Politik | 24.02.2016

Spekulation – (k)ein Abstimmungsratgeber

Text von Anne-Lea Berger | Bilder von Lukas Blatter
Experten werfen mit Fachbegriffen um sich: Futures, Warenterminbörse, Volatilität. Doch erklärt werden diese kaum. «Ist es moralisch vertretbar, mit Nahrungsmittelspekulation Geld zu verdienen?» Dies fragt die Juso mit ihrer Initiative rhetorisch. Allerdings diskutieren wir darüber, ohne die Bedeutungen und Ausmasse dieser Geschäfte zu verstehen.
Welche positiven oder negativen Auswirkungen die Spekulation mit Nahrungsmitteln hat, lässt sich aus wissenschaftlicher Warte nicht abschätzen.
Bild: Lukas Blatter

Schummriges Licht. Ein Anzugträger vor dem Computer. Mit jedem Klick auf der Tastatur berstet ein weiteres Nahrungsmittel. Ananas. Weizen. Zitronen. Auch Mais explodiert, zerspringt in alle Teile. Dazu dramatische Musik, Mozart.

So inszenieren die Initianten der Nahrungsmittelspekulationsinitiative eben jenes Geschäft, welches sie sogleich verbieten möchten. Dies, weil es ihrer Meinung nach für den Hunger in der Welt mitverantwortlich sei. Mit Essen spiele man bekanntlich nicht!

Uneinigkeit

Dieser moralische Appell tönt richtig und wichtig. Experten und Politiker streiten sich jedoch um die Wirkung und Bedeutung der Spekulation mit Agrargütern. Wirtschaftsverbände sagen, die Spekulation helfe Bauern sowie Händler, sorge für stabilere Preise, und legen gleich dies bestätigende Studien vor. Linke Politiker, Hilfs- und Entwicklungsorganisationen, Kirchenverbände behaupten das Gegenteil und präsentierten ihrerseits dazu passende Studien. Wenn bereits Experten aus aller Welt keine eindeutige Lösung finden, wie sollen die Stimmbürger in der Schweiz wissen, wie sie abzustimmen haben?

Auch die Fachwelt ist sich uneins. Die Universität Basel erforschte diese Uneinigkeit in einer Metastudie, also einer Studie, welche andere Studien untersucht und vergleicht. Laut dieser wird der Spekulation in etwa der Hälfte aller Studien gar keine Auswirkung zugeschrieben. Bei der anderen Hälfte der Studien finden sich zu etwa gleichen Teilen negative oder positive Auswirkungen. Solche positiven Auswirkungen sind unter anderem weniger extreme Preisschwankungen (Volatilität), welche besonders für ärmere Länder verheerend sein können.

«Für einen Laien sind solche Zusammenhänge zwischen Börsenhandel, Preisniveau und Preisschwankungen enorm schwer zu beurteilen», sagt Anna Zuber vom Center for Corporate Responsibility and Sustainability (CCRS). Sich alleine auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen führe in dieser Frage rasch in die Irre, so Zuber, die für ihre Doktorarbeit während fünf Jahren über Nahrungsmittelspekulation forschte.

Aber genug der Unklarheiten. Wenden wir uns den Fakten zu.

Absicherung

Ein Bauer weiss nicht, wie sich der Marktpreis entwickelt haben wird, wenn er im kommenden Sommer seine Ernte einbringt. Sicherheitshalber vereinbart er also mit einem Weizenhändler schon im Winter, wie viel Weizen dieser zu welchem Preis kaufen wird. So kann er das Risiko eines plötzlich tiefen Erlöses seiner Ernteabsichern. Der Weizenhändler seinerseits kann darauf hoffen, den Weizen im Sommer zu einem höheren Preis weiterverkaufen zu können. Er spekuliert also.

Diesen Teil der Spekulation wird unbestritten als «gute» Spekulation bezeichnet, wird auch von der Juso nicht bekämpft. Sie hilft dem Bauern wie dem Abnehmer und hat einen echten Warenaustausch zur Folge.

Börsenhandel

An einer Warenterminbörse treffen dann Produzenten, Abnehmer und Spekulanten aller Art aufeinander. Was geschieht genau? Gehandelt werden Produkte (Futures), die standardisiert sind in Bezug auf Menge, Qualität und Liefertermin. Der Preis aber kann sich ständig ändern. Er ist abhängig von verschiedensten Einflüssen; vom Wetter, von der politischen Lage in den Anbaugebieten und natürlich von Angebot und Nachfrage.

Die Produkte werden aber nicht wirklich gehandelt, sondern stellen eine Art Gutschein dar, etwa für Maismehl, Weizen oder Kaffee. Mit diesem Gutschein kann man später die Ware, wenn sie geerntet ist, einlösen. Oder man verkauft den Gutschein weiter.

Die Leute, die an der Börse handeln, sind meist nicht interessiert an der Ware selbst, sie wollen also den erworbenen Gutschein gar nie einlösen. Ihr einziges Interesse ist der Gewinn, den sie aus der Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis ziehen. Bei tiefen Preisen kaufen sie den Gutschein, in der Hoffnung, ihn später teurer verkaufen zu können. Ein Spekulant muss also in die Zukunft blicken können, den Markt gut kennen. Oder besonders risikofreudig sein.

Positive Spekulation?

Wird das Angebot knapp und steigt die Nachfrage, so steigt auch der Preis. Genau hier sehen viele Fachleute einen positiven Effekt der Spekulation. Dadurch, dass die Spekulanten bei einer Knappheit ihre Ware weiterverkaufen, steigt der Preis nicht weiter, weil wieder mehr Ware auf den Markt zurückkommt.

Trotz dieser viel angetönten Preisstabilisierung durch Spekulanten sind eben diese auch an grossen Preisschwankungen interessiert. Dies kann für die Mitglieder von ärmeren Bevölkerungsschichten zum Problem werden, da diese sich die Lebensmittel aufgrund der auch sonst bereits hohen Ausgaben dafür dann nicht mehr im selben Masse leisten können. Denn, und darüber sind sich die meisten Experten einig, die Preise an der Börse und auf dem physischen Markt passen sich an, auch wenn nicht klar ist, wie und in welchem Ausmass.

Wissen um Nichtwissen

Der heutige Forschungsstand zur Nahrungsmittelspekulation ist unbefriedigend. Noch gibt es keinen eindeutigen Trend der Studien, verschiedenste Analysen scheinen möglich. Dementsprechend gegensätzlich sind die Argumente der Politiker und Experten.

Die klaren Positionen der Befürworter wie Gegner der Initiative seien aus wissenschaftlicher Sicht teilweise deutlich abzuschwächen, so Zuber vom CCRS: «Beide Seiten übertreiben, wenn sie von ‹klar erwiesenen› positiven oder negativen Auswirkungen der Spekulation berichten.»

Ob ein Verbot von Nahrungsmittelspekulation den Hunger in der Welt eindämmen würde, könnte letztlich nur ein globales Experiment zeigen. Für Zuber bestehe jedoch die Gefahr, in guter Absicht mehr Schaden anzurichten als Probleme zu lösen: «Das Ziel einer Regulierung müsste sein, allfällige negative Auswirkungen der Spekulation einzudämmen, ohne dabei die positiven Effekte zu gefährden.»

Intuition versus Statistik

Wer einem Spekulanten zusieht, wie dieser vor seinem Computer innerhalb weniger Minuten Tausende von Franken gewinnt oder verspielt, kann sich wohl nicht wirklich mit diesem Geschäft anfreunden. Wer ihn dann auch noch sagen hört, er hoffe auf eine richtig gute Dürre, die den Preis verdoppeln könnte, der empört sich aus nachvollziehbaren Gründen. Man möchte beinahe aufschreien: «Halt, Stopp, so nicht!» Doch möglicherweise erleichtert eine Annahme der Initiative nur das Gewissen.

Nach heutigem Forschungsstand lässt sich laut Experten nicht abschliessend belegen, ob ein Verbot den Hunger in der Welt nun lindern oder verschlimmern würde. Es scheint, als ob die Initiative somit zu früh zur Abstimmung kommt. Müsste man sich bei der Abstimmung an wissenschaftlichen Untersuchungen orientieren, so könnte man sich bei dieser Initiative nur schwer für ein Ja oder ein Nein entscheiden.