Gesellschaft | 08.03.2016

Deutschland meldet sich zu Wort

Lange haben unsere deutschen Kollegen von Eine Zeitung geschwiegen. Sie wandten sich ab von den für sie oft unverständlichen Entwicklungen und Verhaltensweisen der Eidgenossen. Doch aufgrund aktueller politischer Ereignisse reisst ihnen nun der Geduldsfaden und sie melden sich zurück - zum wiederholt LETZTEN Mal.
Die Brieftaube aus Deutschland ist wieder im Einsatz: die Kollegen aus Deutschland können nicht länger schweigen.
Bild: Katharina Good

Hallo Schweiz,

könnt Ihr uns nicht einfach in Ruhe lassen? Was soll das, uns immer mit Euch und Eurem Land zu belästigen? Warum müssen immer wieder seltsame Nachrichten von Euch zu uns kommen, die uns aufwühlen, nerven, irritieren und vor allem verärgern?

Ja, wir wissen, dass wir keine Briefe mehr an Euch schreiben wollten. Wir hatten uns ja damals feierlich und ganz offiziell von euch verabschiedet. Das war vor über einem halben Jahr. Und das hatte ja auch einen guten Grund – wir hatten genug von Euch, Ihr habt genug gute Tipps von uns Deutschen bekommen und wir dachten, wir können Euch nun links liegen lassen. Wir waren überzeugt davon, dass wir unsere Pflicht getan hatten und ihr nun selbstständig genug wäret, alleine über die Runden zu kommen. Wir haben uns geirrt.

Wir haben oft genug geschwiegen in den letzten Monaten. Wir haben geschwiegen zu Themen und Ereignissen, zu denen wir Euch früher, bis zum Sommer 2015, regelmäßig massiv in den Arsch getreten hätten. Beispielsweise dieses Ding mit dem Katzenrestaurant neulich; was haben wir uns mal wieder über Euch aufregen müssen!

Aber nachdem wir hörten, dass es nur ein (sehr, sehr guter) Witz einer deutschen (!!!) Agentur war, waren wir uns sicher: Auch andere Deutsche können Euch gut zurechtweisen. Also blieb ein Brief aus. Oder diese Mordserie in Eurem Land zu Beginn des Jahres. Da mussten wir uns ehrlich ganz stark zurückhalten, dass nicht unsere Hutschnur platzt und wir wieder in die Tasten hauen, um Euch einen gepfefferten Brief zu schreiben. Das hättet Ihr wirklich verdient gehabt. Aber auch da haben wir nach vielem Durchatmen und noch mehr Alkohol unseren Zurechtweisungsdrang unterdrückt.

Und nun diese lustige Volksabstimmung zum Thema Abschiebereform. Musste das ganze denn wirklich sein? War es wirklich nötig, es überhaupt darauf ankommen zu lassen, dass ein ganzes Volk darüber abstimmt, zukünftig jeden angeblich kriminellen Ausländer zügig abschieben zu können? Was das wieder für unnötige Kosten mit sich bringt!

Wisst ihr, bei uns läuft sowas in der Regel wie folgt ab:

1) Ein unbedeutender rechter Politiker einer unbedeutenden rechten Partei sagt sowas wie: «Hey, ich finde, alle Ausländer, die kriminell sind, gehören ohne großes Verfahren abgeschoben.»

2) Alle anderen Parteien lachen ihn aus.

3) 80 Prozent aller Bürger lachen ihn aus.

3) Es beginnt ein Shitstorm auf Facebook gegen den Politiker, der überwiegend von Spott begleitet wird.

4) Am Ende entschuldigt sich der Mann kleinlaut für seinen «unüberlegten Satz» und tritt zurück.

Tja, und bei euch läuft es regelmäßig so ab:

1) Ein unbedeutender rechter Politiker einer unbedeutenden rechten Partei sagt sowas wie: «Hey, ich finde, alle Ausländer, die kriminell sind, gehören ohne großes Verfahren abgeschoben.»

2) Das Thema wird zu einem großen Politikum.

3) Man beschließt, das Volk über dieses heikle, aber durchaus relevante Thema abstimmen zu lassen – koste es was es wolle.

4) Wochen, Quatsch, Monate und Jahre der Planungen und Vorbereitungen vergehen.

5) Die Bürger stimmen ab – es wird dagegen gestimmt (immerhin!)

6) Thema endlich erledigt.

7) Alles so wie vorher.

Na gut, keine Frage, dass Ausländer rausgehören. Die haben in Deutschland nichts zu suchen. Aber dafür haben wir doch Euch, unser Ausland! Wo kommen wir denn hin, wenn die «Krimigranten» (PEGIDA-Wortschöpfung) einfach immer hin- und hergeschickt werden?

Worum es uns ja eigentlich geht: Wir wollen mit Euch nichts mehr zu tun haben. Also hört auf, Eure kleinlichen Nachrichten über die Nordgrenze hüpfen zu lassen und lasst uns endlich in Ruhe. Dies ist nun hoffentlich der allerletzte Brief, den wir Euch schreiben.

Grüße,

Deutschland.


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