fälle der einzelnen Substantive bewusst. Es ist wie puzzeln oder das Lösen einer Knobelaufgabe, vielleicht etwas nervenaufreibend und anstrengend, aber das Finden der korrekten Lösung (vielleicht mithilfe eines Wörterbuches), fühlt sich super an.

Latein im Lebenslauf

Und was sind die konkreten Vorteile des Lateinlernens im späteren Leben?

Manche Universitäten verlangen eine Lateinmatur für gewisse Studienrichtungen. Es besteht zwar auch die Möglichkeit, das verpasste Latein während des Studiums nachzuholen, dies ist aber meist mühsam und sehr intensiv, da der Stoff, den andere während vier Jahren gelernt haben, nun in einem Jahr in den Kopf gehämmert werden muss. Zudem machen Lateinkenntnisse einen guten Eindruck in einer Bewerbung und zeichnen den Bewerber durch Leistungsbereitschaft und Lernwillen aus.

Ich möchte aber nicht lügen und sagen, dass Latein höchste Priorität hat und unverzichtbar ist. Es ist verständlich, wenn Schüler entscheiden, lieber eine moderne Sprache lernen zu wollen, welche sie auch anwenden und eines Tages vielleicht fliessend sprechen können.

Die ganz grossen Fans des Lateins, welche gern einmal etwas Modernes lesen wollen, können sich sogar die Harry Potter Bücher in Latein besorgen, es gibt zahlreiche lateinische Asterix – Comics und wer immer noch nicht genug hat, kann auf Wikipedia gewisse Artikel auf Latein nachschlagen.

Latein ist nicht todlangweilig und unnötig. Es ist vielleicht eine tote Sprache, aber doch noch lange nicht ausgestorben!