Gesellschaft | 30.01.2016

«Gleichberechtigung ist spirituell»

Der Imam Abdul Wahab Tayyab kämpft für die Anerkennung eines friedlichen Islams. Dabei hält er unter anderem Vorträge, welche die Friedfertigkeit des Korans unterstreichen sollen. Trotzdem sieht der Imam aufgrund islamistischer Gewalt düstere Prophezeiungen Mohammeds bestätigt.
Abdul Wahab Tayyab
Bild: Carlo Senn und David Sutter

Quelle des Friedens

Der Vortragsabend trägt den starken Namen «Der Islam – Bedrohung oder Quelle des Friedens», wobei wohl jedem klar ist, in welche Richtung sich die Meinung am Ende entwickeln soll. Der erste Eindruck von Abdul Wahab Tayyab ist erfreulich. Lächelnd reicht er mir die Hand, als er mich an seinem Vortrag im Berner Wylerhuus begrüsst. Bevor die Rede des 25-jährigen Imams beginnt, werden wir per Power Point über die Überzeugungen der Ahmadiya Muslim Jamad (AMJ) Gemeinde aufgeklärt. (Siehe Infobox)

Die Ahmadiyya Muslim Jamad (AMJ) ist eine sunnitische Minderheit, die in den 1880-er Jahren in Britisch-Indien gegründet wurde. Gründer war Mirza Ghulam Ahmad, der von den Anhängern der AMJ als Messias verehrt wird. Die Gemeinde bemüht sich, den Islam in der Öffentlichkeit als Religion der Nächstenliebe und Toleranz zu etablieren. Das momentan gewählte Oberhaupt lebt im Londoner Exil, weil die Gemeinde aufgrund von Lehrunterschieden, unter anderem die Rolle Ahmads als Messias, in vielen muslimischen Ländern stark diskriminiert oder sogar verfolgt wird. Weltweit gibt es nach eigenen Angaben mehrere 10 Mio. Mitglieder, in der Schweiz werden rund 800 aktive Mitglieder gezählt. Abdul Wahab Tayyab ist Imam der Ahmadiyya-Gemeinde in der Region Bern und Solothurn.

Beim eigentlichen Vortrag bemerkt man, wie gut Wahab, trotz eines hörbaren Akzents, Deutsch beherrscht. Der Satzbau ist tadellos, seine Sätze sind ausgeschmückt und wirken leicht altertümlich. Wahab ist von eher kleiner, kompakter Statur, scheint jedoch, während er hinter dem Rednerpult steht, zu wachsen. Er trägt eine Kopfbedeckung, die entfernt an die Form eines Schiffes erinnert. Seine Rede, man könnte es auch Predigt nennen, beginnt mit einer klaren Distanzierung der Attentate von Paris.

«Diese Anschläge sind auf das Schärfste zu verurteilen.»

Trotzdem will am Ende der Veranstaltung ein Mann wissen, der erst später auftaucht, ob sich der Imam von den Anschlägen distanziert. Darauf reagiert der Imam mit einer beeindruckenden Seelenruhe und wiederholt seine Worte.

 

 

Wahab erzählt zuvor von der Friedfertigkeit des Propheten, seiner frohen Botschaft und der Erleuchtung der Ungläubigen. Er betont die Stellen im Koran, in denen geschrieben steht, dass es keinen Zwang zum Glauben gibt und spricht davon, dass laut der heiligen Schrift nur der Verteidigungskrieg erlaubt ist. Selbst dann jedoch, dürften weder Frauen noch Kinder geschädigt werden. Zudem herrsche im wahren Islam absolute Glaubensfreiheit. Die anschliessende Fragerunde wird sachlich und trotzdem angespannt geführt. Vor allem die Verschleierung der Frau polarisiert die Anwesenden, da der Imam dies als Bestandteil des Islams ansieht.

 

Wichtige Bescheidenheit

Eine Woche später bin ich mit Wahab zum Gespräch in seiner Wohnung eingeladen. Bevor ich jedoch in die Blockwohnung im nebligen Zuchwil bei Solothurn eintreten darf, muss ich mich gedulden, denn seine Frau ist Zuhause nicht verschleiert, und nur die Familie und er dürfen sie unverschleiert sehen. Kurz darauf zeigt er mir mit einer Handbewegung, dass ich es mir im Wohnzimmer gemütlich machen soll. Das Wohnzimmer ist schlicht und modern eingerichtet. Sofa, Fernseher, Tisch, Lampe. Bei der Ahmadiyya Gemeinschaft ist es üblich, mindestens 1/16 seines Einkommens der Gemeinde zu spenden. Gemäss Islam entstünden viele Probleme, weil «der Mensch gierig, nie zufrieden ist», sagt er. Finanzielle Opferbereitschaft sei daher sehr wichtig. Mit seiner Frau ist der Imam erst seit kurzem verheiratet. «Sie ist perfekt für mich.» Und wenn sich das ändert? Scheidung ist nicht verboten, aber laut Koran müsse man zuvor mit Gebeten versuchen, den Weg wieder zurück zu finden.

phpqfXEzl.JPG

Wahab spricht sehr offen und trotzdem wirkt es so, als ob er lieber nicht zu viel von seinem Privatleben erzählen würde. Abdul Wahab Tayyab wurde in Pakistan geboren. Sein Vater war lange im Gefängnis, weil die Ahmadiyya Gemeinschaft in den meisten islamischen Ländern nicht als Muslime anerkannt werden. Als Junge siedelte er mit seiner Mutter in die Ostschweiz über, wo sein Vater bereits im Exil lebte. Obwohl die AMJ eigentlich eine kleine Minderheit der sunnitischen Glaubensgemeinschaft ist, sieht sie sich als die einzige Vertreterin des wahren Islams. Nur die Ahmadiyya Gemeinschaft praktiziere den wahren Islam. Der Koran werde «viel gedruckt und verteilt, aber nicht befolgt», sagt der Imam mit Bedacht. Aufgrund von Fehlinterpretationen des heiligen Buches sieht er die warnende Prophezeiung Mohammeds in vieler Hinsicht eingetroffen, die er schon am Vortragsabend erwähnt hatte:

«Die Moscheen werden voll sein von Menschen, aber leer von Rechtschaffenheit.»

Damit meint er jedoch nicht seine Moschee, sondern diejenigen, welche von Radikalen grossen Zulauf haben. Der Imam sieht die AMJ dagegen als wichtiges Glied in einer harmonischen muslimischen Gemeinschaft. Sie veranstalten Jugendcamps, führen Erziehungskurse durch und predigen einen ursprünglichen und friedlichen Islam.

Der Schleier als Bewusstsein

Zum kontroversen Thema Kopftuch verteilte die Ahmadiyya Bewegung etwa Flyer, um die Diskussion in ein anderes Licht zu rücken. Eine Frau, die ein Kopftuch trägt, ist laut der Gemeinde nicht unterdrückt, sondern zeigt lediglich, dass sie weder an Flirten noch an anzüglichen Blicken von Männern interessiert ist. Als Schutz ihrer Keuschheit quasi, weil die Haare ein Ausdruck der Schönheit sind. «Für mich ist es anständiger, wenn eine Frau ein Kopftuch trägt», sagt Abdul. Weshalb? «Eine Kopfbedeckung ist ein Bewusstsein für den Glauben.» Bei einer Nonne werde ja auch nicht gesagt, dass sie unterdrückt werde.

Auch wenn Wahab Tayyab seine friedlichen Absichten durchaus überzeugend darstellt, wird klar, dass sich seine Ansicht der Gleichberechtigung stark von derjenigen im Westen unterscheidet.

«Hier mussten die Frauen für ihre Rechte kämpfen, Mohammed gab ihnen diese Rechte schon bei der Gründung des Islams.»

Auch die Zwangsheirat existiere im Islam eigentlich nicht. Wie eine Heirat nach seiner Überzeugung ablaufen sollte, erklärt Herr Wahab so: Es würden zunächst Empfehlungen der Eltern abgegeben. Danach gebe es eine Art Vermittlung. Bevor man sich schlussendlich entscheidet, darf der Mann die Frau auch ohne Kopftuch sehen. Und wie frei ist die Frau bei der Partnerwahl?

«Eine Muslima darf keinen Mann heiraten, der eine andere Religion ausübt, denn normalerweise hat der Mann mehr Einfluss.»

Umgekehrt sei dies jedoch mit dem Volk der Schrift, also Juden und Christen, möglich. Auf meine Bemerkung, seine Auffassung von Gleichberechtigung sei eher eine «Andersberechtigung» meint er: «Gleichberechtigung ist eine spirituelle Sache. Im Islam haben Mann und Frau den gleichen Wert, aber gemäss ihrer Natur verschiedene Rechte und Verpflichtungen.»