Gesellschaft | 14.01.2016

Eine Stadtführung durch die eigene Stadt

Text von Yevgeniya Jost | Bilder von Yevgeniya Jost
Zürich gehört zu den bekanntesten Städten der Schweiz, doch was wissen die Bewohner selbst über ihre Stadt? Wissen die Touristen gar mehr als die Einwohner? Eine Bewohnerin besucht eine Stadtführung und geht der Sache auf den Grund.
Bild: Yevgeniya Jost

Neugierig begutachte ich die Touristen, die, wie ich auch, auf die Leiterin warten. Ich vergesse immer wieder, dass es in Zürich Touristen gibt, da wir so eine kleine Stadt sind im Vergleich zu anderen Städten Europas. Es wird wahrscheinlich eine klassische, langweilige Tour sein, jedoch soll ich mich in dem Punkt noch täuschen. Ein Herr aus England fragt mich, von wo ich sei und weshalb ich alleine in einem fremden Land wäre. Doch als er erfährt, dass ich Zürcherin bin, schaut er mich verständnislos an. Meine Antwort war gut durchdacht und präzise: «Ich will wissen, was Zürich alles auf Lager hat und wie man als Einheimischer diese Tour erlebt.»

Die Tour beginnt

Und da kommt auch schon die Tourführerin, Barbara. «Hoi zemä! Ich bin d Barbara und wird eu chli umefüehre hüt!». Nach diesen Worten gibt es viele Fragezeichen auf den Gesichtern der Touristen zu sehen. Jedoch nimmt Barbara ihnen die Unsicherheit und erklärt, dass man sich so begrüsse in Zürich.  Als erstes geht es vor den Hauptbahnhof und schon hier werden wir – die Touristen – mit interessanten Details überhäuft. Der Hauptbahnhof ist 140 Jahre alt und wird von  drei allegorischen Figuren gekrönt, die auf dem Dach sitzen. In der Mitte ist Helvetia zu sehen, die die Pendler beschützt. Rechts von ihr verkörpert eine Statue eine Dame, die ein Paddel in den Händen hält. Dies symbolisiert den ehemaligen Transport in Zürich, nämlich den Wasserverkehr. Hinter der linken Figur ist eine Lokomotive zu sehen, die den modernen Verkehr verkörpert. Jetzt komme ich ins Staunen und die Touristen nicken interessiert, aber sind nicht so aus dem Häuschen wie ich selbst. Wie kommt es dazu, dass Hunderte Menschen jeden Tag am Hauptbahnhof vorbeiflitzen und die Figuren gar nicht bemerken?

Die Stadt der Reformation

Ein Mann aus der Gruppe fragt: «Weshalb gibt es in Zürich nicht so viele Andenken und Monumente?» Barbara darauf: «Weil Zürich die Stadt der Reformation ist und in dieser geht nicht darum, berühmte Menschen als Statuen darzustellen.» Beeindruckt spazieren wir weiter. Jetzt befinden wir uns auf dem Lindenhof und ich muss gestehen, dass dieser Platz für mich einer der schönsten in Zürich ist. Wir, die Touristen, bestaunen die Aussicht, die atemberaubend ist.

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Wie immer sind die Schachspieler auch dort, sogar Barbara erwähnt sie. Als waschechte Zürcherin kenne ich dieses Bild. Sie sind etwa das ganze Jahr anwesend und spielen Schach. Von hier aus ist fast ganz Zürich zu sehen.

Das grösste Turmziffernblatt Europas

Doch der spannende Teil befindet sich in der Altstadt. Zum Beispiel: St. Peter. Habt ihr jemals bemerkt, dass die vierte Stunde in römischen Ziffern falsch geschrieben ist? Oder dass der Minutenzeiger sich pro Minute ca. 45 cm bewegt? Diese Kirche, St. Peter, hat nämlich das grösste Turmziffernblatt Europas und deshalb muss der Minutenzeiger diesen weiten Sprung machen.

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Weiter geht es zu der Gemüsebrücke, die eigentlich Rathausbrücke heisst – und das seit mehr als 100 Jahren. Es gab auch damals einen Markt, der begann beim Weinplatz und endete beim Neumarkt. Danach lernen wir etwas über die Reformation. In den Kirchen gibt es keinen Schmuck und auch keine Dekorationen. Fast alle Denkmale wurden vernichtet. Viele Touristen wunderten sich, weshalb  die Kirchen so leer waren.

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Zum Schluss musste ich der Reiseleiterin ein Kompliment machen, denn sie hat es super gemacht. Nämlich mit Humor und Lockerheit. Es war jedoch angemessen und man konnte zugleich eine Menge über Zürich lernen. Sie zeigte uns, dass Zürich einen besonders spannenden Hintergrund hat und dies war ihr wichtig, da sie ja Historikerin ist.

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Ich finde, dass wir Zürcher eigentlich zu wenig über unsere Stadt wissen und dies dringend ändern sollten. Doch wie ändert man dies? In dem ihr bei dieser Tour mitmacht!

 

Weitere Informationen zur Tour gibt es hier.