Gesellschaft | 22.02.2016

Von der Durchsetzungsinitiative zur Selbsthilfegruppe

Text von Lukas Blatter | Bilder von Lukas Blatter
Bei einem Podium zur Durchsetzungsinitiative blieben die Fronten verhärtet. Der Moderator schlug die Diskussion daher um zu einer Debatte über den Fortbestand einer Demokratie, in der sich Meinungen treffen, die in ihrer Überzeugung kaum unterschiedlicher sein könnten.
Diskussionsrunde zur Durchsetzungsinitiative. Am Podium im Berner Gaskessel debattierten Adrian Spahr (JSVP Kanton Bern), Markus Müller (Staatsrechtler), Janos Ammann (Operation Libero) und Moderator Beni Lehmann (von links).
Bild: Lukas Blatter

Es hätte eine Debatte zu der wohl brisantesten Vorlage vom 28. Februar werden sollen, die am vergangenen Donnerstagabend im Berner Jugend- und Kulturzentrum Gaskessel stattfand. Auf dem Programm stand die Durchsetzungsinitiative der SVP, Vertreter aus beiden Lagern waren gekommen, um ihre Argumente zum Besten zu geben. Doch lange hatte die Runde nicht Bestand.

Brücken schlagen

Die Fronten waren bereits zu Beginn der Diskussionsrunde verhärtet. Eine prüfende Umfrage des Moderators Beni Lehmann bestätigte dies in aller Klarheit. Niemand im Saal wollte sich noch von Adrian Spahr zu einem Ja für die Durchsetzungsinitiative umstimmen lassen. Der Vertreter der JSVP stand auf verlorenem Posten.

Grund genug für Lehmann, der auch Herausgeber des Magazins «Helvezin» ist, die Auseinandersetzung zu beenden und auf ein neues Thema zu sprechen zu kommen. Ganz nach dem Motto seiner Zeitschrift versuchte er, Brücken zu schlagen zwischen den beiden Lagern, zwischen denen sich ganz offensichtlich eine tiefe Kluft aufgetan hat.

«Hier gibt es keine Stimmen mehr zu gewinnen», stellte er sehr rasch fest. Und dennoch machte er eines klar: «Nach diesem Sonntag müssen wir auch weiterhin miteinander auskommen.» Eine gespaltene Schweiz, zwei Lager, die in ihrer Meinung unterschiedlicher nicht sein könnten. Und zumindest bei einem der beiden werde man am kommenden Sonntag ein langes Gesicht machen müssen.

Ideologie weicht der Lösungsfindung

Von da an lenkte Lehmann die Diskussion hin zu einer anderen Frage: Was müsse man tun, um den Zusammenhalt in der Gesellschaft auch nach dieser Abstimmung zu stärken? Aus dem anfänglich erbittert geführten Kampf der Ideen und Ideologien wurde eine Art Selbsthilfegruppe.

Der Einfall eines versöhnlichen Dialogs sei ihm spontan gekommen, erklärte Lehmann nach der Diskussion. Im Vorfeld dachte er, die Debatte um die SVP-Initiative sei easy zu managen. Doch schnell sei ihm klargeworden, dass das Thema mehr Zündstoff liefere, als angenommen. «Zwischen Elite und dem Volk auf dem Land besteht ein grosser Graben.» Dies führe auch einmal zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Lagern, so Lehmann.

Als ihm dann aber aufgefallen sei, dass sich alle gegen den einzigen Befürworter der Initiative aufbauten, kam ihm die Idee zum Umentscheid. «Ich dachte, fragst du mal, wie so die Stimmung im Publikum ist.» Da wurde ihm klar, dass die Debatte zu nichts führte. Und so wandte er die Diskussion von der Initiative ab.

Die diametral entgegengesetzten Ansichten wichen einer Lösungsfindung, an der sich alle beteiligten. Die geäusserten Vorschläge fanden Beifall und man schien sich wieder zusammengerauft zu haben, um gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten.

Auch der ans Podium geladene Staatsrechtler Markus Müller appellierte an die anwesenden Diskussionsteilnehmenden: «Bleibt sachlich, sucht nach Lösungen!» Zuvor kritisierte er den Griff zur Initiative – sowohl bei der Durchsetzungsinitiative der SVP als auch bei der Initiative «Raus aus der Sackgasse» – als Rechtsmissbrauch und als schädlich für unsere demokratische Kultur.

Nicht nur Schwarz und Weiss

Den Abschluss machte wiederum eine spontane Wortmeldung. Joy Schenk, eine Zuhörerin aus dem Publikum, liess die Diskussion nicht locker: Sie schrieb anlässlich der Debatte völlig spontan ein Gedicht, welches sie am Schluss allen vortrug. «Monate mit einer Initiative beschäftigt, aber die wahren Probleme vernachlässigt», sagte die 17-jährige Gymnasiastin.

Sie zählte gleich selbst auf, mit welchen Herausforderungen sie sich konfrontiert sieht: «Energiewende, Krieg, Hunger und Geld. Das Überleben der Spezies Mensch auf dieser Welt.» Es gebe nicht nur Gut und Schlecht, nicht nur Schwarz und Weiss. Ihre poetische Auseinandersetzung wurde vom Publikum schliesslich mit Applaus bedacht.


Zur Veranstaltung

Die Podiumsdiskussion wurde weitgehend selbständig organisiert von Jugendlichen des Jugend- und Kulturzentrums Gaskessel. Durch die Diskussion von Abstimmungsthemen sollen junge Bernerinnen und Berner für politische Themen sensibilisiert und in ihrer Willensbildung unterstützt werden. Es ist geplant, auch in Zukunft vor den Abstimmungen solche Podien mit Experten und Politikern durchzuführen. (abe)